Weihnachten ohne Schnee und Wintermantel
Mein erster zahnärztlicher Einsatz war 2013 in Nepal. Die Erfahrungen dort hatten mich sehr geprägt, und ich hatte den Wunsch, sie zu vertiefen. Ich wollte wieder Menschen zur Seite stehen, die wegen ihrer Armut ohne zahnärztliche Versorgung auskommen müssen, und dabei auch selbst wichtige Lebenserfahrungen gewinnen.
Ich wollte Erlebnisse sammeln
Astrid Lindgren lässt in ihrem Kinderbuch Pippi Langstrumpf sagen: "Ich werde jedenfalls nicht auf der faulen Haut liegen. Ich bin nämlich ein Sachsucher, und da hat man niemals eine freie Stunde." Ich wollte nun nicht gerade Sachen und Gegenstände sammeln, sondern Erlebnisse, Emotionen, Abenteuer. Die Weihnachtszeit schien mir dazu besonders geeignet, weil sie ganz besonders auf die Wünsche und Hoffnungen der Menschen eingeht.
Mein Wunsch ließ sich verwirklichen mit der Unterstützung der Aktionsgemeinschaft Zahnarzthilfe Brasilien (AZB plus) - und durch das Verständnis meines Chefs. Er hat während meiner Weiterbildungszeit in der Kieferorthopädie mir einen dreiwöchigen Aufenthalt in Brasilien als Urlaub genehmigt.
Mit Sack und Pack über den Großen Teich
Nun ging es im Dezember 2016 über den "Großen Teich". Mit Sack und Pack und mit gespendeten zahnärztlichen Materialien flog ich zusammen mit meinem Sohn nach Brasilien, ein weites Land, das sich vom Amazonas im Norden bis zu den Iguacu-Wasserfällen im Süden erstreckt.
Im Flughafen von Recife wurden wir herzlich von Dr. Gerd Pfeffer empfangen. Er ist schon seit Beginn mit Leib und Seele dabei - ohne ihn wäre ganze Projekt in Brasilien vor Ort nicht denkbar. Dazu dient dem sehr erfahrenen Zahnarzt das Dentomobil, das er - wenn notwendig - sofort vor Ort selbst repariert. Er ist schon ein wahres Multitalent.
Die mehrstündige gemeinsame Fahrt im Regen vom Flughafen Recife nach Cabedelo waren für mich und meinen Sohn wie ein Ausflug in die Geschichte Brasiliens. Wir hörten Gerd gerne zu, als er über Gegenwart, Vergangenheit und Zukunft Brasiliens sprach, über sein Leben hier, die schwierige zahnärztliche Versorgung, auch über die Risiken bei dieser Tätigkeit. Thema war auch, was wir tun können, um unseren Kindern und Enkeln und weiteren Generationen eine lebenswerte Erde zu hinterlassen.
Ich war natürlich sehr gespannt auf mein neues Zuhause für diese drei Wochen. Nach einer langen Fahrt begrüßte uns sehr herzlich im gemieteten Apartment Gerds Frau. Sie nahm uns beide auf, als gehörten wir zur Familie. Wir hatten alle zusammen wunderbare Gespräche nach den Arbeitstagen.
Ein Zuhause mit Hahn und Blick auf den Moped-Taxi-Stand
Die Wohnung war spartanisch eingerichtet, hatte aber alles Notwendige. Wir hatten einen Blick auf das Meer, eine Straße und auf einen Moped-Taxi-Stand. Ein Wecker war völlig überflüssig, da die Sonne früh aufging und der Hahn seinen Hühnerstall, mich und meinen Sohn jeden Morgen diszipliniert aufweckte.
Die ersten fünf Tage habe ich zusammen mit Gerd gearbeitet. Sein Sohn und mein Sohn haben uns dabei tatkräftig unterstützt. Die meiste Organisation erledigte Maria de Penha als zahnärztliche Assistentin. Es gab im jeweiligen Ablauf unserer Aktionen viele Kleinigkeiten zu berücksichtigen die einfach wichtig waren, aber für mich neu.
Das Mückenspray aus Deutschland: wirkungslos!
Das Arbeiten in der Hitze ist durchaus gewöhnungsbedürftig. Es gibt viele (auch gefährliche) Mücken, keine Klimaanlage, aber Wind und Durchzug schaffen Erleichterung. Das mitgebrachte Spray aus Deutschland gegen die tropischen Mücken erwies sich als völlig unbrauchbar, nur die einheimischen Produkte waren wirksam.
Wir hatten drei Gruppen im Dentomobil, die stets voll besetzt waren. Es gab immer eine Warteschlange und eine Warteliste. Zur Behandlungen in den Favelas kamen vorwiegend Frauen, Kinder, ältere Menschen, Menschen mit Handicap, seltener Männer.
Als angehende Kieferorthopädin konnte ich die Gebisssituation sehen, wo eben nie ein Kieferorthopäde am Werk war, sondern nur die Natur. Wenn die Zähne nicht gerade reteniert waren und Platzmangel herrschte, haben die Zähne zwar immer einen Platz im Mund gefunden, aber eben einen falschen. Solche Situationen sind im keinem zahnmedizinischen Buch abgebildet, nur im Buch des Lebens.
Wir haben verschiedene zahnärztliche Leistungen erbracht, auch Brackets entfernt und Platzkopfwunden am Kopf genäht.
Wie die Spatzen auf dem Ast
Besonders in Erinnerung ist mir mein erster Arbeitstag geblieben. Das Dentomobil stand neben der Kirche an einer Favela. Die einheimischen Kinder waren an diesem ersten Tag auf uns so neugierig, dass sie auf das Kirchendach geklettert waren und von da aus ihre neugierigen Blicke auf uns gerichtet hatten. Die Jungs saßen wie die Spatzen auf dem Ast. Natürlich war sofort der Pfarrer vor Ort da und hat sie ordentlich belehrt.
Während der Kommunikation mit den Einwohnern und besonders mit den Kindern war es nicht zu übersehen, dass viele Frontzähne kariös waren. Das war auf zuckerhaltige Getränke und fehlende Mundhygiene zurückzuführen.
Besonders beliebt ist eben das Nationalgetränk Guarana - auch beiden Kindern. Das ist ein Energie-Drink aus der Kapselfrucht einer Pflanze, die als "Auge des Waldes" bezeichnet wird. Die getrockneten Samen werden zermahlen, im Wasser aufgeschwemmt und mit viel Zucker gesüßt, weil das Getränk sonst zu bitter schmeckt. Fast jedes Kind trinkt viel von diesem extrem süßen und koffeinhaltigen Saft.
Um jeden einzelnen Frontzahn wurde gekämpft - zur Not auch pantomimisch
Guarana-Samen enthalten etwa doppelt soviel Koffein wie Kaffee und seit den 1920er Jahren wird dieser Energy-Drink mit wachsenden Erfolg auch massenhaft produziert. Ich habe dann bei den Jugendlichen um jeden einzelnen Frontzahn gekämpft, Aufklärung gemacht und Putzverhalten vorgeführt, weil sie sich dann selber nicht mehr so schön fanden.
Portugiesisch konnte ich leider nicht außer ein paar Sätzen, die aber für die weitere Kommunikation nicht ausreichend waren. Deswegen sprach ich weiter auf Deutsch, habe die Zähne im Spiegel gezeigt oder gemalt, auch Pantomime eingesetzt - und wir haben uns verstanden.
Wir wurden jeden Tag von unserem Fahrer Enrico zu einer Favela chauffiert. Wenn wir ankamen, war Maria de Penha schon vor Ort. Immer wieder aufs Neue überraschte sie uns mit Ihrer Professionalität in allen Bereichen wie Organisation, Patientenführung, Assistenz und ihrer Disziplin.
Wir bekamen auch ein Mittagsessen im Haus des Bürgermeisters. Seine Frau kochte für die Familie und uns zusammen traditionell und regional. Wir arbeiteten dann zusammen mit dem Ehepaar Hohmann aus Lahnau: Ulrike und Klaus hatten schon ihren vierten Hilfseinsatz mit dem Dentomobil. Beide konnten hervorragend Portugiesisch, denn sie hatten diese Sprache bereits in Deutschland intensiv studiert. Beide waren mir eine große Stütze.
Weihnachten wurden die Bäume mit bunten Plastikflaschen geschmückt
Nun war die Weihnachtszeit in Brasilien angebrochen. Die Bäume wurden mit bunten Plastikflaschen geschmückt. Wir haben die Wand des Appartements mit einem kleinen Weihnachtsbaum aus getrockneten Nelken dekoriert, die wir aus Deutschland mitgebracht hatten. Zum Essen gab es Spaghetti, in der Mikrowelle zubereitet. Es war ein etwas anderes Weihnachtsfest, zwar mit Tradition und Besinnlichkeit, aber ganz ohne Schnee und Wintermantel.
Silvester haben wir am Strand mit wunderschönem Feuerwerk am Meer verlebt, doch überall war Militär zu sehen. Mein Sohn durfte seinen winterlichen Geburtstag auch auf brasilianische Art erleben, und zwar an einem Fluss mit Sonnenuntergang und Saxophonmusik an einem Ort Jacarè, übersetzt Alligator; auch der wurde militärisch bewacht.
An dieser Stelle möchte ich mich persönlich bedanken bei AZB plus für die hervorragende Organisation und ihr Engagement für unsere Sicherheit. Die Kriminalitätsrate ist in Brasilien sehr hoch, Mücken sind nicht weniger gefährlich. Politisch ist das Land in starkem Wandel.
Mein Dank geht auch an das "Mundwerk - Die Kieferorthopäden", speziell an Dr. Michael-K. Thomas, der bei der Finanzierung des Flugtickets mitgewirkt hat. Bedanken möchte ich mich auch bei unserem Fahrer Enrico. Denn vor dem Rückflug hat er mit uns und seiner Oma Lisa eine schöne Rundfahrt gemacht und einen Markt besucht: Wir haben brasilianische Tapioka-Wraps gegessen und dann auch noch Havannas geschenkt bekommen.
Während des Rückflugs nach Berlin gab es einen kurzen Aufenthalt im Flughafen Frankfurt. Da fragte mich mein Freund am Telefon: "Und wie wars? Bitte antworte in einem Satz." Ich sagte, Brasilien sei das Land, in dem Vergangenheit und Moderne hart aufeinander Treffen und ich könne mir nicht vorstellen, wie ich vorher ohne meine brasilianische Erfahrung auskommen konnte.



