Medizin

So geht Einheit

Ossis leben heute sechs Jahre länger und sind nicht mehr Schnapsweltmeister. Wessis sind skeptischer gegenüber Impfungen. Wie weit wir - auch gesundheitlich - zusammengewachsen sind, hat eine Bielefelder Studie untersucht.

Ossis und Wessis halten sich gegenseitig für besserwisserisch. Da sie sich laut Studie immer mehr angleichen, haben wahrscheinlich beide Seiten recht. nuvolanevicata-Fotolia

Alkohol ist weltweit eine der häufigsten Todesursachen. Etwa 15.000 Menschen sterben hierzulande jährlich an den gesundheitlichen Folgen. Das sind fast viermal so viele Opfer wie der Straßenverkehr fordert. Experten schätzen die tatsächliche Zahl der Alkoholtoten sogar noch höher ein. Denn das Statistische Bundesamt zählt nur jene Todesfälle, bei denen der Arzt einen Zusammenhang mit Alkohol klar erkannt und auf dem Totenschein notiert hat. Berlin-Institut für Bevölkerung und Entwicklung
Die Werbung der Tabakindustrie mit dem Geschmack von Freiheit und Selbstbestimmtheit fiel bei ostdeutschen Teenies in den Nachwendejahren offenbar auf fruchtbaren Boden. Rauchten im Jahr 1993 noch deutlich mehr west- als ostdeutsche Jugendliche, so drehte sich das Verhältnis schnell. Infolge der flächendeckenden Nichtrauchergesetze in den 2000er Jahren gehen die Rauchquoten bei Jugendlichen und Erwachsenen langsam zurück. Berlin-Institut für Bevölkerung und Entwicklung
Auch mehr als 20 Jahre später stimmten in Westdeutschland mehr Befragte betont traditionellen Aussagen zu, obwohl heute nur noch eine Minderheit den Aufgabenbereich der Frau vorrangig in Haushalt und Familie sieht. Das Bild von der Mutter, die Familien- und Erwerbsarbeit vereint, ohne dass ihre Kinder darunter leiden, ist heute in ganz Deutschland zu der gesellschaftlichen Normalität geworden, die es 1991 im Osten bereits war. Berlin-Institut für Bevölkerung und Entwicklung
Der Gesundheitszustand der Ostdeutschen hat sich seit der Wende deutlich verbessert. Das lässt sich am wichtigsten Indikator ablesen: der Anzahl der Lebensjahre, mit denen jedes Neugeborene statistisch rechnen kann. Bis Mitte der 1970er Jahre hatte die Lebenserwartung auf beiden Seiten der Mauer in annähernd gleichem Maße zugenommen. In der alten Bundesrepublik setzte sich der Trend danach fort, in der DDR dagegen verlangsamte er sich. Ansonsten würden Frauen in Ostdeutschland heute durchschnittlich vier Jahre und Männer 5,7 Jahre früher sterben als dies heute der Fall ist. Berlin-Institut für Bevölkerung und Entwicklung
Der ländliche Raum schrumpft: Zwischen 1990 und 2012 haben 40 Prozent aller Kreise an Bevölkerung verloren. Am gravierendsten war die Entwicklung dabei in den neuen Bundesländern, wo nur 10 der 76 Kreise sich dem demografischen Abwärtstrend entziehen konnten. Berlin-Institut für Bevölkerung und Entwicklung

Das größte Geschenk, das die Wiedervereinigung den Ostdeutschen beschert hat, ist ein längeres Leben: Heute zwischen Rostock und Zwickau geborene Jungen können mit etwa sechs Lebensjahren mehr rechnen als jene, die kurz vor der Wende zur Welt gekommen waren. Bei den Mädchen beträgt der Zugewinn, je nach Berechnungsmethode, vier bis über fünf Jahre. Zu diesem Befund kommt eine Befragung, die das Berlin-Institut für Bevölkerung und Entwicklung für die Studie „So geht Einheit“ vom GfK Verein durchgeführt hat.

Zu Beginn der 1990er Jahre währte das durchschnittliche Leben für Männer im Osten 3,2 Jahre kürzer als im Westen, für Frauen 2,3 Jahre. Inzwischen hat sich die Lebenserwartung zwischen Ost und West bei den Frauen weitgehend angeglichen. Die Männer liegen noch um ein bis 1,4 Jahre zurück.

Die Menschen in der ehemaligen DDR lebten einerseits in vielem ungesünder als jene in der alten Bundesrepublik. Sie tranken mehr Alkohol und die Männer rauchten öfter. Bluthochdruck und krankhaftes Übergewicht Adipositas) waren deutlich stärker verbreitet als im Westen. Andererseits hatte in der DDR teilweise Impfpflicht bestanden, weshalb ein höherer Anteil der Bevölkerung gegen Infektionskrankheiten wie Keuchhusten oder Masern geschützt war als im Westen. Die Akzeptanz gegenüber Impfungen im Osten ist bis heute höher.

Durch die Abschottung der Grenzen trat außerdem HIV/Aids in der DDR seltener auf. Schon 2009, nach 20 Jahren gemeinsamer Entwicklung, waren die markantesten Unterschiede verschwunden, wie das Robert Koch-Institut (RKI) analysiert hat. 2014 kam das RKI zu dem Ergebnis, die kleinräumigen regionalen Lebens-, Arbeits- und Einkommensverhältnisse spielten für die Betrachtung verbliebener Unterschiede beim Gesundheitszustand der deutschen Bevölkerung inzwischen eine größere Rolle als der Vergleich zwischen Ost und West.

Ziel der DDR: die Arbeitskraft zu erhalten

Bei der Wiedervereinigung kamen nicht nur politisch zwei unterschiedliche Systeme zusammen, sondern auch bei der medizinischen Versorgung. In der ehemaligen DDR stand das Ziel im Vordergrund, die Arbeitskraft der erwerbstätigen Bevölkerung zu erhalten. Die Behandlung von Herz-Kreislauf-Erkrankungen, von der hauptsächlich ältere Menschen profitieren, war dagegen zweitrangig - im Gegensatz zum Westen, wo die moderne Medizin wesentlich dazu beitrug, die Sterblichkeit für Herz-Kreislauf-Erkrankungen von Menschen im Rentenalter zu senken. Diese lag zu Beginn der 1990er Jahre für beide Geschlechter im Osten etwa eineinhalb Mal höher als im Westen.

Seither haben vor allem die über 60-Jährigen im Osten aufgeholt: Bis zu 80 Prozent aller hinzugewonnenen Jahre kann diese Altersgruppe für sich verbuchen. Nach Berechnungen des Rostocker Demografen Tobias Vogt hat jeder zusätzliche Euro an Sozialausgaben, der seit der Wende an Menschen in den neuen Bundesländern floss, die durchschnittliche Lebensdauer um drei Stunden pro Jahr verlängert.

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