Deutsche Gesellschaft für Allgemeinmedizin und Familienmedizin

Über- und Unterversorgung eindämmen

Für ein verbindliches hausärztliches Lotsensystem hat die Deutsche Gesellschaft für Allgemeinmedizin und Familienmedizin (DEGAM) eine neue Leitlinie zum Schutz vor Über- und Unterversorgung vorgelegt.

Aus Sicht der DEGAM braucht es die zentrale Rolle der Hausärzte als erste Ansprechpartner. Adobe Stock_auremar

"Wir haben vom Falschen zu viel und vom Richtigen zu wenig“, erklärte DEGAM-Präsident Prof. Dr. Martin Scherer in Berlin. „In der medizinischen Versorgung in Deutschland existieren Über-und Unterversorgung nebeneinander.“ Scherer forderte eine Stärkung der Rolles des Hausarztes und die Einführung eines hausärztlichen Primärsystems.

Scherer: „Bei unspezifischen Kreuzschmerzen gibt es zu viele Röntgenbilder, CTs und MRTs, aber zu wenige multimodale Therapien; bei koronarer Herzerkrankung gibt es zu viele Herzkatheter und Stents, aber zu wenig optimale medikamentöse Therapie; bei fortgeschrittenen Krebserkrankungen gibt es einen Übergebrauch von Chemotherapien, aber zu wenige Informationen, zu wenig kommunikative und palliative Ansätze.“

Ob der Blinddarm entfernt wird , hänge mehr vom Wohnort ab als von objektiven medizinischen Befunden

Deutschland habe die OECD-Statistiken bei Hüft-, Knie-und Wirbelsäulen-Operationen jahrelang angeführt, sagte Scherer weiter. Das gelte auch für die Häufigkeit stationärer Behandlungen. Ob die Gaumenmandeln, der Blinddarm, die Prostata entfernt werden, hänge mehr vom Wohnort ab als von objektiven medizinischen Befunden, kritisierte er.

Die neue Leitlinie stellt für die DEGAM ein wichtiges Teilprojekt der AWMF-Initiative (Arbeitsgemeinschaft der Wissenschaftlichen Medizinischen Fachgesellschaften) „Gemeinsam klug entscheiden“ dar. Sie beinhalte ausschließlich Empfehlungen aus Leitlinien, die ihrerseits der Entwicklungsstufe 3 der AWMF entsprechen.

Scherer: „Erstmals wurden hier evidenzbasierte Informationen systematisch extrahiert und auch priorisiert. Ärztinnen und Ärzten steht somit eine einzigartige Übersicht zur Verfügung, die die Möglichkeit bietet, Patientinnen und Patienten im besten Sinne von choosing wisely mit in den Behandlungs-und Entscheidungsprozess einzubeziehen.“

Aus Sicht der DEGAM müssen Hausärzte erste Ansprechpartner sein

Aus Sicht der DEGM erfordert ein Schutz vor Über-und Unterversorgung entsprechende Koordination. Diese sei die im deutschen Gesundheitswesen bislang nur im Rahmen der Hausarztzentrierten Versorgung (HZV) gegeben. Außerhalb der HZV erfolge der Zugang zum spezialisierten Versorgungsbereich weitgehend unkoordiniert und es entstünden zentrale Systemprobleme wie Diagnosezentrierung und eine mehrheitlich geräteorientierte Medizin. Aus Sicht der DEGAM braucht es eine zentrale Rolle der Hausärzte als erste Ansprechpartner.

Die neue Leitlinie existiert in einer Kurz- und Langfassung sowie in einer Patienteninformation.

Initiative „Choosing Wisely – gemeinsam klug entscheiden“

Die AWMF (Arbeitsgemeinschaft der Wissenschaftlichen Medizinischen Fachgesellschaften e.V.) hat unter diesem Leitsatz 2015 eine Qualitätsoffensive ins Leben gerufen. Ziel ist es, wissenschaftlich begründete, fachübergreifend und mit Patientenvertretern abgestimmte Empfehlungen zu wichtigen Gesundheitsfragen stärker in die öffentliche Diskussion zu bringen. Damit sollen gute Argumente geliefert werden, um Gewohntes in der Medizin zu hinterfragen. Zur Kunst des Tuns oder Lassens gehört für die AWMF immer das persönliche Gespräch, in dessen Schluss Arzt und Patient gemeinsam entscheiden.

Unter der Prämisse „Weniger ist mehr“ haben sich seit 2011 international zahlreiche wissenschaftliche Fachgesellschaften dem Thema unnötiger oder sogar schädlicher medizinischer Leistungen gestellt. Sie haben dazu für verschiedene Fachgebiete „Top-5-Listen“ mit „Don’t do“ Empfehlungen erarbeitet, die unter dem Begriff „Choosing Wisely“ bekannt geworden sind. Es geht darum, Ärzten und Patienten den nötigen Mut zu geben, auch einmal etwas nicht zu tun.

AWMF

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