Reaktionen auf die Bertelsmann-Studie zu Krankenhausschließungen

Von Kahlschlag bis Frischzellenkur

Die Wogen schlagen hoch: Zur kürzlich veröffentlichten Studie der Bertelsmann Stiftung mit der Forderung nach einer drastischen Reduzierung von Krankenhäusern gibt es zum Teil heftige Reaktionen.

Zerstörung von sozialer Infrastruktur oder Qualitätsmaßnahme? Die Diskussion um den Abbau von Krankenhäusern ist entbrannt. Adobe Stock_Spiroview Inc.

Die Deutsche Krankenhaus-Gesellschaft spricht von einem Kahlschlag in der Gesundheitsversorgung. "Wer vorschlägt, von circa 1.600 Akutkrankenhäusern 1.000 platt zu machen und die verbleibenden 600 Kliniken zu Großkliniken auszubauen, propagiert die Zerstörung von sozialer Infrastruktur in einem geradezu abenteuerlichen Ausmaß, ohne die medizinische Versorgung zu verbessern", erklärte der Präsident der Deutschen Krankenhausgesellschaft (DKG), Dr. Gerald Gaß. "Das ist das exakte Gegenteil dessen, was die Kommission 'Gleichwertige Lebensverhältnisse' in dieser Woche für die ländlichen Räume gefordert hat."

Hinter der Zentralisierung, die die Bertelsmann Stiftung vorschlägt, steht laut Gaß die Einschätzung, dass die medizinische Versorgungsqualität nur in Großkrankenhäusern gut beziehungsweise besser werden könnte - für ihn eine absolut unbelegte Einschätzung. Ein großer Teil des stationären medizinischen Versorgungsbedarfs braucht Gaß zufolge zudem keine Spezialisierung - etwa, wenn es um medizinische Grundversorgung gehe, wie Geburten, viele auch altersbedingte Krankheitsbilder der Inneren Medizin, viele neurologischen Krankheitsbilder, oder den geriatrischen Versorgungsbedarf in einer alternden Gesellschaft. Gaß: "Das sind Behandlungen, die möglichst familien- und wohnortnah in erreichbaren Krankenhäusern auch in Zukunft erbracht werden müssen."

"Befremdlich"

Als "befremdlich" bezeichnete es der Präsident der Bundesärztekammer, Dr. Klaus Reinhardt, wenn die Bertelsmann Stiftung pauschal die Schließung von Krankenhäusern einfordert. Auch er verwies auf die von der Bundesregierung eingesetzte Kommission "Gleichwertige Lebensverhältnisse", die die Bedeutung der Daseinsvorsorge und Sicherung einer gut erreichbaren wohnortnahen Gesundheitsinfrastruktur herausgestellt hat.

Reinhardt stellte allerdings auch klar: "In Ballungsgebieten mit erhöhter Krankenhausdichte kann es durchaus sinnvoll sein, dass Ärzte und Pflegepersonal in größeren Strukturen Patienten behandeln. Dadurch könnten Abläufe vereinfacht und die zunehmende Arbeitsverdichtung gemildert werden."

Reinhardt warnte jedoch vor einer undifferenzierten Schließungspolitik: "Gerade im ländlichen Raum müssen wir die flächendeckende Versorgung der Patienten sicherstellen. Deshalb müssen wir mehr als bisher die sektorübergreifende Versorgung gemeinsam mit den niedergelassenen Ärzten ausbauen. Wir müssen auch sogenannte Mitversorgeraspekte berücksichtigen. In Hamburger Krankenhäusern werden ja auch Patienten aus dem weiteren Umland behandelt. Das alles zeigt, dass man diese Fragen nicht vom grünen Tisch aus entscheiden kann."

"Frischzellenkur"

"Eine Frischzellenkur ist besser als verlängertes Siechtum" - so kommentierte die Kassenärztliche Bundesvereinigung (KBV) die Bertelsmann-Studie. Die Position der Studienautoren decke sich mit der der KBV. Der Vorstandsvorsitzende Dr. Andreas Gassen erklärte, dass ein krampfhaftes Festhalten am Status quo niemanden weiterbringe: "Kleine und defizitäre Krankenhäuser um jeden Preis zu erhalten, ist nicht zielführend - auch nicht im Sinne der Menschen vor Ort. Denn diese Häuser haben weder die personellen noch apparativen Kapazitäten, um Patienten umfassend zu versorgen. Ganz zu schweigen davon, dass sie dies aufgrund mangelnder Routine, etwa bei operativen Eingriffen, auch nicht in der gebotenen Qualität leisten können."

Gassen ging auch auf eine Forderung der Deutschen Krankenhausgesellschaft ein, Kliniken verstärkt für die ambulante Versorgung zu öffnen, weil die KVen der DKG zufolge Engpässe hier nicht lösen könnten. Gassen: "Auch durch ständige Wiederholung wird diese Aussage nicht wahrer. Das Gegenteil ist der Fall. Viele regionale Krankenhäuser wären gar nicht in der Lage, eine umfassende Grundversorgung zu gewährleisten, weil ihnen schlichtweg die Ressourcen fehlen. Welches Landkrankenhaus verfügt denn heute beispielsweise noch über eine augenärztliche oder eine gynäkologische Abteilung?"

Der stellvertretende KBV-Vorstandsvorsitzende Dr. Stephan Hofmeister ergänzte: "Es kann ja wohl nicht sein, dass die Krankenhäuser sich ambulante Leistungen einverleiben, um überhaupt überlebensfähig zu bleiben. Umgekehrt wird ein Schuh draus: Es gehört mittlerweile zum Allgemeinwissen, dass ein erheblicher Teil von Behandlungen, die heute noch stationär erfolgen, genauso gut oder sogar besser in den Praxen erfolgen könnte. Das wäre nicht nur unter wirtschaftlichen Aspekten sinnvoller, sondern auch im Sinne der Patienten."

Auch die Politik hat sich inzwischen zu den Vorschlägen der Bertelsmann-Stiftung geäußert. Presseberichten zufolge sprach sich Bundesgesundheitsminister Jens Spahn für einen Mix aus wohnortnaher Versorgung und Spezialisierung aus. Nicht jedes Krankenhaus müsse alles anbieten.

Vom SPD-Gesundheitsexperten Prof. Karl Lauterbach kam die Einschätzung, dass der Grundtenor der Studie zwar richtig sei, die Berechnung, dass bis zu zwei Drittel der Krankenhäuser abgebaut werden könnten, hält er für falsch und überzogen. Die Qualität steige mit weniger Krankenhäusern, sofern die richtigen geschlossen werden, sagte er der Passauer Neuen Presse.

Intersektorale Gesundheitszentren

Um die Versorgung mit Krankenhäusern vor Ort besser zu gewährleisten, hatte die KBV im vergangenen Herbst das Konzept "Intersektorale Gesundheitszentren (IGZ)" vorgestellt. Die Universität Bayreuth hatte das Konzept im Auftrag der KBV entwickelt. Demnach sollen kleine, defizitäre Krankenhäuser so umgebaut werden, dass Standorte grundsätzlich erhalten bleiben und die Alltagsversorgung sichergestellt werden kann.

Die neuen Zentren sollen im ambulanten Sektor angesiedelt sein, ihr Angebot soll über das klassische ambulante Leistungsportfolio hinausgehen. Hierfür haben die Gutachter das Konzept einer erweiterten ambulanten Versorgung (EAV) entwickelt. Das heißt, dass die Zentren auch über Bettenabteilungen verfügen, in denen Patienten bei Bedarf über Nacht bleiben können.

Die KBV erhofft sich von den IGZ eine Win-win-Situation für alle Beteiligten: die Erhaltung von Standorten sowie Arbeitsplätzen in den Kommunen, eine finanzielle Entlastung der Träger, die keine Defizite mehr ausgleichen müssen, sowie eine bedarfsgerechtere Versorgung der Patienten.

Das IGZ soll eine allgemeinmedizinische, internistische sowie chirurgische Grundversorgung anbieten, die bei Bedarf modular erweitert werden kann, etwa durch Kooperationen mit niedergelassenen Ärzten. Denkbar sei dies laut Konzept zum Beispiel im Bereich des ambulanten Operierens und weiterer Fachgebiete wie HNO, Dermatologie oder Urologie. Das Konzept sieht vor, dass Patienten im Rahmen der EAV für maximal fünf Tage eine pflegerische Rund-um-die-Uhr-Betreuung erhalten. Ärzte wären immer vor Ort beziehungsweise außerhalb der Sprechzeiten in Rufbereitschaft.

Zur Umsetzung des Konzeptes bedarf es jedoch langfristig rechtlicher Anpassungen, betroffen sind auch Fragen der Honorierung und Bedarfsplanung. 

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