Münsteraner Memorandum zur Homöopathie

Weg mit der Zusatzbezeichnung "Homöopathie"

Die Zusatzbezeichnung "Homöopathie" bei Ärzten soll abgeschafft werden. Das fordert der Münsteraner Kreis in seinem neuen Memorandum. Die Experten schlagen vor, dazu die Musterberufsordnung der Ärzte zu novellieren.

zm-mg

Mit der ärztlichen Zusatzbezeichnung "Homöopathie" geht der Münsteraner Kreis, ein informeller interdisziplinärer Expertenkreis, hart in die Kritik. Er fordert im Vorfeld des 121. Deutschen Ärztetages im Mai in Erfurt, die Bezeichnung ersatzlos zu streichen und plädiert für eine entsprechende Novellierung in der ärztlichen Musterweiterbildungsordnung. Diese soll in Erfurt beraten und verabschiedet werden.

"Die Homöopathie ist eine unwissenschaftliche Heillehre", so der Kreis: Die Homöopathie führe die Wirkung ihrer "Arzneien" deshalb auch nicht auf pharmakologische Mechanismen zurück, sondern auf den "heilsamen Einfluss immaterieller, geistartiger Wirkkräfte."

Gegenargumente kommen vom Deutschen Zentralverein homöopathischer Ärzte (DZVhÄ). Die erste Vorsitzende, Cornelia Bajic, erklärt:

"Die von den Ärztekammern verliehene Zusatzbezeichnung Homöopathie hat sich seit Jahrzehnten in der deutschen Ärzteschaft bewährt. Immer mehr Ärzte führen sie, aktuell sind es rund 7.000 Ärzte unterschiedlicher Fachrichtungen, in Grund- und Regelversorgung. Die Nachfrage nach ärztlicher Homöopathie ist in den letzten 20 Jahren enorm gestiegen. Mit Blick auf die Qualitätssicherung und die Patientensicherheit ist die Zusatzbezeichnung Homöopathie ein Garant für eine gute und sichere Versorgung der Patienten. Darüber hinaus ist die Homöopathie im Fünften Sozialgesetzbuch (SGB V) rechtlich verankert. Die mit der Bundesärztekammer eng abgestimmten Lehrinhalte gewährleisten eine kompetente Behandlung der Patienten."

Weiter heißt es in dem Memorandum: "Wenn die Musterweiterbildungsordnung für die Vergabe der Zusatzbezeichnung "Homöopathie" den Erwerb einer "fachlichen Kompetenz in Homöopathie" fordert, dann fordert sie nichts anderes als eine Kompetenz im Umgang mit geistartigen Kräften. Vom wissenschaftlichen Standpunkt aus wäre es dann ebenso gerechtfertigt, eine Zusatzbezeichnung "Gesundbeten" für die Kompetenz zu vergeben, welche Gebete zu welchen Heiligen bei welchen Krankheiten zur Anwendung kommen sollen."

Der Münsteraner Kreis ist ein informeller Zusammenschluss von Expertinnen und Experten, die sich kritisch mit der komplementären und alternativen Medizin (KAM) auseinandersetzen. Er besteht seit Juni 2016 und geht auf eine Initiative von Dr. Bettina Schöne-Seifert, Professorin und Lehrstuhlinhaberin für Medizinethik an der Universität Münster, zurück. Ein erstes Projekt war die Veröffentlichung des Münsteraner Memorandums Heilpraktiker.

Die Experten unterstreichen das Bekenntnis der Ärzteschaft zur Wissenschaftlichkeit: "Es ist ein eklatanter Widerspruch, wenn auf der einen Seite der medizinische Nachwuchs zu Wissenschaftlichkeit angehalten wird, und auf der anderen Seite mit der Zusatzbezeichnung "Homöopathie" eine offizielle, fachliche Anerkennung für eine mit Wissenschaftlichkeit unvereinbare Heilslehre vergeben wird."

Auch das Vertrauen der Patienten in die wissenschaftliche Medizin werde durch die Homöopathie untergraben, erklären die Experten. Diese könne die Probleme der wissenschaftlichen Medizin - wie etwa fehlende Empathie, Zeitmangel und Übertechnisierung im Versorgungsalltag - nicht ausgleichen. Mehr noch, der Patient gewöhne sich daran, dass der redende Arzt der Homöopath oder Naturheilkundler ist. Letztlich gehe um eine Frage der Evidenz: Studien lieferten keine Hinweise für eine Wirksamkeit der Homöopathie, Homöopathen stützten sich in erster Linie auf Einzelfälle.

Fazit des Münsteraner Kreises: "Einer esoterischen Heilslehre mit einer Zusatzbezeichnung einen scheinbar seriösen Anstrich zu geben, widerspricht dem Anspruch der Ärzteschaft auf eine wissenschaftliche fundierte Versorgung, und schwächt durch eine Verwischung der Grenzen zwischen Wissenschaft und Glauben das Ansehen der wissenschaftlich begründeten Medizin. Defizite der wissenschaftlichen Medizin sind intern zu lösen und können nicht auf unwissenschaftliche Heilslehren abgewälzt werden."

Statement von Hans-Werner Bertelsen, Zahnarzt in Bremen und Mitautor des Memorandums: Zur Abschaffung der Zusatzbezeichnung "Homöopathie"

"Die Sprechende Medizin - insbesondere im Bereich der GKV - ist wertlos. Neun Euro für eine Beratung sind ein Hohn. Ärztliche Kommunikation ist lebenswichtig. Beratungen, bei der individuelle medizinisch relevante Fakten zur Sprache kommen, Medikamente, die bei einer zahnärztlichen Behandlung berücksichtigen werden müssen und andere, oftmals lebenswichtige medizinische Fakten können nicht in zwei Minuten besprochen werden.

Dramatischer sieht es bei den Hausärzten aus: Der "floatende Punktwert" lässt den Betrag auf 4,86 Euro schrumpfen. Ganz anders verhält es sich, wenn die ärztliche Kommunikation mit Zuckerkugeln kombiniert wird: Der seriöse Hausarzt könnte sich larviert korrumpiert fühlen, wenn aus 4,86 Euro plötzlich sagenhafte zuckersüße 120 Euro werden. Pro Patient können mithilfe der Selektivverträge bis zu 530 Euro im Jahr "erwirtschaftet" werden. Das macht die Homöopathie für Niedergelassene so attraktiv.

Die vom Münsteraner Kreis geforderte Abschaffung der Zusatzbezeichnung "Homöopathie" im Kontext ärztlicher Fortbildung ist gut und richtig. Es ist im 21. Jahrhundert ethisch nicht zu vertreten, Patienten mit Scheintherapien zu beglücken, weil sie die Patienten ihrer wichtigsten Ressource beraubt: Zeit.

Steve Jobs ist ein prominentes Beispiel für das Verpassen des therapeutischen Zeitfensters. Eine harmlose, weil sehr gut und auf bewährte Therapiekonzepte reagierende Tumorerkrankung konnte sich durch zeitraubendes "alternativmedizinisches Brimbamborium" auf dem Wege der allmählichen Metastasierung transformieren in eine maligne, nicht mehr beherrschbare Form. Das tragische Ende ist bekannt.

So ist es gut, dass wir mithilfe des Münsteraner Kreises hoffen können, dass endlich der dringliche Appell von Prof. Dr. Irmgard Oepen (Institut für Rechtsmedizin der Philipps-Universität Marburg) erhört wird: "Somit ist es dringend erforderlich, dass Kammern und Fachgesellschaften Stellungnahmen zu solchen Heilmethoden abgeben, deren Risiko gegenüber dem Nutzen unangemessen hoch ist, oder deren Nutzen überhaupt nicht belegt ist. Es kann nicht länger verantwortet werden, dass diese Verfahren mit dem Etikett "Natur- oder Erfahrungsheilkunde" versehen und als Naturheilverfahren im Sinne der Weiterbildungsordnung eingestuft werden. Dementsprechend sollten diese Verfahren auch nicht mehr durch ärztliche Fortbildungsveranstaltungen empfehlend vermittelt werden. Schließlich müsste auch der eingangs erwähnten irreführenden Darstellung entschieden entgegengetreten werden, in der behauptet wird, dass sich die Universitäten nicht oder nicht genügend um schonende und natürliche Heilmethoden bemühen (Oepen I: Rechtsmedizinische Aspekte bei Anwendung unkonventioneller Heilmethoden. Dtsch Zahnärztl Z 1987; 42:84-90)."

622572616465616466616467622573 622574 622075
preload image 1preload image 2preload image 3preload image 4preload image 5preload image 6preload image 7preload image 8preload image 9preload image 10preload image 11preload image 12preload image 13preload image 14preload image 15preload image 16preload image 17preload image 18preload image 19preload image 20preload image 21preload image 22preload image 23preload image 24preload image 25preload image 26preload image 27preload image 28preload image 29preload image 30preload image 31preload image 32preload image 33preload image 34preload image 35preload image 36preload image 37preload image 38preload image 39preload image 40preload image 41preload image 42preload image 43preload image 44preload image 45preload image 46preload image 47preload image 48preload image 49preload image 50preload image 51preload image 52preload image 53preload image 54preload image 55preload image 56preload image 57preload image 58preload image 59preload image 60preload image 61preload image 62preload Themeimage 0preload Themeimage 1preload Themeimage 2preload Themeimage 3preload Themeimage 4preload Themeimage 5preload Themeimage 6preload Themeimage 7preload Themeimage 8preload Themeimage 9preload Themeimage 10preload Themeimage 11preload Themeimage 12preload Themeimage 13preload Themeimage 14preload Themeimage 15preload Themeimage 16preload Themeimage 17preload Themeimage 18preload Themeimage 19preload Themeimage 20preload Themeimage 21preload Themeimage 22preload Themeimage 23preload Themeimage 24preload Themeimage 25preload Themeimage 26preload Themeimage 27preload Themeimage 28
1Kommentar
Bitte bestätigen Sie
Nein
Ja
Information
Ok
loginform
Kommentarvorschau
Kommentarvorschau schliessen
Antwort abbrechen
Ihr Kommentar ist eine Antwort auf den folgenden Kommentar
Gustav Dornheim

Gustav Dornheim
Sehr geehrte Damen und Herren,
Ihr Beitrag über "Weg mit der Zusatzbezeichnung Homöopathie" schreit direkt nach einem Kommentar. Der Münsteraner Kreis erreicht mit dem obigen Artikel die nächste Eskalationsstufe. Nach der Forderung des Verbots
mehr anzeigen ...
der Homöopathie als Satzungsleistung der Krankenkassen und der Beschränkung der Tätigkeitsbereiche von Heilpraktikern soll nun die Zusatzbezeichnung "Homöopathie" und die Fortbildung im Bereich Homöopathie über die Ärztekammern verboten werden. Die Wirksamkeit der Homöopathie ist umstritten, eine Unwirksamkeit aus wissenschaftlicher Sicht weder belegt noch erwiesen. Selbst der Münsteraner Kreis räumt Wirksamkeit in Einzelfällen ein. In seinem Statement beklagt Hans-Werner Bertelsen die schlechte Honorierung der sprechenden Medizin im Vergleich zur homöopathischen Anamnese. Dabei läßt er vollkommen außer acht, daß für die homöopathische Anamnese mindestens 60 Minuten einschließlich Repertorisation und Anwendung eines homöopathischen Einzelmittels mittels standartisiertem Fragebogen gefordert werden. Besonders bedenklich ist das Krankheitsbeispiel von Steve Jobs zu bewerten. Oberstes Gebot für das ärztliche Handeln ist die Patientenautonomie. Aus einem von Besserwisserei geprägten Standpunkt wird die Entscheidung von Steve Jobs für eine bestimmte Therapie kritisiert. Diese Entscheidung für eine unkonventionelle Therapie zeigt vielmehr die Defizite in der Vermittlung und der Glaubhaftigkeit der (schul-) medizinischen Standardtherapie auf. Zum Abschluß zitiert Herr Bertelsen einen Beitrag von Dr. Irmgard Oepen in der dt. zahnärztlichen Zeitschrift von 1987. Mitthin liegt dieser Beitrag schon 31 Jahre zurück. Es sollte Herrn Bertelsen möglich sein, aktuellere Veröffentlichungen zu zitieren, die die Diskussion und die Entwicklungen der letzten 30 Jahre berücksichtigen und die gegebenenfalls eine konträre Meinung zu der vom Münsteraner Kreis vertretenen Überzeugung darstellen. Wissenschaftlichkeit steht insbesondere demjenigen gut zu Gesichte, der anderen Unwissenschaftlichkeit vorwirft. An dieser Wissenschaftlichkeit fehlt es dem gesamten Beitrag.

Vor 2 Monaten 6 Tagen
1521369564
Antworten
loginform
Kommentarvorschau
Kommentarvorschau schliessen