Zahnmedizin

OP trotz Gerinnungshemmer

Trotz blutverdünnender Medikamente können Zähne extrahiert und Implantate inseriert werden. Das ergibt jetzt eine neue Studie.

Die Studie der Universitätsmedizin Mainz kommt zu dem Schluss, dass in den meisten Fällen das Absetzen der Gerinnungshemmer oder eine überbrückende Therapie nicht notwendig ist. Demnach können Patienten ohne Risiko wie gewohnt ihre Tabletten nehmen. www.lehrfoto.de-Fotolia.com

Immer mehr ältere Menschen nehmen Medikamente zur Hemmung der Blutgerinnung. Gerinnungshemmende Medikamente beugen bei Krankheiten wie Herzrhythmusstörungen, Vorhoffflimmern, Thrombosen oder Embolien der Bildung von Blutgerinnseln vor oder lösen diese auf. Auch bei fortgeschrittener Arteriosklerose werden sie verschrieben.

Weil die medikamentöse Gerinnungshemmung aber das Risiko der Blutungsgefahr erhöht, werden aus Angst vor zur starken Blutungen oder Nachblutungen bei anstehenden Operationen Gerinnungshemmer entweder ganz abgesetzt oder es wird eine überbrückende Therapie (Bridging) etwa mit Heparin-Spritzen verordnet.

Absetzen der Gerinnungshemmer meist nicht notwendig

Bei den Medikamenten unterscheiden Experten die sogenannten Antikoagulanzien (Vitamin-K-Antagonisten/Cumarine und Heparine), die mit unterschiedlichen Faktoren die Blutgerinnungsfähigkeit hemmen, und die Thrombozytenaggregationshemmer wie Acetylalicylsäure (ASS) und Clopidogrel, die über einen Funktionshemmung der Blutplättchen wirken, so dass sich diese nicht verklumpen können. Je nach Krankheitsbild nehmen Patienten den für ihren Befund geeigneten Gerinnungshemmer, mitunter ist auch eine Kombination der unterschiedlichen Präparate notwendig.

Die Studie der Universitätsmedizin Mainz hat nun umfassend mögliche Nachblutungskomplikationen bei Mund-Kiefer-Gesichts-Operationen mit den unterschiedlichsten Gerinnungshemmern analysiert und kommt zu dem Schluss, dass in den meisten Fällen das Absetzen der Gerinnungshemmer oder eine überbrückende Therapie gar nicht notwendig ist. Demnach könnten Patienten einfach wie gewohnt ihre Tabletten nehmen, ohne dass Arzt und Patient ein erhöhtes Risiko eingehen.

Studie belegt Unbedenklichkeit

Die Untersuchung berücksichtigte insgesamt 844 Patienten, die an der Klinik und Poliklinik für Mund-, Kiefer- und Gesichtschirurgie der Uni Mainz zwischen 2009 und 2013 unter Einnahme blutgerinnungshemmender Medikamente operiert wurden. Davon nahmen 493 Personen ASS, 216 Vitamin-K-Antagonisten, 25 Clopidogrel, 13 Heparine, 14 Aggrenox, 15 NOAK (neue orale Antikoagulanzien) und 58 Kombinationen unterschiedlicher Gerinnungshemmer, davon 44 ASS und Clopidogrel.

Die Operationen unterteilten die Fachärzte in kleinere (Ziehen von bis zu drei  Zähnen beziehungsweise Setzen von Implantaten) und größere Eingriffe (mehr als drei  Zähne, Zystenoperationen), Haut- und Gewebeeingriffe sowie größere mkg-chirurgische Eingriffe. In 60 Prozent der Fälle wurde die Medikation zur OP nicht umgestellt, bei 21 Prozent abgesetzt, bei 17 Prozent komplett und bei zwei Prozent partiell umgestellt.

Mehr Komplikationen bei gebridgten Patienten

Die Ergebnis: Bei 9,6  Prozent aller Patienten kam es während des Eingriffs zu Blutungskomplikationen, die in erfahrener mkg-chirurgischer Hand jedoch unbedenklich waren. Erstaunlich: Die Patienten mit überbrückender Therapie neigten mit 11,6 Prozent zu Komplikationen, diejenigen, die ihre gerinnungshemmenden Medikamente weiter einnahmen, lediglich zu 8 Prozent.

Bei der Analyse der Nachblutungskomplikationen war die Rate der „gebridgten“ Patienten ebenfalls erheblich höher. Konkret: Bei kleineren Eingriffen 4,3 versus 3,8 Prozent, bei größeren Eingriffen 22,8 versus 13,2 Prozent, bei Eingriffen an Haut und Gewebe 9,7 versus 4,5 Prozent. Lediglich bei großen mkg-chirurgischen Eingriffen näherte sich die Komplikationsrate an (8,6 versus 9 Prozent).

Fazit der Mainzer MKG-Chirurgen: Wann das Absetzen der Gerinnungshemmer oder eine überbrückende Therapie tatsächlich notwendig ist, sollte zurückhaltend und individuell auf den Patienten und die Krankengeschichte abgestimmt entschieden werden. In den meisten Fällen ist dies heutzutage nicht mehr notwendig. Überdies fanden sie bei der Untersuchung heraus, dass die erst jüngst eingesetzten NOAKs in puncto Blutungskomplikationen keine Vorteile gegenüber den anderen Gerinnungshemmern zeigten.

Weitere Informationen unter www.patienteninfo-mkg.de