Patientenfall

Vertikale Längsfraktur - und nun?

Bei einer 78-jährigen Patientin wird an Zahn 11 eine Längsfraktur diagnostiziert. Normalerweise wird jetzt extrahiert, aber ein Implantat, eine Brücke oder eine Einzelzahnprothese lehnt die Frau ab. Was nun?

Mit dieser Längsfraktur erschien die Patientin in der Praxis. Normalerweise ein Fall, der eine Extraktion nahelegt. Aber es ging auch anders, wie diese Fallbeschreibung zeigt. Hadrossek

Abbildung 1: Schmelzfraktur auf der Bukkalfläche an Zahn 11 Hadrossek
Abbildung 2: Taschensondierungstiefe Zahn 11, 7 mm im Bereich der Frakturlinie Hadrossek
Abbildung 3: Frakturlinie auf der bukkalen Wurzeloberfläche Hadrossek
Abbildung 4: Frakturlinie nach Erweiterung Hadrossek
Abbildung 5: Situation nach Versorgung des erweiterten Frakturspaltes mittels Biodentine Hadrossek
Abbildung 6: Replantation Zahn 11 Hadrossek
Abbildung 7: Zahn in situ. Semirigide Schienung mittels eines Titan-Trauma-Splintes Hadrossek
Abbildung 8: Zahnfilm 11 unmittelbar nach Replantation Hadrossek
Abbildung 9: Klinische Situation mit Reduzierung der Taschensondierungstiefe auf 3 mm drei Monate nach der Replantation Hadrossek
Abbildung 10: Zahnfilm 24 Monate post OP mit voranschreitender knöcherner Ausheilung Hadrossek

Die Patientin wurde aufgrund unklarer Beschwerden an Zahn 11 an die Poliklinik für Zahnerhaltung des Universitätsklinikums Münster überwiesen. Die allgemeine Anamnese war weitestgehend unauffällig. Bei der speziellen Anamnese gab sie an, dass in regio 11 seit einem Sturz auf das Gesicht vor etwa zwei Jahren Beschwerden bestehen.

Zahn 11 wurde daraufhin vom Hauszahnarzt endodontisch­ behandelt. Trotz der Wurzelkanalbehandlung konnte die Beschwerdesymptomatik nicht gelindert werden, woraufhin der Hauszahnarzt eine Wurzelspitzenresektion mit retrogradem Verschluss durchführte.

Bei der Vorstellung in der Poliklinik zeigte sich klinisch eine Schmelzfraktur auf der bukkalen Fläche des Zahns 11 (Abbildung 1). Die Messung der Taschensondierungstiefe (TST) ergab an dieser Stelle lokal begrenzt einen Wert von 7 mm (Abbildung 2). An allen übrigen Messpunkten lag eine physiologische TST von 3 mm vor.

Die Diagnose

Dies deutet klar auf die Diagnose einer Längsfraktur hin. Ein Zahn mit Längsfraktur wird in der Regel extrahiert und anschließend durch ein Implantat, eine Brücke oder eine Einzelzahnprothese versorgt. Alle drei Möglichkeiten wurden von der Patientin aufgrund von finanziellen (Implantat) oder ästhetischen Aspekten (Brücke), beziehungsweise aus Gründen des Tragekomforts (Einzelzahnprothese) abgelehnt. Für eine Brückenversorgung hätten überdies die zwei kariesfreien Nachbarzähne 12 und 21 präpariert werden müssen.


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Therapie zum Zahnerhalt

Daher wurde der Patientin eine alternative Behandlungsmethode vorgeschlagen, mit dem Ziel, den Zahn langfristig zu erhalten. Unter Kofferdam wurde der koronale Anteil der Frakturlinie auf der Labialfläche mit einem feinen diamantierten Flammen förmigen Schleifkörper erweitert. Zusätzlich wurden die palatinale Füllung (Trepanationsöffnung) sowie zwei Drittel der vorhandenen Wurzelkanalfüllung entfernt.

Anschließend wurden diese Defekte mithilfe eines Dentinhaftvermittlers (Optibond All-In-One; Kerr, Orange) und einer Kompositrestauration (Grandio/Grandio Flow; VOCO, Cuxhaven) versorgt, um den Zahn sowohl koronal als auch intrakanalär zu stabilisieren. Nach Entfernung des Kofferdams und Herstellung eines Silikonschlüssels wurde eine Titan-Trauma-Schiene (TTS; Medartis, Basel) angepasst und der Bereich mithilfe einer Infiltrationsanästhesie anästhesiert.

Anschließend erfolgte die Extraktion des Zahns unter weitestgehender Schonung der umgebenden Hart- und Weichgewebe. Zur Vitalerhaltung der parodontalen Ligamentzellen wurde Zahn 11 direkt nach Extraktion in einem Zellnährmedium (Zahnrettungsbox; Medice Pharma, Iserlohn, Deutschland) gelagert.    

Während die palatinale Fläche unbeschädigt war, zeigte die bukkale Fläche eine vertikale Frakturlinie (Abbildung 3), die mit einem feinen diamantierten Schleifkörper erweitert wurde (Abbildung 4). Zusätzlich erfolgte die Entfernung des retrograden Wurzelkanalfüll­materials. Beide Defekte wurden mit Biodentine (Septodont, Niederkassel) aufgefüllt (Abbildung 5).

Während auf die initiale Abbindung des Materials gewartet wurde (etwa 15 min), erfolgte ein kontinuierliches druckloses Anfeuchten der restlichen Wurzeloberfläche mit Zellnähr­lösung aus der Zahnrettungsbox.    
Anschließend wurde der Zahn replantiert (Abbildung 6) und mithilfe einer Titan-Trauma-Schiene für zwölf Tage semirigide geschient (Abbildung 7).

Sowohl klinisch als auch röntgenologisch zeigte sich nach der Behandlung ein erfolgreich replantierter Zahn (Abbildung 8). Bereits nach dreimonatiger Einheilungsphase reduzierte sich die Taschensondierungstiefe von 7 mm auf 3 mm (Abbildung 9).

Bei weiteren Kontrollen nach 6, 12 und 24 Monaten blieb der Zahn sowohl klinisch symptomlos als auch röntgenologisch durchgehend unauffällig (Abbildung 10). Die Perkussionsprobe ergab keinen Hinweis auf eine pathologische Veränderung. Zeichen­ einer Ankylose waren nicht zu erkennen.

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