Eine interdisziplinäre Herausforderung

Überzählige Zähne im Ober- und Unterkiefer I

Überzählige Zähne stellen für Kinderzahnärzte, Kieferorthopäden und auch Oralchirurgen ein klinisches Problem dar – daher sind interdisziplinäre Lösungsansätze gefragt. In einer zweiteiligen Übersichtsarbeit sollen alle aktuellen Aspekte von der Klassifikation über mögliche Komplikationen bis hin zur Diagnostik und Therapie aufgezeigt und diskutiert werden. Dieser erste Teil behandelt die Epidemiologie und Ätiologie sowie mögliche Komplikationen.

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© Bornstein

Abbildungen 1 bis 3: Überzähliger Milchzahn 52+ bei einem knapp achtjährigen Knaben mit verzögertem Durchbruch der bleibenden Oberkieferfronzähne. In der digitalen Volumentomografie erkennt man zudem einen überzähligen lateralen Schneidezahn 12+ (1: frontale Ansicht;) © Mossaz et al
Abbildungen 1 bis 3: Überzähliger Milchzahn 52+ bei einem knapp achtjährigen Knaben mit verzögertem Durchbruch der bleibenden Oberkieferfronzähne. In der digitalen Volumentomografie erkennt man zudem einen überzähligen lateralen Schneidezahn 12+ (2: okklusale Ansicht) © Mossaz et al
Abbildungen 1 bis 3: Überzähliger Milchzahn 52+ bei einem knapp achtjährigen Knaben mit verzögertem Durchbruch der bleibenden Oberkieferfronzähne. In der digitalen Volumentomografie erkennt man zudem einen überzähligen lateralen Schneidezahn 12+ (3a: 3-dimensionale Bildrekonstruktion, Ansicht von bukkal) © Mossaz et al
Abbildungen 1 bis 3: Überzähliger Milchzahn 52+ bei einem knapp achtjährigen Knaben mit verzögertem Durchbruch der bleibenden Oberkieferfronzähne. In der digitalen Volumentomografie erkennt man zudem einen überzähligen lateralen Schneidezahn 12+ ( 3b: 3-dimensionale Bildrekonstruktion, Ansicht von oral). © Mossaz et al
Abbildung 4: Multiple überzählige Zähne im Ober- und Unterkiefer bei einem knapp 21-jährigen Patienten. Im Oberkiefer finden sich Distomolaren beidseits, im Unterkiefer überzählige Prämolaren beidseits. © Mossaz et al
Abbildungen 5: Mesiodens bei einem 14-jährigen Patienten, welcher als radiologischer Zufallsbefund vor kieferorthopädischer Behandlung diagnostiziert wurde (Panoramaschichtaufnahme). © Mossaz et al
Abbildungen 6: Mesiodens bei einem 14-jährigen Patienten, welcher als radiologischer Zufallsbefund vor kieferorthopädischer Behandlung diagnostiziert wurde ( Aufbissröntgenbild). © Mossaz et al
Abbildung 7: Im Rahmen eine kieferorthopäsischen Therapie zufällig diagnostizierter überzähliger Prämolar (35+) im linken Unterkiefer bei einer 14,5-jährigen Patientin. Als weiterer relevanter Befund lassen sich Zahnkeime von Distomolaren im Unterkiefer beidseits (sogenannte „9er“) erkennen. © Mossaz et al
Abbildung 8: 17-jähriger Knabe mit überzähligen Distomolaren (sogenannte „9er“) im Oberkiefer beidseits und im Unterkiefer links, welche während einer kieferorthopädischen Therapie zufällig diagnostiziert und zur Entfernung überwiesen wurden. © Mossaz et al
Abbildung 9: Überzähliger Zahn im Oberkieferfrontbereich (Mesiodens)mit einer konischen Form bei einem 14-Jährigen (a: koronales Schnittbild der digitalen Volumentomografie). © Mossaz et al
Abbildung 9: Überzähliger Zahn im Oberkieferfrontbereich (Mesiodens)mit einer konischen Form bei einem 14-Jährigen (b: sagittaler Schnitt) c: dreidimensionale Bildrekonstruktion). © Mossaz et al
Abbildung 9: Überzähliger Zahn im Oberkieferfrontbereich (Mesiodens)mit einer konischen Form bei einem 14-Jährigen (c: dreidimensionale Bildrekonstruktion). © Mossaz et al
Abbildung 10: Überzähliger Zahn im Oberkieferfrontbereich (Mesiodens) vom tuberkulären (höckerförmigen) Typ bei einem zwölfjährigen Knaben (3-dimensionale Bildrekonstruktion). © Mossaz et al
Abbildung 11: Überzähliger Zahn im Prämolarenbereich des linken Unterkiefers (34+) mit identischer Zahnform bei einem 23-jährigen Patienten (a: sagittales Schnittbild der digitalen Volumentomografie). © Mossaz et al
Abbildung 11: Überzähliger Zahn im Prämolarenbereich des linken Unterkiefers (34+) mit identischer Zahnform bei einem 23-jährigen Patienten (b: koronaler Schnitt). © Mossaz et al
Abbildung 11: Überzähliger Zahn im Prämolarenbereich des linken Unterkiefers (34+) mit identischer Zahnform bei einem 23-jährigen Patienten (c: 3-dimensionale Bildrekonstruktion). © Mossaz et al
Abbildung 12: Überzähliger Zahn im Oberkieferfrontbereich (21+) mit einer konischen Form sowie ein zusammengesetztes Odontom disto-kaudal dieses überzähligen Zahnes bei einem 14-jährigen Knaben (a: koronales Schnittbild der digitalen Volumentomographie) © Mossaz et al
Abbildung 12: Überzähliger Zahn im Oberkieferfrontbereich (21+) mit einer konischen Form sowie ein zusammengesetztes Odontom disto-kaudal dieses überzähligen Zahnes bei einem 14-jährigen Knaben (b: sagittaler Schnitt) © Mossaz et al
Abbildung 12: Überzähliger Zahn im Oberkieferfrontbereich (21+) mit einer konischen Form sowie ein zusammengesetztes Odontom disto-kaudal dieses überzähligen Zahnes bei einem 14-jährigen Knaben (c: axialer Schnitt) © Mossaz et al
Abbildung 12: Überzähliger Zahn im Oberkieferfrontbereich (21+) mit einer konischen Form sowie ein zusammengesetztes Odontom disto-kaudal dieses überzähligen Zahnes bei einem 14-jährigen Knaben (d: 3-dimensionale Bildrekonstruktion). © Mossaz et al
Abbildungen 13 bis 15: Behinderung und deutliche Verzögerung der normalen Eruption der zentralen Inzisiven im Oberkiefer aufgrund überzähliger Zähne (11+ und 21+) bei einer knapp neunjährigen Patientin (13: Panoramaschichtaufnahme). © Mossaz et al
Abbildungen 13 bis 15: Behinderung und deutliche Verzögerung der normalen Eruption der zentralen Inzisiven im Oberkiefer aufgrund überzähliger Zähne (11+ und 21+) bei einer knapp neunjährigen Patientin (14: extraorale Ansicht). © Mossaz et al
Abbildungen 13 bis 15: Behinderung und deutliche Verzögerung der normalen Eruption der zentralen Inzisiven im Oberkiefer aufgrund überzähliger Zähne (11+ und 21+) bei einer knapp neunjährigen Patientin (15: intraorale Ansicht). © Mossaz et al
Abbildungen 16 und 17: Rotation und Lageverschiebung der Oberkieferschneidezähne sowie ein ausgeprägtes Diastema centrale aufgrund eines teils durchgebrochenen Mesiodens bei einem achtjährigen Patienten (16: frontale Ansicht). © Mossaz et al
Abbildungen 16 und 17: Rotation und Lageverschiebung der Oberkieferschneidezähne sowie ein ausgeprägtes Diastema centrale aufgrund eines teils durchgebrochenen Mesiodens bei einem achtjährigen Patienten (17: okklusale Ansicht). © Mossaz et al
Abbildung 18: Überzähliger Zahn (34+) im Prämolarenbereich des linken Unterkiefers mit radiologisch erkennbarer Wurzelresorption mesial beim Zahn 35 bei einem 39-jährigen Patienten (a: sagittales Schnittbild der digitalen Volumentomografie). © Mossaz et al
Abbildung 18: Überzähliger Zahn (34+) im Prämolarenbereich des linken Unterkiefers mit radiologisch erkennbarer Wurzelresorption mesial beim Zahn 35 bei einem 39-jährigen Patienten (b: axialer Schnitt). © Mossaz et al
Abbildung 19: Überzähliger Zahn im Oberkieferfrontbereich (21+) mit zystischer Erweiterung des Zahnsäckchens und radiologisch erkennbarer Resorption der mesialen Wurzel von 11 bei einem 46-jährigen Patienten (a: koronales Schnittbild der digitalen Volumentomographie). © Mossaz et al
Abbildung 19: Überzähliger Zahn im Oberkieferfrontbereich (21+) mit zystischer Erweiterung des Zahnsäckchens und radiologisch erkennbarer Resorption der mesialen Wurzel von 11 bei einem 46-jährigen Patienten (b: sagittaler Schnitt). © Mossaz et al
Abbildung 19: Überzähliger Zahn im Oberkieferfrontbereich (21+) mit zystischer Erweiterung des Zahnsäckchens und radiologisch erkennbarer Resorption der mesialen Wurzel von 11 bei einem 46-jährigen Patienten (c: axialer Schnitt). © Mossaz et al
Abbildung 19: Überzähliger Zahn im Oberkieferfrontbereich (21+) mit zystischer Erweiterung des Zahnsäckchens und radiologisch erkennbarer Resorption der mesialen Wurzel von 11 bei einem 46-jährigen Patienten (d: 3-dimensionale Bildrekonstruktion). © Mossaz et al
Abbildung 20: Überzähliger Zahn im Oberkieferfrontbereich (Mesiodens) mit einer konischen Form bei einem elfjährigen Mädchen mit Durchbruch in die Nasenhöhle (a: koronales Schnittbild der digitalen Volumentomographie). © Mossaz et al
Abbildung 20: Überzähliger Zahn im Oberkieferfrontbereich (Mesiodens) mit einer konischen Form bei einem elfjährigen Mädchen mit Durchbruch in die Nasenhöhle (b: sagittaler Schnitt). © Mossaz et al
Abbildung 20: Überzähliger Zahn im Oberkieferfrontbereich (Mesiodens) mit einer konischen Form bei einem elfjährigen Mädchen mit Durchbruch in die Nasenhöhle (c: axialer Schnitt). © Mossaz et al
Abbildung 20: Überzähliger Zahn im Oberkieferfrontbereich (Mesiodens) mit einer konischen Form bei einem elfjährigen Mädchen mit Durchbruch in die Nasenhöhle (d: 3-dimensionale Bildrekonstruktion). © Mossaz et al

Epidemiologie und ätiologische Faktoren: Überzählige Zähne entwickeln sich zusätzlich zur normalen Dentition. Sie können in der primären oder permanenten Dentition auftreten und in allen Regionen des Ober- oder Unterkiefers vorkommen. Sie werden in der Regel zufällig auf (intraoralen) Röntgenbildern während zahnärztlichen Kontrolluntersuchungen entdeckt. Ein erstes Anzeichen eines überzähligen Zahnes kann auch eine Verzögerung des normalen Zahndurchbruchs sein, was in der Folge zu einer klinisch-radiologischen Abklärung der möglichen Ursache führt. In der Literatur finden sich einige Untersuchungen mit teils unterschiedlichen Daten zur Prävalenz, zum Geschlechterverhältnis oder auch zur Häufigkeit der verschiedenen morphologischen Typen. Dies lässt sich unter anderem dadurch erklären, dass nicht alle Untersuchungen epidemiologische Studien sind, sondern nicht selten auf ausgewählten Populationen basieren, wie beispielsweise auf Überweisungen an Fachkliniken mit Verdacht auf überzählige Zähne, Patienten einer Schulzahnklinik und mehr. Außerdem gibt es auch geografische Unterschiede, die auf den variablen ethnischen Hintergrund der untersuchten Population hindeuten.

 

Hier geht's zum zweiten Teil des Artikels, der sich mit der Diagnostik und den therapeutischen Konzepten beschäftigt

 

 

Die Prävalenz

Die Prävalenz überzähliger Zähne wird im Bereich von 0,07 Prozent bis 0,6 Prozent für das Milchgebiss [Luten, 1967; Ravn, 1971; Järvinen Lehtinen, 1981; Magnússon 1984; Skrinjari Barac-Furtinovi, 1991; Yonezu et al., 1997; Chen et al., 2010] und von 0,3 Prozent bis 3,2 Prozent für die bleibenden Zähne [Luten, 1967; Bäckman Wahlin, 2001; Salcido-García et al., 2004; Leco Berrocal et al., 2007; Gündüz et al., 2008; Yagüe-García et al., 2009; Schmuckli et al., 2010; Fardi et al., 2011] angegeben. Die Mehrheit der überzähligen Zähne im Milchgebiss sind seitliche Schneidezähne im Oberkiefer, die meist mit einer normalen Morphologie und Lage durchbrechen (Abbildungen 1 bis 3) [Luten, 1967; Humerfeld et al., 1985; Garvey et al., 1999; Ferrés-Padró et al., 2009]. Der oft ungestörte Durchbruch und das Ausbleiben von Symptomen führen dazu, dass überzählige Zähne in der Milchdentition oft gar nicht diagnostiziert werden, und dies wird auch als Erklärung für die unterschiedlichen Prävalenzen überzähliger Zähne im Milch- und bleibendem Gebiss angeführt [Wang Fan, 2011]. Überzählige Zähne sind häufiger bei Männern als bei Frauen, wobei über ein Verhältnis von 1,18:1 bis 4,5:1 berichtet wird [Rajab Hamdan, 2002; Fernández Montenegro et al., 2006; Gündüz et al., 2008; Wang Fan, 2011]. In der Schweiz publizierten von Arx (1990) und Schmuckli und Mitarbeiter (2010) Geschlechterverhältnisse von 2,6:1, beziehungsweise 2,75:1. In einer aktuellen Arbeit von Mossaz und Mitarbeiter (2014) von Patienten aus dem Raum Bern lag dieses Verhältnis etwas ausgeglichener bei 1,61 zu 1.


Komplikationen aufgrund von überzähligen Zähnen

Überzählige Zähne sind die häufigste Ursache für einen unterbliebenen oder verzögerten Durchbruch der oberen Schneidezähne (Abbildungen 13, 14, 15) [Betts Camilleri, 1999]. Besonders beim höckerförmigen Typ kommt es häufig zu Störungen der Eruption der oberen Schneidezähne [Mason et al., 2000]. Diese Komplikation macht sich klinisch initial dadurch bemerkbar, dass die oberen seitlichen Schneidezähne durchbrechen und die Eruption von einem oder beiden zentralen Schneidezähnen ausbleibt [Rajab Hamdan, 2002]. Auch in anderen Lokalisationen der Kiefer können überzählige Zähne zu Durchbruchsstörungen benachbarter Zähne führen [Garvey et al., 1999; Rajab Hamdan, 2002; Mossaz et al., 2014]. Insgesamt liegt die Prävalenz für den Ausfall des Durchbruchs bleibender Zähne bedingt durch überzählige Zähne zwischen 10,2 Prozent und 61 Prozent [Tay et al., 1984; Koch et al., 1986; Tyrologou et al., 2005; Fernández Montenegro et al., 2006; Liu et al., 2007; Gündüz et al., 2008; Hyun et al., 2009; Mínguez-Martinez et al., 2012; Mossaz et al., 2014].

Überzählige Zähne können bei Nachbarzähnen von einer leichten Rotation bis hin zu einer körperlichen Verschiebung alle Formen der Lageveränderungen bewirken. Studien zeigen auf, dass etwa bei einem Drittel der überzähligen Zähne eine Verschiebung des benachbarten Zahns resultiert [Koch et al., 1986; von Arx, 1990; Tyrologou et al., 2005; Liu et al., 2007; Gündüz et al., 2008; Mossaz et al., 2014]. Tay und Mitarbeiter (1984) berichteten gar über eine noch höhere Prävalenz von 55 Prozent. Hyun und Mitarbeiter (2009) betonen, dass überzählige Zähne im Oberkieferfrontzahnbereich nicht selten auch zu einer Diastemabildung führen, was für die Therapieplanung von Bedeutung ist (Abbildungen 16 uns 17).

Wenn zusätzliche Zähne eruptieren, verursachen diese oft einen Engstand/Crowding in der bleibenden Dentition [Rajab Hamdan, 2002; Garvey et al., 1999]. Auch nicht durchgebrochene überzählige Zähne können sich mitunter klinisch über einen Engstand der bleibenden Zähne manifestieren.

Eine Verzögerung, Krümmung oder sonstige abnormale Entwicklung benachbarter Zahnwurzeln scheint selten zu sein, und es sind nur wenige Fallberichte bekannt [Yeung et al., 2003; Hansen Kjaer, 2004; Arslan et al., 2008].

In einer aktuellen Arbeit berichteten Mossaz und Mitarbeiter (2014) über eine relativ hohe Prävalenz (22,8 Prozent) der Wurzel- resorptionen an benachbarten Zähnen, wobei besonders häufig überzählige Prämolaren zu Resorptionen führen (Abbildung 18). Für die Beurteilung der Wurzelresorptionen wurden digitale Volumentomografie (DVT) der Patienten herangezogen. In einer Studie aus China, welche ebenfalls DVT-Bilder beurteilte, wurde über eine deutlich geringere Häufigkeit von Wurzelresorptionen (1,6 Prozent) berichtet [Liu et al., 2007]. Im Gegensatz zu den Daten aus der Schweiz war Diagnose und Bewertung von Wurzelresorptionen kein primäres Ziel dieser Studie und es wurde auch keine Information über das Ausmaß der Resorptionen gegeben.

Daher könnte diese Studie leichte oder mäßige Wurzelresorptionen nicht eingeschlossen haben, was zumindest einen Teil des doch deutlichen Unterschieds in den Prozentsätzen erklären würde. Studien, welche Panoramaschichtaufnahmen zur Diagnose von Wurzelresorptionen heranziehen, berichten über Resorptionsraten zwischen 4,7 Prozent [Gündüz et al., 2008] und 7,6 Prozent [Hyun et al., 2009]. Tyrologou und Mitarbeiter (2005) berichteten sogar, dass keine Resorption im untersuchten Patientengut vorhanden waren. Allerdings wurden in dieser Studien nur Mesiodentes beurteilt, wo Wurzelresorption benachbarter Zähne eher selten vorkommen [Mossaz et al., 2014]. Generell lässt sich festhalten, dass zweidimensionale Röntgenaufnahmen für die Diagnose von Wurzelresorptionen eher ungenau sind und diese so in bis zu 50 Prozent der Fälle übersehen werden [Ericson Kurol, 1987, Heimisdottir et al., 2005; Botticelli et al., 2011; Alqerban et al., 2011a].

Radiologisch erscheint der Zahnfollikel um retinierte überzählige Zähne als eine dünne perikoronale Radio-luzenz, welche in der Regel nicht breiter als 3 mm ist [Mossaz et al., 2014] (Abbildung 19). Andere Autoren betrachten eine Breite von 2 mm als physiologisch [Tyrilogou et al., 2005]. Bis heute fehlen aber klare Angaben zu den normalen Dimensionen des Zahnfollikels, das heißt, es ist radiologisch nicht eindeutig zu erkennen, wann ein zystischer Prozess vorliegt [Villalba et al., 2012]. Studien berichteten über eine (pathologische) Erweiterung des Follikularraums in 1,4 Prozent bis 5,3 Prozent der überzähligen Zähne [von Arx 1990; Tyrologou et al., 2005; Liu et al., 2007; Hyun et al., 2009; Mossaz et al., 2014]. Dagegen sahen Koch und Mitarbeiter (1986) bei 54 überzähligen Zähnen keine Erweiterung des perikoronaren Raumes während des Beobachtungsintervalls (Mittelwert: 7,3 Jahre).

Eine Eruption des überzähligen Zahnes in die Nasenhöhle ist sehr selten [Primosch, 1981; von Arx, 1990; Stellzig et al., 1997; Rajab Hamdan, 2002]. Fallberichte werden jedoch immer wieder publiziert [Clementi et al., 2012; Krishnan et al., 2013; Mohebbi et al., 2013]. In einer großen Stichprobe waren 3,6 Prozent der überzähligen Zähne, meistens Mesiodentes, nach nasal durchgebrochen [Hyun et al. 2009] (Abbildung 20).

Die Anwesenheit eines impaktierten überzähligen Zahnes kann eine Zahnimplantation oder auch augmentative-rekonstruktive Verfahren bei Patienten mit Gaumenspalten beeinträchtigen [Garvey et al., 1999; Wang Fan, 2011].


Überzählige Zähne können einzeln oder multipel auftreten [von Arx, 1990; Rajab Hamdan, 2002; Fernández Montenegro et al., 2006; Liu et al., 2007; Gündüz et al., 2008; Ferrés-Padró et al., 2009; Hyun et al., 2009]. Einzelne überzählige Zähne treten in 65,8 bis 80,5 Prozent, doppelte in 14,5 bis 27,7 Prozent und multiple in 0,6 bis 8 Prozent der Fälle auf [Rajab Hamdan, 2002; Fernández Montenegro et al., 2006; Liu et al., 2007; Ferrés-Padró et al., 2009; Hyun et al, 2009; Mossaz et al., 2014]. Einzelne oder doppelte überzählige Zähne finden sich typischerweise in der Oberkieferfront [Rajab Hamdan, 2002; Fernández Montenegroet al., 2006; Mossaz et al., 2014]. Multiple überzählige Zähne werden vor allem im Prämolarenbereich des Unterkiefers gefunden [Abbildung 4; YUSOF 1990, Ferrés-Padróet al., 2009; Wang Fan, 2011]. Multiple überzählige Zähne sind zudem oft mit anderen Erkrankungen oder Syndromen assoziiert, dazu gehören Lippen-Kiefer-Gaumenspalten, die cleidokraniale Dysplasie oder auch das Gardner-Syndrom. Bei Patienten mit einer Lippen-Kiefer-Gaumenspalte wird vermutet, dass sich die überzähligen Zähne aus der Fragmentierung der dentalen Lamina bei der Spaltbildung ergeben [Garvey et al., 1999; Wang Fan, 2011].

Die Ätiologie

Die Ätiologie überzähliger Zähne ist immer noch unklar, es wurden aber mehrere Theorien formuliert. Dazu gehören Atavismus (evolutionärer Rückschritt), Zweiteilung der Zahnkeime, Hyperaktivität der dentalen Lamina und genetische oder Umweltfaktoren. Der Atavismus oder die phylogenetische Theorie besagt, dass überzählige Zähne einem Wiederauftreten von anatomischen Merkmalen entsprechen, welche bei entfernten evolutionären Vorfahren ausgebildet waren [Bolk, 1917]. Diese Theorie basiert sich auf der Beobachtung, dass Vorfahrensäugetiere im Allgemeinen mehr Zähne hatten (beispielsweise sechs Schneidezähne). Heute gilt diese Theorie wegen des überwiegend singulären Auftretens der überzähligen Zähne als Mesiodentes im anterioren Oberkiefer median und auch der Lage der Mesiodentes außerhalb des regulären Zahnbogens als überholt [von Arx, 1990; Stellzig et al., 1997; Russell Folwarczna, 2003]. Die Zahnkeim-Dichotomie-Theorie beschreibt, dass sich die dentale Lamina während der frühen Zahnentwicklung in zwei Teile gleicher oder unterschiedlicher Größe teilt, was zur Ausbildung von zwei Zähnen mit ähnlicher Größe beziehungsweise einem normalen Zahn und einem dysmorphen Zahn führt [Sedano Gorlin, 1969; Primosch, 1981; von Arx, 1990]. Diese Theorie wurde noch kürzlich durch Mäuse-Experimente unterstützt [Munne et al., 2010]. Jedoch ist die am weitesten verbreitete und am besten akzeptierte Theorie die Hyperaktivitäts-Theorie. Diese besagt, dass überzählige Zähne die Folge einer lokalen, unabhängigen Hyperaktivität der dentalen Lamina darstellen [Primosch, 1981; von Arx, 1990; Stellzig et al., 1997; Rajab Hamdan, 2002; Russell Folwarczna, 2003; Wang Fan, 2011]. Die Vererbung könnte bei dieser Anomalie auch eine Rolle spielen, da überzählige Zähne bei Kindern von Betroffenen häufiger zu finden sind [Brook, 1984; Babu et al., 1998; Gallas Garcia, 2000]. Es wurde beschrieben, dass überzählige Zähne autosomal-rezessiv oder -dominant mit übertragen werden [Cadenat et al., 1977; Batra et al., 2005]. Ein Einfluss des Geschlechts wurde auch immer wieder hervorgehoben, da Männer häufiger als Frauen betroffen sind [Cadenat et al, 1977; Primosch, 1981; Russell Folwarczna, 2003; Wang Fan, 2011]. Brook (1984) schlug eine Kombination von genetischen und Umweltfaktoren vor, um das Auftreten der überzähligen Zähne zu erklären.

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