Volker Looman über die Qual der Wahl der „richtigen“ Krankenkasse

Auch Zahnärzte werden Väter ...

Der Autor ist freiberuflicher Finanzanalytiker in Stuttgart. Jede Woche veröffentlicht er in der FAZ einen Aufsatz über Geldanlagen. Außerdem unterstützt er Zahnärzte auf Honorarbasis bei der Gestaltung des Privatvermögens. privat

Mir ist bekannt, liebe Zahnärzte, dass sich Ihre Begeisterung für Zahlen in Grenzen hält. Trotzdem muss ich Sie heute mal wieder bitten, sich einen Taschenrechner zu schnappen. Genauso von Vorteil wären Papier, Bleistift und Radiergummi. Es geht um Ihre finanzielle Absicherung bei Krankheit, und ich möchte Sie ohne Umschweife fragen: Nun sagt, wie haben Sie‘s mit der Kasse – gesetzlich oder privat? Die Entscheidung für die eine oder andere Kasse ist im wahrsten Sinne eine Glaubensfrage, und aus diesem Grund möchte ich Ihnen heute, auch wenn ich nur Finanzanalytiker bin, mal ein bisschen kräftiger auf den Zahn fühlen, wie Sie‘s mit der Krankenkasse haben.

Bestimmt wissen Sie längst, dass die Entscheidung für die private Krankenkasse in der Regel eine Festlegung fürs Leben ist, weil Sie kaum Möglichkeiten haben, in die gesetzliche Krankenversicherung zurückzukehren.

Vor diesem Hintergrund will ich Ihnen ein paar Zahlen an die Hand geben. Bitte stellen Sie sich vor, dass Sie vom 30. bis zum 85. Lebensjahr – also 55 Jahre oder 660 Monate – in die Krankenkasse einzahlen.

Die Versicherungspflichtgrenze liegt zurzeit bei 4.800 Euro pro Monat. Wenn Sie als angestellter Zahnarzt mehr verdienen, können Sie in die private Krankenkasse wechseln. Sollten Sie das nicht vorhaben, müssen Sie monatlich 746 Euro auf den Tisch legen. Die Bemessungsgrundlage sind der monatliche Bruttolohn mit einem Deckel von 4.350 Euro und Beitragssätze von 14,6 Prozent für die Krankenkasse und 2,55 Prozent für die Pflegeversicherung. Sollten Sie (noch) keine Kinder haben, kommen 0,25 Prozent hinzu. Folglich gilt die Rechnung: 4.350 Euro mal 17,15 oder 17,40 Prozent, das sind 746 beziehungsweise 757 Euro.

Wenn wir schon beim Multiplizieren sind, dürfen Sie gleich weiterrechnen: 746 Euro mal 660 Monate sind 492.360 Euro. Das ist doch ein nettes Sümmchen, das Sie da im Lauf Ihres Lebens für die Krankenkasse bezahlen müssen, nicht wahr! Ich vermute jedoch, dass es in Wahrheit noch viel mehr sein wird.

Bei einem jährlichen Anstieg der Prämien um 2 Prozent kommen 883.000 Euro zusammen, und bei einem Anstieg von mehr als 2,4 Prozent haben Sie die Millionengrenze geknackt: Bei einer Dynamik von 5 Prozent kommen Sie auf eine Summe von 2.441.000 Euro, mit der Sie schon mal ein kleines Häuschen im Grünen bezahlen könnten.

Diese Summen sind Wasser auf die Mühlen von Verkäufern und Vermittlern privater Krankenversicherungen. Sie machen Ihnen die „alternativen“ Policen mit dem Hinweis schmackhaft, viel Geld sparen zu können und obendrein besser versichert zu sein. Dazu kann ich nur sagen: Vorsicht, Vorsicht, Vorsicht. Sie wissen ja, dass es nicht gut ist, dass der Mensch allein ist, und falls auch Sie das nicht möchten, will der Wechsel gut überlegt sein, weil dann in aller Regel die ganze Familie in der privaten Krankenkasse versichert werden muss, und das geht mächtig ins Geld.Ich habe mir im Internet zuerst einmal angesehen, wie hoch die Prämien für einen 30 Jahre alten Single sind. Bei der Halleschen bezahlt ein Mann monatlich 569 Euro, wenn die Police mit einem Selbstbehalt von 600 Euro und einem Trostpflaster von 100 Euro ab dem 43. Tag der Krankheit ausgestattet ist. Wollen Sie wieder mitrechnen? 569 Euro mal 660 Monate sind 375.540 Euro. Die Differenz zur gesetzlichen Krankenkasse (= 492.360 Euro) beträgt 116.820 Euro. Bei diesem Betrag kann ich schon verstehen, dass der eine oder die andere von Ihnen in Versuchung kommen kann. Bitte wundern Sie sich nicht, wenn der Vertreter kräftig Öl ins Feuer gießt. Er bekommt zwischen sechs und zwölf Monatsprämien als Provision, und für neun Sätze à 569 Euro kann man viel erzählen, wenn der Tag lang ist.

Nun müssen Sie freilich Farbe bekennen: Wie sieht es bei Ihnen mit dem Wunsch nach Ehepartner(in) und Kindern aus? Sie wissen ja, dass der Mensch zur Reproduktion neigt, und wenn Sie sich von diesem Verlangen nicht befreien können, sollten Sie zumindest den Preis der Krankenversicherung kennen.

Wenn der Mann in der Praxis arbeitet und die Frau zu Hause bleibt, kann das mit 760 Euro zu Buche schlagen. Dahinter verbirgt sich für den Mann eine optimierte Police mit einem Selbstbehalt von 2.000 Euro pro Jahr, einem Krankentagegeld von 300 Euro und einer Karenz von 92 Tagen. Die Police der Frau ist mit einem Selbstbehalt von 300 Euro pro Jahr ausgestattet. Kommen jetzt Kinder auf die Welt, kostet das pro Stück monatlich 129 Euro. Folglich liegt die Prämie für eine vierköpfige Familie bei 1.018 Euro. Nun sind wieder Sie an der Reihe. Wie hoch ist der Lebensaufwand?

Die korrekte Rechnung lautet in meinen Augen wie folgt: 760 Euro mal 660 Monate und 258 Euro mal 300 Monate, weil die Kinder ab dem 25. Lebensjahr (hoffentlich) ihre eigenen Wege gehen. Wenn Sie das genauso sehen, werden Sie wie ich auf 579.000 Euro kommen. Diese Summe kann niedriger ausfallen, wenn die Mutter berufstätig ist und „mit kleinen Prämien“ in der gesetzlichen Krankenkasse unterkommt. Umgekehrt wird die Summe bei wachsendem Kindersegen steigen. Daran mögen Sie sehen, dass die Wahl zwischen gesetzlicher und privater Krankenkasse eher eine Qual ist. Ich habe mich vor Jahrzehnten für den Verbleib in der gesetzlichen Krankenkasse entschieden – und es bis heute nicht bereut.

Kolumnen entsprechen nicht immer der Ansicht der Herausgeber.


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