Der besondere Fall mit CME

Pyogenes Granulom am Zungenrand

Eine 60 Jahre alte Patientin wurde über eine niedergelassene Zahnärztin in der Mund-, Kiefer- und Gesichtschirurgie in unserer Mainzer Praxisklinik vorstellig. Anlass war eine vor mehreren Wochen erstmalig aufgefallene Veränderung am Zungenrand links.

2
CME-
PUNKTE
CME-Fortbildung
Frischen Sie Ihr Wissen auf, sammeln Sie CME-Punkte

Abbildung 1: Klinischer Aspekt zum Zeitpunkt der Erstvorstellung mit Raumforderung am Zungenrand links mit glatter, rötlicher Oberfläche: Makroskopische Ulzerationen oder eine Fibrinbelegung sind nicht zu erkennen. Walter

Anamnestisch bestanden keine Schmerzen, der Befund sei tendenziell regredient. Weitere Erkrankungen bestanden bis auf Allergien keine, auch die Medikamentenanamnese war blande bis auf die Einnahme homöopathischer Mittel.

Bei der klinischen Untersuchung fiel eine kleine pigmentierte Veränderung an der Unterlippe rechts vor der wet line auf. Im Bereich des Zungenrandes links auf Höhe der Molaren konnte man eine Raumforderung sehen (Abbildung 1), die über das Zungenniveau hinausragte, umgeben von einer dezenten, eher sklerosierten Zone, wobei sich hier keine für ein Plattenepithelkarzinom typischen Teleangiektasien zeigten. Der Befund selbst zeigte eine nicht von normaler Schleimhaut überzogene, homogene Oberfläche ohne Fibrinablagerungen. Am caudalen Pol wirkte die Veränderung ulzeriert. Palpatorisch waren der Befund wie das sklerotische Nachbarareal relativ weich. Eine Druckdolenz bestand nicht. 

In Lokalanästhesie wurde eine komplette Exzisionsbiopsie durchgeführt und das entnommene Präparat der histopathologischen Untersuchung zugeführt. Dort wurde die Diagnose eines pyogenen Granuloms gestellt.

Diskussion

Beim pyogenen Granulom handelt es sich um eine nicht neoplastische, tumorähnlich wachsende Veränderung der Mundhöhle, die in jedem Lebensalter auftreten kann und mit 75 Prozent vornehmlich auf der Gingiva entsteht. Sie kann sich aber auch auf Lippe und Zunge bilden [Klöppel et al., 2009], auch ein Auftreten auf der Haut ist nicht unüblich.

Erstmalig beschrieben wurde das Krankheitsbild vermutlich bereits 1844. 1897 erhielt die Erkrankung den Namen Botryomycosis hominis, da man von einer von Pferden auf den Menschen übertragbaren Erkrankung ausging. Der heute noch geläufige Begriff des pyogenen Granuloms wurde 1904 durch Hartzell geprägt [Gomes et al., 2013], wenngleich diese Bezeichnung inhaltlich nicht richtig ist, weil es sich weder um ein Granulom noch um eine bakterielle Infektion handelt. 

Ein Granulom ist definiert als knötchenförmige Neubildung aus mononukleären Entzündungszellen und Epitheloid- oder Riesenzellen als Reaktion auf beispielsweise infektiöse Reize. 

Abbildung 2: Das pyogene Granulom ist ein gutartiger, fibro-vaskulärer Tumor der Haut und Schleimhäute. In der Übersicht erscheint es als zellreicher, ulzerierter Polyp (Bildausschnitt oben rechts) mit multiplen Gefäßen unterschiedlichen Durchmessers, partiell mit Austritt von Erythrozyten aus diesen (Bildausschnitt unten rechts). | Copyright: Renné

Abbildung 3: In der Vergrößerung erkennt man die zelluläre Mischung aus Gefäßproliferaten, Fibroblasten und entzündlichen Infiltraten mit multiplen neutrophilen Granulozyten. | Copyright: Renné

 

Dabei gibt es unterschiedliche Granulomtypen: 

  • das Sarkoidose-Granulom,
  • das Tuberkulose-Granulom,
  • Pseudotuberkulosegranulome,
  • rheumatoide Granulome und
  • das Fremdkörpergranulom [Riede and Schaefer, 1995]. 

Ätiologisch geht man beim pyogenen Granulom nicht von pyogenen Keimen, sondern von lokalen irritativen Faktoren aus. Besonders bei pyogenen Granulomen, die nicht auf der Gingiva zu finden sind, berichten Patienten über vorausgegangene Traumen. Histologisch handelt es sich um eine lobulär aufgebaute, kapilläre Gefäßwucherung [Klöppel et al., 2009]. 

Klinisch zeigen sich vornehmlich solitäre, glatte, rosafarbene bis rote, gegebenenfalls gelappte, leicht blutende Knötchen, die im Weiteren ulzerieren können und dann auch fibrinbedeckt sind. 

Eine Sonderform ist das Auftreten während der Schwangerschaft, meist gegen Ende des ersten Trimenons. Diese wird interpretiert als eine Exazerbation einer Schwangerschaftsgingivitis. Spontanremissionen nach der Schwangerschaft können auftreten [Klöppel et al., 2009]. Die Größe pyogener Granulome reicht von wenigen Millimetern bis zu mehreren Zentimetern. 

Symptomatisch für pyogene Granulome ist hauptsächlich eine erhöhte Blutungsneigung bestimmt, Schmerzen verursachen sie in aller Regel nicht. Teilweise zeigen sie ein extremes Größenwachstum.

Histologisch finden sich bei jungen pyogenen Granulomen dünnwandige anastomosierte Blutgefäße in lockerem, ödematösem und mäßig zellreichem Stroma, wodurch diese rötlich erscheinen. Durch Verletzungen können diese Veränderungen sekundär fibrosieren, so dass die Farbe von rot nach rosa umschlägt. Die entzündliche Komponente kann unterschiedlich stark ausgeprägt sein, aber auch komplett fehlen.

Therapeutisch würde man diese Befunde komplett exzidieren. Selten kommt es zu Rezidiven, bei denen dann in der Folge eine ausgedehntere Resektion erforderlich wird. 

Im vorliegenden Fall handelte es sich um ein pyogenes Granulom der Zunge. Die Patientin konnte sich jedoch an kein vorausgegangenes Trauma erinnern. Die Palpation des weichen Befunds und die homogene, gleichmäßige Oberfläche sprachen gegen ein malignes Wachstum, jedoch stellt das Plattenepithelkarzinom der Mundhöhle eine ernst zu nehmende Differenzialdiagnose dar. 

Fazit für die Praxis

  • Das pyogene Granulom kann in jedem Lebensalter auftreten.
  • Eine typische Differenzialdiagnose stellt das Plattenepithelkarzinom der Mundhöhle dar.
  • Die Therapie besteht aus der chirurgischen Exzision.

Prof. Dr. Dr. Christian Walter
Mund-, Kiefer-, Gesichtschirurgie
Medi+, Zahnärztliche Praxisklinik
Haifa Allee 20, 55128 Mainz
walter@mainz-mkg.de

Dr. Angelika Webersinke
Zahnarztpraxis Pfungstadt
Feldstr. 42, 64319 Pfungstadt

PD Dr. Christoph Renné
Fachärzte für Pathologie
Gemeinschaftspraxis Wiesbaden
Ludwig-Erhard-Str. 100, 65199 Wiesbaden

Literatur:

Gomes, S. R., Shakir, Q. J., Thaker, P. V. & Tavadia, J. K. (2013): Pyogenic granuloma of the gingiva: A misnomer? – A case report and review of literature. J Indian Soc Periodontol, 17, 514–9.

Klöppel, G., Kreipe, H. H. & Remmele, W. (2009): Pathologie Kopf-Hals-Region Weichgewebstumoren Haut. Berlin, Heidelberg, Springer.

Riede, U. N. & Schaefer, H. E. (1995): Allgemeine und spezielle Pathologie. Stuttgart, Thieme Verlag.

302465301105301106301107307270 297433 307186
preload image 1preload image 2preload image 3preload image 4preload image 5preload image 6preload image 7preload image 8preload image 9preload image 10preload image 11preload image 12preload image 13preload image 14preload image 15preload image 16preload image 17preload image 18preload image 19preload image 20preload image 21preload image 22preload image 23preload image 24preload image 25preload image 26preload image 27preload image 28preload image 29preload image 30preload image 31preload image 32preload image 33preload image 34preload image 35preload image 36preload image 37preload image 38preload image 39preload image 40preload image 41preload image 42preload image 43preload image 44preload image 45preload image 46preload image 47preload image 48preload image 49preload image 50preload image 51preload image 52preload image 53preload image 54preload image 55preload image 56preload image 57preload image 58preload image 59preload image 60preload image 61preload image 62preload Themeimage 0preload Themeimage 1preload Themeimage 2preload Themeimage 3preload Themeimage 4preload Themeimage 5preload Themeimage 6preload Themeimage 7preload Themeimage 8preload Themeimage 9preload Themeimage 10preload Themeimage 11preload Themeimage 12preload Themeimage 13preload Themeimage 14preload Themeimage 15preload Themeimage 16preload Themeimage 17preload Themeimage 18preload Themeimage 19preload Themeimage 20preload Themeimage 21preload Themeimage 22preload Themeimage 23preload Themeimage 24preload Themeimage 25preload Themeimage 26preload Themeimage 27preload Themeimage 28
Bitte bestätigen Sie
Nein
Ja
Information
Ok
loginform
Kommentarvorschau
Kommentarvorschau schliessen
Antwort abbrechen
Ihr Kommentar ist eine Antwort auf den folgenden Kommentar

Keine Kommentare