Volker Looman zum „Rebalancing“ des Gesamtvermögens

Die große und die kleine Kehrwoche

Der Autor ist freiberuflicher Finanzanalytiker in Stuttgart. Jede Woche veröffentlicht er in der FAZ einen Aufsatz über Geldanlagen. Außerdem unterstützt er Zahnärzte auf Honorarbasis bei der Gestaltung des Privatvermögens. www.looman.de

Die meisten Anleger sind ängstliche Genossen, wenn es um Geld geht, und viele Börsianer sind undisziplinierte Gesellen, wenn Ausdauer und Standhaftigkeit gefragt sind. Die Aussagen sind harte Kost, doch bevor Sie jetzt die Augenbrauen hochziehen und das Heft zur Seite legen, bitte ich Sie, sich einen Cappuccino zu gönnen und mit mir einen Blick hinter die Kulissen zu werfen. Bitte stören Sie sich nicht an den genannten Summen: Erstens sind diese nur Beispiele und zweitens wird gerne die – je nach Lage – erhebliche gestiegene Wertzumessung der Immobilien vergessen. Dann wird alles gut werden.

Die wichtigste Entscheidung bei der Geldanlage ist die Verteilung des Gesamtvermögens auf die fünf Töpfe Bargeld, Anleihen, Immobilien, Aktien und Rohstoffe. Wenn das gesamte Vermögen zwei Millionen Euro umfasst, können beispielsweise 5 Prozent (100.000 Euro) in Bargeld, 20 Prozent (400.000 Euro) in Anleihen, 50 Prozent (1.000.000 Euro) in Immobilien, 20 Prozent (400.000 Euro) in Aktien und 5 Prozent (100.000 Euro) in Gold angelegt werden.

Die Aufteilung hat gravierende Konsequenzen. Sie haben sich entschieden, jeweils 50 Prozent in „mobile“ und in „immobile“ Anlagen zu investieren. Die beweglichen Anlagen bestehen zu 10 Prozent aus Bargeld, zu 40 Prozent aus Anleihen, zu 40 Prozent aus Aktien und zu 10 Prozent aus Rohstoffen. Die Mobilien unterliegen im Gegensatz zu den Immobilien „starken“ Schwankungen, so dass es nötig ist, das Vermögen einmal pro Jahr wieder auf Vordermann zu bringen.

Die Revision wird von Fachleuten als „Rebalancing“ bezeichnet. Sie haben zu Beginn des Jahres eine Million auf Konten und in Depots. Nach einem Jahr sind nur noch 900.000 Euro vorhanden. Im Topf mit dem Bargeld liegen 100.000 Euro. Die Anleihen sind 380.000 Euro wert. Die Aktien könnten für 325.000 Euro verkauft werden. Das Gold hat einen Wert von 95.000 Euro. Das bedeutet, dass Sie zwar 10 Prozent des mobilen Vermögens, aber nur 5 Prozent des Gesamtvermögens verloren haben. Wir sollten aber vorsichtig sein, von Verlusten zu sprechen, weil Verluste etwas „Endgültiges“ sind. Bei Ihnen ist das Leben noch nicht zu Ende. Es kann mit Ihnen und Ihrem lieben Geld weiter bergab, aber auch wieder bergauf gehen.

Bitte holen Sie den Verteilungsplan aus der Schublade. Dort wurde vereinbart, das mobile Vermögen zu jeweils 10 Prozent in Bargeld und Rohstoffe und zu jeweils 40 Prozent in Anleihen und Aktien anzulegen. Bei einem (neuen) Vermögen von 900.000 Euro bedeutet der Schlüssel, jeweils 90.000 Euro in Bargeld und Gold und jeweils 360.000 Euro in Anleihen und Aktien zu investieren. Wenn Sie ein standhafter Anleger sind, werden Sie die Zähne zusammenbeißen und die Folgen tragen. Sie nehmen 10.000 Euro aus dem Bargeldtopf, stoßen für 20.000 Euro einige Anleihen ab, versilbern Gold im Wert von 5.000 Euro und stecken 34.900 Euro in Aktien. Die restlichen 100 Euro investieren Sie in Baldrian und Champagner, um für die Zukunft gerüstet zu sein.

Was für das mobile Vermögen gilt, wird bei den Anleihen und Aktien nicht ungültig. Ich gehe davon aus, dass Sie für die Aktien eine solide Mischung aus aller Welt zusammengestellt haben. Ich favorisiere zum Beispiel einen Strauß, der zu jeweils 40 Prozent aus amerikanischen und europäischen Aktien und zu 20 Prozent aus asiatischen Titeln besteht. In Amerika setze ich jeweils zur Hälfte auf große und kleine Firmen, in Europa stecke ich jeweils ein Drittel in große, mittlere und kleine Unternehmen, und in Asien verteile ich das Geld zu jeweils einem Viertel auf China, Indien, Korea und Japan. Das sind neun Indexfonds mit einem Anteil von zweimal 20, dreimal 13,33 und viermal 5 Prozent, so dass die Aktiensumme bei 100 Prozent liegt.

Nun kommt’s: Die neun Indexfonds werden sich bestimmt nicht gleich entwickeln. Mal rennt der Amerikaner, mal hinkt der Chinese, mal liegt der Europäer auf der Nase. Folglich müssen Sie das Depot einmal im Jahr wieder ins Lot bringen. Wenn der Wert aller Aktien im Laufe des zweiten Jahres von 360.000 auf 400.000 Euro steigt und die anderen Geldanlagen ihre Werte behalten, muss am Ende des Jahres zweimal Kehrwoche gemacht werden, wie es im Schwäbischen heißt. Die „große Kehrwoche“ bedeutet, das Bargeld um 4.000 Euro zu erhöhen, die Anleihen um 16.000 Euro aufzustocken, die Aktien um 24.000 Euro zu senken und die Rohstoffe um 4.000 Euro heraufzusetzen. Die „kleine Kehrwoche“ verlangt, dass die Summe je Amerikafonds exakt 75.200 Euro beträgt. In dem europäischen Indexfonds müssen jeweils 50.133 Euro liegen, und in jedem Asienfonds sollten 18.800 Euro liegen. Das wird mit hoher Wahrscheinlichkeit aber nicht der Fall sein, so dass in jedem Fonds entsprechende Korrekturen nötig sind.

Bitte kommen Sie mir jetzt nicht mit dem Hinweis, das sei grober Unfug, frau solle laufen lassen, was nicht zu halten sei, und man habe keine Lust, für die Mitnahme von Gewinnen auch noch Steuern zu zahlen. Dazu kann ich nur zwei Dinge sagen. Erstens ist die Streuung wichtiger als die Steuer, und zweitens sollten Sie Ihre schönen Grundsätze nicht ständig über den Haufen werfen. Oder neigen Sie dazu, im Liebesleben nach demselben Schema vorzugehen, wenn es bei Ihnen gerade nicht so läuft, wie Sie sich das gerade vorstellen? Sollte das wider Erwarten der Fall sein, möchte ich nicht wissen, wie hoch Ihre amouröse Performance in 20 Jahren sein wird ...

Kolumnen entsprechen nicht immer der Ansicht der Herausgeber.

Der Autor ist freiberuflicher Finanzanalytiker in Stuttgart. Jede Woche veröffentlicht er in der FAZ einen Aufsatz über Geldanlagen. Außerdem unterstützt er Zahnärzte auf Honorarbasis bei der Gestaltung des Privatvermögens.

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