Wegbereiter der Zahnheilkunde – Teil 15

Wolfgang Rosenthal – der prominenteste Kieferchirurg

Eine Biografie entlang der Schlagwörter des 20. Jahrhunderts: Kriegslazarettchirurg, NSDAP-Mitglied, Viertel-Jude, Ariernachweis, Sowjetzone, SED-Mitglied, fehlende Linientreue und „Verdienter Arzt des Volkes“. Als Zahnmediziner war Wolfgang Rosenthal (1882–1971) Pionier in der Gesichtstraumatologie und auf dem Gebiet der Spaltchirurgie – mit systematischer logopädischer und otologischer Begleittherapie.

Wolfgang Rosenthal, Pionier in der Gesichtstraumatologie und auf dem Gebiet der Spaltchirurgie (Porträtsammlung Berliner Hochschullehrer; Historische Sammlungen der Universitäts-Bibliothek, Bilddokumente, ID 10795)

Wolfgang Rosenthal wurde am 8. September 1882 in Friedrichshagen bei Berlin als Sohn eines Schuldirektors geboren [Groß et al., 2018; vgl. auch Müller, 1992; Ackermann, 2008]. Er besuchte die Thomasschule in Leipzig, wo er Mitglied des Thomanerchors wurde und 1902 das Abitur ablegte. 1902/03 studierte er ein Semester Jura in München, schloss eine längere Afrikareise an und schrieb sich schließlich im Dezember 1904 in Leipzig für Humanmedizin ein. Im Dezember 1909 bestand er dort das medizinische Staatsexamen, wurde im Juli 1910 promoviert und erlangte im Januar 1911 die ärztliche Approbation [Müller, 1992; Groß et al., 2018]. 

Von 1911 bis 1914 durchlief Rosenthal am Chirurgisch-Poliklinischen Institut in Leipzig die Weiterbildung zum Chirurgen. Anschließend war er bis 1918 im Militärdienst als Chirurg im Reservelazarett für Kiefer- und Gesichtsverletzte in Leipzig tätig, wo er umfassende spezialchirurgische Kenntnisse erwarb. 1918 habilitierte er sich – ebenfalls in Leipzig – im Fach Chirurgie. Bereits seit den 1920er-Jahren engagierte er sich für die Belange von Patienten mit Lippen-Kiefer-Gaumenspalten [Sonntag/Rosenthal, 1930; Rosenthal, 1935]. 

Der nächste größere Karriereschritt gelang Rosenthal im März 1928: Er wurde zum außerplanmäßigen, nichtbeamteten Professor für Chirurgie der Leipziger Medizinischen Fakultät bestellt; zugleich war er als Chirurg und Orthopäde in Leipzig niedergelassen. 1931 entschied er sich zur Aufnahme des Studiums der Zahnheilkunde, um seine Chancen auf ein Ordinariat im Fach Mund-Kiefer-Gesichtschirurgie zu verbessern. Um eine Prüfung durch seine Leipziger Kollegen zu umgehen, legte er das Staatsexamen 1933 in Erlangen ab [Müller, 1992; Groß et al., 2018]. 

Kurz nach der Machtergreifung Hitlers trat Rosenthal in die NSDAP ein (Mai 1933); auch in anderen NS-Organisationen wurde er Mitglied [Müller, 1992; Groß et al., 2018]. Im „Dritten Reich“ schien sich seine Karriere zunächst zügig weiterzuentwickeln: Im April 1936 wurde ihm eine planmäßige außerordentliche Professur für die Leitung der chirurgischen Abteilung der Zahnärztlichen Universitäts-Klinik und -Poliklinik in Hamburg offeriert. Und es gelang ihm, zwei der wichtigsten Funktionen im jungen Fach MKG-Chirurgie zu besetzen: So übernahm er 1936 die Schriftleitung des „Zentralblattes für Zahn-, Mund- und Kieferheilkunde“ [Vigna, 2017]; 1937 wurde er zudem Vorsitzender der „Gesellschaft für Kieferchirurgie“ [Müller, 1992; Groß et al., 2018]. 

Doch das Jahr 1937 markierte zugleich einen Wendepunkt in seiner Karriere: Die Berufung nach Hamburg kam trotz vielversprechender Verhandlungen nicht zustande. Die „Reichsstelle für Sippenforschung“ hatte mitgeteilt, dass Rosenthals Großvater Johannes Josef Rosenthal (1820–1878) bis zu seiner Taufe im Jahr 1849 „Volljude“ gewesen sei, wodurch Wolfgang Rosenthal als „Viertel-Jude“ galt. In der Folge verlor er im August 1937 seine Anstellung an der Universität Leipzig. Auch der Vorsitz der Fachgesellschaft wurde ihm entzogen [Augner, 1991; Müller, 1992; Lambrecht, 2006]. Ende 1937 musste er die Redaktion des Zentralblattes abgeben; ab 1939 findet man von ihm auch als Autor keine Beiträge mehr [Vigna, 2017]. Selbst das von ihm und Erich Sonntag 1930 publizierte „Lehrbuch der Mund- und Kieferchirurgie“ durfte nicht mehr erscheinen [Sonntag/Rosenthal, 1930]. In Anbetracht seiner Entlassung sah sich Rosenthal gezwungen, in Leipzig eine eigene Praxis zu eröffnen [Müller, 1992]. Trotzdem war er fest entschlossen, gegen seine Einordnung als „Viertel-Jude“ vorzugehen. So legte er eine eidesstattliche Erklärung seiner Schwester vor, in der diese versicherte, dass ihr gemeinsamer Vater in Wahrheit einem „Fehltritt“ der Großmutter mit dem „arischen“ Adligen Graf Martin von Schönborn-Köhler entstamme. Später veranlassten Rosenthal und seine Tochter sogar erb- und rassekundliche Untersuchungen zu ihrer Abstammung durch das „Kaiser-Wilhelm-Institut für Anthropologie, menschliche Erblehre und Eugenik“ in Berlin. Obwohl die „Reichsstelle für Sippenforschung“ letztlich am 17. Mai 1943 in einem Abstammungsbescheid feststellte, dass Rosenthal „deutschen oder artverwandten Blutes“ sei, blieb ihm de facto die Rückkehr an die Universität verwehrt [Müller, 1992]. Immerhin erhielt er ein Angebot als Leiter der Luftrettungsstelle Leipzig-Mitte, das er annahm. Schwerpunkt seiner Tätigkeit wurde jedoch eine kieferchirurgische Privatklinik in Thallwitz, die er 1943 gegründet hatte, nachdem seine Praxis in Leipzig zerbombt worden war [Ackermann, 2008; Koch, 2011].

Ähnlich wie Georg Axhausen [zm 5/2018] sprach sich Rosenthal im „Dritten Reich“ mehrfach gegen Zwangssterilisationen von Patienten mit (erblicher) Lippen-Kiefer-Gaumenspalte aus – im Gegensatz zu Martin Waßmund, der im Sinne der NS-„Rassenhygiene“ für derartige Zwangsmaßnahmen eintrat [Thieme, 2012; Rosenthal, 1935]. 

Nach 1945 formulierte Rosenthal explizit Ansprüche auf eine ordentliche Professur. Wohl um seine Karrierechancen in der Sowjetzone nicht zu gefährden, behauptete er, nie Mitglied der NSDAP gewesen zu sein. Zudem machte er sich im Rahmen eines Berufungsverfahrens zwei Jahre jünger – immerhin hatte er bei Kriegsende das 60. Lebensjahr bereits überschritten. Auch trat er rasch in die SPD ein; nach der Zwangsvereinigung von SPD und KPD wurde er so 1946 Mitglied der SED [Müller, 1992]. 

 Mit der Annahme des Rufes an die Berliner Humboldt-Universität im Mai 1950 rückte Rosenthal – 67-jährig – in die Riege der Ordinarien auf; seine Tätigkeit in Thallwitz durfte er in Teilzeit weiterführen [Müller, 1992; Groß et al., 2018]. Es folgte eine Phase breiter fachlicher Anerkennung: 1951 wurde Rosenthal Ehrenmitglied der „American Cleft Palate Association“, die DDR verlieh ihm den Titel „Verdienter Arzt des Volkes“, 1955 folgte der „Nationalpreis der DDR“. Im selben Jahr wurde er zudem in die „Deutsche Akademie der Naturforscher Leopoldina“ aufgenommen [Müller, 1992; Groß et al., 2018]. 

Auch seine Karriere an der Universität in Berlin erreichte in diesen Jahren einen späten Höhepunkt: 1951 wurde er Prodekan der Medizinischen Fakultät, 1952 Dekan. Die Universität Leipzig verlieh ihm ein Ehrendoktorat, und im Juli 1952 wurde Rosenthal zum ersten Vorsitzenden der „Gesellschaft für Zahn-, Mund- und Kieferheilkunde“ ernannt [Müller, 1992; Groß et al., 2018]. 

Zeitgleich kamen indes Hinweise auf, dass Rosenthal sich „nicht parteikonform“ verhalte. Offenbar waren ihm fachliche Gesichtspunkte wichtiger als Linientreue. Aufgrund anhaltender Differenzen schied er schließlich im April 1956 aus allen Ämtern der Humboldt-Universität aus. 1957 wurde er offiziell emeritiert [Müller, 1992]. Dagegen blieb er in Thallwitz auch nach seiner Emeritierung als Ärztlicher Direktor tätig. Letztere wurde später in „Wolfgang-Rosenthal-Klinik“ umbenannt. 

Rosenthal trat zudem über viele Jahre als Solosänger und als Mitglied des „Rosenthal-Quartetts“ hervor. Er erreichte hierbei einen beachtlichen Bekanntheitsgrad [Augner, 1991; Müller, 1992; Ackermann, 2008]. Rosenthal starb am 10. Juni 1971 in Berlin an den Folgen einer Oberschenkelfraktur [Augner, 1991; Ackermann, 2008].

Mehr Lebensqualität für die MKG-Patienten

Sein Vermächtnis betrifft vor allem den Bereich der Kiefer- und Gesichtstraumatologie und das Gebiet der Spaltchirurgie. Bereits im Ersten Weltkrieg hatte Rosenthal die Lebensqualität von Tausenden von Kiefer- und Gesichtsverletzten verbessern können und mehr als 100 Knochentransplantationen durchgeführt [Ackermann, 2008]. 1916 beschrieb er zudem ein neues Verfahren zur Neurotisation der mimischen Gesichtsmuskulatur bei Fazialislähmungen mithilfe von trigeminusversorgter Kaumuskulatur. Er entwickelte auch eine (bald international etablierte) Variante der „Pharynxplastik“, die bei postdiphterischen Lähmungen, Verletzungen oder Gaumen-Segel-Rachen-Fehlbildungen angewendet wird: Hierbei bildete er aus der Rachenhinterwand einen gestielten Schleimhautmuskellappen und nähte diesen mit dem Ziel einer muskulären Neurotisation in das insuffiziente Gaumensegel ein. In seiner Habilitationsschrift über die „Erfahrungen auf dem Gebiete der Uranoplastik“ [Rosenthal, 1917] beschrieb er die sogenannte „Spaltausfüllung“, die später bei kongenitalen und bei erworbenen Gaumendefekten zum Einsatz kam. Im „Lehrbuch der Mund- und Kieferchirurgie“ [Sonntag/Rosenthal, 1930] dokumentierte er eine bereits 1927 durchgeführte Unterkieferdistraktion – ein Verfahren, das Ende des 20. Jahrhunderts als Innovation der Dysgnathie-Chirurgie „wiederentdeckt“ wurde. Rosenthal gehörte zudem zu den ersten Spaltchirurgen, die für eine systematische logopädische und otologische Begleittherapie eintraten. Bekanntheit erlangte auch der „Rosenthalsperrer“, ein Instrument, das er gemeinsam mit der Ulmer Firma Ulrich zur besseren Übersicht über die Mund-, Nasen- und Rachenhöhle entwickelte [Ackermann, 2008]. 

1951 wurde Rosenthal Herausgeber der Zeitschrift „Deutsche Stomatologie“. Nun erschien auch sein Lehrbuch „Spezielle Zahn-, Kiefer- und Gesichtschirurgie“, das mehrfach aufgelegt wurde [Rosenthal, 1951]. 

Rosenthal überzeugte auch als Hochschullehrer [Gabka/Wagner, 1995] und brachte sich in die Berufspolitik ein: An der Aufhebung des Dentisten-Berufs und der Schaffung eines zahnärztlichen Einheitsstandes in der DDR war er maßgeblich beteiligt. Auf die zahnärztliche Studienreform nahm er ebenfalls starken Einfluss. Er sprach sich für eine breite allgemeinmedizinische Grundausbildung aus, um die Akzeptanz der Zahnheilkunde als gleichwertiges Fach neben der Medizin zu fördern [Gabka/Wagner, 1995].

Neben alldem entfachte Rosenthal einen nahezu beispiellosen Nachruhm: 1962 war er zum Ehrenbürger der Gemeinde Thallwitz ernannt worden. 1968 wurde der „Wolfgang-Rosenthal-Preis“ der „Gesellschaft für Stomatologie der DDR“ ins Leben gerufen [Künzel, 2010]. Schließlich trägt die 1981 in Hüttenberg (Hessen) gegründete Selbsthilfevereinigung für Betroffene und Angehörige von Menschen mit Lippen-Kiefer-Gaumenspalten seinen Namen [Wolfgang-Rosenthal-Gesellschaft, 2017]. 

Univ.-Prof. Dr. mult. Dominik Groß
Institut für Geschichte, Theorie und Ethik der Medizin, Medizinische Fakultät
RWTH Aachen University, MTI II
Wendlingweg 2, 52074 Aachen
dgross@ukaachen.de

 

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