Wegbereiter der Zahnheilkunde – Teil 16

Gustav Korkhaus – 29 Jahre Präsident der DGKFO

Gustav Korkhaus (1895–1978) zählt zu den deutschen Pionieren der Kieferorthopädie. Sein besonderes Interesse galt der kieferorthopädischen Diagnostik, der Therapie der Gebissanomalien und der kieferorthopädischen Prophylaxe. Er war Herausgeber der „Fortschritte der Orthodontik“, Geräteentwickler und eine international geschätzte Koryphäe seines Faches. Seine Rolle im „Dritten Reich“ wird kontrovers diskutiert.

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Korkhaus wurde am 4. Januar 1895 in Köln geboren. Dort besuchte er die Volksschule (ab 1901), die Realschule (ab 1906) und die Oberrealschule (ab 1912), die er 1914 mit dem Abitur abschloss. Unmittelbar nach der Schule trat er als Freiwilliger in den Kriegsdienst ein, wo er an der West-, an der Ostfront und auf dem Balkan eingesetzt wurde [Hausser/Urban, 1978; Wesemann, 1987; Forsbach, 2006]. Für seine Dienste erhielt er das Eiserne Kreuz II. Klasse und das Frontkämpferkreuz [Forsbach, 2006].

Ab 1918 studierte er Zahnheilkunde in Berlin und Bonn, wo er 1920 die Approbation erlangte und 1921 mit einer Arbeit über „Die Extraktionsfrage in der Orthodontie mit besonderer Berücksichtigung der Extraktion der oberen Eckzähne“ zum Dr. med. dent. promoviert wurde [Korkhaus, 1921]. Korkhaus verblieb in der Folgezeit bei seinem akademischen Lehrer, dem jüdischen Ordinarius Alfred Kantorowicz, in Bonn [Hausser/Urban, 1978; Groß, 2017]. 1925 heiratete er Margot Korkhaus, geborene Sprengholz; aus der Ehe ging ein Sohn hervor [Wesemann, 1987; Hausser/Urban, 1978; Forsbach, 2006].

1927 wurde Korkhaus auf Veranlassung seines Mentors Kantorowicz zum Leiter der Kieferorthopädischen Abteilung der Bonner Schulzahnklinik ernannt – eine Position, die er bis April 1934 beibehielt. 1929 erfolgten, ebenfalls in Bonn, seine Habilitation und die Ernennung zum Privatdozenten [Hausser/Urban, 1978; Forsbach, 2006]. In seiner Habilitationsschrift (1929) widmete er sich dem „Einfluss der Erbmasse auf die Entwicklung des Gebisses“. Während er vor 1933 politisch in der Nähe der nationalliberalen „Deutschen Volkspartei“ (DVP) verortet wurde, schloss er sich nach der Machtergreifung Hitlers in rascher Folge zahlreichen NS-Organisationen an, darunter dem NS-Ärztebund, der NSDAP und dem NS-Dozentenbund [Forsbach, 2006; Kirchhoff, 2009].

Ab Mitte der 1930er-Jahre nahm seine Karriere Fahrt auf: Am 30. November 1935 wurde er in Bonn außerordentlicher, am 4. November 1939 außerplanmäßiger Professor. 

Weitgereist? Das fanden einige Nazis suspekt

Allerdings blieb Korkhaus der letzte Karriereschritt – der von ihm erklärtermaßen angestrebte Lehrstuhl [Forsbach, 2006] – zunächst verwehrt. Hintergrund war der Umstand, dass die Führungsriege der NS-Zahnärzteschaft sich uneins in der charakterlichen Beurteilung des polyglotten, international weit gereisten Wissenschaftlers zeigte. Während Korkhaus die Protektion des Reichszahnärzteführers Ernst Stuck genoss, blieb er dem „Hochschulreferenten für Zahnmedizin im Stab ‚Stellvertreter des Führers‘“, Karl Pieper, suspekt [Forsbach, 2006]. 

Nach Kriegsende musste sich Korkhaus wie viele seiner Berufskollegen der Frage nach seinem Verhältnis zum Nationalsozialismus stellen. Ein universitätsinterner Prüfungsausschuss unter Mitwirkung des Dekans Erich von Redwitz kam noch im Herbst 1945 zu dem Schluss, dass ein „sofortiges Wiederauftreten“ von Korkhaus „in der Öffentlichkeit“ nicht angemessen sei. Korkhaus erklärte seinerseits im Entnazifizierungsverfahren, dass ihm der Lehrstuhl, den er eigentlich aufgrund seiner Leistung hätte beanspruchen können, aus politischen Gründen versagt worden sei [Forsbach, 2006]. Letztlich zog sich das Entnazifizierungsverfahren – wie so viele Verfahren – bis 1948 hin. Es endete am 5. Februar mit der Einstufung Korkhaus‘ in Kategorie V („Entlastete“) [HStA Düsseldorf, NW 1049–54022 – zitiert nach: Forsbach, 2006]. 

Allerdings hatte sich schon 1946 angedeutet, dass er seine wissenschaftliche Laufbahn würde fortsetzen können: In diesem Jahr wurde er als Hochschullehrer von der Militärregierung bestätigt und mit der kommissarischen Leitung der Bonner Zahnklinik betraut. Mit Wirkung vom 1. November 1948 wurde er dann zum Ordinarius für Zahnheilkunde und zum Direktor der Bonner Zahnklinik ernannt [Forsbach, 2006]. 1954 wurde Korkhaus zudem Dekan der Medizinischen Fakultät – eine Funktion, die er bis 1956 wahrnahm. Am 1. Mai 1966 wurde er emeritiert. Er starb am 16. Juni 1978 in Bonn im Alter von 83 Jahren nach „kurzer, schwerer Krankheit“ [Hausser/Urban, 1978]. 

„Ein Repräsentant von Weltruf“

Korkhaus gehört in fachlicher Hinsicht zu den wirkmächtigsten und erfolgreichsten deutschen Zahnärzten der Nachkriegszeit – Erich Hausser nennt ihn in seinem Nachruf gar „einen wissenschaftlichen Repräsentanten von Weltruf“ [Hausser/Urban, 1978]. Sein spezifisches Interesse galt der Kieferorthopädie – er ist einer der deutschen Pioniere dieses Fachs. Schon Anfang der 1930er-Jahre hatte er zusammen mit seinem Förderer Kantorowicz ein Diagnostik-Schema etabliert, bei der Gruppen mit „vorwiegend umweltbedingten“ und Gruppen mit „vorwiegend erbgebundenen“ Kieferanomalien differenziert wurden („Bonner Schule“). Bereits 1931 hatte er die Vorgängerzeitschrift der heutigen „Fortschritte der Kieferorthopädie“, die „Fortschritte der Orthodontik in Theorie und Praxis: Internationale Zeitschrift für Kiefer- und Gesichtsorthopädie“ gegründet und auch die Herausgeberschaft übernommen [Hausser/Urban, 1978]. Zudem fungierte er bereits seit 1937 als Präsident der „Deutschen Gesellschaft für Kieferorthopädie“ [100 Jahre, 2008]. 

In den 1930er-Jahren begann sich der Terminus „Kieferorthopädie“ durchzusetzen, während bis zu diesem Zeitpunkt der Begriff „Orthodontik“ – angelehnt an den angloamerikanischen Terminus „Orthodontics“ – üblich war. Gemeint ist in beiden Fällen das Teilgebiet der Zahnheilkunde, das sich mit der Erkennung, der Beurteilung und der Verhütung beziehungsweise der Behandlung von Fehlstellungen der Kiefer und der Zähne befasst. 

Korkhaus galt als ausgezeichneter Diagnostiker und als ebenso kundiger Hochschuldidakt. Dorothea Dausch-Neumann [2009] verweist insbesondere auf den 4. Band des von Christian Bruhn und Cart Partsch herausgegebenen „Handbuchs der Zahnheilkunde“, in dem Korkhaus das Gebiet „der Gebiss- und Kieferorthopädie unter anatomisch-topografischen, statisch-funktionellen, cephalometrischen und entwicklungsgeschichtlichen Gesichtspunkten“ sowie im 2. Teil die „Biomechanische Gebiss- und Kieferorthopädie“ mit der damaligen „Therapie der Gebissanomalien“ darstellt und erläutert. Besagte Darstellungen repräsentieren Dausch-Neumann zufolge den gesamten zeitgenössischen „Wissensstand unserer Kieferorthopädie in ausführlicher Art und Weise unter Berücksichtigung der gesamten damaligen Literatur“.

Aufgrund seiner guten Fremdsprachenkenntnisse erlangte Korkhaus rasch internationale Beachtung und knüpfte Beziehungen zu allen führenden Kieferorthopäden. So wurde er auch zu einem der fünf Gründungsmitglieder des „Club international de morphologie faciale“ [Hoffer, 1972]. 

Sein besonderes Interesse galt neben den Fragen der kieferorthopädischen Diagnostik der Ätiologie der Gebissanomalien und der kieferorthopädischen Prophylaxe und Frühbehandlung. Er entwickelte eine Reihe technischer Gerätschaften, etwa einen dreidimensionalen Zirkel, ein Orthometer, einen Symmetrografen und ein Lingualschloss.

Korkhaus hinterließ mehr als 300 wissenschaftliche Publikationen, darunter mehrere Lehrbücher [Reichenbach, 1969; Wesemann, 1987). Ihm wurden 26 Ehrenmitgliedschaften ausländischer wissenschaftlicher Gesellschaften und neun Honorarprofessuren an ausländischen Universitäten zuteil; erwähnt seien beispielhaft die Ehrenprofessuren der Universitäten Santiago/Chile, La Paz/Bolivien und Medellin/Bolivien [Hausser/Urban, 1978; Wesemann, 1987; Klee, 2014].

DGKFO-Präsident im NS-Staat – und in der BRD

Korkhaus war sowohl im „Dritten Reich“ als auch in der Bundesrepublik, von 1937 bis 1966, Präsident der „Deutschen Gesellschaft für Kieferorthopädie“ (DGKFO) – länger als jeder andere Präsident vor oder nach ihm [100 Jahre, 2008]. Auch hierin zeigt sich die Kontinuität seiner Karriere, die ihm schließlich auch eine Ehrenmitgliedschaft in der DGKFO einbrachte. Zu seinen zahlreichen weiteren Ehrungen gehören die Aufnahme in die Leopoldina (1953), das „Große Verdienstkreuz der Bundesrepublik Deutschland“ (1955), das Offizierskreuz der „Palmes académiques“ Paris (1958) und das Offizierskreuz des französischen Verdienstordens (1966) [Hausser/Urban, 1978]. Seit 1964 war er zudem Ehrenmitglied der DGZMK [Groß/Schäfer, 2009]. Die dentalhistorische Sammlung am Zentrum für Zahn-, Mund- und Kieferheilkunde der Universität Bonn trägt bis auf den heutigen Tag den Namen „Gustav-Korkhaus-Sammlung“ [Gustav-Korkhaus-Sammlung, 2017]. 

Univ.-Prof. Dr. mult. Dominik Groß
Institut für Geschichte, Theorie und Ethik der Medizin, Medizinische Fakultät
RWTH Aachen University, MTI II
Wendlingweg 2, 52074 Aachen
dgross@ukaachen.de

 

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Die Entwicklung eines Faches hängt in erheblichem Umfang von genialen oder wegweisenden Ideen einzelner Fachvertreter ab. Bisweilen reicht es allerdings auch, dass eine bestimmte Person zum richtigen Zeitpunkt am rechten Ort eine Initiative startet, die dann eine prägende beziehungsweise dynamische Wirkung entfaltet.

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