Wurzelkanalsysteme – Teil 6

Die Anatomie von Unterkiefer-Prämolaren

Die Wurzelkanalanatomie von Unterkiefer-Prämolaren kann erheblich variieren, was deren endodontische Behandlung enorm erschwert. Im Vorfeld sollte darum immer eine gewissenhafte Diagnostik der apikalen Röntgenaufnahme erfolgen, aus der sich Hinweise auf Kanalaufzweigungen „herauslesen“ lassen.

Frank Paqué

Die Unterkieferprämolaren sind zwar mehrheitlich einwurzelig, jedoch werden relativ häufig Verzweigungen des Wurzelkanals angetroffen. Diese Verzweigungen liegen oft im mittleren oder im apikalen Wurzeldrittel und können daher nicht durch „Lesen“ des Dentins am Kavumboden erkannt werden. Auch wenn die Röntgenbilder dieser Zähne auf den ersten Blick unspektakulär erscheinen, variiert die Wurzelkanalanatomie jedoch erheblich in der Anzahl der Wurzelkanäle. Im Fall vieler Kanäle sind diese dann sehr schwer endodontisch zu behandeln. In zwei deutschsprachigen Publikationen von Holm Reuver [Reuver, 2002a; Reuver, 2002b] konnte die Komplexität dieser Anatomien anhand klinischer Fälle und durchsichtig gemachter Präparate von extrahierten Zähnen visuell sehr schön gezeigt werden.

Erster unterer Prämolar

Der erste untere Prämolar hat in der Regel nur eine Wurzel – in etwa 98 Prozent der Fälle [Cleghorn et al., 2007a]. Zwei Wurzeln sind selten (1,8 Prozent), drei Wurzeln sehr selten (0,2 Prozent). Die Zähne zeichnen sich durch ein zentral liegendes, oft ovales oder schlitzförmiges Kavum und durch einen ebenfalls ovalen koronalen Wurzelkanalanteil aus [Vertucci et al., 2006]. Die Zugangskavität sollte länglich oval in oro-vestibulärer Richtung präpariert werden. In der Regel sind zwei Pulpahörner präsent, ein größeres bukkales und ein kleineres linguales (Abbildungen 1 und 2). Aufgrund der teilweise stark ausgeprägten Kronenflucht muss beim Gestalten der ovalen Zugangskavität ein teilweiser Verlust des vestibulären, tragenden Höckers in Kauf genommen werden. Wenn das Kanalsystem koronal schwer zu finden ist, kann häufig beobachtet werden, dass der vermeintliche Kanal zu weit bukkal gesucht wird oder die Kronenflucht nicht beachtet wurde. 

Abbildung 1: Darstellung eines extrahierten ersten unteren Prämolaren mit einfacher Kanalanatomie, Rekonstruktion mithilfe des Mikro-CTs, a) Ansicht von vestibulär b) Ansicht von approximal | Frank Paqué

Abbildung 2: Klinischer Fall eines unteren zweiten Prämolaren mit einem Wurzelkanal: Eine Approximalansicht ist hier wie in Abbildung 1 durch den Einsatz eines DVT möglich. | Michael Arnold

Die Anzahl der Wurzelkanäle in unteren Prämolaren wurde in vielen Studien untersucht. Hier ist als erstes wieder einmal Vertucci zu nennen, der die Häufigkeit von einkanaligen ersten Unterkieferprämolaren zwischen 70 und 74 Prozent, die von zweikanaligen zwischen 25,5 Prozent und 29,5 Prozent angibt [Vertucci, 1978; Vertucci, 1984] (Abbildung 3).

Abbildung 3: Darstellung eines extrahierten, ersten unteren Prämolaren mit zwei Kanälen, Rekonstruktion mithilfe des Mikro-CTs, a) Ansicht von vestibulär b) Ansicht von approximal | Frank Paqué

Es gibt jedoch andere Gruppen von Autoren, die von diesen Ergebnissen zum Teil erheblich abweichen. Caliskan et al. konnten innerhalb einer türkischen Bevölkerungsgruppe 47,2 Prozent einkanalige und 52,8 Prozent überwiegend zweikanalige Zähne aus einem Pool erster Unterkieferprämolaren identifizieren [Caliskan et al., 1995]. In einer jordanischen Bevölkerungsgruppe wurden 58,2 Prozent einkanalige und 41,8 Prozent zweikanalige Prämolaren gefunden [Awawdeh, Al-Qudah, 2008]. Aufgrund dieser Ergebnisse kann ein ethnischer Einfluss auf die Zahnentwicklung unterer Prämolaren vermutet werden.

Anhand röntgenologischer Studien haben Trope et al. versucht, den ethnischen Einfluss auf die Wurzelkanalanatomie zu bestätigen [Trope et al., 1986]. Bei einer Stichprobe in den Vereinigten Staaten mit weißen Probanden hatten 86,3 Prozent der Zähne einen Kanal und lediglich 13,7 Prozent zwei Kanäle. Abweichend davon waren bei einer Stichprobe schwarzer Probanden lediglich 67,2 Prozent einkanalig und mit 32,8 Prozent ein erheblich höherer Anteil zweikanalig. Durchschnittlich waren 76,8 Prozent der ersten Unterkieferprämolaren einkanalig und 23,2 Prozent zweikanalig.

In einer Übersichtsarbeit, die acht Studien über die Anatomie von ersten Unterkiefer-Prämolaren zusammenfasst, ergab sich eine Prävalenz von mehr als einem Kanal in 24,2 Prozent aller Fälle [Cleghorn et al., 2007a]. Dabei überwiegen die zweikanaligen Prämolaren, die Prävalenz von drei Kanälen liegt bei unter 1 Prozent [Bürklein et al., 2017] (Abbildungen 4 und 5). Bei den zweikanaligen Zähnen zeigt sich üblicherweise ein weitlumiger Kanal von koronal nach apikal, von dem im mittleren oder im apikalen Drittel ein kleinerer lingualer Anteil abzweigt. Dieses Phänomen kann sehr ausgeprägt sein und macht die Behandlung extrem schwer (Abbildung 6).

Abbildung 4: Darstellung eines extrahierten ersten unteren Prämolaren mit drei Kanälen, Rekonstruktion mithilfe des Mikro-CTs, a) Ansicht von vestibulär b) Ansicht von approximal | Frank Paqué

Abbildung 5: Klinischer Fall eines unteren ersten Prämolaren mit drei Wurzelkanälen | Michael Arnold

Abbildung 6: Darstellung eines extrahierten ersten unteren Prämolaren mit zwei Kanälen, Rekonstruktion mithilfe des Mikro-CTs: Man beachte den ausgeprägten Furkationskanal in der approximalen Ansicht. a) Ansicht von vestibulär b) Ansicht von approximal | Frank Paqué

Auch das Vorliegen anderer Wurzelkanalkonfigurationen, wie ein C-förmiges Kanalsystem, wird in der Literatur als nicht selten beschrieben. So zeigten Baisden et al. [Baisden et al., 1992] in einer Studie an 106 unteren ersten Prämolaren, dass in 14 Prozent der Fälle ein C-förmiges Kanalsystem gefunden wurde (Abbildung 7).

Abbildung 7: Darstellung eines extrahierten ersten unteren Prämolaren mit C-förmigem Kanalsystem, Rekonstruktion mithilfe des Mikro-CTs a) Ansicht von vestibulär b) Ansicht von approximal | Frank Paqué

 

Die Suche nach Wurzelkanälen ist in der Praxis oft schwierig und zeitaufwendig. In unserer Serie zu Wurzelkanalsystemen permanenter Zähne erhalten Sie einen Einblicke in die komplexe Anatomie.

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