Interview mit Dr. Gerhard Kanne nach 20 Hilfseinsätzen

„Die Mundgesundheitserziehung ist für mich das Entscheidende“

Er kann einfach nicht anders, sagt er. Er muss immer wieder los, zu einem Hilfseinsatz, irgendwo auf der Welt. Vergangenes Jahr in Myanmar war es bereits der 20. Einsatz für Dr. Gerhard Kanne aus Twistringen bei Bremen. Wir sprachen mit ihm darüber, wie sich die Arbeit bei den Einsätzen über die Jahre verändert hat.

Dr. Gerhard Kanne Privat

Herr Dr. Kanne, 20 Hilfseinsätze! Das heißt, 20-mal vorbereiten, 20-mal die eigene Praxis schließen, 40 Flüge – ein enormes Engagement. Woher nehmen Sie die Motivation?

Dr. Gerhard Kanne: In allererster Linie ist es ein wunderbares Gefühl, Menschen zu helfen, die sich eine qualifizierte Zahnbehandlung von einem ausgebildeten und erfahrenen Zahnarzt aus finanzieller Not niemals erlauben können. Ich bin Zahnarzt geworden unter anderem, weil es ein helfender Beruf ist, egal wo er ausgeübt wird.

Nach dem Prophylaxeunterricht in Kerala, Südindien | Privat

Bei solchen ehrenamtlichen Hilfseinsätzen wird dieser karitative Aspekt unseres Berufs besonders deutlich. Da erlebe ich den puren Spaß an meinem Beruf, (fast) ohne jegliche Bürokratie, (fast) ohne gesetzliche Zwänge, administrativen Wasserkopf und all die anderen ungeliebten, aber so zahlreichen Nebenkriegsschauplätze in einer deutschen Zahnarztpraxis. Bei den Einsätzen kann ich regelmäßig auftanken – trotz der täglichen Arbeit kehre ich motiviert und erholt in meinen deutschen Berufsalltag zurück.
Natürlich spielen die Neugier auf und die Offenheit für fremde Kulturen ebenfalls eine Rolle, gemischt mit einer Portion Abenteuerlust.

Können Sie sich noch an Ihren ersten Einsatz erinnern? Wie war das damals, so kurz nach Ende des Studiums?

Jeden der 20 Einsätze habe ich vor Augen und in Erinnerung. Als ich 1990 zum ersten Mal – mit 27 Jahren – den europäischen Kontinent in Richtung Kolumbien verließ, um vier Monate in der Drei-Millionen-Stadt Cali im Slum zu arbeiten, war ich sehr aufgeregt. Ich war unsicher, ob ich den Anforderungen gewachsen sein werde – eine fremde Kultur, einschließlich der fremden Sprache, Zahnmedizin unter ganz anderen Umständen.
 Auch damals habe ich schon in Schulen Prophylaxeunterricht gemacht, Tausenden von Kindern das Zähneputzen beigebracht. Seitdem begleitet mich immer mehr die Frage: Wie viele von ihnen mögen die Botschaft verstanden, umgesetzt und dann an die folgenden Generationen weitergegeben haben? Das weiß man nie.
Na ja, manchmal in besonderen Fällen dann doch: Ganz sicher weiß ich es von meinem Patenkind Gloria Zuleyma aus Kolumbien, damals 12 Jahre alt. Heute ist sie 41 und dreifache Mutter und ihre Zähne sind in Ordnung, ebenso wie die ihrer drei Kinder! Leider gibt es das damalige Projekt nicht mehr, die Praxis ist geschlossen.

Welche Erkenntnisse gewinnt man aus dieser Erfahrung? Was läuft gut, was läuft schlecht?

Heute bin ich noch mehr als in Kolumbien 1990 davon überzeugt, dass die Mundgesundheitserziehung der Kinder die größte Rolle spielen sollte. Hierbei ist regelmäßig gar nicht so sehr die große Armut der Menschen das Hindernis für eine vernünftige Zahnpflege. Zahnbürste und Paste sind oft sehr billig und meist überall zu kaufen. Vielmehr fehlt das Bewusstsein für die Prävention. Das Internet und seine vielfältigen Informationsmöglichkeiten sind zwar auch dort allgegenwärtig, aber kein Mensch schaut sich einen Zahnpflegefilm bei YouTube an! Die Zahnbürste ist oft billiger als die Coca-Cola, die es auch überall gibt – aber wozu auf die begehrte, eisgekühlte Erfrischung verzichten?

Was muss sich ändern? Wie kann man an der Schraube Präventionsbewusstsein drehen?

Hier kann der Prophylaxeunterricht in den Schulen Entscheidendes leisten: Dadurch kann ein grundlegender und nachhaltiger Wandel erzielt werden. Ich möchte heute nicht mehr ein Projekt besuchen und ausschließlich Schmerzbehandlungen durchführen, Kaputtes reparieren. Auch diese Behandlung ist natürlich für jeden einzelnen Patienten ein Segen und eine große Hilfe. Dennoch achte ich darauf, immer auch Zeiten in Schulen oder Kindergärten zu verbringen mit Prophylaxeunterricht.
Bei meinem letzten Einsatz in Myanmar etwa habe ich im November 2018 in drei Wochen etwa 1.000 Kinder an drei Schulen unterrichtet. Und wenn nur 100 von ihnen ihr Verhalten ein wenig ändern, ist das für mich mit Blick auf die nächsten Generationen ein gelungener, erfolgreicher und auch nachhaltig wirksamer Einsatz gewesen. Dann hat sich meine Arbeit gelohnt, dann bin ich glücklich.

Wie sah der 20. Einsatz konkret aus?

In der Praxis in Linthar, Myanmar | Privat

Ich habe die Orte Linthar und Myapin besucht, beide liegen am Traumstrand Myanmars, dem touristischen Ngapali Beach. Zwischen all den exklusiven Hotelanlagen leben die Menschen oft in größter Armut, die medizinische und zahnmedizinische Versorgung ist sehr einfach und für diese Menschen oft schwer zugänglich. Vormittags wurden im Wesentlichen kariöse Zähne gefüllt und zerstörte Zähne entfernt. Am Nachmittag war dann der Prophylaxeunterricht in drei der umliegenden Schulen an der Reihe.
Zahnmedizinisch war ich aus Indien einiges gewöhnt. Dennoch hat mich in Myanmar der Grad der Desinformiertheit und der noch geringere Stellenwert der Mundgesundheit erschreckt und sehr betroffen gemacht. Entsprechend schreckliche Bilder sind mir in der zahnärztlichen Praxis untergekommen, vor allem bei den Kindern.
Hier ist darüber hinaus wirklich „Entwicklungshilfe“ im wahrsten Sinne des Wortes gefragt: Hilfe zur Entwicklung genau dieses Bewusstseins von Mundgesundheit. Das habe ich nach bestem Wissen und Gewissen versucht – auf der Grundlage all meiner Erfahrung aus den vorigen neunzehn Einsätzen. Ich habe aber auch oft und sehr früh und teilweise sehr schmerzvoll lernen müssen, dass die Wirkung und der nachhaltige Effekt, trotz aller Energie, die ich selbst aufbringe, doch begrenzt, manches Mal sehr begrenzt sind. Und ja, dass das manchmal auch enttäuscht und traurig macht. Und trotzdem möchte ich wieder aufbrechen!

War eine Hilfsorganisation involviert oder reisen Sie auf eigene Faust?

Auf eigene Faust derartige Einsätze zu machen hat meiner Meinung nach relativ wenig Sinn. Trotzdem kann auch das eine ungemein nützliche und für den einzelnen Patienten wichtige und für den Zahnarzt dankbare Aufgabe sein. Aber mit einer Hilfsorganisation im Rücken kann es über das Engagement des Einzelnen hinaus oft eine größere und wirksamere Hilfe geben, die auf die Zukunft gerichtet ist. So waren meine Einsätze bisher immer innerhalb solcher Organisationen, zumeist kleinere Entwicklungshilfevereine. Hier kann auf eine bereits bestehende Infrastruktur, auf Kontakte, auf Praxiseinrichtungen und auf die Vorarbeit anderer Kollegen zurückgegriffen werden.
In Myanmar etwa gab es eine vom Verein angestellte Mitarbeiterin, die sowohl bei der zahnärztlichen Behandlung in der Praxis als auch in den Schulen mithalf. Ganz entscheidend ermöglichte sie oft überhaupt erst die Kommunikation mit Patienten, Lehrern und Kindern. Zudem sorgt der Verein durch diverse gute Kontakte dafür, dass wir offiziell eine Arbeitserlaubnis, ein Arbeitsvisum und alle notwendigen Informationen rund um den Einsatz erhalten, um diesen so stressfrei und effektiv wie möglich gestalten zu können.

Viele Ehrenamtliche berichten, dass ein Einsatz nachwirkt, zum Teil recht lange. Wie geht es Ihnen? Träumen Sie schon von den anderen Ländern?

Bei mir herrscht vielmehr das Gefühl vor, dass sich mein Leben im Spannungsfeld zwischen Deutschland, dem letzten und dem nächsten Einsatz vollzieht. Komme ich zurück aus einem Einsatz, überlege ich schon, wo und wann es das nächste Mal losgehen könnte. Wenn ich zurückblicke, mache ich mein Leben nach 1990 ganz wesentlich an meinen zahnärztlichen Hilfseinsätzen fest und natürlich den damit verbundenen tiefgreifenden Eindrücken beruflicher, kultureller und vor allem menschlicher Art. Das Jahr 2002? Im Indieneinsatz für die „Zahnärzte für Indien“ unter dem Dach der Kindernothilfe. Da war ich in Südindien und lernte mein späteres Patenkind Sujeesha kennen, mit dem ich seitdem in engem Kontakt stehe. Mittlerweile ist sie 21 Jahre alt und wird demnächst heiraten. 2004? Ach ja, da war ich zum ersten Mal in Kenia für „Dentists for Africa“! Ja, ich träume nicht nur immer mal wieder davon, auch im Alltag tauchen regelmäßig Momente aus den Einsätzen auf.

Was würden Sie Kollegen raten, die sich ebenfalls engagieren wollen? Worauf sollte man gefasst sein?

Neben einem großen Maß an Erfahrung im zahnärztlichen Beruf, auch und vor allem in chirurgischen Belangen, sind es doch zum großen Teil menschliche und persönliche Eigenschaften, die von Bedeutung sind. Offenheit und Respekt für Fremdes ist dabei vielleicht das Wichtigste. Das wiederum erfordert ein hohes Maß an Flexibilität, Anpassung an unerwartete Situationen und Ereignisse, die in diesen Projekten in fast jedem Moment lauern. Der Strom ist ausgefallen! Kein Generator! Sauganlage nicht vorhanden und immer diese brütende Hitze! Wie kann ich unter diesen Umständen meine Arbeit so gut wie möglich ausführen? Was ist in diesem Projekt mit dieser Infrastruktur zu diesem Zeitpunkt am Wichtigsten?
Widrige Umstände und das Beste daraus machen, immer wieder, jeden Tag, bei jedem Patienten. Und alles ohne Papier, ohne Rechnung, ohne Bezahlung, direkt und spontan, von Mensch zu Mensch.

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