Anwendung der neuen Fluoridempfehlungen

Zwischen Kariesprävention und Dentalfluorose

September 2018 wurden die neuen Empfehlungen zur Fluoridkonzentration vorgestellt. Hintergrund für die Initiative bildete der Befund, dass bevölkerungsweit der Kariesrückgang bei den Milchzähnen im Vergleich zum bleibenden Gebiss deutlich zurückgeblieben war. AdobeStock_Yantra

Der systematische Review- und Expertenprozess der Europäischen Akademie für Kinderzahnheilkunde [EAPD, 2019] kann sich nur auf eine schwache Evidenzbasis für die Wirksamkeit der Fluoridierung von Speisesalz stützen, da bei Einführung einer kollektiven Präventionsmaßnahme adäquate Kontrollgruppen kaum zu generieren sind. Die Salzfluoridierung dürfte allerdings bei ausreichender Dosierung wie die Trinkwasserfluoridierung aufgrund der häufigen lokalen Zuführung hocheffektiv sein, wie eine Studie aus Ghana zeigt [Jordan et al., 2018]. Daher wird die Salzfluoridierung von der WHO empfohlen und in über 30 Ländern angewendet [Marthaler und Petersen, 2005]. Allerdings nehmen kleine Kinder nur geringe Mengen Salz auf, so dass – da die industrielle Nahrungsherstellung kein fluoridiertes Salz verwendet – die Fluoridaufnahme über Salz minimal und kariespräventiv in der Regel nicht bedeutsam ist.

Fluoridtabletten wirken unbestritten bei regelmäßiger Anwendung, auch wenn dies in prospektiven, kontrollierten Studien kaum evident belegt ist und gerade in Risikogruppen die Einnahme nicht sichergestellt ist [EAPD, 2019]. Wahrscheinlich wäre nur eine elternunabhängige Gabe, zum Beispiel über eine Betreuungseinrichtung wie in der früheren DDR, geeignet, dieses Problem zu lösen.
Außerdem wirkt auch die Tablettenfluoridierung vor allem auf die im Mund vorhandenen Zähne, wenn die Tabletten gelutscht werden. Diese Wirkung ließe sich auch mit Zahnpaste erzielen, die gleichzeitig das ebenfalls notwendige Zahnputzen etabliert.

Die Tablettengabe oder „Fluoridsupplementierung“ kann in der Praxis suggerieren, dass Karies durch einen Fluoridmangel bedingt ist, weshalb dann andere Faktoren wie die Zuckeraufnahme und das Zähneputzen in den Hintergrund treten könnten und es in der Folge bei Patienten zur Vernachlässigung dieser Bausteine der Kariesprophylaxe kommt. Die systemische Gabe erfordert zwingend eine gute Fluoridanamnese und den Ausschluss anderer Fluoridquellen (Tabelle 1), insbesondere das Verschlucken von fluoridhaltiger Zahnpaste im Kleinkindalter, um das Risiko einer Dentalfluorose bei Kleinkindern [Evans et al., 1991; Ismail et al., 2008] zu vermeiden. Im Lichte dieser Erkenntnisse empfiehlt die neue europäische Richtlinie [EAPD, 2019] für die ersten zwei Lebensjahre keine Fluoridtabletten, die für rund zwei Drittel der Fluorosefälle verantwortlich sind [Pendrys, 2000], und sie bezeichnete die verfügbaren Studien zur Wirksamkeit von Fluoridtabletten als widersprüchlich, von schwacher Qualität und „verzerrt“.

Zahnpasten

Der deutliche Kariesrückgang in vielen Ländern wird insbesondere auf die Verwendung fluoridhaltiger Zahnpasten zurückgeführt [Walsh et al., 2010; Twetman et al., 2003; Twetman, 2009], deren kariespräventiver Effekt durch zahlreiche systematische Literaturreviews exzellent untersucht ist. Der Fluoridgehalt von Zahnpasten ist gesetzlich auf maximal 1.500 ppm festgelegt und deutsche wie europäische Richtlinien empfehlen diese maximale Konzentration einheitlich ab einem Alter von sechs Jahren [DGPZM, 2018; EAPD, 2019].

Lediglich beim Kleinkind sind fluoridreduzierte Kinderzahnpasten aufgrund der Dentalfluorosegefahr indiziert. Bei der Wahl der Altersgrenzen und Konzentrationen sind das Karies- und das Fluoroserisiko abzuwägen, hier hat aufgrund der persistierend hohen Karieswerte im Milchgebiss mit den aktuellen deutschen und europäischen Empfehlungen ein Umdenken stattgefunden.

Ähnlich wie in England und in den skandinavischen Ländern wird jetzt auch bei Kleinkindern ein Fluoridgehalt von 1.000 ppm empfohlen, die Eltern sollen allerdings die Zahnpastenmenge bei Kindern kontrollieren und bis zum Alter von zwei Jahren auf eine reiskorngroße, danach auf eine erbsengroße Menge begrenzen. Selbstverständlich ist, dass das Putzen bis zum Alter von etwa sieben Jahren durch die Eltern tatkräftig übernommen wird und die Kinder nur Übende sind (Abbildung 4).

Abbildung 4: Elterliche Hilfe beim Zähneputzen und Nachputzen verbessert die Wirkung von Fluoridzahnpasta und stellt eine ausreichende Plaqueentfernung sicher. Deutsche und europäische Richtlinien favorisieren das Putzen durch die Eltern mit fluoridhaltiger Kinderzahnpaste vom ersten Zahn an [DGPZM, 2018; EAPD, 2019].| M. Alkilzy 

Da die Wirksamkeit von 500 ppm Fluorid oder weniger eher kritisch gesehen wird [Ammari et al., 2003; EAPD, 2019] sollte auch bei der deutschen Empfehlung für die Altersgruppe sechs Monate bis zwei Jahre eher die 1.000-ppm-Fluoridzahnpaste in Reiskorndosierung eingesetzt werden (Abbildungen 1 und 2). 

Fluoridanamnese
Benutzen Sie...RegelmäsßigGelegentlichNein
Kinderzahnpaste mit Fluoridgehalt: ……. ppm
Erwachsenenzahnpaste mit Fluoriden
Fluoridhaltiges Speisesalz
Fluoridgelee
Fluoridhaltige Mundspüllösung
Fluoridtabletten, Dosierung: ……. mg
Fluoridgehalt im Trinkwasser: ……. mg/l = ppm
Tabelle 1, Eine komplette Fluoridanamnese ist gerade bei der systemischen Gabe von Fluoriden zum Beispiel durch Tabletten essenziell.

Fazit

Entsprechend dem aktuellen Stand der Wissenschaft empfehlen die deutschen und die europäischen zahnmedizinischen Fachgesellschaften das tägliche Einbürsten von fluoridhaltiger Zahnpaste als Standardprophylaxe. Für Kinder sollte dies aufgrund der weiterhin hohen Karieswerte im Milchgebiss ab dem ersten Zahn jetzt auch mit 1.000 ppm Fluoridgehalt erfolgen. Der regelmäßige ordnungsgemäße Gebrauch von Kinderzahnpasten führt bei einer Kontrolle der anderen Fluoridquellen, insbesondere bei Ausschluss der systemischen Zufuhr über Tabletten, nicht zur Dentalfluorose.

Prof. Dr. Christian H. Splieth
Abteilung Präventive Zahnmedizin & Kinderzahnheilkunde
Universität Greifswald
Fleischmannstr. 42
17475 Greifswald
splieth@uni-greifswald.de


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Stefan Dr. Dietschedie heilige Kuh
Sehr geehrte Kollegen-innen,
auch wenn es die heilige Kuh der ZHK ist...
Gibt man "fluoride toxicity" oder "fluoride toxicity" ein, erhält man über 400.000 links mit oft schlimmen wissenschaftlichen Verdachtsmomenten. Und das Argument,
mehr anzeigen ...
es werden nur kleine Dosen Fluoride..., ist angesichts der Fluoridakkumulations im Körper hinfällig.
Und nun?

Vor 2 Monaten 3 Wochen
1567943399
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