Herbert-Lewin-Preis

Die Gräuel von damals bleiben gegenwärtig

Zum siebten Mal wurde in Berlin der Herbert-Lewin-Preis zur Aufarbeitung der Geschichte der Ärzteschaft im Nationalsozialismus verliehen. Mit dem vom Bundesgesundheitsministerium (BMG), der Bundesärztekammer (BÄK), der Bundeszahnärztekammer (BZÄK), der Kassenärztlichen Bundesvereinigung (KBV) und der Kassenzahnärztlichen Bundesvereinigung (KZBV) ausgeschriebenen Forschungspreis wurden dieses Jahr drei Arbeiten prämiert.

V.l.n.r.: Dr. Thomas Kriedel (Mitglied des Vorstands der KBV), Susanne Wald (Leiterin Abteilung 3 im BMG), Preisträger Dr. Mathias Schütz, 
Preisträgerin Dr. Doris Fischer-Radizi, Dr. Klaus Reinhardt (Präsident der BÄK), Preisträgerin Dr. Susanne Doetz, Dr. Peter Engel (Präsident der BZÄK), Preisträger Prof. Dr. Christoph Kopke, Dr. Wolfgang Eßer (Vorsitzender des KZBV-Vorstands) KZBV_axentis.de

Der Forschungsbedarf ist enorm“, betonte der KZBV-Vorsitzende Wolfgang Eßer, in seinem Grußwort: „Es gibt noch viele weiße Flecken auf der Forschungslandkarte, und es geht darum, Kenntnisse über historische Zusammenhänge und Realitäten zu erlangen.“ Auch die Zahnärzteschaft sei tief in die NS-Machenschaften verstrickt gewesen, sagte Eßer. Und auch heute würden Gewalt und Aggression zu Instrumenten gegen Andersgläubige, Menschen anderer Herkunft und politisch Andersdenkende. Dem müsse man entschieden entgegentreten.

Nach 1933 habe es alsbald keine Berufsgruppe mehr gegeben, die nicht massiv von der NS-Ideologie durchdrungen war, erläuterte Prof. Julius H. Schoeps, Direktor des „Moses Mendelssohn Zentrum für europäisch-jüdische Studien“ an der Universität Potsdam und Vorstandsvorsitzender der Moses Mendelsohn Stiftung in Erlangen, in seinem Vortrag zur Preisverleihung. Schoeps: „Die deutsche Ärzteschaft machte da keine Ausnahme, auch wenn im Detail das alles noch nicht so erforscht ist, wie es eigentlich notwendig wäre.“ Nach 1945 habe so mancher Mediziner, der sich in die Nazi-Politik einspannen ließ, Probleme gehabt, über seine Zeit im „Dritten Reich“ Rechenschaft abzulegen. Nicht zu vergessen jedoch seien auch diejenigen, die sich dem Ganzen unter großem Risiko entgegenstellten.

Und schließlich gehe es um die Ärzte, denen quasi über Nacht verboten wurde, ihre Praxen und Kliniken weiter zu betreten und die von Kollegen und Patienten nicht mehr gekannt und akzeptiert wurden – wie es auch seinem Großvater erging: „Als das NS-Regime Julius Schoeps 1938 den Arzttitel entzog, und er nur noch als ‚Heilbehandler‘ für ‚Nichtarier‘ zugelassen werden sollte, verzichtete er darauf, noch weiter Praxis auszuüben. Den Gedanken an Auswanderung wies er jedoch mit Entrüstung zurück. Er habe, so erklärte er, nichts Unrechtes getan und keinen Grund, aus seinem Vaterland fortzugehen.” Julius Schoeps wurde wenig später nach Theresienstadt deportiert, seine Frau begleitete ihn freiwillig. Er starb im KZ Theresienstadt, seine Frau wurde in Auschwitz ermordet.

Schoeps betonte, dass die Zahl der Zeitgenossen, die sich abfällig über Juden und das Judentum äußern, wieder zunehme. „Es ist sehr zu begrüßen, dass wir uns nun verstärkt mit der NS-Geschichte beschäftigen, uns gemeinsam erinnern und uns die Gräuel von damals vergegenwärtigen. Nur so, wenn wir alle bereit sind, uns der Geschichte mit ihren Aktiv- und Passivposten zu stellen, nur dann werden wir und unsere Gesellschaft eine Zukunft haben.“

1. Preis: „und dürfen das Krankenhaus nicht mehr betreten“

Der erste Preis ging an die gemeinschaftliche Arbeit von Dr. Susanne Doetz und Prof. Christoph Kopke für „und dürfen das Krankenhaus nicht mehr betreten“. In ihrer Geschichte geht es um dem Ausschluss jüdischer und politisch unerwünschter ÄrztInnen aus dem städtischen Gesundheitswesen in Berlin in den Jahren 1933 bis 1945.

Die Arbeit besteche durch einen umfangreichen biografischen Teil und den systematischen Nachweis aller entlassenen ÄrztInnen. Damit lege diese die Grundlage für weitergehende Forschungen zur frühen Dynamik nationalsozialistischer Vertreibungs- und Vernichtungspolitik und liefere ein Modell für die Aufarbeitung der Geschichte des öffentlichen Gesundheitswesens anderer Großstädte, begründete die Jury ihre Entscheidung.

Kopke erzählte im Anschluss, dass er auch über den Widerruf von Lewins Berufung zum Stadtarzt in Offenbach geschrieben hat: „Der Herbert-Lewin-Preis zeigt, dass die Ärzteschaft insgesamt sich in den letzten Jahrzehnten auf einen guten Weg gemacht hat, was ihr Verhältnis zur nationalsozialistischen Geschichte des Berufsstands anbelangt.“

2. Preis „Vertrieben aus Hamburg“

Platz zwei ging an Dr. Doris Fischer-Radizi für ihre Arbeit „Vertrieben aus Hamburg“ über die Ärztin Rahel Liebeschütz-Plaut (1894–1993). Fischer-Radizi war in der Bibliothek für Universitätsgeschichte auf schriftliche Notizen der jüdischen Ärztin gestoßen, die nach der Machtergreifung der Nationalsozialisten gezwungen war, ihren Beruf aufzugeben. „Meine Motivation war der Gedanke, dass es wichtig ist, denjenigen, die von den Nazis verfolgt wurden und vergessen werden sollten, einen Platz und einen Namen zu geben und das Unrecht zu benennen“, erzählte sie.

Mit ihrer Arbeit half sie auch den Nachfahren der Ärztin, die dadurch dieses Stück ihrer Familiengeschichte aufarbeiten konnten. Fischer-Radizi wünscht sich, dass durch Geschichten wie die von Liebeschütz-Plaut bei den Menschen der Mut entsteht, sich heutigen neo-nationalsozialistischen und antisemitischen Kräften entgegenzustellen. „Jeder, der so etwas mitbekommt, sollte die Stimme erheben.“ Die Arbeiten „Vertrieben aus Hamburg“ und „und dürfen das Krankenhaus nicht mehr betreten“ sind im Buchhandel erhältlich.

3. Preis: „Vier Ermittlungen und ein Verdienstkreuz“

Der dritte Preis ging an Dr. Mathias Schütz für seinen Fachaufsatz „Vier Ermittlungen und ein Verdienstkreuz“. Schütz hob mit seiner Arbeit die Medizinverbrechen des Hygienikers Hermann Eyer (1906–1997) während der NS-Zeit ins Licht der Öffentlichkeit. Eyer ließ ab April 1940 Impfstoffe an Häftlingen im KZ Buchenwald zur Klärung ihrer Wirksamkeit testen. Ab 1946 war Eyer ordentlicher Professor für Hygiene an der Universität Bonn und Direktor des dortigen Hygienischen Instituts, ab 1957 war er bis zu seiner Emeritierung 1974 Direktor des Max von Pettenkofer-Instituts in München. 1986 erhielt er das Bundesverdienstkreuz I. Klasse.

Auch Schütz wünscht sich, dass seine Arbeit zum Verständnis der damaligen Geschehnisse beiträgt.

Lobend erwähnte die Preiskommission zudem die von Prof. Dr. Hubert Steinke in der Schweiz betreute Arbeit von Dr. Johann Faltum über die Zwangssterilisation in Lörrach.

Dana Nela Heidner
Freie Journalistin

Herbert Lewin

Herbert Lewin (1899–1982), deutscher Arzt und von 1963 bis 1969 Vorsitzender des Zentralrats der Juden, war im „Dritten Reich“ in ein polnisches Sammellager der
Nazis gebracht worden und arbeitete als Häftlingsarzt in mehreren KZs. Seine Frau überlebte das Lager nicht. Dennoch entschied er sich, nach dem Krieg in Deutschland zu bleiben. 1949 kam es zu einem weltweiten Skandal, als seine Wahl zum Direktor der Städtischen Frauenklinik in Offenbach vom damaligen Oberbürgermeister widerrufen wurde – mit der Begründung, Lewin würde ein Rachegefühl hegen, das auf seiner Zeit im KZ beruhe. Lewin starb 1982 in Wiesbaden.

Herbert-Lewin-Preis

Ziel des Preises ist die Förderung der historischen Aufarbeitung der Rolle der Ärzteschaft im „Dritten Reich“ sowie die Erinnerung an ÄrztInnen und ZahnärztInnen, die in der Zeit des Nationalsozialismus verfolgt und ermordet wurden. Die Preisträger werden von einer unabhängigen Jury ausgewählt, deren Mitglieder von den Trägerorganisationen, dem Zentralrat der Juden in Deutschland sowie dem Bundesverband Jüdischer Ärzte und Psychologen in Deutschland benannt wurden.

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