zm-Serie: Täter und Verfolgte im „Dritten Reich“

Heinrich Fabian – ein Nationalsozialist macht in der BRD Karriere

Heinrich Fabian (1889–1970) stand lange nicht im Fokus der Aufarbeitungsliteratur. Sein Lebenslauf zeigt die allgemeine Bereitschaft zur Reintegration auch hochgradig belasteter Nationalsozialisten in der frühen Bundesrepublik. 2017 wurde bekannt, dass er eine große Sammlung sterblicher Überreste teils unbekannter Herkunft angelegt hatte – was zu einer intensiven Debatte um den adäquaten Umgang mit „human remains“ führte.

Heinrich Fabian Stoma 23(2) (1970)

Fabian wurde am 28. November 1889 in Flensburg geboren.1–5 Seinem Vater gehörte ein Baugeschäft, Fabian entschied sich jedoch für den Beruf des Zahnarztes: 1911 legte er die zahnärztliche Prüfung und Approbation ab, 1913 erfolgte seine Promotion zum Dr. phil. Zu diesem Zeitpunkt gab es noch keine Promotionsmöglichkeit im eigenen Fach – der Dr. med. dent. wurde erst 1919 eingeführt.

Im Frühjahr 1919 wurde Fabian dann Hilfslehrer für Zahnheilkunde am Zahnärztlichen Institut der Universität Marburg bei Guido Fischer, wo er für die konservierende Zahnheilkunde verantwortlich war.6 Im Oktober 1919 – nach dem Weggang von Fischer nach Hamburg – wurde ihm die kommissarische zahnärztliche Leitung des Marburger Instituts übertragen; nahezu zeitgleich konnte er sich zum Thema Funktionsstörungen der Kiefermuskulatur bei Schussverletzungen habilitieren. 1920 wurde er in Marburg zum Privatdozenten ernannt.

Im selben Jahr noch wechselte Fabian an das Zahnärztliche Institut der Universität Hamburg – zu Fischer1–3, 7. 1921 konnte er dort mit einer Studie zur Frage der Kieferöffnungsbewegung beim Menschen eine Zweitpromotion zum Dr. med. dent. abschließen.8 1924 wurde er zum Leiter der Konservierenden Abteilung des Hamburger Zahnärztlichen Instituts bestimmt – eine Funktion, die er bis 1945 ausüben sollte. Seit 1927 durfte er den Titel Professor führen („Titularprofessor“), 1931 wurde er dann zum nichtbeamteten außerordentlichen Professor berufen.

Welche politische Rolle kam der Zahnärzteschaft zwischen 1933 und 1945 zu? Wer wurde zum Täter, wer verfolgt? Die Artikel der Themenseite beantworten diese Fragen.

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Die nächsten Karrierestationen fielen in die Zeit des Nationalsozialismus: 1939 wurde Fabian – infolge des Todes des damaligen Klinikleiters Eduard Precht – kommissarischer Klinikdirektor; besagte Position hatte er bis zur Berufung Hans Pflügers (Ende 1941) inne. Nur ein Jahr später – 1940 – arrivierte er zum planmäßigen außerordentlichen Professor. Damit wurde ihm eine etatmäßige Stelle zuerkannt.

Wie aber war Fabians Verhältnis zum Nationalsozialismus und wie stellte er sich zu den neuen Machthabern? Die Antwort fällt eindeutig aus: Fabian war ein glühender Anhänger des NS-Regimes – wenngleich er lange nicht im Fokus der Aufarbeitungsliteratur stand.9-10 Er trat nur wenige Monate nach Hitlers Machtübernahme in die NSDAP ein (Aufnahme 1.5.1933; Nr. 1.863.819).11-12 Auch der SS trat er bereits 1933 bei. Zudem wurde er Mitglied im NS-Ärztebund, im NS-Dozentenbund und im NS-Lehrerbund. Fabian gehörte überdies 1933 zum Kreis der 38 zahnärztlichen Hochschullehrer, die sich nach Hitlers Machtübernahme in einer Entschließung zur „Einheitsfront der Zahnärzte“ und zur „völligen Anerkennung einer einheitlichen Führung und des Autoritätsprinzips“ bekannten.13

Archivquellen zufolge galt Fabian als überzeugter Parteigänger, der schon vor seinem Eintritt in die NSDAP „auf dem Boden des Nationalsozialismus“ stand.4, 14 Er diskriminierte nicht nur jüdische Mitbürger und Kollegen, sondern beteiligte sich auch an innerparteilichen Intrigen – ein Phänomen, das innerhalb der NSDAP besonders häufig auftrat und Ausdruck parteiinterner Machtkämpfe und eines verbreiteten Karrierestrebens war: Eine solche parteipolitische Intrige richtete sich gegen seinen Vorgesetzten Guido Fischer. Dieser hatte Fabian 1920 gezielt aus Marburg nachgeholt und ihm seine einzige Abteilungsleiterstelle übertragen; er galt wie Fabian als früher und glühender Nationalsozialist und hat sich selbst bereits seit etwa 1927 als „stillen Kämpfer der Nat.Soz.Partei Gau Hamburg“ verstanden.15 Dementsprechend war Fischer 1932 – nach Lockerung der damaligen Beamtenbestimmungen – noch vor der Machtübernahme Hitlers –„als erster planmäßiger Professor der Medizinischen Fakultät“ der Universität Hamburg16 der NSDAP beigetreten.17

1933 wurde Fabian – unterstützt von zwei Kollegen und Parteigenossen – zum Drahtzieher einer NS-internen Kampagne. Er warf Fischer politische Unzuverlässigkeit und Zweckentfremdung von Institutsmitteln vor – mit Erfolg: 1934 wurde Fischer aus der Partei ausgeschlossen und zwangsemeritiert. Notgedrungen ließ er sich als Zahnarzt in München nieder.

1936 wurde Fabian dann selbst mit parteiinternen Vorwürfen konfrontiert: Er war offenbar entgegen der Parteimaxime in der Evangelischen Kirche aktiv gewesen und hatte sich zeitweise im Führerrat der (durchaus rassistisch orientierten) Deutschen Christen Hamburgs engagiert. So kam es zur Einleitung eines Ausschlussverfahrens aus der SS. Da sich Fabian jedoch beeilte, sein Kirchenamt niederzulegen, wurde das Verfahren Anfang 1940 eingestellt und Fabian, wie erwähnt, zum planmäßigen Extraordinarius befördert.3,4

Ohne Zwang trat er in die SS ein

Fabians gleichaltriger jüdischer Kollege Hans Türkheim erlebte 1933 dessen aggressives – und zudem dezidiert antisemitisches – Auftreten besonders deutlich: Türkheim hatte 1927 die Leitung der Prothetischen Abteilung des Hamburger Zahnärztlichen Instituts übernommen und war 1931 zum nichtbeamteten außerordentlichen Professor befördert worden. Er wurde jedoch aufgrund seiner jüdischen Herkunft 1933 gleichsam über Nacht entlassen, stand vor dem Nichts und emigrierte nach Großbritannien.16

Nach Kriegsende kehrte Türkheim für einen Besuch nach Hamburg zurück, stieß dort zufällig mit Fabian zusammen und kommentierte dessen Rolle im „Dritten Reich“ wie folgt: „Dieser Mann war schon in die SS Reiterstandarte eingetreten, als noch keinerlei Zwang vorlag. Er war ein ideeller Nazi und wir waren immer die schaerfsten Gegner, wenn wir uns auch nie politisch unterhalten haben. Ich legte auf eine Wiedersehensfreude nicht den geringsten Wert und hatte schon gehofft in den sicheren Hafen des Hoersaales einlaufen zu koennen, als jemand hinter mir herlief und mich anredete: Guten Tag Herr Kollege Türkheim, – und mir seine teutsche Hand ausstreckte. Ich konnte [...] nicht anders als negativ reagieren. Ich war in diesem Moment ausserordentlich englisch und des Haendeschuettelns voellig entwoehnt. ‚Wie, sagte er, Sie wollen mir nicht die Hand geben, ich habe Ihnen nichts zuleide getan.‘ Ich entgegnete nur, dass es keinen Zweck haette, dass wir uns unterhielten und ging in den Hoersaal [...]“.18

Während Türkheim nach England geflohen war, hatte Fabian seine Karriere ausbauen können – bis 1945 das „Dritte Reich“ zusammenbrach. Fabian wurde im August 1945 von den verantwortlichen Allierten entlassen und nachfolgend vorübergehend interniert. Im Oktober 1945 legte seine Ehefrau Einspruch gegen dieses Vorgehen ein – doch der Entnazifizierungsausschuss der Hamburger Fakultät „empfahl knapp ein Jahr später, den Einspruch abzulehnen“ und befand Fabian als Arzt für „nicht mehr tragbar“.4 Im Dezember 1946 verbot die Besatzungsmacht eine Lehrtätigkeit sowie eine Tätigkeit im Krankenhaus, erlaubte aber eine Zulassung zur Praxis. Fabian gab sich damit allerdings nicht zufrieden und reagierte mit Wiederaufnahmeanträgen, die auf eine weitergehende Rehabilitierung abzielten. Dabei machte er unter anderem sein kirchliches Engagement geltend und benannte Personen, die (fälschlicherweise) bezeugten, dass er sich trotz Einflussnahme der SS geweigert habe, sein Amt in der Kirche aufzugeben.4

Doch seine Hartnäckigkeit brachte den erstrebten Erfolg: Während ein Wiederaufnahmeantrag im Mai 1948 noch scheiterte, kam ein weiterer Antrag im Mai 1949 durch: Die neuerliche Überprüfung hatte ergeben, dass Fabian dem NS-Regime „einen starken Widerstand entgegengesetzt“ habe. Daher sei letztlich „seine Einstufung in Kategorie V unter Aufhebung jeglicher Berufsbeschränkung geboten“ – damit galt Fabian als politisch „entlastet“.4 Noch im selben Jahr kam es zur Wiedereinstellung an der Universität Hamburg. Fabian hatte es geschafft: Er durfte erneut als Professor und Leiter der Abteilung für Konservierende Zahnheilkunde wirken.

Der gleichaltrige Türkheim dagegen hatte erneut das Nachsehen: „Als dessen Anwalt 1951 fragte, ob eine Wiederbeschäftigung in Hamburg möglich sei, lehnte Schuchardt dies mit dem Hinweis auf Türkheims Alter ab, obwohl kurz zuvor ein planmäßiges Extraordinariat für Prothetik geschaffen worden war, für das Türkheim fachlich infrage kam.“4

Fabian wurde 1958 im Alter von 68 Jahren emeritiert. Er verstarb am 6. Januar 1970 in Hamburg.1–5

Der Vollständigkeit halber sei an dieser Stelle noch auf Fabians wissenschaftliche Aktivitäten eingegangen: Seine Forschungsschwerpunkte waren die konservierende Zahnheilkunde, das Themenfeld Kiefergelenk und Artikulation sowie Goldgussfüllungen. Bedeutende Werke hinterließ er nicht – am ehesten erwähnenswert sind die Schriften „Studien zur Kaufunktion“ (1925), „Spezielle Anatomie des Gebisses“ (1928), „Goldgussfüllungen in Bild und Spiegelbild“ (1930) sowie „Merkmale und Grenzen in der Domestikationsfrage am Gebiß“ (1933).19–22 Hans Heuser notierte in seinem Nachruf auf Fabian zu Recht, dass dieser als Hochschullehrer „nach außen hin kaum [...] in Erscheinung“ getreten sei – ein durchaus ungewöhnlicher Kommentar, da Nekrologe eher auf die Würdigung und Herausstellung von Lebensleistungen angelegt sind.1

Auch in der Deutschen Gesellschaft für Zahn-, Mund- und Kieferheilkunde spielte er keine Rolle.23 Carl-Heinz Fischer, akademischer Schüler von Fabian und späterhin Rektor der Universität Düsseldorf, erinnerte sich zudem an die geringen lehrdidaktischen Fähigkeiten Fabians: „Er war ein schlechter Redner und brachte dabei noch anthropologische Erkenntnisse über die Entwicklung des menschlichen Gebisses, die seine Hörer wenig fesselten.“24

Laut Entnazifizierung galt er als „entlastet“

Warum wurde Fabians Biografie für die Reihe der zahnärztlichen Täter ausgewählt – obwohl es doch Zahnärzte gab, die als Kriegsverbrecher unmittelbar mit Tatvorwürfen wie Mord oder Totschlag belegt wurden25–28 oder in der Waffen-SS hohe Positionen erreichten29–31?

Im Wesentlichen aus drei Gründen: Zum Ersten war Fabian ein glühender Nationalsozialist und SS-Mann, der sowohl gegen parteiinterne Gegner als auch gegen Juden vehement vorging und vom NS-Regime karrieretechnisch profitierte.

Zum Zweiten lässt sich an seinem Beispiel der sukzessive Wandel im Umgang mit NS-Tätern zwischen 1945 und 1949 veranschaulichen: Wurde er zunächst entlassen, in Haft gesetzt und als Arzt für untragbar erklärt, so schloss er 1949 das Entnazifizierungsverfahren als „Entlasteter“ ab. Er war damit politisch vollständig rehabilitiert. Insofern spiegelt sein Lebenslauf „die allgemeine Bereitschaft zur Reintegration auch hochgradig belasteter Nationalsozialisten in der frühen Bundesrepublik“ wider.4

Zum Dritten ist Fabian jüngst in den Blickpunkt der deutschen Medien gerückt: 2017 wurde berichtet, dass er in Hamburg „über Jahrzehnte eine gigantische Sammlung sterblicher Überreste“ mit zum Teil unbekannter Herkunft angelegt hatte. Sie waren dem Hamburger Medizinhistorischen Museum überantwortet worden und führten nun zu einer intensiven – und bis heute anhaltenden – Debatte um den adäquaten Umgang mit derartigen „human remains“32. Bemerkenswert ist in diesem Zusammenhang, dass Heuser bereits 1970 im erwähnten Nachruf auf dessen Sammlung zu sprechen kam: „Besondere Verdienste erwarb sich der Verstorbene durch die Erstellung einer hervorragenden Sammlung, die weit über die Grenzen Hamburgs hinaus bekannt geworden ist.“ Heuser merkte an, dass Fabian dieselbe seiner Alma Mater in Marburg vermacht habe.1

Kaum jemand dürfte damals geahnt haben, dass Fabian aufgrund ebendieser Sammlung ein halbes Jahrhundert später zu einem öffentlichen Thema werden würde.

Prof. Dr. Dr. Dr. Dominik Groß
Institut für Geschichte, Theorie und Ethik der Medizin der RWTH Aachen
Klinisches Ethik-Komitee des Universitätsklinikums Aachen MTI 2,
Wendlingweg 2, 52074 Aachen
dgross@ukaachen.de

1 Heuser, 1970;23:130;
2 Franke, 1970:198;
3 van den Bussche, 2014;
4 Guhl, 2018, 241–252;
5 Groß, 2020;
6 Michel, 1959, insb. 42;
7 Hausser, 1982;41:153–161;
8 Fabian, 1921;
9 Schwanke/Krischel/Gross, 2016;51:2–39;
10 Groß, 2019, 157–174;
11 BA Berlin, R 9361-IX/8651254 (P) sowie /8230546;
12 Klee, 2003, 143;
13 Die Einheitsfront der Zahnärzte einschließlich Dozentenschaft, Zahnarztl Mitt 1933;24(27):728
14 StA Hamburg, 361–6 IV 1211, Bl. 3;
15 BA Berlin, R 9361-II/238862;
16 Hohmann, 2009;
17 Groß, 2018a;108(6):100–101;
18 Türkheim, 2003, 186–198, hier 194;
19 Fabian, 1925;
20 Fabian, 1928;
21 Fabian, 1930;
22 Fabian, 1933
23 Groß/Schäfer, 2009;
24 Fischer, unveröffentlichtes Typoskript [1985], hier 468;
25 Rinnen/Westemeier/Gross, 2020;44:in press;
26 Schmidt/Groß/Westemeier, 2018, 113–127;
27 Heit/Westemeier/Groß/Schmidt, 2019;227(11);
28 Schwanke/Gross, 2020;94:in press;
29 Groß, 2018b;73(3):164–178;
30 Groß/Westemeier/Schmidt/Halling/Krischel, 2018;
31 Westemeier/Groß/Schmidt, 2018, 93–112;
32 Maxwill/Neumann, 16.05.2017

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