Big Smile e. V.

Zahnputz-Premiere unter der Sonne Madagaskars

Der Verein Big Smile e. V. hat sich zum Ziel gesetzt, jedem Kind auf der Welt die Chance auf gesunde Zähne zu geben. Im Januar 2020 reiste ein kleines Team des Charity-Vereins nach Madagaskar, wo eine Schule, weit abgelegen im Hinterland, um Hilfe gebeten hatte. Die Anfahrt ist lang und beschwerlich, die Situation vor Ort spartanisch. Doch der Empfang ist: überwältigend.

Der Verein hatte einige Monate vorher zwanzig große Kisten mit Zahnbürsten und Zahnpasta geschickt. Als es ans Verteilen ging, war die Freude der Kids riesig, obwohl die meisten von ihnen noch nie im Leben eine Bürste besessen haben. Dr. Alexandra Wolf und Robert Kujas

Antananarivo. Schon mal gehört? Ich musste erst einmal googeln, wo diese Stadt überhaupt liegt. Es ist die Hauptstadt der viertgrößten Insel der Welt - Madagaskar, 8.500 km entfernt von Berlin. Eine Schule hatte unseren Charité-Verein Big Smile im Sommer 2019 auf Facebook angeschrieben: Die Lehrerin Charlothine suchte eine Gesundheitsorganisation mit der Bitte um medizinische Hilfe und die Spende von Zahnbürsten. Die meisten Kinder dort besäßen so etwas nämlich nicht und bräuchten dringend eine Versorgung.

Big Smile versprach schnelle Hilfe und schickte kurzerhand zwanzig Pakete auf die ostafrikanische Insel, deren Fläche so groß wie Deutschland, Österreich und die Schweiz zusammen ist. Ein kleines Team entschloss sich, die Hilfsaktion vor Ort weiterzuführen - unsere Mission zur Zahnpflege sollte die teilweise verwaisten Schulkinder nachhaltig erreichen. Und so durfte auch ich mich auf den Weg nach Antananarivo machen.

Die Schulkinder kennen keine Zahnbürsten, sind aber total gespannt auf das selbstständige Putzen. | Dr. Alexandra Wolf und Robert Kujas

Geduldig warten die Kinder vor der Schule auf das Team von Big Smile. | Dr. Alexandra Wolf und Robert Kujas

Beim Landeanflug trifft mein Blick auf weiße Küsten, sattes Grün, bergige Landschaften und kleine Häuser. Auf dem Flughafen lerne ich drei weitere Teamkollegen aus Deutschland kennen. Eine fünfstündige Fahrt zur Stadt Antisrabé steht uns nun bevor. Die Reise in einem alten VW-Bus auf den holprigen Straßen entpuppt sich als wacklige Angelegenheit. Die Maximalgeschwindigkeit beträgt hier 75 Stundenkilometer - und das ist eigentlich schon zu schnell für diese löchrigen Straßen. Auf der ganzen Insel gibt es keine Ampeln und kaum Straßenbeleuchtung. Wenn eine Straße überhaupt asphaltiert ist, ist das schon beträchtlich. Die Einheimischen bezeichnen sie dann als Autobahn.

In Madagaskar orientiert man sich an der Sonne. Nur 15 Prozent der Bevölkerung haben Zugang zu Strom. Der Großteil der Menschen ist mit dem Einbruch der Dunkelheit in ihren Hütten verschwunden. Die Straßen erscheinen dann verglichen zum Tag wie ausgestorben. In unseren westlichen Ländern leben wir nach der Uhr. Elektrizität lässt uns bis in die Nacht munter bleiben - ohne Wecker würde ich morgens nicht rechtzeitig aufwachen.

Eine Begrüßung wie für eine Königsfamilie

Noch am Vortag ist unser letztes Hilfspaket aus Deutschland angekommen. Ich bin erstaunt, wie unsere Zahnbürsten überhaupt den Weg hierher gefunden haben. Denn es gibt keine Wegweiser oder Verkehrsschilder, keine Straßennamensschilder oder gar Hausnummern. Holz-Blechhütten reihen sich aneinander. Hier und da aus Ziegelstein gemauerte Häuser, denen oft Fenster und Türen fehlen. Die meisten leben von der Landwirtschaft. Wer Glück hat, besitzt ein eigenes kleines Reisfeld. Viele Menschen hier müssen mit weniger als zwei Dollar pro Tag auskommen. Und doch scheinen sie glücklich.

Raus aus der Stadt durchqueren wir grüne Landschaften. Der Himmel wirkt so weit und die Sonne scheint. Mit drei Jeeps streifen wir durch hügeliges Terrain und über ausgewaschene Wege. Am Wegesrand sehe ich Feldarbeiter und spielende Kinder. Ein strahlendes Lächeln tut sich auf und ihre Hand erhebt sich freudig winkend. Hier auf dem Land scheint die Zeit stehen geblieben.

Uns fällt auf, wie viel glücklicher die Menschen hier wirken - obwohl die meisten mit nur zwei Dollar pro Tag auskommen müssen.  | Dr. Alexandra Wolf und Robert Kujas

Gemeinsam mixten wir einen Pfefferminzbrei als Zahnpasta. | Dr. Alexandra Wolf und Robert Kujas

Nach 11 Kilometern und 2,5 Stunden Fahrtzeit entdecken wir auf einem Hügel vor uns in einer großen langen Reihe stehend die Kinder. Gespannt erwarten sie unser Big-Smile-Team. Über der Einfahrt hängt ein Banner mit der Aufschrift "Bienvenue"- Willkommen in drei Sprachen. Charlothine, die engagierte Lehrerin, die uns über Facebook fand, ist überglücklich. Unsere Ankunft wurde sehnlichst erwartet. Wie lange die Kinder hier wohl schon so diszipliniert stehen? Es gibt weder eine Uhr noch ein Telefon, womit wir unsere genaue Ankunft hätten terminieren können.

In einem Spalier aufgereiht bilden die Kinder für uns einen Weg zum Schulhof und werfen Blüten über uns - ein Empfang wie für eine Königsfamilie. Auf dem Schulhof reihen sie sich ohne Gedränge neu ein, um dann in Ruhe die Landesflagge zu hissen und die Nationalhymne zu singen. Trotz aller Armut überreichen sie ein Geschenk - für jeden von uns einen Strohhut. Dieser nützliche Hut sollte uns von da an auf unserer Expedition begleiten und vor der Mittagssonne schützen.

Was hatte Charlothine den Kindern wohl über unseren Besuch erzählt? Dass eine kleine Gruppe Weißer kommt, die sie im Internet angeschrieben hat und Zahnbürsten bringt? Wissen die Kinder überhaupt, was Internet ist? Sie kennen ja nicht einmal einen Füller. Vor 13 Jahren wurde hier auf Charlothines Initiative eine Schule für damals 26 Kinder errichtet. Mittlerweile werden 500 Kinder von 11 Lehrern unterrichtet. Einige von ihnen nehmen einen zehn Kilometer langen Schulweg auf sich - zu Fuß, einen Bus gibt es nicht.

Die Räumlichkeiten sind extrem spartanisch und es gibt viel zu wenig Platz für die rund 500 Schüler hier. | Dr. Alexandra Wolf und Robert Kujas

Um 7 Uhr beginnt der Unterricht, am späten Nachmittag ist Ende. In den acht Klassenräumen sitzen in einer Bank bis zu sieben Kinder! Manche stehen, da es keine Sitzgelegenheit gibt. Bücher und Stifte fehlen. Geschrieben wird auf kleine Schiefertafeln. Die Schule ist ein geziegelter Raum mit Schrank, Schulbänken aus Holz und einem Wellblechdach. In der Regenzeit müssen die Kinder vor Einbruch des Regens wieder nach Hause geschickt werden. Der Regen prasselt so laut auf das Dach, dass kein Unterricht mehr möglich ist. Seit Kurzem gibt es einen Brunnen, jedoch kein fließendes Wasser. Insgesamt gibt es zu wenig Platz für alle in der Schule.

Synchron schubsen wir die Krümel aus dem Mund

Wir platzieren unsere Pakete auf die Schulbänke. Zwischen aufgestapelten Zahnbürsten zeigen wir, wie sich Zahnpasta ganz einfach selbst herstellen lässt. Aus fünf Zutaten mixen wir in der Mittagssonne einen Pfefferminzbrei. Unterdessen zeige ich Bilder von kariösen Kinderzähnen. Charlothine übersetzt. Süßigkeiten und Limonade sind lecker, zerstören aber auf Dauer die Zähne und lassen sie braun aussehen. Jedes Kind erhält eine Zahnbürste. Auch für ihre Eltern dürfen sie eine Bürste aus Bambus mit nach Hause nehmen.

Ich will zeigen, wie man eine Zahnbürste benutzt. Die meisten Kinder halten heute zum ersten Mal in ihrem Leben so ein Ding in der Hand. Skeptisch schauen sie auf die eingepackten bunten Stäbe mit Borsten daran. "Ich muss den Kindern erklären, dass sie keine Angst davor haben brauchen", sagt Charlothine. Ich packe die Bürsten aus und gebe sie den Kindern in die Hand. Auch ich habe meine Zahnbürste dabei. Wir malen damit Kreise auf die Zähne und schubsen die Krümel aus dem Mund.

In Berlin fragen mich Eltern oft, wie sie ihre Kinder zum Putzen motivieren können. Hier führen die Kleinsten ihre bunten Bürsten mit einer filigranen Feinmotorik durch den Mund. Ich staune! Keine Abwehrhaltung, alle machen mit und kopieren mit einer Seelenruhe meine Putzvorführung. Die Lehrer sind motiviert. Sie sollen die Kinder ans tägliche Putzen erinnern. Charlothine verspricht akribisch darauf zu achten und die Mundhygiene weiterzuführen.

Stichprobenartig schaue ich in die kleinen Münder. Überall Karies, teilweise von desaströsem Ausmaß. Ob wir auch Füllungen legen können, fragt Charlothine. Ohne Strom und fließendes Wasser ist das nicht möglich, sage ich. Sie überlegt und schmiedet im Kopf schon Pläne, wie sie Strom und zahnärztliches Equipment hierher bringen könnte, sehe ich ihr an. Ob wir wiederkommen, fragt sie uns. Das wäre schön. Gern würde ich noch einmal in diese herzlich strahlenden Kinderaugen schauen.

Wie schön wäre es, wenn diese Schule zur ersten Zahnputzschule Madagaskars wird. Zum Abschluss haben die Lehrer noch ein kleines Picknick für uns zubereitet. Mit Dankbarkeit und Lächeln verabschieden sie uns. Danach geht es in unserem Jeep zurück nach Antananarivo. Nun weiß ich, dass unsere zahnärztlichen Spenden wirklich ankommen und geschätzt werden. Unsere Mission ist beendet - doch ist sie hier hoffentlich nur ein Anfang.

Dr. Alexandra Wolf
Zahnärztin für Kinderzahnheilkunde in Berlin

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