zm-Serie: Täter und Verfolgte im „Dritten Reich“

Josef Elkan – Kieferchirurg im „Grossen“ Krieg, Sänger, Zahnarzt in London

Der aus Deutschland vertriebene jüdische Zahnarzt Josef Elkan baute sich nach seiner Emigration 1936 in Großbritannien eine neue Existenz auf. Der in seiner Freizeit aktive leidenschaftliche Sänger galt als Experte für eine damals neue zahnärztliche Disziplin: die Paradentosebehandlung.

Abb. 1: Zahnersatzherstellung in Russland, Stab der 47. Res. Div., ca. 1916, rechts: Josef Elkan Historisches Archiv der Bundeszahnärztekammer

Obwohl Fritz H. Witt1,2 (1887–1969) während der NS-Zeit als zweiter Geschäftsführer des Reichsverbands der Zahnärzte Deutschlands gewirkt und damit die von den berufsständischen Organisationen unterstützte Verdrängung der jüdischen Kolleginnen und Kollegen mitgetragen hatte3,4, gelang es ihm spätestens seit den 1960er-Jahren an frühere kollegiale Beziehungen zu aus Deutschland vertriebenen Zahnärzten anzuknüpfen. Über Dr. Josef Elkan legte Witt dabei eine Mappe an, die mit dem fast poetischen Titel „Aus dem Leben eines deutschen jüdischen Zahnarztes u. wertvollen Kollegen“5 überschrieben ist. Die darin erhaltene Korrespondenz stammt aus den Jahren 1965/1966.

Von sich selbst übermittelte Elkan vor allem Dokumente zu seinem Dienst an der Ostfront im Ersten Weltkrieg und Gutachten und Empfehlungsschreiben, die er nach 1933 von früheren Vorgesetzten und Kollegen eingeholt hatte, offenbar bereits mit dem Ziel der Emigration vor Augen. Anhand der Biografie Elkans kann auch Erfahrungsmustern deutscher Juden nachgegangen werden, die als Überlebende des Holocaust trotz der persönlichen Verfolgungserfahrung nach 1945 den Kontakt in die alte Heimat suchten.6

Voller Patriotismus in den Ersten Weltkrieg

Josef Elkan wurde am 9. Januar 1885 als Sohn eines Kaufmanns in Wesel geboren. Sein älter Bruder Sally (1876–1932) war bereit als Zahnarzt in Mülheim/Ruhr niedergelassen, als Josef in Heidelberg Zahnmedizin studierte. 1905 legt er dort zusammen mit Hermann Euler (1878–1961)7 das Staatsexamen ab. Zur weiteren Ausbildung verbrachte er ein Jahr in der Privatklinik des aus Finnland stammenden Gösta Hahl in Berlin, um dort die Anfertigung von Kieferschienen zu erlernen, was ihm „im 1. Weltkrieg sehr zu Nutze kam“8. Es folgte eine weitere Assistenzzeit bei dem überregional bekannten Arzt und Zahnarzt Sammy Philipp9 in Lüneburg. Dort war auch schon sein Bruder Sally Assistent gewesen.10

Im Anschluss ließ sich Elkan in Düsseldorf an gehobener Adresse (Königsallee 68) in eigener Praxis nieder. Im Ersten Weltkrieg diente er zunächst als Sanitätsunteroffizier, dann als Zahnarzt an der Ostfront. 1915 erhielt er das Eiserne Kreuz II. Klasse. Jahre später heißt es in einem Empfehlungsschreiben: „In dieser Zeit hat Herr Elkan – und darin liegt sein besonderes Verdienst – gerade auf dem so schwierigen und damals noch sehr vernachlässigten Gebiete der chirurgisch-orthopädischen Behandlung der Kieferverletzungen ganz Hervorragendes geleistet.“11 Ähnlich anerkennend äußert sich auch ein zweiter Gutachter „über seine Tätigkeit im grossen Krieg sehr gern und aus voller Überzeugung“12.

Elkan gehörte also zur großen Gruppe jüdischer Kriegsfreiwilliger, die das Deutsche Reich als ihr Vaterland verstanden, vielfach in der Hoffnung auf eine wirkliche Gleichstellung.13 Zugleich war er Mitglied im Hilfsverein der Deutschen Juden,14 der bereits seit 1901 die wirtschaftliche und kulturelle Lage der Juden in Osteuropa verbessern wollte und deren Auswanderung nach Übersee unterstützte.15 Nicht überliefert ist, wie groß auch bei Elkan die Enttäuschung über die weitgehend ausbleibende Anerkennung der jüdischen Frontsoldaten und den nach Kriegsende zunehmenden Antisemitismus gewesen sein mag.16

Nach dem Krieg nahm Elkan seine zahnärztliche Praxis in Düsseldorf wieder auf, begann an der Universität zu Köln eine zahnmedizinische Dissertation und wurde 1921 bei Karl Zilkens (1876–1967) mit dem Thema „Ueber die Häufigkeit des Zungencarcinoms auf luetischer Grundlage“ promoviert.17 In der Folgezeit galt sein wissenschaftliches Interesse der Paradentosebehandlung. Bei Oskar Weski (1878–1952), der 1924 zusammen mit Hans Sachs (1881–1974) und Robert Neumann (1882–1958) die Arbeitsgemeinschaft für Paradentosen-Forschung (ARPA) gründete, belegte er entsprechende Fortbildungskurse.

Kenner der Paradentosen „in vollkommenem Maße“

1928 trat Elkan auf Bitte von Otto Loos (1871–1936) der ARPA als Beirat bei.18 Unter den veränderten politischen Verhältnissen bescheinigte ihm der zahnärztliche Reichsdozentenführer19 Loos 1935, kurz vor Elkans Emigration nach Großbritannien: „Wissenschaftlich und praktisch beherrscht er die Klinik und Therapie der Paradentosen in vollkommenem Masse“.20 Oskar Weski bescheinigte ihm: „Herr Dr. Elkan gehört zu den besten Kennern der Paradentosebelange, sowohl was die Diagnostik und Indikationsstellung wie auch die Therapie dieses neuen zahnärztlichen Arbeitsgebietes betrifft.“21 Beiden Gutachten, so meinte Elkan rückblickend, „verdanke ich auch, dass ich hier [im englischen Exil] noch zugelassen wurde.“22

Elkan war darüber hinaus offenbar auch technisch begabt. Überliefert ist eine Patentanmeldung für eine „Hilfsvorrichtung für zahnärztliche Mundspiegel“ aus dem Jahr 1932.23

Täter und Verfolgte

Die Reihe „Zahnärzte als Täter und Verfolgte im ‚Dritten Reich‘“ läuft das gesamte Kalenderjahr 2020. In der zm 9/2020 folgen Walter Sonntag und Jenny Cohen, in der zm 10/2020 Reinhold Ritter und Erich Kohlhagen.

Vor der Machtübernahme der Nationalsozialisten war Elkan in Düsseldorf auch musisch aktiv. Von seinem Talent als Sänger hatte er schon im Feldlazarett „zur Freude der Truppen“ gern Gebrauch gemacht.24 Zum Volkstrauertag 1925 trat er in einer Gedenkfeier in der Städtischen Tonhalle als Solist auf (Abbildung 2). Ebenso war er Teil des Ensembles des Städtischen Musikvereins, das die Matthäus-Passion von J.S. Bach aufführte.25 Sogar in einem Nachschlagewerk zu verfolgten jüdischen Musikern ist Elkan verzeichnet.26

Neubeginn im Exil, aber die alte Heimat im Herzen

1936 emigrierte Elkan nach Großbritannien und wurde in das Dentist Register des British Medical Council aufgenommen.27 Im Gegensatz zu vielen anderen Emigranten erhielt er eine Arbeitserlaubnis. Elkan ließ sich in London nieder, nahm Sprachunterricht, verliebte sich in seine Lehrerin und gründete mit ihr noch vor Ausbruch der Zweiten Weltkrieges eine Familie. Zunächst betrieb er gemeinsam mit dem aus Breslau stammenden Richard Engel eine Praxis, später führte er eine eigene Praxis bis 1964.28

Elkans ersten Kontakte mit Deutschland nach dem Krieg organisierte ein Rechtsanwalt. In Folge eines „Wiedergutmachungsverfahrens“ 1955/56 wurden ihm verschiedene Einmalzahlungen unter anderem „für Schaden im beruflichen und wirtschaftlichen Fortkommen durch Verdrängung aus selbständiger Erwerbstätigkeit“ sowie rückwirkend ab 1953 eine monatliche Rente zuerkannt.29 1960 hatte Fritz Witt mit einer Postkarte an Elkan einen ersten Kontakt hergestellt.30 In der Folge berichtete Elkan von seiner Ausbildungszeit in Berlin und Lüneburg, seinem Kriegseinsatz in Russland und seinem späten Wirken in Großbritannien, aber auch von jüdischen Kollegen. Witt nutzte Elkan gezielt als Zeitzeugen.31 In den 1960er-Jahren bereiste Elkan mehrfach die Bundesrepublik und besuchte unter anderem Köln, Düsseldorf und Heidelberg.32

Abb.2: Programm zur Gedenkfeier amVolkstrauertag am 1.3.1925 in Düsseldorf | Historisches Archiv der Bundeszahnärztekammer 02-89

Elkans Enkel fassten die trotz Vertreibung verbliebene Affinität zur alten Heimat pointiert zusammen: „Unser Großvater sprach oft herzlich über seine Heimat, seinen Patriotismus im Ersten Weltkrieg und sein Musikleben in Düsseldorf. Als Sängerin in einem Chor denkt [die Enkelin] Ruth immer wieder an ihn, wenn sie die Bach-Passionen singt. Der Esstisch, der in der Düsseldorfer Wohnung stand, ist jetzt in ihrem Wohnzimmer.“33

Elkan starb 1972 im Alter von 87 Jahren in London.34 Zusammen mit der in den zm veröffentlichten Familienchronik von Hans Sachs35 und dem Nachruf auf deren ehemaligen Schriftleiter Fritz Salomon dokumentieren die Bemühungen Witts einen bisher wenig beachteten Versuch, bereits in den 1960er-Jahren innerhalb der deutschen Zahnärzteschaft an vertriebene jüdische Kollegen zu erinnern. Es fällt auf, dass solche Versuche unter Witts Nachfolger Robert Venter nicht fortgeführt wurden.36 So mussten bis zu einer systematischen Würdigung der vertriebenen Kolleginnen und Kollegen noch viele Jahre vergehen.

Fußnoten:

1 Tascher, 2012, S. 96–102;
2 Tascher, 2019, S. 36–38;
3 Guggenbichler, 1988;
4 Kirchhoff/Heidel, 2016;
5 HA BZÄK
6 Bannasch/Rupp, 2018;
7 Groß, Zahnärztliche Mitteilungen 108 (12), S. 1404–1405;
8 Schreiben Josef Elkan an Fritz H. Witt vom 12.7.1966, in: HA BZÄK 02–89 (Akte Elkan);
9 Auch der evangelisch getaufte Philipp musste emigrieren. Er flüchtete 1936 mit seiner Familie nach Palästina;
10
Schreiben Josef Elkan an Fritz H. Witt vom 13.10.1966, in: HA BZÄK 02–89 (Akte Elkan);
11 Zeugnis vom 17.4.1933, Prof. med. W. Krauss, O. Prof. an der Medizinischen Akademie in Düsseldorf, früher Stabs- und Chefarzt d. Res. Feldlaz. 81 und der 47. Res. San. Komp. Der 47 Res. Div., in: HA BZÄK 02–89 (Akte Elkan);
12 Zeugnis vom 27.1.1934, Dr. Rüger, Generaloberarzt a.D. im Feld Divisionsarzt der 47. Reserve Division, in: HA BZÄK 02–89 (Akte Elkan);
13 Madigan/Reuveni, 2019;
14 Elfter Geschäftsbericht (1913) des Hilfsvereins der Deutschen Juden, erstattet der Generalversammlung am, Bände 11–12, S. 23;
15 Hamann, 2016, 2, S. 6–10;
16 Tarcal, 2014;
17 Elkan, Med. Diss., 1921. o. O.
18 Schreiben des Vorsitzenden der Arbeitsgemeinschaft für Paradentosen-Forschung an Josef Elkan vom 11.7.1928, in: BZÄK 02–89 (Akte Elkan);
19 Groß, Zahnärztliche Mitteilungen 110 (3), S. 148–150;
20 Gutachten vom 10.10.1935, in: BZÄK 02–89 (Akte Elkan);
21 Gutachten vom 10.12.1935, in: BZÄK 02–89 (Akte Elkan);
22 Schreiben Josef Elkan an Fritz. H. Witt vom 12.7.1966, in: BZÄK 02–89 (Akte Elkan);
23 Dental echo 9 1934, S. 28;
24 Zeugnis vom 17.4.1933, in: HA BZÄK 02–89 (Akte Elkan);
25 Matthäus-Passion : VII. Musikvereinskonzert, Sonntag, 10. März, 18 Uhr, Tonhalle ; Bachfest der Stadt Düsseldorf zur Feier d. 200. Wiederkehr der Uraufführung der Matthäus-Passion unter Johann Sebastian Bach, erster Tag ; Voraufführg.: Samstag, 9. März, 20 Uhr, Tonhalle. Dirigent Weisbach, Hans Interpret: Peltenburg, Mia; Anday, Rosette ; Erb, Karl ; Denys, Thomas ; Grümmer, Paul ; Bachem, Hans ; Elkan, Josef ; Rohlfs-Zoll, Reinhold;
26 Elkan, Josef, * Wesel 9. I. 1885, Sgr u. Zahnarzt. Seit 1937 in Southampton (England), in: Weissweiler/Weissweiler, 1999, S. 216;
27 Zamet, 2007;
28 Schreiben Josef Elkan an Fritz H. Witt vom 12.7.1966, in: HA BZÄK 02–89;
29 Teilbescheid vom 8.9.1956, in: StA Düsseldorf 0–1–32–830022, Bl. 18 (Wiedergutmachungsakte Josef Elkan);
30 Schreiben Josef Elkan an Fritz H. Witt vom 21.10.1965, in: HA BZÄK 02–89;
31 Schreiben Fritz H. Witt an Josef Elkan vom 19.9.1966, in: HA BZÄK 02–79 (Gösta Hahl);
32 Schreiben Josef Elkan an Fritz H. Witt vom 21.10.1965, in: HA BZÄK 02–89;
33 Die Ehrung unserer Mutter. www.article116exclusionsgroup.org/ehrung (25.03.2020)
34 Todesanzeige in The Gazette Supplement 1974;
35 Halling/Krischel, 2020, 150–153;
36 Schwanke/Krischel/Groß, 2016, 2–39, hier: S. 6–7

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