Gruppenprophylaxe in der Pandemie

Warten auf den Re-Start

Susanne Theisen
Die Corona-Pandemie stellt die Gruppenprophylaxe vor große Herausforderungen. „Business as usual“ ist seit dem ersten Lockdown im März 2020 nicht mehr möglich. Die Akteure haben das vergangene Jahr genutzt, um sich pandemietauglich aufzustellen – und warten darauf, dass es endlich wieder flächendeckend losgeht.

Im INA.KINDER.GARTEN Bülowstraße in Berlin putzen die Kinder trotz Corona regelmäßig gemeinsam Zähne. „Mundgesundheit und Mundhygiene sind ein fester Bestandteil unseres pädagogischen Konzepts und waren auch nach Ausbruch der Pandemie schnell wieder ein fester Punkt im Tagesablauf unserer Gruppen – natürlich in den vergangenen Monaten unter besonderer Berücksichtigung des Infektionsschutzes“, erzählt Axel Luft-Landrock, Trainee in Ausbildung zur Kitaleitung. Dass jede Gruppe über ein eigenes Badezimmer verfügt, hat das Zähneputzen erleichtert.

Das Gesundheitskonzept der Kita sieht auch regelmäßige Termine für die Gruppenprophylaxe vor. „In der allgemeinen Verunsicherung zu Beginn der Pandemie haben wir die jedoch erst einmal abgesagt“, berichtet Luft-Landrock. „Aber dann meldete sich die für uns zuständige Prophylaxe-Fachkraft und fragte, ob sie kommen kann. Da die Hygienekonzepte auf beiden Seiten gut zusammenpassten, ging es im August 2020 mit einer veränderten Gruppenprophylaxe weiter. So wird zurzeit zum Beispiel nur eine Trocken-Zahnputzübung mit den Kindern gemacht.“

Angebote für Kinder

Der Verein für Zahnhygiene (VfZ) bietet viele Infomaterialien an, die die zahnmedizinische Prävention unterstützen. Adressat sind Kitas, Schulen und Eltern, aber auch Zahn- und Kinderarztpraxen. In der Mediathek des VfZ unter www.zahnhygiene.de stehen neben Comics auch Videos und Apps zum Abruf bereit.

Das Beispiel zeigt, dass in der Pandemie alle an der Gruppenprophylaxe beteiligten Parteien ihren eigenen Weg finden mussten. Dabei ergibt sich deutschlandweit ein sehr heterogenes Bild. Welche Aktionen in Kitas und Schulen möglich sind, hängt unter anderem von regionalen Bestimmungen und den Entscheidungen der jeweiligen Träger ab. So fand die Gruppenprophylaxe in manchen Einrichtungen zeitweise in vollem Umfang statt, in anderen war und ist sie nur reduziert möglich. Es kommt auch vor, dass Prophylaxe-Fachkräfte als Externe gar keinen Zutritt haben.

Gruppenprophylaxe geht in der Pandemie viele Wege  

Die Mitarbeitenden in der Gruppenprophylaxe blicken aus diesem Grund auf ein ereignisreiches und durchaus dramatisches Jahr zurück. Normalerweise erreichen sie 4,6 Millionen Kinder und Jugendliche pro Jahr. Davon sind sie zurzeit wegen der Einschränkungen weit entfernt. Bettina Berg, Geschäftsführerin der Deutschen Arbeitsgemeinschaft für Jugendzahnpflege (DAJ), erinnert sich an den Beginn der Pandemie: „Im ersten Lockdown im März 2020 kam die Gruppenprophylaxe in der bekannten Form zunächst zum Erliegen. Das hat alle 380 Arbeitskreise der Landesarbeitsgemeinschaften hart getroffen. Für viele Aktive war es schwer auszuhalten, dass ausgerechnet der Fokus ihrer Fürsorge – die Mundhöhle – plötzlich zum ‚Gefahrengebiet‘ erklärt wurde.“

Die Fachkräfte im Öffentlichen Gesundheitsdienst (ÖGD), die in regional unterschiedlichen Konstellationen Teil der zahnmedizinischen Gruppenprophylaxe sind, teilen die Lockdown-Erfahrungen. Untersuchungen in Kitas und Schulen sowie Gruppenprophylaxe im Setting durch die Beschäftigten im ÖGD waren und sind nach Aussage von Dr. Michael Schäfer, erster Vorsitzender des Bundesverbands der Zahnärztinnen und Zahnärzte des Öffentlichen Gesundheitsdienstes (BZÖG), nur vereinzelt möglich.

Dass Gruppenprophylaxe in der Pandemie nicht wie sonst möglich ist, machte sich auch beim Verein für Zahnhygiene (VfZ) bemerkbar, der die Aufklärung zur Mundhygiene, insbesondere zum Zähneputzen, mit Informationsmaterialien und Produkten unterstützt. „Da Schulen und Kindergärten für lange Zeit geschlossen und dann nur im Notbetrieb offen waren, haben wir deutlich weniger Kinder erreicht“, berichtet VfZ-Geschäftsführer Dr. Christian Rath. Besorgniserregend sei vor allem die Rückmeldung vieler Kooperationspartner, dass in zahlreichen Einrichtungen gar nicht oder nur noch trocken, ohne Zahnpasta, geputzt werde. „Dadurch üben die Kinder zwar die Bewegungen ein, was natürlich gut ist, aber die Versorgung mit Fluorid entfällt. Wir hoffen, dass sich das nicht zu negativ auf die Zahngesundheit auswirkt.“

Gartenzaungespräche mit den Eltern

Nach einer Orientierungsphase im Frühjahr 2020 wurde man vor allen Dingen eins: kreativ. „Die Kolleginnen und Kollegen haben sich unheimlich viel einfallen lassen, damit das Thema Mundgesundheit in den Kitas und Elternhäusern präsent bleibt“, berichtet sie. Man habe mit Info-Material, Arbeits- und Spielvorschlägen zu den Themen Mundhygiene und mundgesunde Ernährung versucht, die Mundgesundheitserziehung weiter im Alltag der Kinder zu verankern. In manchen Kitas und Schulen habe man in Absprache mit den Leitungen zudem „Gartenzaungespräche“ mit den Eltern geführt, Zahnbürsten und Flyer als Motivation zum Zähneputzen verteilt, mit den Kindern über gemalte Briefe kommuniziert und vieles mehr.

Die Pandemie hat sich in der Gruppenprophylaxe zudem als Treiber für digitale Formate erwiesen. „Die Prophylaxe-Teams haben auch digitale Kommunikationskanäle wie Videocalls ausprobiert. Auf diese Weise gab es kontaktlose Beratungsangebote für Kitas und Eltern, aber auch Gruppenprophylaxe-Impulse für Kinder“, erzählt Berg. Außerdem produzierten manche LAGen unterhaltsame Lehr-Videos, die sich Eltern und Kitas mit den Kindern im Internet anschauen konnten. All das seien wertvolle Ergänzungen zu den bestehenden Konzepten. „Aber natürlich können digitale Formate im persönlichen Kontakt vermittelte Prophylaxe-Impulse nicht kompensieren“, räumt Berg ein.

Für das Engagement vor Ort und die neuen digitalen Formate gab es somit viel positives Feedback. „Es war für viele ein Lichtblick in der Krise zu sehen, welchen Stellenwert die Gruppenprophylaxe in den Einrichtungen hat und dass sie auch vermisst wurde. Es handelt sich ja zum Teil um über Jahrzehnte gewachsene Beziehungen zwischen Prophylaxe-Fachkraft und Kita oder Schule“, betont die DAJ-Geschäftsführerin. Auch der BZÖG verfolgt in der Pandemie eine proaktive Strategie. „Wir haben den Kindertagesstätten und Schulen vertiefendes Informationsmaterial zukommen lassen und weisen immer wieder darauf hin, dass der Besuch einer Zahnarztpraxis auch in der Pandemie möglich und wichtig ist“, sagt Schäfer.

Für die Zahnärzte und Zahnärztinnen des BZÖG ist die Gruppenprophylaxe zurzeit nicht die einzige Aufgabe. Sie werden in allen Bereichen der Pandemiebekämpfung eingesetzt: Neben der Durchführung von PCR- und Schnelltests übernehmen sie auch das telefonische Monitoring und die Beratung von mit Corona infizierten Menschen und deren Kontaktpersonen. „Überdies stehen die Kolleginnen und Kollegen zur Betreuung des Infektionsgeschehens in Schule und Kita zur Verfügung, erstellen Arbeitsanweisungen, entwickeln Ablauforganisationen, arbeiten zum Teil in den Krisenstäben der Kreise und Städte mit und sind stellenweise auch in die Organisation und Planung der Impfzentren eingebunden“, zählt Schäfer auf.

Viel positives Feedback für neue digitale Formate

Alle in der DAJ zusammengeschlossenen Organisationen, auch der BZÖG, haben sich kurz nach Ausbruch der Pandemie darauf konzentriert, die Gruppenprophylaxe möglichst schnell aus der Warteschleife zu holen. „Wir möchten unsere Arbeit bald wieder in gewohntem Umfang aufnehmen. Daher stehen die Verantwortlichen der Gruppenprophylaxe mit den Entscheidungsträgern auf Bundes-, Landes- und regionaler Ebene in Kontakt“, erklärt Berg. „Unsere Botschaft lautet: Mundhygiene in Zeiten von COVID-19 – jetzt erst recht! Wir in der Gruppenprophylaxe sind Hygieneprofis, die sich gut in den Infektionsschutz einreihen. Von uns geht keine Gefahr aus. Im Gegenteil, wir fördern die Hygieneerziehung und sind somit ein Teil der Lösung und nicht des Problems.“

Im Rahmen dieser Aufklärungsarbeit haben DAJ und BZÖG mit dem Institut für Hygiene und Öffentliche Gesundheit der Universität Bonn im September 2020 Hygiene-Empfehlungen veröffentlicht ( https://www.zm-online.de/archiv/2020/18/politik/praevention-von-anfang-an-staerken-gerade-in-zeiten-von-corona ), die das Zähneputzen in Gemeinschaftseinrichtungen trotz Corona sicher machen. „Damit haben wir die zahnmedizinische Gruppenprophylaxe pandemietauglich gemacht und signalisiert: Sobald es wieder möglich ist, stehen wir bundesweit bereit, um unseren Auftrag hygienekonform und flächendeckend zu erfüllen“, sagt Berg.

Die Fachkräfte treibt momentan aber noch eine andere Frage um: Was erwartet sie nach der Pandemie hinsichtlich der Mundgesundheit von Kindern und Jugendlichen? Studien aus dem Ausland zeigen, dass Pandemie und Lockdown das Gesundheitsverhalten in der Bevölkerung verschlechtert haben.

So hat eine Onlinebefragung von 35 wissenschaftlichen Organisationen im April 2020, für die Antworten von 1.047 Menschen aus Europa, Afrika und Asien ausgewertet wurden, ergeben, dass die Befragten deutlich mehr Zeit im Sitzen verbrachten – acht statt fünf Stunden – und sich ungesünder ernährten. Aus einer vor Kurzem veröffentlichten Untersuchung des Universitätsklinikums Hamburg-Eppendorf geht ebenfalls hervor, dass sich das Gesundheitsverhalten der Kinder und Jugendlichen von sieben bis 17 Jahren verschlechtert hat. Sie aßen viele Süßigkeiten und zehnmal mehr als vor der Pandemie machten überhaupt keinen Sport mehr.

Wirklich belastbare Aussagen über die Veränderungen im Gesundheitsverhalten deutscher Kinder und Jugendlicher, insbesondere was die Mundgesundheit betrifft, sind laut BZÖG allerdings zurzeit kaum möglich, da die Kontakte zu den Kitas oder Schulen, wenn überhaupt, oft nur online existieren. Schäfer: „Wir bewegen uns noch im Bereich von Spekulationen, Kasuistiken und Hypothesen. Was man allerdings sagen kann, ist, dass die Belastungen in den Familien groß sind. Dadurch fallen Routinen weg und es bleibt derzeit offen, welche Auswirkungen im Rahmen der Kariesepidemiologie und der zahnmedizinischen Gruppenprophylaxe zu erwarten sind – insbesondere in der Gruppe der Kinder mit erhöhtem Kariesrisiko.“

Corona verstärkt weiter die Ungleichheiten

Berg bestätigt das: „ Wir gehen fest davon aus, dass Corona die ohnehin bestehenden Ungleichheiten bei den Gesundheitschancen für sozio-ökonomisch benachteiligte Kinder noch verstärkt hat.“ So falle für viele dieser Kinder mit dem Schulessen die einzige gesunde Mahlzeit am Tag weg und sie erhielten weniger Impulse für gesundes Verhalten.

Um die Mundgesundheit zu stärken, sucht der Verein für Zahnhygiene nach praktischen Wegen. „Wir eruieren aktuell die Möglichkeit, normale, fluoridhaltige Mundspülungen in den Schulalltag zu integrieren und sind hier im Austausch mit den für die Gruppenprophylaxe Verantwortlichen, Schulämtern, Schulen, politischen und zahnmedizinischen Gremien“, berichtet Geschäftsführer Rath. „Optimal wäre natürlich, wenn an allen Schulen die Zähne geputzt werden. Das würden wir präferieren. Bis dahin kann eine Mundspülung ein hilfreicher Zusatzimpuls sein.“ Und: „Wenn wir jetzt nicht gegensteuern, fallen wir um Jahrzehnte zurück – und Karies wird wieder eine massiv problematische Erkrankung, die Kinder zuallererst betrifft und bis ins hohe Alter nachhaltige Folgen hat.“

Schäfer vom BZÖG zeigt sich trotzdem optimistisch: „Ich denke, dass die zahnmedizinische Gruppenprophylaxe ein gutes Gerüst für das so wichtige Ritual der täglichen Mundhygiene gelegt hat, so dass keine gravierenden Folgen auf die Kariesentwicklung zu erwarten sind. Die Hoffnung darauf sehe ich momentan als realistisch an.“

Die ersten Termine in Kitas werden wieder vereinbart

Alle in der DAJ verbundenen Akteure der Gruppenprophylaxe hoffen, dass sie bald wieder wie gewohnt in Kitas und Schulen aktiv sein können. „Wir haben unsere Konzepte vorgelegt und wollen auf dieser Basis so schnell wie möglich wieder flächendeckend in die Einrichtungen hinein. Wir hoffen, dass dann auch die Kollegen und Kolleginnen aus dem öffentlichen Gesundheitsdienst wieder ihren gewohnten Teil zur Gruppenprophylaxe beitragen können. Die Herausforderungen, die Corona aufgeworfen hat, können wir nur gemeinsam mit allen Partnern bewältigen“, sagt Berg. Und Schäfer sieht Licht am Ende des Tunnels: „Es gibt erste Hinweise darauf, dass wieder Termine für eine zahnmedizinische Gruppenprophylaxe in Kitas vereinbart werden.“

Susanne Theisen

Freie Journalistin

Susanne Theisen

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