Was seine Zähne über Otto I. verraten
Otto I. legte durch die Wiederbelebung des römischen Kaisertums den Grundstein für das spätere Heilige Römische Reich. Nach seinem Tod im Jahr 973 wurde er im Magdeburger Dom beigesetzt. Im Zuge der Sanierung der Grablege wurde auch das menschliche Skelett untersucht, das in dem Sarg lag. Handelt es sich dabei wirklich um die Gebeine des legendären Kaisers? Für die Analyse vernetzte sich das Magdeburger Forschungsteam mit nationalen und internationalen Restauratoren sowie mit Experten zu Textilien, Sedimenten und organischen Relikten.
Das Kaisergrabmal im Magdeburger Dom
Das Grabmal Ottos des Großen im Magdeburger Dom ist ein Sarkophag aus einem monolithischen Block aus Kalkstein, der mit einer wiederverwendeten antiken Marmorplatte abgedeckt ist. Im Januar 2025 zeigte sich, dass die Konstruktion stark beschädigt war: Die im 19. Jahrhundert zur Stabilisierung am Sarkophag eingebrachten Eisenteile waren stark verrostet und infolge eingedrungener Feuchtigkeit belastete Salz zunehmend das Holz des im Sarkophag befindlichen Sarges. Für die Sanierung mussten die Forschenden den rund 300 Kilogramm schweren Marmordeckel des Sarkophags anheben, um den schlichten Holzsarg zu entnehmen.
Die Forschenden vermuten, dass der Sarg aus Kiefernhölzern im Zuge der Umbettung der Gebeine Ottos des Großen nach dem Dombrand von 1207 und dem anschließenden Neubau des Doms angefertigt wurde. Darin fand man durcheinander liegende Stoffreste und Pflanzen, Sediment und Gebeine. Unter den Textilien stechen ein rotes Einschlagtuch aus byzantinischer oder spanischer Seide und eine blau gefärbte Decke mit Silberfäden hervor. Außerdem fand man Eierschalen und Obstkerne, einen Moritzpfennig (mittelalterliche Silbermünze) aus dem 13. Jahrhundert sowie ein Stück Fensterglas, was den Wissenschaftlern zufolge belegt, dass das Grabmal im Laufe der Zeit mehrfach geöffnet wurde.
Wie die anthropologische Erstuntersuchung ergab, stammen die sterblichen Überreste aus dem Sarg Ottos des Großen von einem einzigen, eindeutig männlichen Individuum, dessen Skelett so gut wie vollständig und in einem sehr guten Erhaltungszustand ist. Mit einer Körpergröße von rund 180 Zentimetern war der Verstorbene etwa 10 Zentimeter größer als der durchschnittliche Zeitgenosse Ottos im 10. Jahrhundert. Das am Skelett bestimmbare Sterbealter des Individuums von etwa 55 bis 65 Jahren passt demnach gut zur historischen Überlieferung, der zufolge Otto I. im Alter von 60 Jahren starb.
Der Verstorbene saß regelmäßig im Sattel
Stark ausgeprägte Muskelansätze an den Oberschenkel- und den Beckenknochen belegen, dass der Verstorbene regelmäßig als Reiter im Sattel saß, was ebenfalls mit den vorliegenden biografischen Informationen über Otto den Großen übereinstimmt. Besonders an den Knie- und den Hüftgelenken sind Arthrose-typische Veränderungen zu erkennen. Auffällig sind daneben Verknöcherungen von Knorpelgewebe, unter anderem am Kehlkopf und an den Rippen. An der linken Speiche lassen sich Spuren einer verheilten Fraktur erkennen.
Der Blick auf den Schädel war besonders aufschlussreich: Im Bereich des Hinterhaupts und des Gesichtsschädels finden sich Spuren verheilter Gewalteinwirkung. Im Kieferbereich fehlen drei obere Schneidezähne, die bereits zu Lebzeiten verloren gingen, womöglich im Zusammenhang mit den anderen Verletzungen am Schädel. Daneben finden sich kariöse Läsionen, Parodontitis sowie eine ausgeprägte Zahnsteinbildung an den unteren Schneidezähnen. An der Schädelbasis und den oberen Halswirbeln zeigen sich einseitig vergrößerte Gefäßkanäle.
„Die Untersuchung des Schädels Ottos des Großen ist aus zahnmedizinischer Sicht hochinteressant“, bestätigt Prof. Dr. Dr. Frank Tavassol, Direktor der Universitätsklinik und Poliklinik für Mund-, Kiefer- und Plastische Gesichtschirurgie an der Martin-Luther-Universität Halle-Wittenberg (siehe Kasten). „Besonders auffällig ist das Ausmaß der Parodontitis, die bereits zum Knochenverlust geführt hat, wohingegen Karies lediglich bei einem Weisheitszahn auftritt. Der Verlust der drei oberen Schneidezähne ist vermutlich auf eine Verletzung zu Lebzeiten zurückzuführen. Das Ausmaß von Zahnsteinbildung ist ungewöhnlich, auch wenn sich derartige Befunde auch heute noch bei Patientinnen und Patienten finden.“
Kaiser Ottos Zahngesundheit

In einem multidisziplinären Forscherteam wurden die Gebeine Kaiser Ottos des Großen erstmals wissenschaftlich untersucht. Einige wichtige Fragen konnten im Rahmen dieser Untersuchungen bereits geklärt werden. Als wichtigste Erkenntnis konnte durch archäogenetische Analysen bestätigt werden, dass es sich tatsächlich um die sterblichen Überreste Kaiser Ottos des Großen handelt. Bei diesem umfassenden Dokumentationsprojekt sind natürlich auch Fragen zur Zahngesundheit sehr interessant.
Hierbei haben wir neben der direkten Untersuchung des Schädels und der Zähne auch CT-Untersuchungen hinzugezogen. Neben einer verheilten Nasenbeinfraktur fand sich auch eine Septierung der Kieferhöhlen.
Die Klinische Untersuchung ergab, dass Kaiser Otto bereits zu Lebzeiten drei Frontzähne verloren hat: die Zähne 11, 21 und 22. Der Zahn 15 weist eine apikale Läsion auf, und im Gaumenbereich findet sich ein Torus palatinus. Insgesamt fällt eine ausgeprägte Parodontitis auf, sowohl im Ober- wie auch im Unterkiefer, zum Teil mit Furkationsbefall. Der Zahn 38 war nicht angelegt.
Besonders auffällig ist der massive Ansatz von Zahnstein im Bereich der Unterkieferfront. Die Unterkieferfrontzähne sind von einer 1–2 Millimeter dicken Schicht Zahnstein regelrecht überzogen, die zu Lebzeiten wohl „verblockt“ gewesen sind (Abbildung 1). Karies hingegen findet sich lediglich an einem Zahn – an Zahn 48. Das ist insofern bemerkenswert, als dass sich, betrachtet man die Molaren im Unterkiefer, keine Prädilektionsstelle in Form von bukkalen Fissuren oder Grübchen findet. Wie es ausgerechnet zu einer Kariesbildung an dieser Stelle gekommen ist, ist daher noch zu klären.
Dass sich ansonsten keine kariöse Läsion finden lässt, ist in erster Linie mit der Ernährung zu erklären. Kaiser Otto I. nahm viel tierisches Protein zu sich, darunter auch Süßwasserfisch, jedoch keine Salzwasserfische. Ergänzt wurde der Speiseplan mit Getreide(brei) und Hülsenfrüchten. Hirse hingegen aß er nicht – sie galt zu jener Zeit als Nahrung der ärmeren Bevölkerungsschichten. Die Mengen an Zucker und fermentierbaren Kohlenhydraten von heute standen damals nicht in dem Umfang zur Verfügung. Die Parodontitis hingegen weist (insbesondere im Zusammenhang mit dem massiven Zahnstein) auf eine mangelnde beziehungsweise nicht vorhandene Mundhygiene hin.
Nun stehen weitere Untersuchungen an, um die Befunde noch präziser einzuordnen.
Univ.-Prof. Dr. Dr. Frank Tavassol
Direktor der Universitätsklinik und Poliklinik für Mund-, Kiefer-
und Plastische Gesichtschirurgie der Martin-Luther-Universität
Halle-Wittenberg
Besonders auffällig ist die fortgeschrittene Parodontitis
Die Isotopenanalysen sprechen dafür, dass Otto oft tierische Proteine zu sich nahm und wahrscheinlich auch Süßwasserfisch aß. Dazu kamen in Mitteleuropa gängige Nahrungspflanzen, vor allem Getreide sowie Hülsenfrüchte, wobei die bei der ärmeren Bevölkerung verbreitete Hirse offenbar nicht häufig auf seinem Speiseplan stand. Diese Nahrungsgewohnheiten sind demnach typisch für elitäre Persönlichkeiten des Mittelalters aus dem mitteleuropäischen Raum.
Dem Max-Planck-Institut für evolutionäre Anthropologie lagen nicht nur Proben aus der Bestattung Ottos des Großen vor, sondern ebenfalls von sterblichen Überresten, die traditionell einem nahen Verwandten des Kaisers zugeschrieben werden. So befinden sich in der Reliquiensammlung des Bamberger Doms der Schädel sowie die Oberschenkelknochen Heinrichs II. (973–1024), des letzten Ottonenherrschers auf dem ostfränkischen Kaiserthron, der zusammen mit seiner Ehefrau Kunigunde im Bamberger Dom bestattet und als einziger mittelalterlicher Kaiser heiliggesprochen wurde.
Diesen Gebeinen wurden Anfang 2025 kleine Proben zur DNA-Analyse entnommen, deren Ergebnisse nun vorliegen. Sie belegen, dass alle drei Heinrich II. zugeschriebenen Knochen der Bamberger Reliquiensammlung von einem einzigen Individuum stammen. Ausschlaggebend war allerdings die Tatsache, dass dieses Individuum sowie das Individuum aus dem Sarg Ottos des Großen dritten Grades miteinander verwandt sind. Beide gehen in männlicher Linie auf einen gemeinsamen Ahnen zurück.
Der Neubegründer des Kaisertums
Otto I., der Große (23. November 912 – 7. Mai 973), aus dem Geschlecht der Liudolfinger ist als Neubegründer des Kaisertums in Westeuropa und Mitteleuropa in der Nachfolge des antiken Römischen Reichs sowie der Herrschaft Karls des Großen eine zentrale Figur der europäischen Geschichte. Er war die treibende Kraft hinter der Erhebung Magdeburgs zum Erzbistum im Jahr 968, der die Stadt an der Elbe ihren wirtschaftlichen und kulturellen Aufschwung zu verdanken hatte. Im Magdeburger Dom wurde er nach seinem Tod 973 in Anwesenheit der Erzbischöfe Adalbert von Magdeburg und Gero von Köln an der Seite seiner 946 verstorbenen Frau Editha beigesetzt. Seit dem Domneubau im 13. Jahrhundert befindet sich das Grabmal des Kaisers zentral im Binnenchor des Magdeburger Doms.
„Dies passt schlüssig zur historischen Überlieferung, der zufolge Kaiser Heinrich II. als Enkel von Ottos Bruder Herzog Heinrich von Bayern der Großneffe des in Magdeburg bestatteten Kaisers war“, schreiben die Wissenschaftler. „Damit belegen die archäogenetischen Untersuchungen nicht nur die Verwandtschaft der beiden untersuchten Individuen, sondern darüber hinaus auch die Echtheit und Identität der Gebeine Heinrichs II. und Ottos I. Die Identifizierung des Bestatteten aus dem kaiserlichen Grabmal im Magdeburger Dom als Otto I. darf als bestätigt gelten.“
Die Gebeine des Kaisers bleiben während der Forschungs- und Sanierungsarbeiten in Magdeburg und sollen am 1. September 2026 in einem neu gestalteten Sarg im Magdeburger Dom wieder beigesetzt werden.






