Zahnmedizin im Kontext von Kultur- und Kunstgeschichte

Das Orale – mehr als Mund und Zähne

Kein anderer Bereich des menschlichen Körpers ist mit so vielen Assoziationen belegt wie die Mundhöhle. Deswegen lohnt ein Blick auf die Bedingtheiten und Veränderlichkeiten des Oralen in Kunst- und Kulturgeschichte – in der Gegenwart, aber auch in der Vergangenheit. Wie geht der Berufsstand mit seinem dental-historischen Erbe um? Was ist es ihm eigentlich wert? Warum die kulturhistorische Perspektive auf Mund und Zähne nicht nur für Kulturwissenschaftler, sondern auch für Zahnärzte im Praxisalltag relevant ist, zeigt dieser Beitrag.

Abb. 1: Exponat aus der Ausstellung „Das Orale“ 2021 in Wolfsburg: Mithu Sen, Phantom Pain (Detail), 2018, Künstliche Zähne und Dentalkunststoff, Kunstmuseum Wolfsburg, © Mithu Sen Marek Kruszewski

In aller Munde“– so hieß die Ausstellung, die das Kunstmuseum Wolfsburg zum „thematischen Reichtum des Oralen“ im Jahr 2021 verantwortete (Abbildung 1). Groß waren die Neugierde und das Interesse am Mundraum als Gegenstand einer Kunst- und Kulturgeschichte, und das trotz pandemiebedingter Einschränkungen. Die ausgestellten künstlerischen Produktionen bildeten die Krönung eines erweiterten Kulturverständnisses zum Thema Orales – lebhaft befeuert durch die sich seit den 1990er-Jahren entfaltenden Debatten um einen „Cultural Turn“, von dem auch die Medizingeschichte nicht unberührt blieb.

Damit ist gemeint, dass neben der Hochkultur auch Alltagskultur und menschengemachte Gegenstände des täglichen Gebrauchs, etwa Zahnbürsten, Zahnstocher oder zahnärztliche Instrumente, in den Blick genommen werden. Aber was bedeutet es, die Geschichte des Mundraums, die natürlich untrennbar mit der Geschichte der Zahnmedizin verwoben ist, unter einer kulturwissenschaftlichen Fragestellung zu bearbeiten? Und worin besteht der Zugewinn einer solchen Herangehensweise? [Hofer/Sauerteig, 2007, 108].

Kulturelle Identität und Zahnmedizin

Diesen Fragen gingen die Medizinhistoriker Hans-Georg Hofer und Lutz Sauerteig bereits im Jahr 2007 nach. Ihr Resümee lautet, dass eine Kulturgeschichte das Potenzial besitzt, den Akteuren – in diesem Fall der Mundgesundheit – bis heute bei der Selbstverortung in der Geschichte ihrer Disziplin und ihrer Rolle in der Gesellschaft zu helfen. Im Zentrum dieses Selbstverortungsprozesses steht immer auch ein erweitertes Kulturverständnis. Es geht um Wertvorstellungen und (Leit-)Ideen sowie damit einhergehende Empfindungen einer (sozialen) Gemeinschaft, oder wie hier einer Profession [Hofer/Sauerteig, 2007, 108; Hall, 1997, 2]. Die Kulturgeschichte des Oralen stellt heutige Zahnärzte in einen historischen Kontext und hilft ihnen, die manchmal impliziten Vorannahmen und Ängste ihrer Patienten besser zu verstehen.

Folgt man der Definition des britischen Soziologen Stuart Hall zur Terminologie der „kulturellen Identität“, so begreift sich diese als fluides Konstrukt. Das heißt, als „nichts Gegebenes, Absolutes, oder Greifbares, sondern vielmehr [als] eine Produktion, die sich in einem stetigen und unendlichen Prozess befindet“ [Winter, 2013]. Die Ausstellung „In aller Munde“ bildete hierfür ein Beispiel. Sie eröffnete künstlerische und zahnmedizinische Perspektiven auf den Mundraum. Die in der Ausstellung gezeigten Exponate (Malerei, Skulpturen, Installationen, Grafiken und weitere) dienten als Repräsentationsobjekte des Oralen [Gabert, 2020]. Im Gang durch die Ausstellung eröffnete sich dem Betrachter die Möglichkeit, über den Mundraum, über Mundgesundheit und über die Rolle von Zahnärzten in der Gesellschaft nachzudenken.

das verschmähte Erbe: Die Sammlung Proskauer/Witt 

Und wie positioniert sich die Zahnmedizin selbst zu ihrer kulturellen und kulturhistorischen Identität? Betrachtet man den Umgang der zahnmedizinischen Profession mit ihrem Erbe, wie der Sammlung Proskauer-Witt und der damit assoziierten Forschungsstelle, so lässt sich dieses Verhältnis im Spannungsfeld von „Annahme und Ablehnung“ verorten – wobei der Ablehnung in der jüngeren Vergangenheit vielleicht größere Bedeutung zukam als der Annahme [Tascher, 2012].

Die Sammlung Proskauer-Witt und die „Forschungsstelle zur Geschichte der Zahnheilkunde“ sind untrennbar mit dem Leben und Wirken des jüdischen Zahnmediziners Curt Proskauer (1887–1972) verwoben. Dieser hatte bis 1926 eine beachtliche dental-historische Privatsammlung zusammengetragen, bestehend aus „fachspezifische[n] Gemälde[n], zahnheilkundliche[n] Werkzeuge[n], historische[n] Urkunden und Fachbücher[n]“ [Groß, 2006, 226]. Beherbergt wurden die genannten Stücke zunächst im zahnärztlichen Universitäts-Institut in Breslau [Groß, 226–227]. Mit dem Wechsel der Institutsleitung sah sich Proskauer gezwungen, eine neue Unterkunft für die Sammlung zu finden. Getragen von der Idee, eine „Zentralstelle für die Erforschung der Geschichte der Zahnheilkunde“ ins Leben zu rufen, bot Proskauer die Sammlung zuerst als Leihgabe dem „Reichsverband der Zahnärzte Deutschlands e.V.“ (RV) an. In der Folge und durch die Initiative des damaligen RV-Generalsekretärs und Zahnarztes Fritz H. Witt (1887–1969), der ein ehemaliger Studienkollege Proskauers war, verkaufte dieser im März 1927 die vom Medizinhistoriker Karl Sudhoff (1853–1938) auf 50.000 Reichsmark geschätzte Privatsammlung an den RV [Groß, 2006, 227; Heidel, 2004, 266; Tascher, 2012, 96]. Proskauer selbst fungierte anschließend als Leiter des neu entstandenen „Reichsinstitut für Geschichte der Zahnheilkunde“ und der dazugehörigen Bibliothek. Institut und Bücherei fanden in der Bülowstraße 104, dem damaligen Sitz des Zahnärztehauses in Berlin, ein Zuhause.

Abb. 2: a: das Dentalhistorische Museum in Zschadraß | Dentalmuseum

Abb. 2: b: Behandlungszimmer um 1880 | Dentalmuseum

Abb. 2: c: Dentallabor Ende 19. Jahrhundert | Dentalmuseum

Mit der Machtübernahme der Nationalsozialisten wurde der jüdisch-stämmige Proskauer gezwungen, sein Amt niederzulegen; die Restzahlung der durch den RV noch zu tilgenden Kaufsumme der Sammlung wurde ausgesetzt. Wie eine Vielzahl von jüdischen Zahnmedizinern und Zahnmedizinerinnen wurde auch er Opfer der nationalsozialistischen Verdrängungs- und Vertreibungspolitik. Deportiert nach Buchenwald, gelang es ihm 1939 mithilfe des Vatikans, über Italien mit seiner Familie in die USA zu emigrieren [Tascher, 2012, 97; Heidel, 2004, 268]. Nach der Emigration wirkte Proskauer an der Columbia University in New York ein weiteres Mal als Kurator eines dentalhistorischen Museums, das er bis zu seinem Tod führte [Ring, 2007].

Während in der Folge die offizielle Leitung der Forschungsstelle an den NS-konformen Medizinhistoriker, Arzt und Zahnarzt Walter Artelt (1907–1976) [Klee, 2007, 19] übergeben wurde, fungierte Proskauers ehemaliger Studienkollege Witt als Kurator der Sammlung und Betreuer der Bibliothek. Er machte sich vor allem um die stete Erweiterung der Sammlung verdient. 1939 legte er jedoch seine Tätigkeit nieder, um zusammen mit dem (späteren) Hauptverantwortlichen des Sanitätswesens der Wehrmacht, dem NS-belasteten Siegfried Handloser (1885–1954), den Zahnärztlichen Dienst der Luftwaffe aufzubauen [Eckhart, 1998, 88–92; Tascher, 2012, 97]. Im weiteren Verlauf sollten die bis 1942 auf 22.000 Schriftstücke angewachsene Zahnärzte-Bücherei und die dental-historische Sammlung in das großzügigere und neu erbaute Zahnärztehaus am Heidelberger Platz in Berlin umziehen (1937), bis sie im Zuge der Wirren des Zweiten Weltkriegs in Kartons verpackt und in Kellerräumen des Zahnärztehauses verstaut wurden [Groß, 2006, 229]. Das Forschungsinstitut stellte in dieser Zeit seinen Dienst ein. 

Ein neues Zuhause für die Sammlung

1954 wurden sowohl die von Proskauer und Witt zusammengetragene und erweiterte zahnmedizinische Sammlung und die Bibliothek im neu erbauten Kölner Zahnärztehaus beheimatet. Als Geschäftsführer fungierte Witt, er war sowohl für die Geschicke der Sammlung und der Bibliothek als auch zunächst für die Leitung des Forschungsinstituts verantwortlich [Tascher, 2012, 197].
 
In der späteren Nachkriegszeit folgten mehrere Direktoren. Die letzte von ihnen war ab 1985 die Medizinhistorikerin und außerplanmäßige Professorin der Universität zu Köln Marielene Putscher (1919–1997). 1987, drei Jahre vor der Wiedervereinigung, erreichten das Forschungsinstitut (nun: „Forschungsinstitut für Geschichte und Zeitgeschichte der Zahnheilkunde“) wie auch die dental-historische Sammlung ihren Höhepunkt. Dominik Groß schätzt ein, dass am Forschungsinstitut zu dieser Zeit nicht nur eine der „bedeutendsten Sammlungen zahnmedizinischen Kulturguts“ betreut wurde. Diese sei auch „längst zu der Adresse für alle Doktoranden und Fachwissenschaftler geworden, die auf dem Gebiet der Geschichte der Zahnheilkunde arbeiteten“ [Groß, 2006, 232].

Eine allzu kritische Geschichtsschreibung war jedoch zu diesem Zeitpunkt nicht im Sinne der Institution. Vor allem, wenn sie die sensible Zeit des Nationalsozialismus betreffen sollte. Erfahrungen, die der an der Freien Universität Berlin zum Thema „Zahnärzte 1933–1945: Berufsverbot – Emigration – Verfolgung“ (1994) promovierte Berliner Zahnarzt Michael Köhn im Kontext seines 2008 gehaltenen Vortrags zur Einweihung einer von der Kassenzahnärztlichen Vereinigung Berlin installierten Gedenktafel, die an all jene Zahnmediziner und Zahnmedizinerinnen erinnern soll, die in der NS-Zeit aus rassischen und/oder politischen Gründen verfolgt, vertrieben und/oder ermordet wurden, wie folgt schilderte [Krischel/Groß, 2020; Krischel, 2020]:

„Wir suchen hier nicht nach Hakenkreuzen“

„Für jeden dritten Berliner Zahnarzt bedeutete die am 02. Juni 1933 erlassene ‚Verordnung über die Tätigkeit von Zahnärzten und Zahntechnikern bei den Krankenkassen‘ die drohende Vernichtung der wirtschaftlichen Existenz. [...] Die Kassenzahnärztliche Vereinigung erstellte entsprechende Listen aller sogenannten nichtarischen und politisch unzuverlässigen Zahnärzte. Als wir am Anfang der 90er-Jahre nach diesen Listen [...] suchten, haben wir diese im Archiv der Forschungsstelle für Geschichte und Zeitgeschichte des Bundeszahnärztehauses in Köln vermutet und wollten dort recherchieren. Auf diesbezügliche Anfrage meiner Doktormutter, Frau Prof. Bleker, hieß es in einem Antwortschreiben von der Forschungsstelle aus Köln: ‚Sie wissen vermutlich auch, dass selbst Schulklassen angestiftet werden, in Archiven nach Hakenkreuzen zu suchen, Kindern macht das Spaß.‘ Archiveinsicht wurde mir nicht gewährt. Erst als der damalige Präsident der Berliner Zahnärztekammer, Herr Dr. Löchte, im Bundeszahnärztehaus intervenierte, wurde ein Besuchstermin in Köln vereinbart. Als ich dann 1991 nach Köln fuhr, war angeblich der Schlüssel für die Archivräume nicht zu finden und ich fuhr unverrichteter Dinge wieder ab“ [Köhn, 2008, zitiert nach: Tascher, 2012, 98].

1996 wurde die Forschungsstelle einer folgenreichen Umstrukturierung unterzogen. Mit dem Umzug der Bundeszahnärztekammer im Jahr 2000 von Köln nach Berlin konnte dort kein Platz mehr für Archiv, Sammlung und Bücherei gefunden werden. Die Konsequenz: Auflösung und teilweiser Verkauf der Deutschen Zahnärzte-Bücherei, die zu diesem Zeitpunkt rund 40.000 Fachbücher, Zeitschriftenbände und Dissertationen sowie wertvolle historische Schriften umfasste. Einige Bücher befinden sich bis heute im Haus der Bundeszahnärztekammer in der Chausseestraße in Berlin, Akten und einige Artefakte lagern bis jetzt im Keller der Bundeszahnärztekammer und werden zurzeit erschlossen. „Eine neue Heimat“ [sr, 2020, 36] fanden größere Stücke wie Praxiseinrichtungen, aber auch Kunstwerke, jüngst – nachdem sie rund 20 Jahre in zwei Containern zwischengelagert worden waren – im Dentalhistorischen Museum in Zschadrass (Abbildungen 2 und 3).

Abb. 3: Dentales Erbe im Container: Die Sammlung Proskauer/Witt ist Teil des historischen Gedächtnisses der Zahnärzteschaft. | BZÄK

Die dortigen Verantwortlichen haben es sich zur Aufgabe gemacht, die einzigartigen historischen Quellen zu sichern und nutzbar zu machen. Eine Mission, die nicht nur zeitaufwendig, sondern auch kostenintensiv ist und sich allein durch die Spendenaktion „Dentales Erbe“ tragen soll [sr, 2020]. Die spannende Frage wird bleiben, wie viel finanzielle Unterstützung der Zahnärzteschaft ihr (kultur-)historisches Gedächtnis wert sein wird. 

Die Neupräsentation der Zahnmedizingeschichte

Während das Ringen um die Rettung des kulturhistorischen Erbes der Zahnärzteschaft in Zschadrass noch im vollen Gange ist, demonstrieren das Tübinger Masterprofil „Museum + Sammlungen“ und das daraus hervorgegangene Projekt „Dental|Things“ (2019) eindrucksvoll, wie und in welcher Form (Zahn-)Medizingeschichte unter einem kulturhistorischen und museologischen Zuschnitt neu gedacht und zugänglich gemacht werden kann (Abbildung 4).

Abb. 4: Exponate aus der Ausstellung „Dental Things“  in Tübingen, a: Röntgenröhre, Urtyp, um 1900 | MUT / Valentin Marquardt

Abb. 4: Exponate aus der Ausstellung „Dental Things“  in Tübingen, b: die häufig als „Miswak“ bezeichneten Zweige des afrikanischen Zahnbürstenbaums | MUT / Valentin Marquardt

Es geht um nicht weniger als um die „Rettung, Aufarbeitung und Neupräsentation“ [Dürr, 2022] der umfassenden Sammlungsbestände des Zentrums für Zahn-, Mund und Kieferheilkunde des Universitätsklinikums Tübingen. Aktuell informiert ein E-Museum Interessenten über die geplante Umstrukturierung der Sammlung sowie einige dort befindliche dental-historische Objekte aus Forschung, Lehre, Praxis und Alltag. Sogar ein eigener TikTok-Kanal wird unterhalten [Museum der Universität Tübingen, 2022; Dürr, 2022]. Alles in allem erscheint dies als eine ausgewogene Mischung, von (medialer) Aufbereitung und praktischer Vermittlung dental-historischen Kulturguts, die eindrucksvoll belegt, wie diese zukunftswirksam dargestellt werden kann.

Zähne in Bildender Kunst, Literatur und Film 

Auf zahlreichen Malereien ab dem 17. Jahrhundert finden sich Darstellungen des Zahnreißens [Dunea, 2018]. Auch in der Kunst- und Kultgeschichte sind Darstellungen des Oralen rezipiert worden [Böhme/Slominski, 2013]. Diese künstlerischen Darstellungen spiegelten die Erfahrungen und Erwartungen der Patienten in der Vergangenheit wieder und tun dies zum Teil bis heute. Historisch wurden Zahnschmerzen oder das Ziehen von Zähnen einer Folter gleichgesetzt. Bis heute gilt die heilige Apollonia als Schutzpatronin der Zahnkranken und Zahnärzte. Der Legende nach sollen ihr im Rahmen des Martyriums die Zähne ausgeschlagen oder gezogen worden sein [Anonymous, 2013, 70; Bilk, 1967].

Auch in der Populärkultur werden Zahnschmerz, Zahnbehandlung und die Angst vorm Zahnarztbesuch immer wieder thematisiert. So dichtete Wilhelm Busch (1832–1908):

Das Zahnweh, subjektiv genommen, ist ohne Zweifel unwillkommen; doch hat‘s die gute Eigenschaft, dass sich dabei die Lebenskraft, die man nach außen oft verschwendet, auf einen Punkt nach innen wendet und hier energisch konzentriert.

Kaum wird der erste Stich verspürt, kaum fühlt man das bekannte Bohren, das Rucken, Zucken und Rumoren, und aus ist‘s mit der Weltgeschichte, vergessen sind die Kursberichte,bdie Steuern und das Einmaleins, kurz, jede Form gewohnten Seins, die sonst real erscheint und wichtig, wird plötzlich wesenlos und nichtig.

Ja, selbst die alte Liebe rostet, man weiß nicht, was die Butter kostet, denn einzig in der engen Höhle des Backenzahnes weilt die Seele, und unter Toben und Gesaus reift der Entschluss: Er muss heraus! 

(Wilhelm Busch, zitiert nach [AK Jugendzahnpflege Weimar, 2018])

Auch im Film des 20. und des 21. Jahrhunderts werden Zähne und der Eingriff in den Mundraum dargestellt. Beispiele hierfür sind die spitzen, raubtierartigen Zähne, mit denen der Vampir Nosferatu beispielsweise von Friedrich Wilhelm Murnau (1922) oder Werner Herzog (1979) in Szene gesetzt wurde [Rizert, 2012, 141–142], oder die „alles um sich herum zermalmenden und verschlingenden“ [Böhme, 2013, 64] Eisenzähne des „Beißers“ im James-Bond-Film Moonraker (1979) [Wittmann, 2013, 288] (Abbildung 5). In der Verfilmung des Fantasy-Epos „Herr der Ringe“ (2001–2003) weisen die schiefen, gelb-braunen Reißzähne der menschenfressenden Orks auf deren moralische Defizite hin, während die Gebisse der Helden gerade und weiß sind und damit ihren guten Charakter unterstreichen [McLarty, 2006]. Wie sehr etwa Gesichtsverletzungen verwundete Soldaten in ihrem Selbstverständnis verunsichern konnten, haben wir jüngst gezeigt [Nebe/Krischel, 2022b].

Abb. 5: Der „Beißer“ Richard Kiel (r.) und Roger Moore bei den Dreharbeiten zum James-Bond-Film Moonraker, 1979 | picture alliance / ZUMAPRESS.com | United Artists

Einige Leser (und Patienten) werden sich auch noch an John Schlesingers „Marathon Man“ (1976) erinnern, in dem der ehemalige KZ-Zahnarzt Christian Szell (gespielt von Oliver Lawrence) den Protagonisten Thomas „Babe“ Levy (Dustin Hoffman) auf einem Zahnarztstuhl fixiert und foltert. Besonders qualvoll ist dabei das schrille Geräusch des Bohrers, das sich nicht nur in den nicht betäubten Nerv von Levy bohrt, sondern ebenfalls ins Gedächtnis der Zuschauer einbrennt [Beier, 2013, 293].

Diese Beispiele zeigen, dass Zähne im Film etwas über Menschliches und Unmenschliches aussagen und gesellschaftliche Ängste reflektieren können.

Für eine Kulturgeschichte der Mundgesundheit

Die Dimensionen des Mundraums sind damit so vielfältig und omnipräsent wie die Disziplinen, die sich damit beschäftigen. So erstreckt sich die Metaphorik des Oralen und Dentalen weit über die Deutungshoheit von modernen Zahnärzten hinaus und eröffnet Perspektiven für eine neue Kulturgeschichte der Mundgesundheit und Zahnmedizin. Grund genug also für die Zahnärzteschaft, noch einmal über ihre Position zum eigenen dental-historischen Erbe nachzudenken und „sich ihrer eigenen kulturschaffenden und -beeinflussenden Funktion stärker bewusst zu werden“ [Hofer/Sauerteig, 2007, 132].

Das Wissen um und das Bewahren von kulturhistorisch wertvollen Artefakten (Kunstwerken, alten Instrumenten), das Sammeln, Beforschen und Ausstellen von Objekten aus der Geschichte der Zahnmedizin und ein breiter kulturhistorischer Horizont mit Bezug zum „Oralen“ haben das Potenzial, die Zahnmedizin als Profession in ihrer Geschichte und in der heutigen Gesellschaft zu verankern [Krischel/Nebe, 2022a]. 

Spenden Sie für den Erhalt des Dentalen Erbes!

Dank der Unterstützung und der Hilfsbereitschaft der deutschen Zahnärztinnen und Zahnärzte konnte die Sammlung Proskauer/Witt nach Zschadrass ins Dentalhistorische Museum ziehen. Doch damit ist es nicht getan: Die Stücke der Sammlung müssen inventarisiert, aufgearbeitet und schließlich öffentlich zugänglich gemacht werden. Fernziel bleibt, einen Teil der Ausstellung in einer deutschen Metropole zu zeigen, um die zahnmedizinische Geschichte einem breiteren Publikum anschaulich zu machen.

Darum rufen die Bundeszahnärztekammer und der Initiator der bundesweiten Spendenaktion „Dentales Erbe“, Dr. Thomas Breyer, Präsident der Landeszahnärztekammer Sachsen, die Kollengeschaft auf: Spenden Sie für den Erhalt des Dentalen Erbes! Sie können direkt auf folgendes Spendenkonto überweisen:

Dentalhistorisches Museum Sparkasse Muldental Sonderkonto Dentales Erbe DE06 8605 0200 1041 0472 46

Bei Angabe von Namen und E-Mail-Adresse wird eine Quittung übersandt.

Mehr unter: www.bzaek.de/ueber-uns/gesellschaftliche-verantwortung/dentales-erbe.html und https://www.zm-online.de/dentales-erbe/

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