Leitartikel

Die Wahl der Patienten

Sehr geehrte Kolleginnen und Kollegen,

auch wenn die Tagesordnung im Berliner Reichstag zurzeit vorwiegend durch Innenund Verteidigungspolitik bestimmt wird, ist eines ganz klar – die Reform des deutschen Gesundheitswesens wird beim anstehenden Wahlkampf eines der wichtigsten Themen sein. Wer das bislang noch nicht so recht glauben wollte, hat jetzt einen weiteren Beweis dafür bekommen, dass hier seitens der Bevölkerung ein zwingender Handlungsbedarf besteht: Einer Umfrage des Allensbacher Institutes für Demoskopie zufolge fürchtet jeder zweite Deutsche, im Krankheitsfall nicht ausreichend versorgt zu werden. Fast drei Viertel sind der Meinung, dass sich in unserem maroden Gesundheitssystem endlich etwas Entscheidendes verändern muss. Die Politik sollte reagieren, wenn sie ihre Wähler nicht endgültig verprellen will.

Diese Wähler haben ganz konkrete Vorstellungen davon, was ein modernes Gesundheitswesen ausmacht. Sie wollen aus ihrer Rolle des entmündigten Kassenversicherten fliehen und selbst entscheiden können, wie ihre medizinische Versorgung auszusehen hat. Die deutschen Patienten, das zeigt eine aktuelle Studie des Berliner Instituts für Gesundheits- und Sozialforschung, wollen mehr Verantwortung übernehmen, fordern aber auch mehr Transparenz – und vor allem mehr Wahlmöglichkeiten. Ein Drittel der Bevölkerung wäre sofort bereit, für medizinische Zusatzleistungen auch höhere Versicherungsbeiträge zu entrichten. Weit über 90 Prozent aller Befragten sprechen sich für eine flexiblere Wahl von Leistungen aus.

Diese Zahlen können uns Zahnärzte aus zweierlei Gründen freuen. Zum einen liefern sie den erneuten Beweis dafür, dass das Prinzip der befundorientierten Festzuschüsse der richtige Weg ist. Zum anderen zeigen sie, dass auch die meisten Patienten begreifen und verlangen, dass ein modernes Gesundheitswesen nach diesem Prinzip funktionieren muss.

Unter einer kreativen und modernen Gesundheitspolitik verstehen die deutschen Krankenversicherten nicht, dass Beitragssätze um jeden Preis beibehalten werden müssen. Das Kernkriterium der deutschen Gesundheitspolitik – nämlich Beitragsstabilität – wird von den Patienten selbst ad absurdum geführt. Die Politik, allen voran Ulla Schmidt, hat ganz offensichtlich den falschen Schwerpunkt für ihre Arbeit gesetzt – und deshalb wohl auch die falschen Reformmaßnahmen geplant oder bereits eingeleitet.

Denn deutlich mehr als gleichbleibende GKV-Beiträge ist für die Patienten in Deutschland von Belang, dass die Qualität der medizinischen Leistungen stimmt, dass wissenschaftliche Fortschritte allen zu Gute kommen. Und die Mehrheit dieser Bürger ist auch bereit, hierfür zu zahlen. Ganz oben auf der Wunschliste der Patienten stehen Innovationsgarantien und zusätzliche Vorsorgeuntersuchungen. Aber auch medizinisch-kosmetische Behandlungen finden sich hier.

Die Bereitschaft, sich aktiv am Gesundheitssystem zu beteiligen, und das Verlangen nach mehr Entscheidungsfreiheit für die eigene medizinische Versorgung hat auch damit zu tun, dass ein Patient sich mit seinem Problem eben nicht an seine Kasse wendet, sondern an seinen Arzt oder Zahnarzt. Die Ärzte und Zahnärzte, auch das ein Ergebnis der Berliner Studie, genießen im Gesundheitssystem nach wie vor das größte Vertrauen unter der Bevölkerung, weit vor Krankenkassen, Gewerkschaften oder Pharmaindustrie. Wobei es auch für die Mediziner einigen Aufholbedarf gibt.

Das Vertrauen der Patienten muss erhalten und ausgebaut werden. Bürger, die über ihre medizinische Versorgung selbst entscheiden und selbst dafür zahlen sollen, brauchen Transparenz, brauchen Information und brauchen Sicherheit. Hierfür zu sorgen kann nur im beiderseitigen Interesse sein – von uns Zahnärzten und unseren Patienten.

Mit den besten Grüßen

Dr. Rolf-Jürgen LöfflerVorsitzender der KZBV

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