DAJ-Fortbildungstagung Berlin 2004

Sie dort abholen, wo sie stehen

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Heftarchiv Zahnmedizin
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„Wie können wir in der Prophylaxe auch die Menschen erreichen, die den Weg in die Praxis aus eigener Kraft nicht schaffen?“ Auf diese Frage suchten auf dem Fortbildungstreffen der Deutschen Arbeitsgemeinschaft für Jugendzahnpflege (DAJ) Prophylaxekräfte und Experten gemeinsam eine Antwort. Oft besonders knifflig: die Arbeit mit sozial Benachteiligten und Ausländern.

„Armut macht krank!“ Das stellte Carola Gold, Projektleiterin der patienteninfoberlin. de in ihrem Vortrag heraus. Denn wer arm ist, verfüge über weniger Ressourcen: Er bekommt weniger Unterstützung, lebt in ungünstigeren Verhältnissen, ernährt sich schlechter oder treibt weniger Sport.

In Eigenregie könnten die Betroffenen ihre Lage meist nicht verbessern, auch „gute Ratschläge“ seitens Dritter führten in der Regel nicht zum Ziel.

Mehr Aussicht auf Erfolg, so Gold, verspricht der Settingansatz, der das Lebensumfeld der Menschen neu gestaltet. Der Zahnstatus der Kinder gebe dabei noch immer einen Hinweis auf die soziale Betreuung zu Hause, also auf Vorbildfunktion und Verantwortungsbewusstsein der Eltern.

Eltern putzen Kinderzähne

Erfolgreiche Gruppenprophylaxe für Kindergartenkinder setze deshalb idealerweise bei den Eltern an. Das betonte Dr. Andrea Thumeyer, Vorsitzende der Landesarbeitsgemeinschaft Jugendzahnpflege Hessen (LAGH), in ihrem Workshop „ElternArbeit“. Denn wie gesund Kinderzähne sind, liege zum großen Teil an ihnen. Fangen die Eltern früh mit der Zahnpflege ihrer Kinder an und putzen die Kinderzähne regelmäßig, hätten ihre Sprösslinge deutlich weniger Karies. „Die Botschaft muss lauten: Eltern putzen Kinderzähne,“ unterstrich Thumeyer. Viele neue Wege zu den Eltern wurden in den vergangenen Jahren erarbeitet und erprobt. Vom Kindergarten-Sommerfest, Eltern-Kind-Feten bis hin zu Bastelnachmittagen gebe es zahlreiche Möglichkeiten, um im Rahmen einer aufsuchenden Prophylaxe gerade diejenigen zu erreichen, die den Weg in die Praxis nicht alleine schaffen. Material und Planungshilfen stelle die LAGH bereit.

Gestalten statt ändern

Dass es wichtig ist, seine Zielgruppe genau zu definieren, bevor man sich an die Arbeit macht und Konzepte erstellt, betonte Ramazan Salman, Geschäftsführer des Ethno-Medizinischen-Zentrums in Hannover. Anstatt pauschal von „Ausländern“ zu sprechen, sei es besser, zwischen Spätaussiedlern, Asylbewerbern und Kontigenzflüchtlingen zu unterscheiden. Nur wenn die Prophylaxekräfte die Situation der Betroffenen genau kennen, können sie die Prophylaxemaßnahmen so zuschneiden, dass sie passen. „Wenn wir wissen, wo jemand steht, können wir ihn auch dort abholen.“

Er bestätigte, dass die schlechten Deutschkenntnisse von Migranten oft die Zusammenarbeit mit ihnen erschwere. Zugleich wies er jedoch darauf hin, dass der andere kulturelle Hintergrund auch ein anderes, für uns fremdes, Denken und Handeln mit sich bringe. Verständnis sei daher der Schlüssel zum Erfolg: „Die Situation können wir nicht ändern – wohl aber gestalten!“

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