Mal ganz tief Luft holen...
Wer jemals im Leben ernstlich in Luftnot geraten ist, nimmt seinen Atem sicher viel bewusster wahr, als jemand, dessen Lungen sich immer problemlos füllen konnten. Sauerstoff. Grundelement des Lebens. Wir können 40 Tage ohne Nahrung auskommen und zwei bis fünf Tage ohne Flüssigkeit. Ohne zu atmen überleben wir jedoch nur wenige Minuten. Er ist unsere vitalste Kraft, die Hauptenergiequelle für alle Körperfunktionen. Im Regelfall atmen wir im Durchschnitt acht- bis zwölfmal pro Minute ein und aus, 25 920-mal am Tag. Dabei nehmen wir etwa einen Drittel Liter Luft in uns auf, mit rund 20 Prozent Sauerstoff. Unser Körper praktiziert diesen „Regelfall“ selbständig, und so begreifen wir ihn als selbstverständlich, wie alle anderen Körperfunktionen auch.
Bei deren Bewertung und dem Augenmerk, das wir ihnen widmen, gibt es allerdings einen Unterschied: Wir wissen, wie wichtig gesunde Ernährung ist, dass Sport uns fit hält. Haben gelernt, dass wir uns von Anstrengung erholen müssen, fahren in Urlaub und gehen zu Vorsorgeuntersuchungen. Richtiges Luft holen hingegen vernachlässigen wir. Ein besonderes Lungen-, Zwerchfell- oder Bauchtraining findet höchstens in Ausnahmefällen Platz in unserem persönlichen „Erholungs- und Erhaltungsprogramm“. Denn mal ehrlich: Wer setzt sich schon hin, um „bloß“ zu atmen?
Der Mensch atmet wie er lebt
Unsere Atmung ist oberflächlich. Die meisten von uns üben vorwiegend sitzende Tätigkeiten aus, wir bewegen uns „minimalinvasiv“ und pflegen abends das Sofa. Lunge und Bauch füllen sich nur wenig, die Tiefenatmung, bei der sich Lunge und Bauch stark ausdehnen und das Zwerchfell aktiv arbeitet, wird kaum praktiziert.
Das scheint zunächst nicht schlimm, denn jeder hat seinen natürlichen Atemrhythmus, in dem er sich wohl fühlt und der seinem Lebenswandel entspricht.
Doch ist die Tiefenatmung wichtig, denn sie hilft, Muskelverspannungen zu lockern und Organfunktionen zu verbessern. Auch Auswirkungen von Stress können mit ihr reduziert werden:
Beim tiefen Einatmen bläht sich der Bauch, die Lungen füllen sich bis in die oberen Zipfel und das Zwerchfell dehnt sich. Die Wirbelsäule wird gestreckt, die gut gefüllten Lungen drücken von innen gegen die Rippen und spannen Rippenfell und Rückenmuskulatur, durch die vermehrte Fülle im Bauch werden die inneren Organe massiert und besser durchblutet, folglich ihre Funktion verbessert. Das alles wirkt sich auf das gesamte Körperempfinden aus. Wenn uns im Alltag buchstäblich „die Luft wegbleibt“ oder „der Atem stockt“, weil etwas geschieht, das uns emotional stark berührt, kann uns tiefes konzentriertes Atmen unterstützen, diesen Augenblick besser zu meistern.
Der Atem trägt uns auch, wenn wir angespannt sind und vor besonderen Herausforderungen stehen. Jeder Sportler wird vor dem Wettkampf „tief durchatmen“, in der Schwangerschaft lernen Frauen eine konkrete Atemtechnik für die Geburt. Mancher Zahnarzt „holt tief Luft“ vor einem komplizierten Eingriff und „atmet auf“, wenn er seine Aufgabe erfolgreich bewältigt hat.
Seufzen und Gähnen
Beim Sport funktioniert das Zusammenspiel aus Bauchatmung, Lungenatmung und Zwerchfellaktivität richtig und ohne, dass wir besonders darauf achten müssten. In jedem Seufzer steckt ein Stück Entspannung, weil wir uns dabei unbewusst innerlich aufrichten und den gesamten Rumpf mit Luft füllen.
Auch bei Müdigkeit hilft uns ein körpereigener Mechanismus: wir praktizieren automatisch die natürlichste Form der Tiefenatmung, nämlich herzhaftes Gähnen und vielleicht auch Strecken: Dann haben alle Bauchorgane und Muskeln Platz, sich zu dehnen und auszubreiten – und genauso soll es sein!
Kraft aus der Lunge
In der fernöstlichen Gesundheitslehre weiß man schon lange, welche Bedeutung richtiges Atmen für Körper und Seele hat. Die Chinesen nennen es Chi, die Inder Prana – Lebensenergie. Aristoteles schrieb bereits: Luft gibt uns Seele, Leben und Bewusstsein. Der Botschaft aller Lehren ist gemein, dass bewusstes Atmen in den verschiedensten Lebensbereichen eine unterstützende und kräftigende Hilfe sein kann. Vom Erhalt und der Wiederherstellung körperlicher Gesundheit über die Verarbeitung seelischer Traumata und die Förderung des seelischen Gleichgewichts bis zur Beherrschung des Atems mit dem Ziel der Selbstkontrolle.
Unsere westliche Denkweise lässt für dieserart Ansätze wenig Raum. Doch auch auf anatomisch- physikalischer Ebene lassen sich die Wirkung und Bedeutung richtigen Atmens belegen (siehe Kasten unten). Wenn wir unsere Augen schließen und uns auf unseren Atem konzentrieren, können wir mit ihm auf Reisen gehen. In dem Rhythmus, in dem unser Körper sich mit Luft füllt, können wir Energien bündeln und transportieren, allein mit mentaler Kraft, geleitet durch den Atem.
Ist die „Luft raus“, hilft bewusstes Luftholen! Nur zu, der Versuch lohnt.





