Leitartikel

Der weiche Faktor

mg

Sehr geehrte Kolleginnen und Kollegen,

wenn am 1. Januar 2012 das Versorgungsstrukturgesetz in Kraft tritt, findet sich dort eine Regelung wieder, die sogenannte weiche Faktoren berücksichtigt: die bessere Vereinbarkeit von Familie und Arztberuf. Und das ist richtig so. Die geänderte Einstellung der Menschen zur Arbeit, der Wunsch nach einer angemessenen Work-Life-Balance, der steigende Anteil von Frauen in Medizin und Zahnmedizin – all das fordert strukturelle Veränderungen und ein Umdenken in den Köpfen von Politik und Gesellschaft. Der Präsident der Bundesärztekammer, Dr. Ulrich Montgomery, brachte diese Entwicklungen auf einen treffenden Nenner: „Die Nachkriegsgeneration lebte, um zu arbeiten. Die Generation Golf arbeitete, um zu leben. Die heute in den Beruf startende Generation will beim Arbeiten leben“, zitiert ihn die Ärzte-Zeitung (24.11.).

Die Vereinbarkeit von Familie und Beruf ist zu einem wichtigen Kriterium in allen Bereichen der zahnärztlichen Berufsausübung geworden (siehe dazu die Titelgeschichte in diesem Heft). Dabei geht es nicht nur darum, dass der Frauenanteil in unserem Beruf wächst (im Jahr 2017 wird nach Prognosen die Hälfte aller Zahnärzte in Deutschland weiblich sein) und dass dem Rechnung getragen werden muss. Durch den Generationenwandel werden auch geschlechter-übergreifend neue Erwartungen an die Vereinbarkeit von Beruflichem und Privatem gestellt. Denn auch männliche Kollegen übernehmen zunehmend Familienarbeit. Insbesondere junge Kolleginnen und Kollegen haben klare Wunschvorstellungen an familienfreundliche Arbeitsbedingungen. So haben zum Beispiel aktuelle Umfragen, wie die des Instituts der Deutschen Zahnärzte (IDZ), aber auch aus weiteren Kammerbereichen, ergeben, dass folgende Faktoren die zahnärztliche Arbeitswelt von heute prägen: ein noch überwiegender Anteil von Einzelpraxen, eine sehr große Arbeitsbelastung, eine hohe Fortbildungsbereitschaft, der Wunsch nach Reduktion der Arbeitszeit und nach flexibleren Möglichkeiten des Wiedereinstiegs nach einer Familienpause.

Diesen Entwicklungen hat die Bundeszahnärztekammer mit ihrem im Sommer verabschiedeten „Memorandum zur Vereinbarkeit von Familie und Beruf“ Rechnung getragen und das Themenfeld zur politischen

Aufgabe bestimmt. Die BZÄK-Bundesversammlung in Frankfurt hat in einem Beschluss bekräftigt, dass das Thema in der standespolitischen Arbeit einen entsprechenden Handlungsspielraum erhalten soll. Vor allem geht es darum, Rahmenbedingungen zu schaffen, um die zahnärztliche Berufstätigkeit mit dem Familienleben besser in Einklang zu bringen. Kammern, KZVen, Berufsverbände und Fachgesellschaften sind aufgefordert, sich hierbei zu engagieren. Außerdem sollte es zur Selbstverständlichkeit werden, dass sich auch Frauen aktiv an der Gremienarbeit der Selbstverwaltung beteiligen. Das gilt für die Spitzenämter der Körperschaften genauso wie beispielsweise für die Mitwirkung in Arbeitsausschüssen.

Es müssen entsprechende Möglichkeiten geschaffen werden, um die zahnarztspezifischen Probleme bei der Vereinbarkeit von Arbeits- und Familienleben aufzugreifen. Dazu gehören die Niederlassungsberatung, Informationen zur Wiedereingliederung nach Kindererziehungszeiten, flexible Teilarbeitszeitmodelle oder Kinderbetreuungsangebote. Die Kammern sind gefordert, hier aktiv zu werden und Initiativen zu entwickeln.

Die Vereinbarkeit von Familie und Beruf gilt aber nicht nur für Fragen rund um die Kindererziehung. In Zukunft wird in unserer Gesellschaft die Pflege von Angehörigen eine immer größere Rolle spielen. Auch die Zahnärzteschaft ist von dieser Entwicklung betroffen. Hier ist die Selbstverwaltung ebenfalls aufgerufen, Modelle zu konzipieren, die der Kollegenschaft Freiräume für familiäre Verpflichtungen schafft.

Fest steht: Die Gesellschaft befindet sich im Wandel, und der Berufsstand muss sich diesen Veränderungen stellen. Der weiche Faktor ist für uns alle eine knallharte Herausforderung.

Mit freundlichen kollegialen Grüßen

Prof. Dr. Dietmar OesterreichVizepräsident der BZÄK

Melden Sie sich hier zum zm-Newsletter des Magazins an

Die aktuellen Nachrichten direkt in Ihren Posteingang

zm Heft-Newsletter


Sie interessieren sich für einen unserer anderen Newsletter?
Hier geht zu den Anmeldungen zm Online-Newsletter und zm starter-Newsletter.