Leserforum

Irreal

Zum Beitrag „Wenn der Markt die Medizin aushöhlt“ in zm 01/2012:

Ethik und Ästhetik, Medizin und Markt – Widersprüche? Davon ist zumindest der Autor des oben genannten Beitrags, Prof. Giovanni Maio, überzeugt und entwirft ein Horrorszenario der deutschen Zahnmedizin. Er beklagt die „Übernahme rein ökonomischer Leitgedanken und -maximen“, die sich in der „unheilvollen“ Orientierung „an der Ästhetik“ (Veneers) und „Übertherapie“ (Implantate) vollzögen. Für ihn sind das Auswüchse einer von der Wettbewerbsgesellschaft geprägten Mentalität, die den „Körper … zu Markte (trage)“ unter dem Imperativ „Schönsein-Müssen“.

Die Folge sei, dass gesunde Zähne krank gemacht würden, statt den „Körper … als etwas Gegebenes“ zu betrachten. Patienten-Autonomie und Erfüllungsrecht? Nach Maio nur „eine schön bequeme Ethik“, die sich die Zahnmedizin damit zurechtschneide. Die Unterstellungen eines offensichtlich zahnmedizinischen Laien gipfeln in der Frage, ob „ein solcher Arzt wirklich das Richtige studiert (hat) für diese Zielsetzung?“ Antwort: Angesichts der Exposition von Zahn, Mund und Kiefer im zivilisatorischen Miteinander gehört der Wunsch nach einer harmonischen Ästhetik gerade hier zu den persönlichen Uranliegen, wenn auch mit kulturell unterschiedlichen Realisationen im Verlauf der Menschheitsgeschichte. Und wer sonst, wenn nicht wir Zahnärzte, sind in unserem Kulturkreis dafür verantwortlich? Und Veneer- und Implantationstechnik sind keine Modeerscheinungen, sondern das Resultat jahrzehntelanger Forschung und Praxiserprobung.

Aber auch wirtschaftswissenschaftlich entpuppt sich der Autor als Laie: „Business- und Arztdenken“ unvereinbar? Ärzte „innerhalb eines auf Wirtschaft getrimmten Systems zu Dienstleistern herabgestuft“? Wieso? In der Tat üben alle (Zahn-)Ärzte volkswirtschaftlich eine Dienstleistungsfunktion aus – rechtlich zwar als freier Beruf, betriebswirtschaftlich aber im Rahmen einer Praxis, die ohne Business-Denken pleite ginge. Gegenmodell: Zahnärzte als Staatsangestellte, die um 17 Uhr Spiegel, Sonde und Pinzette fallen lassen. Besser, Herr Professor? Und was ist mit den Kosten? Der Vorschlag Maios, Zahnärzte zu belohnen, „wenn sie mit minimalstem Aufwand die maximale Zahngesundheit erhalten“ gleicht dem Ansinnen an einen Läufer, in möglichst kurzer Zeit eine möglichst lange Strecke zu laufen. Beide Versionen sind irreal.

Auch Gesundheitspolitiker haben erstens längst erkannt, dass zwei Variable in der Rechnung keinen Sinn machen und zweitens sich dafür entschieden, den Mitteleinsatz und nicht die maximale Zahngesundheit als Konstante zu wählen, weil der damit verbundene variable Aufwand – wenn man einmal den ganzen Gesundheitssektor einbezieht – über kurz oder lang das gesamte Bruttosozialprodukt aufzehren würde.

Dr. Wilh. Bulk

Theresiengrund 10

48149 Münster

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