Gastkommentar

Gegenoffensive

pr
Die Ärzteschaft muss offensiver zeigen, dass sie verantwortungsbewusst, fair und transparent mit den IGeL-Leistungen umgeht. Nur dann kann sie Einschränkungen verhindern, meint Dr. Dorothea Siems, Wirtschaftskorrespondentin der Welt, Berlin.

Für die einen sind es Zusatzangebote, die eine bessere Versorgung vieler Patienten ermöglichen, für die anderen reine Abzockerei: die individuellen Gesundheitsleistungen (IGeL). Das Thema polarisiert wie kaum ein anderes Politiker und Medien. Die Krankenkassen feuern dabei nach Kräften die IGeL-Gegner an. Nach Ansicht von AOK Co. sind Patienten schlichtweg nicht mit ihrem Arzt auf Augenhöhe, wenn es darum geht, zu entscheiden, ob die aus eigener Tasche zu bezahlende Zusatzleistung das Geld wert ist oder nicht.

IGeL sind ein Wachstumsmarkt, der schon heute ein Volumen von 1,5 Milliarden Euro im Jahr umfasst. Das Spektrum der rund 320 Angebote reicht von der Augeninnendruckmessung zur Glaukom-Früherkennung über Baby-TV in der Schwangerschaft bis hin zur reisemedizinischen Beratung. Jedem vierten Kassenpatienten wurde laut einer Umfrage des Meinungsforschungsinstituts Forsa im vergangenen Jahr von seinem Arzt ein- oder mehrmals eine IGeL-Leistung angeboten. Nur die Hälfte der Befragten gab an, umfassend über die Vor- und Nachteile der privat zu zahlenden Zusatzbehandlungen informiert worden zu sein. Das Bundesverbraucherministerium war alarmiert. Die Krankenkassen sahen sich in ihrer Skepsis bestätigt. Und die Oppositionsparteien drängen ohnehin seit Langem auf eine drastische Verschärfung der gesetzlichen Regelungen.

Die Ärzteschaft hat erkannt, dass sie aktiver als bisher in die Debatte einsteigen muss, will man verhindern, dass das Image der IGeL-Leistungen weiter Schaden nimmt. Noch ist das Vertrauensverhältnis zwischen Ärzten und Patienten zwar unverändert gut. Doch wenn die große Mehrheit der Versicherten erklärtermaßen davon ausgeht, dass die Zusatzangebote überflüssig sind und es den Medizinern nur um einen Zusatzverdienst geht, hat dieses Thema das Potenzial, die Beziehung nachhaltig zu belasten. Im Zweifelsfall dürften viele Praxen lieber ganz auf IGeL verzichten, was sowohl wirtschaftlich als auch aus Patientensicht nicht wünschenswert ist. Schließlich wurde schon manche dieser Leistungen später in den Leistungskatalog der Krankenkassen aufgenommen wie etwa das Hautkrebsscreening.

Um den Kritikern den Wind aus den Segeln zu nehmen, müssen die Mediziner in die Offensive gehen und deutlich machen, dass sie sich bei den privaten Zusatzleistungen an strikte Regeln halten. Die Kassenärztliche Vereinigung in Baden-Württemberg hat sich jetzt selbst einen Kodex verordnet, den teilnehmende Mitglieder in ihren Praxen auf entsprechenden Plakaten veröffentlichen. Darin verpflichten sich die Mediziner, die Patienten umfassend über Nutzen und Risiken zu informieren. Auch wird zugesichert, den Versicherten für eine Entscheidung eine angemessene Bedenkzeit zu geben. Der Patient wird zudem darüber aufgeklärt, dass er sich

eine Zweitmeinung einholen kann. Und nicht zuletzt verpflichten sich die Ärzte, die geplante Therapie sowie die voraussichtlichen Kosten schriftlich niederzulegen. Zwar ist auch der Zehn-Punkte-Katalog aus Stuttgart nicht mehr als recht und billig und entspricht weitgehend der IGeL-Checkliste, die der Kassenärztliche Bundesverband den Medizinern an die Hand gibt. Doch mit ihrer Kampagne „Wir IGeLn fair!“ zeigen die Ärzte in Süddeutschland, dass sie die Lufthoheit über diesem Feld nicht länger den Krankenkassen überlassen wollen. Je offener die Mediziner mit dem Thema umgehen, desto größer sind die Chancen, dass die IGeL nicht in die Schmuddelecke gelangen, in die sie die Gegner drängen wollen.

Dass die Krankenkassen sich dabei als Interessenvertreter der Patienten gerieren, ist unerträglich. Schließlich haben sie funktionsbedingt ein Eigeninteresse daran, als Dritter im Bunde an allen Behandlungsschritten einbezogen zu sein, wie dies bei den Kassenleistungen der Fall ist. Ein wachsender Bereich, der ihrem Einfluss entzogen ist, stört die gesetzlichen Krankenkassen. Je überzeugender die Ärzteschaft der Öffentlichkeit vermitteln kann, dass die Kollegen verantwortungsbewusst IGeLn, desto weniger wird die Politik diese Möglichkeiten unter Hinweis auf den Patientenschutz beschneiden.

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