25. Tag der Zahngesundheit

Der Kampf gegen Karies

25 Jahre Zahnputzbrunnen, Kariestunnel, Zahnmännchen und Bürstentausch: Der Tag der Zahngesundheit feiert mit seinem Jubiläum große Prophylaxeerfolge. Zu Recht: Wir Iieben schöne und gesunde Zähne – und tun im Gegensatz zu früher auch viel dafür. Heißt das: Karies und Bactus sind tot, der Feind ist besiegt?

Aktuell liegt der mittlere DMF-T der 6- bis 7-Jährigen bei 1,87, knapp 54 Prozent weisen naturgesunde Milchgebisse auf. Bei den 12-Jährigen hat sich der DMF-T auf 0,72 verringert, bei den 15-Jährigen beträgt er 1,41. Das ist nicht von selbst passiert: Den Erfolgswerten von 2009 ging ein langer Kampf voraus – ein Kampf gegen Vorurteile, Unkenntnis und Gewohnheiten.

Löcher zählen

Heute sind Prophylaxe und Prävention Standard. Damals tat man viele inzwischen gesetzte Behandlungen als überflüssig, weil angeblich wirkunglos ab. Allerdings haperte es schon bei den Basics: Während die Zahnmediziner in Deutschland jetzt regelmäßig detaillierte Fakten zur Zahn- und Mund- gesundheit der Bevölkerung erheben, hatte man noch bis in die 80er gar kein verläss- liches Zahlenmaterial zur Verfügung – geschweige denn repräsentative Daten. Zwar gab es für die Kinder die sogenannten Schulzahnärzte, die in die Klassen gingen. Jene beschränkten sich bei ihren „Untersuchungen“ jedoch auf die

reine Datenerfassung. Mit anderen Worten: Sie zählten – nach unterschiedlichsten Methoden – Löcher. Mehr nicht. Kein Befund, keine Therapie. Eins offenbarten diese mehr oder weniger unsortierten Auflistungen trotzdem: Die Karieslast der Kinder war zu hoch. Kurz darauf manuell ausgewertete Befunderhebungen bestätigten, ja übertrafen sogar die Befürchtungen: Der DMF-T der 12-Jährigen lag in der BRD bei 6,8. Geboten war Handlungsbedarf. Klar. Doch wie vorgehen?

Bekanntlich kannte unser damaliges Gesundheitssystem keine Prävention. Noch dazu galten heute anerkannte Maßnahmen wie die Fissurenversiegelung oder die Fluoridierung selbst unter Zahnärzten als wissenschaftlich fragwürdig.

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Kommunistische Leistungen

„Gruppenprophylaxe? Ein kommunistisches Instrument! Individualprophylaxe? Kapitalistisch verortet! Auf dieser ideologisch geprägten Ebene bewegte sich damals die Diskussion“, erinnert sich Prof. Johannes Einwag, Direktor des Zahnmedizinischen Fortbildungszentrums Stuttgart. Geradezu lächerlich einfach erschien im Vergleich dazu die Erfassung von Karies mit einer repräsentativen Studie zu sein, oder? Einwag und sein Kollege Elmar Reich, heute Professor für Zahnerhaltung und Parodontologie an der Uni Köln, waren zu der Zeit zwar erst Doktoranden, allein ihre Erfahrungen aus einem Pilotprojekt der Uni Würzburg, bei dem sie das erste Mal einheitlich auf elektronischer Basis Karies bei Kindern erfasst hatten, machten sie in Sachen Prävention aber zu Experten.

Ihre Systematik bildete die Basis für die DMS I von 1989, die einen mittleren DMF-T bei den 12-Jährigen von 4,1 ermittelte. Das IDZ-Survey aus demselben Jahr toppte diesen Wert noch: Für die 13- bis 14-jährigen wurde ein DMF-T von sogar 5,1 festgestellt. Verheerende Zahlen, die den Berufsstand darin bestärkten, sich bei der Verankerung der Prophylaxe auf die Kinder und Jugend- lichen zu fokussieren. „Die Zahnmedizin musste weg von der rein kurativen Zahnheilkunde hin zur Prävention, darin war man sich einig“, bestätigt Prof. Dietmar Oesterreich, Vizepräsident der Bundeszahnärztekammer. „Fest stand auch: Wir müssen am Anfang, bei den Kindern, beginnen.“

Lernen aus der Zahnpasta-Werbung

Das Problem: Karies war in der öffentlichen Wahrnehmung kein Thema. Die Mund- und Zahnhygiene in der Bevölkerung zu etablieren dementsprechend schwierig. „Wie man Karies effektiv vermeiden kann, wusste man allenfalls aus der Zahnpasta-Werbung“, schildert Oesterreich rückblickend. Das sollte sich ändern. Im Zentrum stand daher zunächst das Ziel, die Menschen über den Zusammenhang zwischen Karies und Zahnpflege zu informieren und insbesondere in den Medien ein Bewusstsein dafür zu erzeugen.

Der im Herbst 1990 auf Initiative des Prophylaxe-Pioniers Friedrich Römer vom Verein für Zahnhygiene gegründete „Aktionskreis Tag der Zahngesundheit“ sollte diese Wahrnehmung schaffen – und entsprechende Aktionen koordinieren. Alles zusammen mit den Krankenkassen – nach wie vor wechselt der Vorsitz in dem Verbund alternierend. Geplant war, jedes Jahr am 25. September, „natürlich auch in den Tagen davor und danach“, in ganz Deutschland auf „die Wichtigkeit gesunder Zähne aufmerksam [zu] machen und möglichst viele Mitbürger zu besserer Zahngesundheitspflege [zu] motivieren“, wie man Berichten aus der Zeit entnehmen kann. „Bis 1994 waren wir vorrangig damit beschäftigt, in der Politik und in den Medien eine Awareness, eine Sensibilität für die Zahngesundheit zu schaffen“, erläutert Diplom-Pädagoge Dr. Uwe Prümel-Philippsen, Geschäftsführer der Bundesvereinigung Prävention und Gesundheitsförderung e.V. (BVPG). „Bei der Erfindung von lokalen Aktionen sind der Fantasie keine Grenzen gesetzt“, schrieben 1990 dazu die zm und schlugen als mögliche Aktionen unter anderem prämierte Sanierungswettbewerbe, Plakatierungen und Ausstellungen vor.

###more### ###title### Das Bild der siamesischen Zwillinge machte die Runde  ###title### ###more###

Das Bild der siamesischen Zwillinge machte die Runde 

Die Zahnärzte legten also los. Und versuchten zugleich die bestehenden Differenzen über den Einsatz von Gruppen- und Individualprophylaxe auszuräumen. „Gruppenprophylaxe und Individualprophylaxe sind siamesische Zwillinge, die man nicht trennen darf“, stellte 1991 etwa der Berliner Zahnärztepräsident Dr. Dr. Karl Heinz Löchte klar. Das Bundesgesundheitsministerium sah das zuerst anders: Im Unterschied zur Zahnärzteschaft setzten die Ministerialräte – wie auch die Krankenkassen – ausschließlich auf die Gruppenprophylaxe, die „später“ durch die IP ergänzt werden sollte. Was „später“ bedeutete, blieb offen. Doch die Zahnärzte machten Druck und setzten sich durch: Die Individualprophylaxe wurde zeitnah eingeführt. Insgesamt liefen 1992 im Fernsehen „29 Sendungen mit einer Gesamtdauer von einer Stunde, 13 Minuten und 38 Sekunden“, wie die zm meldete. Während insgesamt 3.706 Praxen die vom Verein für Zahnhygiene herausgegebenen Infopakete orderten, machten davon ein Jahr später schon 5.300 Gebrauch. Allein 1993 wurden 144.000 Poster, 732.000 Flyer und 413.000 Sticker bestellt.

Die PR hatte Erfolg: Im Juni 1993 verständigten sich Politik, Zahnärzte und Krankenkassen auf eine Rahmenempfehlung zur Gruppenprophylaxe. Mit der Durchführung wurde die Deutsche Arbeitsgemeinschaft für Jugendzahnpflege e. V. (DAJ) als bundesweite Trägerorganisation beauftragt. Die Paragrafen 21 und 22 des SGB V verankerten damit die Prävention im GKV-Leistungskatalog: „Die Krankenkassen haben im Zusammenwirken mit den Zahnärzten und den für die Zahngesundheitspflege in den Ländern zuständigen Stellen [...] Maßnahmen zur Erkennung und Verhütung von Zahnerkrankungen ihrer Versicherten, die das zwölfte Lebensjahr noch nicht vollendet haben, zu fördern und sich an den Kosten der Durchführung zu beteiligen. Sie haben auf flächendeckende Maßnahmen hinzuwirken. In Schulen und Behinderteneinrichtungen, in denen das durchschnittliche Kariesrisiko der Schüler überproportional hoch ist, werden die Maß- nahmen bis zum 16. Lebensjahr durchgeführt. Die Maßnahmen sollen vorrangig in Gruppen, insbesondere in Kindergärten und Schulen, durchgeführt werden; sie sollen sich insbesondere auf die Untersuchung der Mundhöhle, Erhebung des Zahnstatus, Zahnschmelzhärtung, Ernährungsberatung und Mundhygiene erstrecken. Für Kinder mit besonders hohem Kariesrisiko sind spezifische Programme zu entwickeln.“

###more### ###title### Fissurenversiegelung als Kassenleistung ###title### ###more###

Fissurenversiegelung als Kassenleistung

Auch die Individualprophylaxe sollte bei Kindern und Jugendlichen besonders gefördert werden und wurde als Kassenleistung aufgenommen: „(1) Versicherte, die das sechste, aber noch nicht das 18. Lebensjahr vollendet haben, können sich zur Verhütung von Zahnerkrankungen einmal in jedem Kalenderhalbjahr zahnärztlich untersuchen lassen. (2) Die Untersuchungen sollen sich auf den Befund des Zahnfleisches, die Aufklärung über Krankheitsursachen und ihre Vermeidung, das Erstellen von diagnostischen Vergleichen zur Mundhygiene, zum Zustand des Zahnfleisches und zur Anfälligkeit gegenüber Karies- erkrankungen, auf die Motivation und Einweisung bei der Mundpflege sowie auf Maßnahmen zur Schmelzhärtung der Zähne erstrecken. (3) Versicherte, die das sechste, aber noch nicht das 18. Lebensjahr vollendet haben, haben Anspruch auf Fissurenversiegelung der Molaren.“

Quasi mit ihrer Einführung torpedierten GP und IP die Karieslast: Die Werte sanken bei den 12-Jährigen laut DAJ-Studien aus 1994/95 im Westen auf 2,2 und im Osten auf 3,0. Wobei die 1992 eingeführte  Aufstiegsfortbildung zur Prophylaxehelferin es den Praxen wesentlich erleichterte, die IP als Leistung anzubieten. „Die Präventionsmaßnahmen wurden systematisch von der Wissenschaft begleitet“, berichtet Oesterreich. „Das Wissen darüber, wie orale Strukturen erhalten werden, führte dann im Jahr 2000 zur Neubeschreibung der präventionsorientierten Zahnheilkunde.“ Die Erfolgsformel sei das Gesamtpaket, meint der BZÄK-Vize: „Besonders Fluoride und die Fissurenversiegelung führten – und diese Präventionsleistungen sind durch Evidenz nachgewiesen – zu einer Kariesreduktion von 80 Prozent bei den Sechs- bis Zwölfjährigen.“

Daran sei der Tag der Zahngesundheit mit seinen Aufklärungsmaßnahmen maßgeblich beteiligt, weil das Modell durch seine vielfältigen Aktionen das Thema Mundgesundheit in der Bevölkerung etabliert habe – mit wissenschaftlichem Anspruch. „Aus meiner Sicht brachten die Aktionen enorme Erfolge für die Prophylaxe“, bestätigt auch Dr. Matthias Lehr. Lehr ist Geschäftsführer des Vereins für Zahnhygiene und organisiert die Veranstaltung. „Der Tag der Zahngesundheit ist inzwischen ein festes Ritual, das sich in den Köpfen verankert hat. Auch mit der Botschaft: Prävention ist keine Einbahnstraße! Man muss sich regelmäßig erinnern: Ich möchte durch Zahn pflege, Mundhygiene und Prophylaxe etwas für meine Zähne tun!“ Inzwischen finde der Tag der Zahngesundheit eigentlich das ganze Jahr statt, resümiert Lehr.

###more### ###title### Erfolg führt zu neuen Herausforderungen ###title### ###more###

Erfolg führt zu neuen Herausforderungen

Stimmt: Gesunde Zähne sind uns wichtig, ein tolles Lachen ist sexy. Aber heißt das nicht im Umkehrschluss, dass sich der „TdZ“ mit seinen Erfolgen selbst abschafft? „Wir haben ein hohes Level erreicht“, stimmt Lehr zu. „Jetzt gilt es, dieses Niveau zu halten. Die Schritte werden natürlich kleiner, aber diese kleinen Schritte sind heute mindestens genauso viel Wert wie ein großer am Anfang.“ Der Meinung ist auch Oesterreich: „Wenn eine Generation keine Erfahrung mit Karies gemacht hat, gibt sie das Wissen darüber nur eingeschränkt weiter. Wir müssen das Bewusstsein deshalb wachhalten“, betont er und verweist auf die aktuellen Probleme: Early Childhood Caries bei den Kleinen, Parodontitis bei den Großen. Bildungsferne Familien und Menschen mit Migrationshintergrund zu erreichen, stelle die Zahnmedizin vor neue Herausforderungen.

Ebenso die Versorgung von alten, pflegebedürftigen und behinderten Menschen: „Der Tag der Zahngesundheit muss hier weiter aufklären und informieren!“ Wie sich der „TdZ“ weiter-entwickelt, macht Prümel-Philippsen deutlich: „Insgesamt gingen wir mit Karies und Bactus von sehr engen Ansätzen aus, um uns mehr und mehr modernen Themen zu öffnen, wie etwa ’Zuviel Abrieb durch zuviel putzen’. Die Aussage ’Halt doch deine Zähne sauber’ greift eben zu kurz. ’Make the healthy choice a better choice’, lautet die Maxime. Im Klartext: Wir müssen den Rahmen so gestalten, dass man sich auch gesund verhalten kann.“ Diesen Wandel kann man auch an den strukturellen Veränderungen ablesen: Hatte die Veranstaltung anfangs noch Tagungscharakter und fand zentral in festlichem Ambiente statt, gibt es nun eine Pressekonferenz in Berlin, die bundesweit von zahlreichen Aktionen begleitet wird.

Das Motto fokussiert jedes Jahr einen anderen Schwerpunkt, die Beweggründe bleiben: „Wir wollen das zahnmedizinische Wissen in die individuelle Situation der Mundgesundheit überführen, um die gesunden Lebensphasen zu verlängern und bei Krankheit die Lebensqualität so hoch wie möglich halten“, beschreibt Oesterreich das Ziel. „Das impliziert bevölkerungsspezifische Zuschnitte.“ Einwag: „Letztlich läuft immer alles auf eins hinaus: Der Dreck muss weg!“

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