Clerkship an der Korean University in Seoul

Famulatur: Zu Corona-Zeiten in Südkorea

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Auf der Suche nach Input und Austausch außerhalb von Europa ging Annika Czech nach Seoul, an die renommierte Korea University. Doch dann kam Corona. Wie Südkorea auf das Virus reagierte und wie sie diese Zeit erlebte, erzählt die Zahnmedizinstudentin hier.

Czech studiert Zahnmedzin in München im klinischen Studienabschnitt. Sie wollte wissen, wie der zahnmedizinische Wissensstand in anderen Ländern aussieht und wie dort gelehrt wird. So organisiert sie sich ein Praktikum an der Korea University in Seoul (KU), ein „Clerkship“, in den Semesterferien. Dafür gibt es bislang weder eine Plattform noch ein Austauschprogramm – interessierte Studierende müssen auf eigene Faust recherchieren und sich bewerben. Das hat in Czechs Fall schnell und reibungslos geklappt: Sie wird als „Undergraduated Student“ an der Graduate School of Dentistry aufgenommen und startet in den zweimonatigen Studienaufenthalt im Rahmen einer Famulatur.

In Südkorea gibt es bis dahin nur wenige Fälle – also auch wenig Grund zur Sorge. Doch schon auf dem Weg nach Seoul spitzt sich die Lage wegen des Coronavirus zu. „ Auffällig bei meiner Ankunft war, dass an jeder Bahnstation und an jeder Supermarktkasse Desinfektionsmittel stand“, erzählt Czech. Eine gute Idee in dieser dicht besiedelten Stadt, dachte sie damals, auch abseits des Coronavirus.

Hier gibt es ja überall Desinfektionsmittel

Zudem laufen auf den Bildschirmen in der hochmodernen U-Bahn bereits Filme, die darauf hinweisen, wie man sich am besten vor dem Virus schützen kann. Und selbstverständlich werden Masken getragen, um andere zu schützen, falls man selbst erkrankt. „Dazu muss man wissen, dass die Angst in Südkorea durch die Nähe zu China um einiges größer war als in den westlichen Ländern“, berichtet Czech. In China spielen sich bekanntlich Horrorszenarien ab. Darüber hinaus reisen Millionen Menschen anlässlich des chinesischen Neujahrsfests durch Asien. „Wir Studenten machten uns zu dem Zeitpunkt aber noch keine allzu großen Sorgen.“

Die zahnmedizinische Fakultät befindet sich im Anam Hospital der KU, und das Studium geht erstmal seinen Gang. „Ich war die einzige Zahnmedizinerin, aber es nahmen knapp 30 andere internationale Medizinstudenten an dem Programm teil“, führt Czech aus.

Das war der Punkt, an dem die Lage ernst wurde

Am 16. Februar dann kommt ein betagter Mann in die Notaufnahme in die Klinik. Er hat Beschwerden im Thoraxbereich, was initial auf einen Myokardinfarkt hinweist. Vier Stunden später wird das neue Coronavirus SARS-CoV-2 diagnostiziert. Der Patient ist der 29. Fall in Südkorea. Die Notaufnahme wird sofort evakuiert. Alle vor Ort werden in häusliche Quarantäne verwiesen, die Räumlichkeiten desinfiziert. „Glücklicherweise wurde niemand angesteckt“, schildert Czech die Situation: „Der 82-Jährige war stabil.“

Einige Tage später in Daegu, einer Stadt mit 2,5 Millionen Einwohnern weiter südlich von Seoul, geht eine 61-jährige Frau zur sonntäglichen Messe in die Shincheonji Kirche. Sie hatte sich mit dem Virus angesteckt und wird später mit mehr als 60 Prozent der Infizierten in Daegu in Verbindung gebracht. Die Stadt hat die meisten registrierten Coronainfektionen im Land. „Das war der Punkt, an dem die Lage ernst wurde, und das spürten wir“, erinnert sich die Studentin. Etwa drei Tage später werden alle Praktika im Anam Hospital abgebrochen.

„Wir waren unsicher, ob wir abreisen sollten oder sogar müssten und kontaktierten die Deutsche Botschaft in Seoul“, berichtet sie. Die verblüffende Antwort von dort: „Wie sollen wir das wissen?” Czech: „Wir gingen davon aus, dass die Botschaften und die deutsche Regierung anhand des Verlaufs in China einen Plan hatten. Und wir waren alle überrascht, dass es keine Sicherheitsvorkehrungen gab, obwohl es klar war, dass die Infektionen sich nicht nur auf China beschränken würden.“

Der Alltag lief trotz Krise weiter – ganz ohne apokalyptische Stimmung

„Keiner von uns hatte bis dahin Angst vor dem Virus, eher vor einer 14-tägigen Quarantäne. Also fiel zur Freude unserer Eltern die Entscheidung, nach Hause zu kommen. Damals glaubten wir noch, im Sommer die Famulatur weiterführen zu können. Die Einreise im Münchner Flughafen erfolgte ohne jegliches Gesundheitsscreening. Ich telefonierte vergeblich mit Gesundheitsbehörden und Ämtern, um in Erfahrung zu bringen, wo ich einen Test erhalte oder ob ich in Quarantäne muss. Keiner konnte mir Auskunft geben.“

Clerkship in Seoul

Dreimal die Woche fanden an der Korea University in Seoul morgens Seminare statt. Annika Czech sollte wie ihre Kommilitonen am Ende des Aufenthalts über eine Studie referieren. Die Fachrichtung konnte sie selbst wählen, sie entschied sich für die MKG, Oralchirurgie sowie Implantologie und konservierende Zahnmedizin. In Südkorea ist die MKG-Chirurgie ein rein zahnmedizinischer Fachbereich. „Ich sah spannende Fälle von komplizierten Weisheitszahn- und Zystenentfernungen bis zur Sagittal Split Ramus Osteotomy (Obwegeser)“, berichtet die Studentin. „Da ich kein Koreanisch spreche, wurde mir viel ins Englische übersetzt. Und ich durfte jederzeit Fragen stellen! Meine Vorgesetzten waren immer freundlich, nachsichtig und sehr an uns internationalen Studenten interessiert.“

In Seoul gab es bislang rund 300 Fälle, was Czech zufolge eine beachtlich niedrige Zahl ist für eine 10-Millionen-Stadt. „Es ist eine Leistung, dass sich die Epidemie auf Daegu begrenzt“, findet sie. „Südkorea war vorbereitet und konnte daher mit Ruhe und Bedacht agieren. Der Alltag lief trotz Krise weiter – ganz ohne apokalyptische Stimmung, ohne Sperrungen ganzer Städte und ohne Reisebeschränkungen. In Korea gibt es ein weltweit vorbildliches Testprogramm. Bis März wurden dort bereits mehr als 250.000 Tests durchgeführt, täglich ungefähr 10.000, auch als ‚Drive through‘ im Auto. Zusätzlich konnten wir über die App ‚Emergency ready‘, verfolgen, wo und wann sich infizierte Personen in den Tagen zuvor aufgehalten hatten. Diese Information erhielt man auch mehrmals am Tag per SMS von der Regierung. Jeder konnte somit seine Kontakte zu Infizierten selbst nachvollziehen. Auch wurden Kontakte zu Infizierten von den Gesundheitsbehörden aufgespürt.“

Was in Seoul anders – besser – lief als bei uns

Der Erfolg der Prävention sei aber auch auf die Gesellschaft zurückzuführen. Südkoreaner agieren Cezch zufolge mehr zum Wohl der Gemeinschaft. „Sie verzichten zum Beispiel freiwillig auf größere Veranstaltungen und meiden öffentliche Plätze. Das normale Leben geht also weiter, nur gedämpfter und ohne Shutdown der Wirtschaft. Währenddessen hielten sich die Deutschen nur wegen der Ausgangsbeschränkungen von den Biergärten fern.“

Dankbar ist Czech für die Zeit, die sie in der KU verbringen dufte, trotzdem. „Die Korea University ist ihrem Ruf gerecht geworden. Ich empfehle jedem, die Clerkship-Programme von Universitäten weltweit zu nutzen. Seoul ist besonders für junge Menschen ein kulturelles Erlebnis. Ich habe nicht nur viel in meinem Fach, sondern noch viel mehr von den freundlichen und rücksichtsvollen Mitmenschen in Korea im Ausnahmezustand gelernt.“

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