Bündnis fordert Präventionswende
Prävention sei keine freiwillige Aufgabe, sondern staatliche Pflicht. „Gesundheit muss in allen Politikbereichen mitgedacht und evidenzbasiert gestaltet werden“, heißt es in der „Politischen Handlungsaufforderung Prävention & Gesundheit“, die neben der BZÄK, der Bundesärztekammer, dem AOK-Bundesverband, dem BKK-Dachverband und der Bundesstiftung Prävention und Gesundheit über 30 Organisationen aus Medizin, Gesundheit, Wissenschaft, Gesellschaft und Wirtschaft unterzeichnet haben.
„Deutschland verwaltet Krankheit – statt Gesundheit zu ermöglichen“, heißt es in dem Forderungspapier. „Vermeidbare Risikofaktoren wie Rauchen, eine ungesunde Ernährung, Alkoholkonsum und Bewegungsmangel verursachen einen Großteil der Krankheitslast und enorme volkswirtschaftliche Kosten. Dennoch setzt die Politik bislang überwiegend auf freiwillige Maßnahmen – mit begrenzter Wirkung.“ Dabei schützten Investitionen in Public Health und Prävention nicht nur Leben, sondern stärkten gleichzeitig Innovation, schafften Arbeitsplätze und förderten nachhaltiges Wachstum. Das Bündnis verweist als Beispiel auf Daten des Wirtschaftsforschungsinstituts WifOR. Demnach verursachen Herz-Kreislauf-Erkrankungen in Europa eine soziale und wirtschaftliche Belastung von vier bis fünf Prozent des Bruttoinlandsprodukts. Könnte die Hälfte aller kardiovaskulären Ereignisse verhindert werden, würde der Wohlstand in Europa demnach um bis zu zwei Prozent steigen.
Deutschland ist kein „Nanny State“
Die häufig vorgebrachte Kritik, staatliche Regulierung stelle eine unverhältnismäßige Bevormundung der Bürgerinnen und Bürger dar, lassen die unterzeichnenden Organisationen nicht gelten. Davon sei man in Deutschland weit entfernt, betonen sie und führen als Beleg den jüngsten „Public Health Index“ des AOK-Bundesverbands und des Deutschen Krebsforschungszentrums (DKFZ) an. Dieser misst, wie europäische Länder wissenschaftlich empfohlene Maßnahmen zur Förderung gesunder Lebensweisen umsetzen.
Die Analyse kommt zu dem Schluss: „Im Gesamtranking des Public Health Index (PHI) belegt Deutschland Rang 17 von 18 untersuchten Staaten in Nord- und Zentraleuropa. Insbesondere bei der Umsetzung empfohlener Maßnahmen zur Förderung gesunder Ernährung sowie zur Eindämmung des Tabak- und Alkoholkonsums ist Deutschland im internationalen Vergleich zögerlich.“
Das Bündnis bezieht sich auch auf den sogenannten „Nanny-State-Index“ (BevormundungsIndex) des neoliberalen „Institute of Economic Affairs“ in London. Dieser wurde von Kritikern staatlicher Regulierung im Bereich Ernährung, Alkohol und Tabak ins Leben gerufen. Diese sehen viele Public-Health-Forderungen als „paternalistische“ Übergriffe durch den Staat. In diesem Sinne bewertet der Index europäische Länder danach, wie stark sie in den Bereichen Ernährung, Alkohol und Tabakkonsum in die Lebensweise der Bürgerinnen und Bürger eingreifen. Je weiter oben ein Land im Nanny-State-Index eingestuft wird, desto strenger ist dort die staatliche Regulierung – Deutschland rangiert auf Platz 29 von 29.
„Die Bundesregierung muss Prävention und Public Health endlich zur tragenden Säule der Gesundheitspolitik machen.“
Forderungspapier Prävention & Gesundheit
Weiteres Zögern ist fahrlässig
Das muss sich aus Sicht der Präventionsallianz dringend ändern. Sie appelliert an die Bundesregierung, „endlich Prävention und Public Health zur tragenden Säule der Gesundheitspolitik zu machen. Prävention ist keine freiwillige Aufgabe – sie ist staatliche Pflicht. Gesundheit muss in allen Politikbereichen mitgedacht und evidenzbasiert gestaltet werden“.
Um Deutschland in Sachen Prävention nach vorne zu bringen, schlagen die Organisationen stärkeres staatliches Engagement in diesen fünf Bereichen vor:
Tabakkontrolle: umfassende Werbeverbote, Steuererhöhungen und konsequenter Schutz vor Passivrauchen;
gesunde Ernährung: verbindliche Kennzeichnungen, Schutz von Kindern vor Marketing und Ausrichtung der öffentlichen Verpflegung an Gesundheitskriterien;
Alkoholpolitik: Beschränkung der Verfügbarkeit und Erhöhung der Verbrauchsteuern;
Luftqualität: systematisches Monitoring und Etablierung der Luftreinheit als zentrales Public-Health-Thema;
Bewegungsförderung: systematische Gestaltung von Infrastrukturen und Lebensräumen zur Förderung körperlicher Aktivität.
Ohne klare, gesetzliche Leitplanken in diesen Bereichen werde es keine nachhaltige Trendwende geben, sind die Unterzeichnenden überzeugt. Weiteres Zögern sei „angesichts der demografischen Entwicklung, steigender Krankheitskosten, wachsender sozialer Ungleichheiten und stagnierender Wirtschaft fahrlässig“.










