Es gibt Masken mit sichtbarem Mundbereich

Bereits vor der Corona-Pandemie konnte die Verständigung beim Arztbesuch für Menschen mit Hörbehinderung problematisch sein. Mit dem Maskengebot ist die Kommunikation insgesamt noch einmal schwieriger geworden. „Viele Hörbehinderte insbesondere Gehörlose brauchen das Mundbild zur Kommunikation, um Inhalte zu verstehen. Durch das Tragen von Nasen-Mund-Schutz sind weder das Ablesen noch das Erkennen der Mimik des Gesprächspartners möglich“, erläutert die Expertin für Kommunikation mit Hörbehinderten und Gehörlosen, Judit Nothdurft.

Ein MNS verhindert das Lippenlesen

Die Mund-Nasen-Bedeckung verhindert das Lippenlesen und schluckt noch dazu einen Teil der Schallakustik beim Sprechen. Wenn der untere Bereich des Gesichts verborgen ist, bleibt zudem ein wesentlicher Teil der Kommunikation verschlossen. Die Mimik, die für das nonverbale Kommunizieren eine wesentliche Rolle spielt, ist also größtenteils verdeckt. Das erleben selbst Menschen ohne Hörschädigung als Beeinträchtigung, wie eine Studie aus Bamberg jetzt zeigt (s. Kasten unten).

Experimentelle Studie der Universität Bamberg

Wie Gesichtsausdrücke mit und ohne Maskenbedeckung wirken und gedeutet werden, untersuchten jetzt Psychologen der Universität Bamberg.

In dem Experiment zeigte das Team um Prof. Dr. Claus-Christian Carbon den 41 Probanden die emotionalen Ausdrücke von zwölf verschiedenen Gesichtern, die sie bewerten sollten. Jedes Gesicht wurde zufällig mit sechs verschiedenen Ausdrücken dargestellt: wütend, angewidert, ängstlich, glücklich, neutral und traurig. Dabei waren die Gesichter vollständig sichtbar oder teilweise von einer Gesichtsmaske bedeckt. Insgesamt erhielt jede teilnehmende Person 144 Gesichtsstimuli.

Trugen die Darsteller dabei eine Maske, beeinträchtigte das die Wahrnehmung der Probanden deutlich. Weil ihr emotionales Lesen durch die Maske gestört wurde, vertrauten sie weniger ihrer Einschätzung und zeigten typische Verwirrungsmuster. Carbon: „Die Teilnehmenden erkannten Emotionen weniger genau und vertrauten ihrer eigenen Einschätzung seltener. Spannend in diesem Zusammenhang ist vor allem, dass es zu charakteristischen Fehlinterpretationen von einzelnen Emotionen kam.“

Beispielsweise schätzten die Teilnehmer einen deutlich angewiderten Gesichtsausdruck mit Maske als wütend ein. Einige Emotionen – wie Glück, Trauer und Wut – bewerteten sie als neutral. „Der emotionale Zustand wurde also gar nicht mehr wahrgenommen“, schildert Carbon die Ergebnisse. Um die fehlende Mimik auszugleichen, empfiehlt der Wissenschaftler mehr auf Gesten und Körpersprache zu setzen.

Um dem entgegenzuwirken, können Zahnärzte spezielle Masken mit sichtbarem Mundbereich verwenden, so dass die Mimik sichtbar und auch das Lippenlesen wieder etwas besser möglich ist – vor allem bei komplexeren Aufklärungsgesprächen. Die Modelle gibt es mit herausnehmbarer Folie, der Stoff kann gewaschen und gekocht werden. Allerdings werden sie noch nicht im großen Stil, sondern von kleineren Unternehmen auf Bestellung produziert. Nach Abschluss des Behandlungsgesprächs inklusive Klärung der Patientenfragen kann dann eine normale OP-Maske aufgesetzt werden. Eine Alternative stellt das Face Shield dar, das eine uneingeschränkte Sicht des Patienten auf das Gesicht des behandelnden Arztes erlaubt.

Auch die Plexiglasscheibe ist eine Barriere

Auch die Plexiglasscheibe an der Rezeption behindert durch die Zurückhaltung von Schall die akustische Kommunikation. Nothdurft rät hier zur Installation eines mobilen Ringschleifenverstärkers (Abbildung 3) vor Ort. Ein solches Gerät überträgt das Gesprochene direkt auf das Hörgerät des Patienten beziehungsweise kann von ihm über den Hörer des Verstärkers besser verstanden werden. Das Gespräch können auch digitale Anwendungen – etwa ein Ferndolmetscher via App-Anmeldung – erleichtern, ergänzt Nothdurft, die seit 2007 Kommunikationsseminare für Zahnärzte, Mediziner und Notfallkräfte anbietet. So kann ein Gebärdensprachen-Dolmetscher im Vorfeld gebucht und von der gehörlosen Person angerufen werden und im Dialog mit dem behandelnden Zahnarzt übersetzen.

In Deutschland leben 16 Millionen Menschen mit einer Hörbehinderung. Davon tragen 3,5 Millionen ein Hörgerät oder ein Cochlea-Implantat (CI). Etwa 200.000 Deutsche verständigen sich hauptsächlich über die Gebärdensprache. Das Lippenlesen ist ein wesentlicher Teil des Sprachverständnisses.

Tipps für die Kommunikation mit Maske

  • Planen Sie für die Anamnese mehr Zeit ein.

  • Sprechen Sie langsam und deutlich (Hochdeutsch).

  • Formulieren Sie kurze Sätze, vermeiden Sie Fremdwörter.

  • Sprechen Sie auch beim Wiederholen natürlich, nicht extra laut oder extra langsam.

  • Halten Sie Blickkontakt – das Abwenden stört den Patienten beim Folgen.

  • Setzen Sie unterstützend eine deutliche Mimik und Gestik ein und behalten Sie Ihre natürliche Körpersprache bei.

  • Verwenden Sie zur Erklärung Grafiken und Piktogramme.

  • Achten Sie auf günstige Lichtverhältnisse (nicht vor der Lampe stehen).

  • Meiden Sie die Bezeichnung „taubstumm“, sie wirkt beleidigend. Besser: gehörlos oder taub.

Bei gehörlosen Patienten:

Masken mit durchsichtigem Mundbereich lassen den Blick auf den Mund zum Lippenlesen frei, Alternative ist ein Face Shield als komplett transparenter Gesichtsschutz. Während des Behandlungsgesprächs empfiehlt es sich, die Maske bei einem Mindestabstand von 1,5 Metern herunterzuziehen und sie danach wieder regulär anzulegen.

Technische Hilfsmittel:

mobiler Ringschleifenverstärker für die Kommunikation am EmpfangFerndolmetscherdienste oder Video-Telefonie via App mit Gebärdendolmetscher

Quelle: Judit Nothdurft

LL/pm

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