Dachzeltnomaden in Rupperath

Zahnärztepaar hilft im Ahrtal

Heike Schneider
Drei Monate nach der Flutkatastrophe fuhren wir – die Zahnärzte Heike Schneider und Dr. Michael Schuhbeck – als freiwillige Fluthelfer ins Ahrtal. Ich kochte vor Ort, mein Mann arbeitete im Bautrupp.

Nachdem wir unser Wohnmobil mit Werkzeug bestückt hatten, machten wir uns am 10. Oktober für zwei Wochen auf nach Rupperath. In dem Dorf oberhalb der stark flutgeschädigten Orte Schuld und Insul an der Ahr haben die Dachzeltnomaden ihr Basiscamp. Bei ihnen wollten wir mitmachen. Die Dachzeltnomaden sind eine Community, deren Mitglieder Zelte besitzen, die auf Autodächern montiert sind. Nach der Flutkatastrophe beschlossen sie, vor Ort zu helfen. Und weil im Ahrtal so unfassbar viel zu tun ist, sind sie einfach dort geblieben und haben die „Dachzeltnomaden Hilfsorganisation“ als gGmbH gegründet.

Zu uns 

Zahnärztin Heike Schneider und Zahnarzt Dr. Michael Schuhbeck legten 1993 in Frankfurt am Main ihr Examen ab. Schneider eröffnete 1994 eine eigene Praxis in Göppingen, Schuhbeck arbeitete nach seinem Wehrdienst bis 1998 als Assistenzzahnarzt an der Universität Heidelberg. Von 1998 bis 2016 betrieben die beiden Göppinger eine Praxis gemeinschaftlich. Heute übernehmen sie regelmäßig Praxisvertretungen. Außerdem ist Schuhbeck einige Monate im Jahr als Oberfeldarzt d. R. bei der Bundeswehr tätig.

In Rupperath angekommen lebten wir auf der Pferdekoppel: Diese war zur Campwiese umfunktioniert. Ich ließ mich dem Küchenpersonal zuteilen, mein Mann fuhr täglich auf wechselnde Baustellen. Dort wird hauptsächlich Putz von den Wänden gestemmt und Estrich entfernt. Die überfluteten Häuser müssen im betroffenen Bereich – häufig Keller, Erdgeschoss und 1. OG – komplett in den Rohbauzustand zurückversetzt werden, damit die Wände und Böden austrocknen können. Wir waren erschrocken, wie viel dort noch zu tun ist. Immer noch stellt sich bei dem einen oder anderen Haus heraus, dass es doch abgerissen werden muss. Ein großes Problem sind dabei von Heizöl durchtränkte Mauern. Und selbst wenn ein Hausbesitzer versichert ist, hilft ihm das nichts, wenn er keine Handwerker bekommt. Auch deshalb ist das Ahrtal weiter dringend auf freiwillige Helfer angewiesen. Manchmal sind die Besitzer so traumatisiert, dass sie keine Kraft haben, etwas anzupacken. Wie die junge Familie, die mit Zahnbürsten Legosteine putzte. Haus und Garten und waren noch vollständig vermüllt, mit Treibgut und Schlamm überzogen, alles Hab und Gut von der Flut weggespült. Wenn dann ein Trupp von 15 bis 20 Helfern mit Gerät und Generatoren anrückt, sieht man sehr schnell Fortschritte und die Betroffenen bekommen wieder Zuversicht. Viele Anwohner durften zudem ewig nicht mit Aufräumarbeiten anfangen, weil noch kein Gutachter da war.

Das Küchenteam versorgt derweil täglich die Bewohner des schwer betroffenen Örtchens Insul mit einer warmen Mahlzeit. Am Wochenende werden hier mittags bis zu 240, abends bis zu 180 Portionen gekocht. Das ungeschulte und manchmal täglich wechselnde Team wird seit Tag 1 von einer jungen Köchin angeleitet, die nebenbei einen 8-Stunden-Job im normalen Leben absolviert.

Das Camp wird durch Spenden unterhalten. Das sind zum einen Geldspenden, von denen Material, Werkzeuge, Sprit für die Fahrzeuge und Generatoren, Schutzausrüstung und teilweise Lebensmittel gekauft werden. Zum anderen Sachspenden. Einige Firmen stellen Autos, Busse und Anhänger kostenfrei zur Verfügung.

Unser Eindruck nach 13 Tagen vor Ort: Mit Hochdruck wird an der Wiederherstellung der Infrastruktur gearbeitet. So steht die Wasserversorgung seit Ende Oktober wieder uneingeschränkt zur Verfügung. Bei den beschädigten Privathäusern geht es dagegen teils sehr langsam voran – und ohne die Helfer wäre man sicher nicht mal halb so weit. So kam für eine Woche eine 17-köpfige Berufsschulklasse Zimmerleute mit zwei Lehrern aus Konstanz nach Rupperath und hat tagsüber Dachstühle entfernt – und abends am Lagerfeuer richtig viel gefeiert. Manche haben ihren kompletten Sommerurlaub hier verbracht. Viele Betroffene wohnen in Rohbauten oder Ruinen. Andere sind bei Verwandten oder in Ferienwohnungen untergekommen. Wieder andere hausen in Wohnwagen oder Garagen auf ihren Grundstücken.

Schwierig ist aus unserer Sicht die Unterkunftssituation der Helfer, denn im Zelt zu schlafen ist im Sommer nett, aber jetzt steht eben der Winter vor der Tür. Es gibt zwar in der alten Schule ein Matratzenlager, inzwischen auch beheizbare Mannschaftszelte und ein paar beheizbare Wohnwagen, aber ideal ist die Situation nicht, auch wegen der (zu) wenigen WCs und Duschen. Dennoch sind viele Wiederholungstäter. Auch wir fahren demnächst wieder nach Rupperath zu den Dachzeltnomaden. 

Heike Schneider

Melden Sie sich hier zum zm-Newsletter des Magazins an

Die aktuellen Nachrichten direkt in Ihren Posteingang

zm Heft-Newsletter


Sie interessieren sich für einen unserer anderen Newsletter?
Hier geht zu den Anmeldungen zm Online-Newsletter und zm starter-Newsletter.