Was die Zähne über das Leben dieser Frau verraten
Die Leiche der vor 400 Jahren verstorbenen Adeligen Anne d'Alègre wurde 1988 bei einer archäologischen Ausgrabung im Chateau de Laval im Nordwesten Frankreichs gefunden. Ihr in einem Bleisarg einbalsamiertes Skelett - und ihre Zähne - waren bemerkenswert gut erhalten. Damals stellten die Archäologen fest, dass sie eine Zahnprothese trug, viel mehr konnten sie anhand der damals verfügbaren Methoden leider nicht herausfinden.
Eine Ligatur hielt die Prämolaren zusammen
Jetzt haben Forscher vom Institut National de Recherches Archéologiques Préventives (INRAP) in Cesson-Sévigné in Frankreich die Tote erneut untersucht - und anhand neuester Methoden ihren Zahnstatus, ihre orale Mundgesundheit und die daraus resultierenden Behandlungen rekonstruiert.
Die Röntgenaufnahmen mit der 3-D-Technik "Cone Beam" enthüllen, dass die Adelige an einer Parodontalerkrankung litt und eine Zahnprothese aus Elfenbein trug, die einen Schneidezahn ersetzte und mit Golddrähten an den Nachbarzähnen befestigt war, sowie eine Ligatur, die die Prämolaren zusammenhielt.
Die Folgen der Apparatur waren verheerend
Obgleich das Ziel dieser Versorgung den Wissenschaftlern zufolge darin bestand, die funktionellen und ästhetischen Folgen des Zahnverlusts zu begrenzen, waren die Folgen verheerend, denn die langfristige Verwendung und die mehrfach erforderlichen Nachspannungen führten zu einer Instabilität der tragenden Nachbarzähne.
Die auf der linken Seite des Kiefers beobachtete Zahnlosigkeit in Verbindung mit Zahnabnutzungen deutet den Archäologen zufolge auf eine solche therapeutische Behandlung und den endgültigen Verlust der Nachbarzähne, darunter ein Molar, hin.
Sie wollte und musste gepflegt aussehen
Die Forscher vermuten, dass das Ziel der Behandlung therapeutischer, ästhetischer und vor allem sozialer Natur war. So zeigt die Studie, wie wichtig es für aristokratische Frauen war, ein gepflegtes Äußeres zu bewahren. Diese waren damals in einer patriarchalischen Gesellschaft starken Zwängen unterworfen und waren auf Ehe und Mutterschaft. Sie wurden hauptsächlich wegen ihrer guten Sitten, ihres Vermögens und ihrer Schönheit nach dem Kanon der Epoche geschätzt. Das Aussehen der Person ist somit ein wesentliches gesellschaftliches Element.
D'Alègre ertrug die Schmerzen also nicht nur aus medizinischen Gründen, mutmaßt Rozenn Colleter, Archäologin am INRAP und Hauptautorin der Studie. Ein schönes Lächeln sei für die Adelige wahrscheinlich besonders wichtig gewesen, schließlich war sie eine "umstrittene" zweimal verwitwete Gesellschaftsdame, "die keinen guten Ruf hatte".
Schon Ambroise Paré, Arzt des Königs und Zeitgenosse von Anne d'Alègre, stellte laut Colleter fest, dass "ein zahnloser und entstellter Kranker auch in seiner Rede verderbt wird". Es sei daher verständlich, warum es für Anne d'Alègre so wichtig war, ihr Aussehen trotz der fürchterlichen Folgen durch das Einsetzen einer Prothese wiederherzustellen. Das Studium des Gebisses ermögliche somit einen Einblick in die intimsten Parameter des Lebens einer Person.
"Über die rein therapeutische Behandlung hinaus und weit entfernt von der reinen Koketterie zeigt diese Studie auch die Bedeutung des Aussehens für aristokratische Frauen, die starken sozialen Zwängen unterworfen waren (wie Stress oder Witwenschaft), wobei die Sprache der entstellten Frauen als verdorben angesehen werden konnte", schreiben die Autoren. Die parodontalen Schäden zeigen demnach die funktionellen Folgen des großen Stresses, dem Anne d'Alègre im Laufe ihres Lebens ausgesetzt war, wie lange Witwenschaften, ihr Leben im Krieg inmitten gefährlicher politischer Konflikte zwischen Protestanten und Katholiken und der frühe Verlust ihres einzigen Sohnes.
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Aufzählung
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Rozenn Colleter, Antoine Galibourg, Jérôme Tréguier, Mikaël Guiavarc’h, Éric Mare, Pierre-Jean Rigaud, Florent Destruhaut, Norbert Telmon, Delphine Maret (2023) Dental Care of Anne d’Alègre (1565-1619, Laval, France). Between Therapeutic Reason and Aesthetic Evidence, the Place of the Social and the Medical in the Care in Modern Period. JAS: Reports.







