Konferenz Hilfsorganisationen der Bundeszahnärztekammer

Für jeden Einzelnen macht es einen riesigen Unterschied

Auf der IDS lud die Bundeszahnärztekammer (BZÄK) zur Konferenz der Hilfsorganisationen und stellte für den Austausch die Fragen in den Mittelpunkt: Wie kann Nachhaltigkeit bei den Einsätzen gelingen?

Nachhaltig agieren im Hilfseinsatz – das bedeutet, lokale Strukturen stärken, die Ausbildung von Fachkräften Ort anleiten sowie den Nachwuchs fördern, bewusst mit den Ressourcen umgehen und vor allem das Bewusstsein für Prävention weitergeben. Denn die „nachhaltigste“ Zahnmedizin ist die, die nicht stattfinden muss. Das Thema drängt, denn „die Krisen und Herausforderungen sind größer geworden als noch vor zehn Jahren“ macht Dr. Karsten Heegewaldt, Vorstandsreferent der BZÄK für Soziale Aufgaben und die Hilfsorganisationen beim Auftakt der Konferenz deutlich. „Die massiven Veränderungen in Folge des Klimawandels mit den Naturkatastrophen haben weitreichende Folgen, vor allem für die Länder des Globalen Südens. Das stellt uns vor immense Herausforderungen. Ein Aspekt ist daher die Frage nach der Nachhaltigkeit von Hilfseinsätzen beziehungsweise, ob und wie diese erreichbar ist. Wir wollen die Nachhaltigkeit in der lokalen Gesundheitsversorgung als Ganzes betrachten“. Die WHO hatte Ende 2022 eine Studie veröffentlicht, wonach die Hälfte der Weltbevölkerung mundgesundheitliche Probleme aufweist. Drei von vier Betroffenen leben in Ländern mit mittlerem oder niedrigen Einkommen. „Es gibt also eine hohe Prävalenz in der ärmeren Bevölkerung!“, erinnert er.

„Wer sich ehrenamtlich engagiert, macht einen Unterschied!“

Für das vielseitige Engagement, das Zahnärzte und Zahnärztinnen neben dem Berufs- und Familienleben aufbringen, das Geld und die Mittel, dankt der Präsident der BZÄK, Prof. Dr. Christoph Benz: „Sie helfen Menschen, die sich nicht selbst helfen können, das globale Zusammenleben besser und lebenswerter zu gestalten und das globale Reichtums- und Privilegiengefälle zu überwinden. Wer sich ehrenamtlich engagiert, macht einen Unterschied!“ Benz vergisst an dieser Stelle nicht, auch denjenigen zu danken, „die nicht selbst aktiv helfen, aber uns helfen zu helfen – siehe die Spendenbereitschaft an das Hilfswerk Deutscher Zahnärzte für die Flutkatastrophe, den Ukraine-Krieg oder Erdbebenkatastrophe in der Türkei und Syrien.“

„Die Helfer nehmen innerhalb unserer Dentalfamilie einen ganz besonderen Platz ein. Sie erinnern uns an den medizinisch-menschlichen Aspekt der Branche. Die IDS wäre ohne ihre Teilnahme nicht vollständig. Sie eröffnen Menschen Zugang zur zahnmedizinischer Versorgung, die sie sich oft selbst nicht leisten können“, ergänzt dann noch Mark Stephen Pace, Vorsitzender des Verbandes der Deutschen Dental-Industrie und einer der großen Betreiber der IDS. Und als Videobotschaft erklärt Niels Annen (MdB, SPD) als Parlamentarischer Staatssekretär der Bundesministerin für wirtschaftliche Zusammenarbeit und Entwicklung, dass immer noch die Hälfte aller Menschen ohne ausreichende und bezahlbare Gesundheitsversorgung lebt. „Dazu kommen die Bedrohungen der Gesundheit durch den Klimawandel: Einseitige Ernährung, unsauberes Trinkwasser und mangelnde Hygiene.“

Es braucht die Planetary Health Education

In ihrem engagierten Vortrag „Gesundheit in der (Klima-) Krise“ erklärt im Anschluss Dr. Sabine Baunach von Universität Bayreuth den Ansatz der Planetary Health Education und dass diese bereits in die medizinische Ausbildung gehöre: „Denn unsere Gesundheit hängt unmittelbar mit der des Planeten zusammen. Der Klimawandel wirkt sich inzwischen auf alle Gesundheitsbereiche im Körper aus – sei es durch Infektionen, Allergien, Herz-Kreislauferkrankungen, Hitzeauswirkungen und letztendlich auch durch indirekte Faktoren wie Zerstörung der Infrastruktur durch Naturkatastrophen, was den Zugang zur Versorgung erschwert, Hunger, Armut und Migration.“ Es geht im Kern darum, die dynamischen und systemischen Beziehungen zwischen globalen Umweltveränderungen, ihren Auswirkungen auf natürliche Systeme und den Auswirkungen von Veränderungen dieser natürlichen Systeme auf die Gesundheit und das Wohlergehen des Menschen auf mehreren Ebenen zu verstehen.

Deutlich macht sie klar, dass die Klimakrise ist längst ein medizinischer Notfall sei. Dabei arbeitet sie einen Widerspruch heraus: „Eigentlich ist die Weltbevölkerung so gesund wie nie zuvor. Allerdings ist diese Errungenschaft auf dem Rücken des Planeten ausgetragen worden.“ – allem voran die hohe Beanspruchung der Energieressourcen und die Treibhausgase, die dabei entstünden. „Der Medizinsektor trägt wesentlich hierzu bei. Wir sind längst weit über die Belastungsgrenzen gegangen“, erklärt sie und erläutert, wie sich die Krisenfaktoren bedingen und überlappen. Baunach zitiert auch aus dem Lancet Countdown, „der Klimawandel ist die größte Gesundheitsgefahr im 21. Jahrhundert“ und resümiert, dass die Gemeinschaft in der Knowledge-Action-Gap gefangen sei.

Warum Prävention der beste Umweltschutz ist, erklärt dann Dr. Juliane Gösling, MPH, Referentin Abteilung Zahnärztliche Berufsausübung bei der BZÄK, in ihrem Vortrag und stellte erst einmal die Frage: Was ist Nachhaltigkeit? „Hundert Durchläufe müsste ein Becher in der Praxis durchlaufen, bis er sich als nachhaltig auszahlt“. Gösling will damit einordnen, dass Nachhaltigkeit größer gedacht werden muss. Denn tatsächlich ist die Anfahrt der Patienten zur Behandlung mit 62 Prozent der mit Abstand größte Teil des ökologischen Fußabdrucks einer Zahnarztpraxis. Mit nur 19 Prozent ist der Teil der Behandlung deutlich kleiner. Und auch die Digitalisierung sei nicht die Rettung. „Das Internet produziert einen ähnlich großen Fußabdruck wie der Flugverkehr“, führt die Zahnärztin aus. Letztendlich ist die Prävention, sprich nicht notwendige Behandlungen, die größte Einsparung an Ressourcen und somit am nachhaltigsten. Die Brücke für die Helferinnen und Helfer vor Ort spannt sie am Ende so: „Vielleicht können wir bei unserem Einsatz nicht umfassend nachhaltig agieren, aber wir können motivieren, so gut wie eben möglich auf die Mundgesundheit zu achten und ressourcen-sparsam zu sein.“ Sie regt an, Schulungsprogramme zu initiieren und wann immer möglich, den Aspekt der Prävention in den Vordergrund zu stellen.

Bei der anschließenden Diskussion rund um die Herausforderungen des Klimawandels für Hilfsorganisationen, berichten die Netzwerkmitglieder von ihren Erfahrungen. So erinnert Holger Gerlach vom Förderkreis Clinica Santa Maria - Zahnmedizin für Lateinamerika etwa noch einmal daran: „Wir sollten es lassen, unsere Standards in die Einsatzländer zu übertragen.“ Und Dr. Norbert Reiß von Zahnärzte helfen, im Einsatz in Peru auf bis zu 5.000 Metern Höhe hebt hervor, dass nachhaltige Hilfe vielfältig sei und neben der Gruppenprophylaxe zum Beispiel auch die Schulspeisen für mangelernährte Kinder zu realisieren und Bäume zu pflanzen, „Nicht, um den Planeten zu retten, sondern, um das regionale Klima zu stärken!“

Dr. Klaus Sürmann von der Stiftung Hilfswerk Deutscher Zahnärzte für Lepra- und Notgebiete berichtet von installierter Solartechnik in die Dörfern. „Wenn wir bauen, dann versuchen wir so stabil und Unwetterfest zu bauen wie möglich – etwa Schulen, die im Katastrophenfall ein Schutzort wird.“ Einen sozioökonomischen Aspekt greift Dr. Klaus Wöschler von German Dental Carehood International auf, als er berichtet, wie sein Verein junge Frauen nicht nur als Zahntechnikerinnen ausbildet, sondern auch als Schneiderinnen oder Kosmetikerinnen, „damit sie auch mit Mitte 20 und nach der Geburt der Kinder für den Arbeitsmarkt interessant bleibe, wieder arbeiten können und ihr Familienleben unter einen Hut kriegen.“

Maik Wieczorrek von den Ladakhpartners-Partnership Local Doctors erklärt die Folgen eines gestörten Klimakreislaufs vor Ort. „In der Folge ist auch der Zugang zur medizinischen Versorgung gestört“. Einen Rat hat er abschließend noch an alle Teilnehmer: „Lassen Sie uns als Botschafter auf Augenhöhe praktizieren und überlegen: geben wir nur Ratschläge oder holen wir uns auch welche und nehmen diese mit zu uns nachhause?“

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