Hören Sie Ihren Patienten wirklich zu?
Selbst für Zahnärztinnen und Zahnärzte, die sich einer aufmerksamen und mitfühlenden Haltung verschrieben haben, ist ungestörtes, aufmerksames Zuhören nicht so einfach. „Die Herausforderung besteht darin, Wege zu finden, die unsere ärztlichen Werte und Fähigkeiten mit der notwendigen Praxistauglichkeit zusammenbringen“, schreiben die Autorinnen und Autoren aus Texas, Boston und Detroit in ihrem Essay zur Rolle des werteorientierten Zuhörens im Praxisalltag.
Sechs wichtige Zuhörstrategien
Zuhören aus nächster Nähe: Physische Präsenz zählt. In einem ruhigen Moment im Behandlungszimmer erfahren Sie von Ihren Patienten oft mehr als aus einer kurzen Notiz in der Patientenakte. Wenn Sie nahbar, fokussiert und neugierig sind, öffnen sich Patienten eher – und dieses Vertrauen ist entscheidend für gemeinsame Therapieentscheidungen. Achten Sie deshalb darauf, sich diese konzentrierte Zeit für Ihre Patienten zu nehmen.
Zuhören mit Neugier: Patienten und ihre Angehörigen verfügen über ein ebenso sensibles wie umfassendes Wissen. Oft haben sie wichtige Einblicke, die eine schwer fassbare Diagnose entschlüsseln können. Ärzte, die im Umgang mit Patienten eine bestätigende Körpersprache verwenden, vorzeitige Unterbrechungen vermeiden und die richtigen Fragen auf die richtige Weise stellen, fördern einen offenen Dialog. Die Frage „Welche Fragen haben Sie an mich?” eröffnet einen Dialog – ganz anders als die Frage „Haben Sie Fragen?”.
Zuhören, das Vertrauen schafft und ermöglicht: Beim therapeutischen Zuhören steht nicht nur die Frage im Mittelpunkt, was mit den Patienten los ist, sondern auch, was ihnen wichtig ist. Dabei wird anerkannt, dass Patienten ihre eigenen Prioritäten, Werte und Sorgen am besten kennen. Vertrauen entsteht, wenn sich der Patient sicher genug fühlt, um offen zu sprechen. Dies erreichen Sie, indem Sie urteilsfrei zuhören, ihm Ihre volle Aufmerksamkeit schenken und seine Meinung ernst nehmen. Für gestresste Mediziner sind die vier Elemente der motivierenden Gesprächsführung (OARS) besonders hilfreich: offene Fragen, Affirmationen, Reflexionen und Zusammenfassungen.
Zuhören, unterstützt durch Design: Kleine, überfüllte Räume und ein klinisches Umfeld können vertrauliche Gespräche erschweren. Doch schon einfache Veränderungen – wie das Hinsetzen während des Gesprächs – können dafür sorgen, dass sich Ihre Patienten besser betreut und gehört fühlen. Ärzte, die sitzen, werden von Patienten nämlich als fürsorglicher, höflicher und informierter wahrgenommen. Das zeigt: Zuhören ist also nicht nur eine Fähigkeit, sondern auch eine Frage des Raums und seiner Nutzung.
Zuhören, das stärkt und befähigt: Zuhören sollte zu Handlungen führen. Das gilt auch für Ihr Personal, das im Gesundheitssystem selbst unter Prozessen und Richtlinien leidet, die Ressourcen verschwenden, keinen Nutzen bringen und demoralisierend wirken. Ermutigen Sie Ihre Mitarbeitenden deshalb, Prozesse in Ihrer Praxis zu identifizieren, die einer erneuten Prüfung bedürfen.
Zuhören, das Resilienz fördert: Sich um andere zu kümmern ist anstrengend. Wer im Gesundheitswesen arbeitet, lässt häufig Mahlzeiten aus oder isst in Eile, um sich um Patienten zu kümmern, Krankenakten zu erstellen und Anrufe zu beantworten. Einfache Gesten wie gemeinsame Mahlzeiten und Gespräche mit Kollegen helfen, Burnout zu reduzieren und emotionale Stärke aufzubauen.
„Wenn Ihr Behandlungsteam mit Empathie und Neugier zuhört, führt das zu besseren Entscheidungen, stärkeren Beziehungen und einer individuelleren Versorgung", resümiert Co-Autor Prof. Dr. Leonard Berry von der Mays Business School. „Freundlichkeit ist kein Luxus im Gesundheitswesen – sie ist eine Notwendigkeit. Und echtes Zuhören ist eine ihrer kraftvollsten Ausdrucksformen.“
Leonard L. Berry, Maureen Bisognano, Nana A.Y. Twum-Danso, Rana L.A. Awdish,The Value — and the Values — of Listening,Mayo Clinic Proceedings, 2025, ISSN 0025-6196,(https://www.sciencedirect.com/science/article/pii/S0025619625003118)