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Interview mit BZÄK-Präsidentin Dr. Romy Ermler

„Berufspolitik ist wesentlich intensiver geworden“

Die gesundheitspolitische Agenda für Dr. Romy Ermler ist lang. Dass sie die erste Frau an der Spitze der Bundeszahnärztekammer (BZÄK) ist, spielt für sie eine untergeordnete Rolle. Viel wichtiger ist für sie, der Politik verständlich zu machen, dass GOÄ und GOZ nicht identisch sind – und dass Zahnärztinnen und Zahnärzte viel lieber behandeln als verwalten.

Frau Dr. Ermler, wo sehen Sie die größten Herausforderungen in Ihrer Amtszeit?

Dr. Romy Ermler: Vorab: Wir stehen vor ein bis zwei Schlüsseljahren in der Gesundheitspolitik. Die Politik hat sich vor dem Hintergrund der vielen Baustellen auch einiges vorgenommen – hier müssen wir unsere Schwerpunktthemen intelligent und nachhaltig einbringen. Ganz klar, dazu gehört die GOZ beziehungsweise die Anpassung des Punktwerts. Wichtig ist, dass dem Thema die dringende Notwendigkeit seitens der Politik überhaupt einmal zuerkannt wird. Das ist so ein dickes Brett! Wir dürfen nicht zulassen, dass die GOÄ als Blaupause dient – die systemischen Unterschiede sind zu groß. Und was für die Ärztinnen und Ärzte gut funktioniert, muss nicht für unsere Kolleginnen und Kollegen gut sein.

Dr. Romy Ermler, MBA

... studierte Zahnmedizin an der Humboldt-Universität zu Berlin. Im Jahr 2005 ließ sie sich in Potsdam in eigener Praxis mit den Schwerpunkten Prothetik und Parodontologie nieder. In der Berufspolitik übernahm sie 2009 ihr erstes Amt als Gutachterin für Zahnersatz und Parodontologie. 2018 wurde sie in den Vorstand der LZK Brandenburg gewählt, der sie seit 2025 auch als Präsidentin vorsteht. Im Juni 2021 wurde sie Vizepräsidentin der Bundeszahnärztekammer, seit Oktober 2025 ist sie Präsidentin. Sie ist außerdem Vorstandsvorsitzende der Initiative proDente und Vorstandsmitglied im Council of European Dentists.

Welche Themen sehen Sie noch?

Den Bürokratieabbau, die Fachkräftesicherung und die Zukunft der Sozialversicherungssysteme. Die holprige Digitalisierung bleibt sicher auch ein Dauerbrenner. Bei der aktuellen Diskussion über die Sozialversicherungssysteme müssen wir uns immer wieder vor Augen führen, dass die gesetzliche und die private Krankenversicherung als „duales Krankenversicherungssystem“ ein synergistisches Neben- und Miteinander führen: Was in der GKV ist, ist nicht in der PKV und umgekehrt. Wir sind aktiv in die vom Bundesgesundheitsministerium eingesetzte Kommission zur Finanzierung der GKV eingebunden. Die erste Anhörung fand bereits Anfang Januar statt. Dort benötigen wir ausgewogene Lösungen, die einerseits unnötige Kosten in der GKV minimieren, ohne andererseits die Erfolge der Prävention zu gefährden. Auch hier muss man der Politik klarmachen, dass die Zahnärzteschaft kein Kostentreiber ist. Ganz im Gegenteil. Mit dem Ausgliedern zahnmedizinischer Leistungen aus der GKV wäre dieser Spagat nicht sicherzustellen.

Sie erwähnten bereits die Novellierung der GOZ. Wie bringt man der Politik bei, dass die neue GOÄ nicht eins zu eins auf die Zahnmedizin übertragbar ist?

Man muss deutlich machen, dass die Zahnmedizin viele individuelle Leistungen und unterschiedliche Schwierigkeitsgrade aufweist, die eine flexible Abrechnung erfordern. Der in der Zahnmedizin übliche Steigerungsfaktor ermöglicht eine faire Anpassung an den Aufwand und die Patientenbedürfnisse. Hier gibt es gravierende Unterschiede zur Medizin, die berücksichtigt werden müssen. In der Zahnmedizin muss der Steigerungsfaktor sehr viel genutzt werden, in der Medizin hingegen selten. Gerade das sehr patientenindividuelle zahnärztliche Leistungsspektrum mit seiner Vielzahl von Behandlungsalternativen lässt sich mit einer Festgebühr nicht transparent abbilden. Daher kann die GOÄ nicht direkt auf die Zahnmedizin übertragen werden; die GOZ braucht eigene, zahnmedizinisch passende Regelungen.

Eine sogenannte Zuckersteuer wird in Deutschland nach wie vor kontrovers diskutiert. Gerade bei den konservativen Partien regt sich Widerstand, weil sie befürchten, dass die Menschen eine solche Maßnahme als Gängelung empfinden könnten. Welche Position vertritt die BZÄK in dieser Frage?

Wir befürworten eine Herstellerabgabe, insbesondere für zuckerhaltige Softdrinks. Unser Vorschlag ist also keine Zuckersteuer, die die Bürgerinnen und Bürger zahlen, sondern wir denken in Richtung einer Abgabe, die sich an die Hersteller richtet. Je mehr Zucker deren Produkte enthalten, desto höher die Abgabe. In Großbritannien hat dieses Vorgehen Wirkung gezeigt. Die Folge war nicht, dass weniger Cola oder Limonade verkauft wurden. Doch die Unternehmen haben den Zuckergehalt in Softdrinks deutlich gesenkt, um für sich finanzielle Nachteile zu vermeiden. Die Einnahmen aus der Abgabe sollten dazu verwendet werden, Prävention und Gesundheit zu finanzieren.

Wie begegnen Sie dem Vorwurf der Bevormundung?

Das ist Nonsens, die Menschen sollen für das gleiche Geld einfach ein besseres Produkt bekommen. Für uns steht die Prävention im Fokus. Wir wollen Aufklärungsarbeit leisten, die Folgeerkrankungen verhindert. Und jetzt ist der richtige Zeitpunkt dafür.

Warum ist das Timing gerade gut?

Weil Strukturreformen im deutschen Gesundheitssystem in aller Munde sind. Eine Zuckerabgabe kann ernährungsbedingte Folgeerkrankungen wie Adipositas, Diabetes und Herz-Kreislauf-Erkrankungen langfristig zurückdrängen – und zugleich die GKV finanziell entlasten. Die zahnmedizinische Prophylaxe zeigt, dass Aufklärung wirkt. Dank kontinuierlicher Elternarbeit hat sich beispielsweise das Wissen etabliert, dass ungesüßte Getränke für Kinder am besten sind. Solche Aha-Effekte können auch bei anderen Zielgruppen gelingen, wenn man sie über die Risiken einer zu zuckerhaltigen Ernährung informiert.

Was wünschen Sie sich dieses Jahr für die Freien Berufe von der EU-Politik?

Dass der versprochene Bürokratieabbau endlich greift. Dass wir eine praxisrelevante europäische Politik sehen, die den Niedergelassenen das Leben nicht schwerer macht – wie zum Beispiel durch ein Ethanolverbot. Hier setze ich sehr auf die Zusammenarbeit mit Kolleginnen und Kollegen aus anderen Mitgliedstaaten. Über meine Tätigkeit im Vorstand des „Council of European Dentists“ (CED) stehe ich dazu bereits im regen Austausch.

Gehen wir zurück nach Deutschland: Was ist Ihnen in der Zusammenarbeit mit den Länderkammern wichtig?

Wir brauchen einen guten Fluss von Informationen, vor allem, um Best Practices untereinander auszutauschen. Ich sage immer: Nicht jede Kammer muss das Rad neu erfinden. Stattdessen sollten wir voneinander lernen. Und dieses Potenzial können wir noch besser ausschöpfen, indem wir Ressourcen bündeln.

Was hat Ihr Interesse an der Berufspolitik geweckt?

Der Schritt in die Selbstständigkeit im Jahr 2005. In der Niederlassung merkt man schnell, dass man Probleme gemeinsam viel schneller lösen kann. Es war für mich sehr einfach, in die Standespolitik hineinzuwachsen, weil ich in meinem Landesverband in Brandenburg sehr positiv aufgenommen und sehr schnell integriert und gefördert wurde.

Gab es Vorbilder, die Sie ermutigt haben, diesen Schritt zu tun?

Nein, meine Motivation war, dass ich kollegialen Austausch gesucht habe. Nach dem Studium habe ich mich in Potsdam niedergelassen. Über die Mitgliedschaft in meinem Landesverband wollte ich Kolleginnen und Kollegen in meiner Nähe kennenlernen. Durch den Austausch habe ich schnell gemerkt, dass unser Beruf nicht nur aus Patientenbehandlung besteht, sondern auch Selbstverwaltung ein wichtiges Thema ist. So bin ich in die standespolitische Arbeit hineingerutscht – alles andere hat sich dann nach und nach ergeben.

Wie hat sich die Art, wie zahnärztliche Berufspolitik betrieben wird, in den vergangenen Jahren verändert?

Sie ist im Laufe der letzten Jahre wesentlich intensiver geworden, weil immer mehr Einflüsse von außen kommen, wo wir standespolitisch viel schneller gegensteuern müssen.

Haben Sie ein Beispiel?

Das sind etwa die vielen bürokratischen Anforderungen an die zahnärztlichen Praxen, die uns inzwischen geradezu überrollen. Alle Kammern können wahrscheinlich ein Lied davon singen, welche Kämpfe sie unter anderem mit den Gesundheitsämtern ausfechten. Als ich mich 2005 niedergelassen habe, gab es noch keine Diskussionen über Wischdesinfektion oder einen Leiterbeauftragten.

Was sagen Sie Zahnärztinnen und -ärzten, die Interesse an der Berufspolitik haben, aber vor den Anforderungen zurückschrecken?

Dass sie die Hürden an der falschen Stelle vermuten. Aus meiner Erfahrung gibt es nur eine Voraussetzung, die man erfüllen muss, um gute Standespolitik machen zu können: Man muss mit Leib und Seele Zahnärztin oder Zahnarzt sein. Wer richtig für den Job brennt, weiß, was nötig ist, um den Beruf gut auszuüben und kann sich somit auch schnell in die Selbstverwaltung einfinden. Der Vorteil in unserer Selbstverwaltung ist, dass wir uns als Praktiker einbringen können. Dieses Wissen und die Erfahrungen aus der Praxis bringt man in die Gespräche mit der Politik ein. Am besten nicht abstrakt, sondern anhand von Beispielen aus der täglichen Praxis, denn so ist ein Problem für die Politikerinnen und Politiker viel leichter verständlich.

Sie sind die erste Frau an der Spitze der Bundeszahnärztekammer. Was bedeutet Ihnen das?

Dass ich eine Frau bin, steht für mich persönlich gar nicht so im Vordergrund. Auch, weil ich mich als Vertreterin der gesamten Zahnärzteschaft verstehe. Ich muss aber sagen: Als ich vor viereinhalb Jahren Vizepräsidentin wurde, war es ein Riesenthema, eine Frau in den Geschäftsführenden Vorstand zu wählen. Seit vergangenem Oktober sind wir nun sogar zwei Frauen im Geschäftsführenden Vorstand, ohne dass dieser Umstand noch groß debattiert wird. Ich glaube, Frauen in Führungspositionen sind inzwischen auch in der Zahnärzteschaft selbstverständlich. Sicherlich gibt es noch Luft nach oben. Es wäre natürlich generell wünschenswert, dass das Geschlecht überall immer weniger eine Rolle spielt. Da sehe ich die Zahnärzteschaft aber auf einem sehr guten Weg.

Das Gespräch führten Claudia Kluckhuhn und Susanne Theisen.

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