Nach Feierabend macht er Jagd auf Saurierzähne
Angefangen hatte alles mit ein paar mitgebrachten fossilen Muscheln eines Schulfreunds. „Da war ich 12 oder 13 Jahre alt“, erinnert sich Schmid. Die Versteinerungen gingen dem Jungen nicht mehr aus dem Kopf. Wie waren diese Muscheln ins Allgäu gelangt, wo es doch überall nur Berge gab? Er kaufte Hammer und Meißel und machte sich mit dem Freund auf den Weg zur Fundstelle. „Da habe ich richtig Feuer gefangen“, erzählt Schmid. Anschließend durchstöberte er die örtliche Bücherei nach Fossilienbüchern und radelte fast täglich durchs Umland auf der Suche nach Petrefakten.
Sein Biologielehrer, mit dem er kleine Ausstellungen von Fossilien in der Schule kuratierte, stellte schließlich den Kontakt zu Prof. Udo Scholz vom Naturkundlichen Museum der Region, dem „Zumsteinhaus Kempten“, her.
„Der hat mein Talent sofort erkannt“, sagt Schmid. Fortan brachte der Schüler dem Professor regelmäßig versteinerte Blätter, Saurier- oder Haifischzähne und Korallen zur Bestimmung. „Erst bin ich immer mit dem Fahrrad los, aber mit 16 Jahren habe ich meinen Vater schließlich überredet, mir ein Moped zu kaufen.“ Und so vergrößerte sich Schmids Radius augenblicklich auf das komplette Ost- und Oberallgäu.
Als Schüler gelingt ihm sein erster großer Fund
1977 machte der Schüler seinen ersten seltenen Fund: Die Bestimmung der Blattreste einer unbekannten Pflanze aus einem unzugänglichen Tobel am Rande der Alpen erfolgte jedoch erst 45 Jahre später als Entdeckung einer neuen Art. Bei der Pflanze handelt es sich um ein Aronstabgewächs namens Araceophyllum schmidii, das vor etwa 20 Millionen Jahren in der Region beheimatet war.
Spektakulär wurde es dann 1980: „Bei einer Routinekontrolle unserer örtlichen Tongrube Hammerschmiede war zu dieser Zeit ein extrem fossilreicher Horizont offenliegend“, berichtet Schmid. Dabei lernte er den Hobbyarchäologen Sigulf Guggenmos kennen. Gemeinsam fanden sie das Teilskelett eines Urzeitelefanten (Tetralophodon), Zähne von Hyänen, den Milchzahn eines seltenen Hundebären, Überreste der „Münchner Waldantilope“ sowie eines prähistorischen Nashorns, Bibers und Hirschferkels. Bestimmt wurden die Funde an der Technischen Universität in München.
Mit dem Abitur stellte sich für Schmid die Frage der Berufswahl. Als begeisterter Hobby-Wissenschaftler war er „total hin- und hergerissen“, wie er sagt. Da Geologie und verwandte Disziplinen aber schon damals eine „äußerst unsichere Geschichte“ gewesen seien, habe er sich für Zahnmedizin als „Brotstudium“ entschieden. Nach einem halben Jahr Wartezeit begann er sein Studium in München.
Die Zahnmedizin erscheint ihm sicherer als die Geologie
Im Anschluss zog es ihn zur Bundeswehr: Er absolvierte seine Grundausbildung und Assistenzzeit als Stabsarzt in der Zahnstation der Murnauer Gebirgsjäger und war anschließend in Füssen stationiert. Er verlängerte seinen Vertrag um fünf Jahre, da ihn das sportliche Angebot und die Möglichkeit zu Gebirgstouren begeisterten.
Im Herbst 1993 gründete er „Seehofer-konform” seine eigene Praxis, wie er auch drei Jahrzehnte später noch mit schelmischer Freude sagt. Der damalige Bundesgesundheitsminister hatte 1994 die Niederlassungsfreiheit eingeschränkt. Doch nicht mit Schmid. Für seinen vorgezogenen Niederlassungstermin in seiner Heimatstadt Marktoberdorf kämpfte er so lange, bis die Bundeswehr ihn ein paar Monate früher gehen ließ. Parallel dazu wurde das väterliche Wohnhaus umgebaut, sodass aus einer Wohnung eine 80 Quadratmeter große Praxis mit zwei Behandlungszimmern entstand. Die Lage war gut gewählt und schnell stellte sich der wirtschaftliche Erfolg ein. Aufgrund mangelnder baulicher Veränderungsmöglichkeiten blieb die Dimension der Praxis über all die Jahre gleich.
Es sei „immer ein überschaubares Geschäft“ gewesen, resümiert Schmid heute, „aber ein guter Erfolg.“ Letztendlich sei er froh, sich als Abiturient nicht für Geologie entschieden zu haben. „Es ist ein Leben lang ein gutes Hobby gewesen.“ Mit viel Bewegung, aber auch ein bisschen einsam. Fossiliensucher seien eher Einzelgänger, erklärt Schmid auf die Frage, warum er erst so spät mit der Universität Tübingen in Kontakt kam.
Der Kontakt kam 2018 über einen Geologiestudenten und Freund seines Sohnes zustande, nachdem dieser Schmids heimische Privatsammlung gesehen hatte. Wie der Freund seines Sohnes waren auch der Ausgrabungsleiter der Universität und Prof. Madelaine Böhme vom Senckenberg Institut für Menschliche Evolution der Universität Tübingen vom wissenschaftlichen Wert der Sammlung begeistert.
Der nach dem Zahnarzt benannte Menschenaffe wog nur etwa zehn Kilo
Bei Ausgrabungen in der Tongrube „Hammerschmiede” bei Pforzen im Ostallgäu entdeckte Prof. Madelaine Böhme vom Senckenberg Institut für Menschliche Evolution der Universität Tübingen die Überreste von zwei Menschenaffen – nur dank der Aufzeichnungen des Zahnarztes Manfred Schmid wurde die Wissenschaftlerin auf diesen Fundort überhaupt aufmerksam.
Die Erstbeschreibung des sogenannten Danuvius guggenmoosi, eines Primaten mit Merkmalen des aufrechten Ganges, sorgte im Jahr 2019 für eine weltweite Sensation.
Bei Buronius manfredschmidi handelt es sich um einen Primaten, der vor 11,6 Millionen Jahren im Allgäu lebte und 2024 von Böhme erstmals beschrieben wurde. Böhme fand die Fossilien von Buronius – zwei Zähne und eine Kniescheibe – ganz in der Nähe der Fundstelle von Danuvius in einem 11,6 Millionen Jahre alten Bachsediment. Die Ablagerungsbedingungen lassen den Schluss zu, dass beide Menschenaffen zur gleichen Zeit dasselbe Ökosystem besiedelten.
Die Größe der Fossilien von Buronius zeigt, dass dieser Menschenaffe nur etwa zehn Kilogramm schwer war. Er war damit deutlich kleiner als alle heute lebenden Menschenaffen, die zwischen 30 und 200 Kilogramm schwer werden, sowie kleiner als Danuvius, der 15 bis 46 Kilogramm wog.
„Die Schmelzdicke bei Buronius ist so gering wie bei keinem anderen europäischen Menschenaffen und vergleichbar mit der von Gorillas. Der Zahnschmelz von Danuvius ist hingegen dicker als der aller verwandten, ausgestorbenen Arten und erreicht fast die Stärke menschlichen Zahnschmelzes“, erklärt Böhme. Die unterschiedliche Schmelzdicke korrespondiert mit der Form der Kauflächen. Der Schmelz ist bei Buronius glatter und mit stärkeren Scherkanten versehen, während der Schmelz von Danuvius gekerbt ist und über stumpfe Zahnhöcker verfügt. „Dies zeigt, dass Buronius ein Blattfresser war und Danuvius ein Allesfresser.“
Böhme, M. et al., „Buronius manfredschmidi—A new small hominid from the early late Miocene of Hammerschmiede (Bavaria, Germany), PLOS One, Published: June 7, 2024 doi.org/10.1371/journal.pone.0301002
Als Böhme dann, kurze Zeit später in „Schmids Revier“ die Überreste von zwei Menschenaffen entdeckte (siehe Kasten), reifte ein Gedanke in der Wissenschaftlerin. Den Veröffentlichungstermin ihres Fundes hielt sie vor Schmid geheim. Erst bei einem Abendessen am Vorabend der Presseveranstaltung informierte sie ihn darüber, dass er Namensgeber für Buronius manfredschmidi werden sollte. Der Name „Buronius” leitet sich vom mittelalterlichen Namen der Stadt Kaufbeuren, „Buron”, ab.
Der Hobby-Wissenschaftler gerät ins Rampenlicht
„So gelangte ich, der vorher immer eher zurückgezogen und ruhig gelebt hatte, von einem Tag auf den anderen ins Licht der Öffentlichkeit“, erklärt Schmid. „Die Anwesenheit von Pressevertretern im Stadtsaal Kaufbeuren war enorm. Ich war sehr aufgeregt, und in den Wochen danach wurde weltweit über die Entdeckung berichtet.“ Es habe eine Weile gedauert, bis er richtig fassen konnte, was passiert war. „Derartige Ehrungen mit Namensgebung erfolgen zumeist erst posthum“, sagt er und fügt hinzu: „Aber ich kann mich schon zu Lebzeiten darüber freuen!“






