Wenn die Kindergesundheit zum Opfer der Krise wird
In politisch und wirtschaftlich instabilen Regionen wie Palästina bleiben häufig selbst grundsätzlich behandelbare Erkrankungen unversorgt und führen – insbesondere bei Kindern – zu dauerhaften funktionellen und sozialen Einschränkungen. Die Motivation, dagegen etwas zu tun, steht im Zentrum der Arbeit des Hammer Forums, das seit vielen Jahren interdisziplinäre medizinische Teams in Krisenregionen entsendet – unabhängig von politischen Interessen und mit dem klaren Fokus auf der Versorgung von Kindern. Der jüngste Einsatz führte im Januar 2026 nach Nablus in der Westbank (Palästina). Das Team arbeitete im Rafidia Surgical Hospital in enger Kooperation mit der Partnerorganisation Palestine Children Relief Fund (PCRF).
Das aktuelle Team bildeten drei Intensivpflegekräfte, zwei Fachärzte für Anästhesiologie, ein Facharzt für Orthopädie, ein Facharzt für Mund-, Kiefer- und Gesichtschirurgie sowie ein angehender Oralchirurg. Alle Teilnehmenden werden im Vorfeld umfassend über die politische und die medizinische Lage informiert, sodass sie sich gezielt auf die Bedingungen vor Ort einstellen und gegebenenfalls benötigtes Material ergänzend mitführen können.
Einem Kollegen wurde die Einreise verweigert
Trotz sorgfältiger Vorbereitung lassen sich Einsätze in solch instabilen Regionen nicht vollständig planen: Die Sicherheitslage kann sich kurzfristig verändern, Einreisebestimmungen werden verschärft oder ohne transparente Kommunikation angepasst. So war wenige Wochen zuvor ein geplanter Einsatz nach Somaliland in letzter Minute am Frankfurter Flughafen gescheitert. Auch der Einsatz in Palästina musste kurzfristig angepasst werden: Dem mitreisenden Kinderorthopäden wurde am Flughafen Ben Gurion ohne nachvollziehbare Begründung die Einreise verweigert.
Diese Ereignisse verdeutlichen die zunehmende Unvorhersehbarkeit humanitärer Einsätze – verschärfte Visabestimmungen und eine restriktivere Behördenpraxis erschweren die Einreise medizinischer Teams erheblich. Gleichzeitig nimmt die Bereitschaft ab, Behandlungen von Kindern aus Krisengebieten in Deutschland finanziell zu unterstützen. Dadurch ist es dem Hammer Forum zunehmend weniger möglich, schwer erkrankte Kinder zur Therapie nach Deutschland zu bringen – insbesondere bei komplexen Krankheitsbildern wie Osteomyelitiden, angeborenen Herzfehlern oder schweren Fehlbildungen. Demzufolge verlagert sich der Schwerpunkt der Arbeit zunehmend auf die unmittelbare Versorgung vor Ort.
Zahnmedizinische Strukturen lassen kaum Prävention zu
Palästina ist hierfür ein eindrückliches Beispiel: Die Auswirkungen jahrzehntelanger politischer und militärischer Instabilität spiegeln sich auch im Gesundheitssystem wider, besonders im Bereich der Zahnmedizin. Zwar werden jährlich etwa 400 Zahnärztinnen und Zahnärzte approbiert, jedoch finden viele keine adäquate Anstellung. Gleichzeitig sind zahnärztliche Behandlungen, gemessen am durchschnittlichen Einkommen, für große Teile der Bevölkerung kaum bezahlbar, da kassenärztliche Strukturen fehlen.
Hinzu kommen erhebliche Defizite in der Fort- und Weiterbildung: Eine fachzahnärztliche Spezialisierung findet praktisch nicht statt, was sich im fachlichen Austausch mit den lokalen Kolleginnen und Kollegen widerspiegelt. Die Zahnmedizin befindet sich vielfach noch in einer kurativen Phase, während westliche Gesundheitssysteme längst präventiv ausgerichtet sind. Diese strukturellen Defizite zeigen sich unmittelbar im klinischen Alltag. Der Stellenwert der Zahngesundheit ist – auch bedingt durch die langjährige Krisensituation – deutlich geringer als in westlichen Ländern. In Kombination mit einer zuckerreichen Ernährung weisen bereits Kinder häufig ausgeprägte kariöse Läsionen auf. Die unbehandelten Entzündungen und der oft frühzeitige Zahnverlust führen zu funktionellen Einschränkungen und erschweren spätere chirurgische Eingriffe erheblich.
Der Behandlungsschwerpunkt des Einsatzes lag auf der operativen Versorgung von Kindern mit Lippen-Kiefer-Gaumenspalten, großen zystischen Läsionen sowie dysgnathiechirurgischen Fragestellungen. Gerade bei den LKG-Patientinnen und -Patienten zeigte sich die enge Verzahnung zwischen Zahnmedizin, Kieferorthopädie und Chirurgie – und gleichzeitig die strukturellen Limitationen der Behandlung in Palästina. Häufig stellten sich die Kinder mit ausgeprägter Karies, entzündlichen Veränderungen und einer fehlenden kieferorthopädischen Vorbereitung vor. Zudem fehlt eine strukturierte interdisziplinäre Zusammenarbeit, etwa mit der HNO-Heilkunde und der Logopädie.
Uns begegneten viele fortgeschrittene Befunde
Ein Großteil dieser Behandlungen (einschließlich komplexer Spalt- und Dysgnathiechirurgie) wird staatlich nicht finanziert. Gleichzeitig fehlt es lokal an spezialisierter Expertise, sodass die wenigen vorhandenen Behandlungsmöglichkeiten für viele Familien unerschwinglich sind. Entsprechend häufig finden sich fortgeschrittene Befunde: ausgeprägte Dysgnathien sowie Spaltpatientinnen und -patienten, die das ideale Operationsalter deutlich überschritten haben, beispielsweise für sprachverbessernde Eingriffe wie Velopharyngoplastiken. Hinzu kommen Komplikationen durch vorangegangene Operationen, etwa persistierende Restlöcher am Gaumen, Alveolarfisteln oder insuffiziente Kieferspaltosteoplastiken.
Neben den geplanten Eingriffen ist das Team während des gesamten Einsatzes auch für Notfälle einsatzbereit. Unabhängig vom Alter der Patientinnen und Patienten werden Traumata, Abszesse oder komplexe Einzelfälle versorgt. Im aktuellen Einsatz stellte sich ein Patient mit einer ausgeprägten Ankylose im Bereich des aufsteigenden Unterkieferastes vor, die seit über einem Jahr zu einer vollständigen Kiefersperre geführt hatte. Nach fiberoptischer Intubation und operativer Lösung der Ankylose konnte eine funktionell ausreichende Mundöffnung wiederhergestellt werden.
Die apparative Ausstattung vor Ort ist grundsätzlich ausreichend, erreicht jedoch nicht das Niveau westlicher Standards. Die Instrumente sind häufig stark beansprucht, teilweise korrodiert oder funktionell eingeschränkt. Oft fehlen feine Instrumentengrößen, auch die Qualität des Nahtmaterials ist mitunter eingeschränkt. Dennoch sind operative Eingriffe unter diesen Bedingungen möglich – vorausgesetzt, eine strukturierte Planung, viel Erfahrung und präzises Arbeiten greifen ineinander.
Mehrfach im Jahr vor Ort – auch für die Nachsorge
Ein wesentlicher Unterschied zu einmaligen Hilfsaktionen besteht in der Kontinuität der Einsätze. Die Einsatzgebiete werden mehrfach jährlich aufgesucht, sodass Nachkontrollen, Folgeeingriffe und therapeutische Anpassungen möglich sind. Gleichzeitig erfolgt ein kontinuierlicher fachlicher Austausch mit den lokalen Kolleginnen und Kollegen. Von zentraler Bedeutung ist dabei eine realistische Selbsteinschätzung des Teams: Operative Entscheidungen müssen unter den gegebenen Bedingungen getroffen werden, wobei stets berücksichtigt werden muss, ob mögliche Komplikationen vor Ort sicher beherrscht werden können. Ist das nicht gewährleistet, wird bewusst auf eine Operation verzichtet. Dieses Vorgehen ist zentral, um verantwortungsvoll zu handeln und das Vertrauen der lokalen Bevölkerung zu erhalten.
Neben der medizinischen Tätigkeit fordern und fördern die Einsätze in besonderem Maß Weltoffenheit und interkulturelles Verständnis. Die gemeinsame klinische Arbeit schafft eine unmittelbare Verbindung über kulturelle und sprachliche Grenzen hinweg und schärft gleichzeitig den Blick für die Privilegien eines hochentwickelten Gesundheitssystems.
Das Hammer Forum verfolgt keine politischen Interessen. Die Arbeit des Vereins ist nur durch Spenden und ehrenamtliches Engagement möglich. Ärztinnen, Ärzte und Pflegekräfte, die sich beteiligen oder die medizinische Versorgung von Kindern in Krisenregionen unterstützen möchten, finden weitere Informationen auf der Website hammer-forum.de.











