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Interview mit DAJ-Geschäftsführerin Dr. Steffi Beckmann

„Gruppenprophylaxe gilt heute als zentraler Baustein der Kindergesundheit“

Die zahnmedizinische Gruppenprophylaxe gehört zu den Tätigkeiten des zahnärztlichen Berufsstands, die oft leise im Hintergrund stattfinden. Die Arbeit trägt allerdings maßgeblich zu den Erfolgen in der Mundgesundheit bei und hat gesundheitspolitisch an Gewicht gewonnen, sagt DAJ-Geschäftsführerin Dr. Steffi Beckmann.

Im Dezember 2025 hat Berlin das tägliche Zähneputzen in Kitas als verbindliche Vorgabe in sein Kindertagesförderungsgesetz (KitaFöG) aufgenommen. In Thüringen werben Zahnärzteschaft und die Landesarbeitsgemeinschaft Jugendzahnpflege Thüringen gemeinsam mit Gesundheitsministerin Katharina Schenk ebenfalls für das Zähneputzen in Kitas. Warum dauert es so lange, vergleichsweise einfache Maßnahmen flächendeckend zu etablieren?

Dr. Steffi Beckmann: Ja, das sind die sprichwörtlichen Mühen der Ebene, an denen auch die Gruppenprophylaxe nicht vorbeikommt. Unsere letzten Epidemiologischen Begleituntersuchungen liegen inzwischen fast ein Jahrzehnt zurück. Sie zeigten ein beeindruckendes Ergebnis: Die Zwölfjährigen erreichten mit einem DMFT‑Wert von 0,44 einen internationalen Spitzenplatz. Gleichzeitig offenbarte die Studie aber auch eine deutliche Schwachstelle: die hohe Karieslast im Milchzahngebiss.

Doch Erkenntnisse allein verändern noch nichts. Sie müssen erst zu den Partnern der Gruppenprophylaxe, in die politischen Gremien und in die öffentliche Wahrnehmung getragen werden. Dieser Weg ist lang und verlangt kontinuierliche Überzeugungsarbeit. Fortschritte entstehen hier nicht über Nacht, sondern durch Beharrlichkeit, Engagement und einen langen Atem. Aber es geht voran und darüber freuen wir uns in der DAJ.

Epidemiologische Begleituntersuchungen

Die gröẞte Studie zur Mundgesundheit von Kindern und Jugendlichen in Deutschland

Die Deutsche Arbeitsgemeinschaft für Jugendzahnpflege (DAJ) koordiniert die gruppenprophylaktischen Maßnahmen der Landesarbeitsgemeinschaften für Jugendzahnpflege auf Bundesebene und veröffentlicht in größeren zeitlichen Abständen mit den „Epidemiologischen Begleituntersuchungen“ die bundesweit größte Studie zur Mundgesundheit von Kindern und Jugendlichen in Deutschland.

Für die aktuelle Studie unter der Leitung von PD Dr. Julian Schmoeckel, PD Dr. Ruth Santamaria und Prof. Dr. Christian Splieth aus Greifswald untersuchen über 700 Zahnärztinnen und Zahnärzte über 300.000 Kinder und Jugendliche. Damit entsteht die umfangreichste Datenbasis zur Mundgesundheit in dieser Altersgruppe in Deutschland. Die Publikation ist für 2027 vorgesehen.

Die Daten aus den Epidemiologischen Begleituntersuchungen dienten auch den zahnärztlichen Standesorganisationen KZBV und BZÄK, um Konzepte zur Bekämpfung der frühkindlichen Karies zu erarbeiten. Wie wichtig ist das für Ihre Arbeit?

Das hat unseren gemeinsamen Anstrengungen einen starken Auftrieb gegeben – allein schon dadurch, dass das Problem der Milchzahnkaries in gesundheitspolitischen Fachkreisen und in der Öffentlichkeit viel breitere Aufmerksamkeit erfahren hat.

Welche Auswirkungen hatte die Pandemie mit den Einschränkungen des öffentlichen Lebens auf die Mundgesundheit von Kindern und Jugendlichen?

Viele Kinder haben ihre etablierten häuslichen Routinen zur Zahn‑ und Mundpflege beibehalten oder sogar intensiviert. Entgegen der anfänglichen Befürchtungen führte die Pandemie bei einem Großteil der Kinder und Jugendlichen daher nicht zu einem Rückgang der Mundhygiene. Eine Studie aus dem Jahr 2025 kommt zu dem Schluss, dass „die untersuchten Kinder die Pandemie ohne einen signifikanten Anstieg von Karies überstanden haben, da sie seit dem Kindergartenalter gut im Zähneputzen geschult waren"1.

Bei Kindern aus instabilen häuslichen Verhältnissen, in denen eine verlässliche Mundhygienekultur kaum vorhanden war, sah es anders aus. Für sie hatte der Rückzug ins Private negative Auswirkungen – hier kam es zu Rückschritten und vermehrter Karies. Genau dieses Bild bestätigen uns auch die Rückmeldungen aus den Landesarbeitsgemeinschaften für Jugendzahnpflege (LAGen). Es gibt Hinweise darauf, dass es in der Corona‑Pandemie bei Kindern mit erhöhtem Kariesrisiko „zu einer Verschlechterung der Karieserfahrung gekommen ist"2.

Wird sich diese Entwicklung an den für das nächste Jahr erwarteten Daten der neuen Epidemiologischen Begleituntersuchung ablesen lassen?

Ich denke, das wird sich in der einen oder anderen Form in den Ergebnissen widerspiegeln. Die Daten wurden zwar teilweise schon erhoben, aber noch nicht ausgewertet. Ich kann daher noch nichts dazu sagen.

Was werden uns die neuen Epidemiologischen Begleituntersuchungen der DAJ bringen?

Auf jeden Fall wird es mehr Daten geben. Die DAJ-Studie betrachtet die frühkindliche Karies bei Dreijährigen und bei Sechs- bis Siebenjährigen. Im Unterschied zur Studie aus dem Jahr 2016 werden Dreijährige nun in fast allen Bundesländern untersucht. Die Untersuchungen werden von über 700 kalibrierten Zahnärztinnen und Zahnärzten durchgeführt – rund 200 mehr als in der vorangegangenen Studie. Im Vergleich zu 2016, als circa 300.000 Kinder untersucht wurden, gehen wir dieses Mal von einer noch höheren Anzahl an Untersuchten aus. Dies kann zur Verbesserung der Datenlage zur Kindergesundheit beitragen.

Wir sind sehr gespannt auf die Ergebnisse, die zur Mitte des Jahres 2027 erwartet werden. Und nicht nur wir, denn Bund und Länder, Gesetzliche Krankenkassen und zahnärztliche Standesorganisationen nutzen die Daten der DAJ-Studie ebenfalls.

Wo stehen wir heute in der Gruppenprophylaxe? Was bedeuten die Nachrichten aus Berlin und Thüringen?

Für uns sind sie ein wichtiges Signal: Die Gruppenprophylaxe hat gesundheitspolitisch an Gewicht gewonnen – und das nicht zufällig. Die DAJ hat dieses Thema über Jahre konsequent gesetzt, wissenschaftlich unterfüttert und in die politischen Debatten getragen. Dass Berlin nun eine gesetzliche Verankerung schafft und Thüringen öffentlich für das Zähneputzen in Kitas wirbt, zeigt, dass diese Arbeit Wirkung entfaltet. Und nicht nur dort. Auch in vielen anderen Bundesländern wurden Initiativen ergriffen, Kindern durch entsprechende Maßnahmen in ihren Lebenswelten ein zahngesundes Aufwachsen zu ermöglichen.

Gerade weil in den Ländern viele unterschiedliche Akteure eingebunden sind und die Entscheidungswege oft komplex sind, werten wir diese Entwicklungen als echten Erfolg. Sie belegen, dass die Gruppenprophylaxe inzwischen als zentraler Baustein der Kindergesundheit verstanden wird.

Das Gespräch führte Benn Roolf.

Zitierte Studien:

1. Winter, J.; Hartmann, T.; Schul, C.; Hörschgen, E.; Thöne-Mühling, M.;Wollenberg, B.; Amend, S.; Frankenberger, R.. Impact of Interrupting Oral Prevention on Dental Health of 7- to 8-Year-Old Children Due to COVID-19. Children 2025, 12, 315. doi.org/10.3390/children12030315.

2. Schiffner, U (2023) Aktuelle Zahlen zur Karies bei Kindern im Vorschulalter. Zwischen neuen Fluoridempfehlungen, FU-Positionen und der COVID-19-Pandemie. Oralprophylaxe Kinderzahnhelkd.45: 228-233. doi.org/10.1007/s44190-023-0688-8.

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