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Retainer in der Kieferorthopädie

Ohne Retention kein stabiles Ergebnis?

Die Retention ist ein zentraler Bestandteil kieferorthopädischer Therapiekonzepte und besonders für die langfristige Stabilität im Frontzahnbereich relevant. Der Beitrag gibt einen Überblick über die aktuelle Evidenz und diskutiert Retainer-Strategien im Hinblick auf deren Alltagstauglichkeit. Eingeordnet werden Indikationsaspekte, die Rolle der Patientencompliance sowie typische Komplikationen und Anforderungen an die Nachsorge. Daraus ergeben sich Konsequenzen für die Planung, die Kontrolle und die Kommunikation von Retentionskonzepten.

Seit jeher stellt die Sicherung kieferorthopädischer Behandlungsergebnisse eine zentrale Herausforderung dar. Selbst bei einer technisch und biologisch korrekt durchgeführten aktiven Therapie unterliegen Zahnstellungen langfristigen Veränderungen. Diese betreffen insbesondere den Frontzahnbereich. Die Stabilisierung der durch kieferorthopädische Maßnahmen erzielten Frontzahnstellung wiederum hat besondere klinische Relevanz, weil selbst geringfügige Positionsveränderungen der Inzisiven von den Patientinnen und Patienten als ästhetisch störend wahrgenommen werden. Rotationen, Engstandrezidive oder geringfügige sagittale Verschiebungen in der Unterkieferfront können das subjektive Behandlungsergebnis deutlich beeinträchtigen, sogar wenn funktionell nur minimale Abweichungen vorliegen.

Vielen Patientinnen und Patienten gilt die stabile Frontzahnstellung als der zentrale Nutzen einer kieferorthopädischen Behandlung. Die langfristige Sicherung dieses Ergebnisses ist daher nicht nur eine funktionelle, sondern zugleich eine psychosoziale (zufriedenheitsrelevante) Aufgabe, da selbst minimale Verschiebungen subjektiv zu einem „Therapieverlust“ führen können.

Langzeituntersuchungen zeigen aber, dass Zahnbewegungen nicht ausschließlich als Rezidiv im engeren Sinn zu verstehen sind, sondern auch Ausdruck lebenslanger biologischer Anpassungsprozesse sind. Altersabhängige Veränderungen der Zahnbögen sowie eine kontinuierliche mesiale Drift der Seitenzähne tragen dazu bei, dass insbesondere die Unterkieferfront auch ohne kieferorthopädische Vorbehandlung zu Engstand neigt. Diese Befunde erklären die hohe Instabilität gerade jener Zahnsegmente, die aus ästhetischer Sicht von besonderer Bedeutung sind.

Vor diesem Hintergrund kommt der Retention eine entscheidende Rolle zu. Während Einigkeit darüber besteht, dass Retentionsmaßnahmen grundsätzlich notwendig sind, werden Art, Dauer und Intensität der Retention kontrovers diskutiert. Insbesondere die Frage, ob und in welchem Umfang festsitzende Retainer zur langfristigen Stabilisierung erforderlich sind, wird in der Literatur uneinheitlich beantwortet [Xie et al., 2025; Steinnes et al., 2017].

Ziel dieses Übersichtsartikels ist es, die aktuelle Evidenz zur Langzeitstabilität nach kieferorthopädischen Behandlungen darzustellen, festsitzende und herausnehmbare Retainer kritisch zu vergleichen und deren klinische Relevanz – vor allem im ästhetischen Frontzahnbereich – einzuordnen. Dabei werden sowohl wissenschaftliche Daten als auch praxisrelevante Aspekte berücksichtigt.

Biologische Grenzen der Stabilität

Die langfristige Stabilität kieferorthopädischer Behandlungsergebnisse ist eng verknüpft mit der biologischen Reaktion des parodontalen Gewebes auf Zahnbewegungen. Zahnbewegungen unter orthodontischer Kraft sind kein rein mechanischer Vorgang, sondern ein biologisch gesteuerter Umbauprozess, der vielfältige zelluläre und molekulare Mechanismen aktiviert.

Orthodontische Kräfte führen zu Druck- und Zugzonen im Parodontalspalt. Diese mechanischen Belastungen rufen eine dynamische Reaktion in der alveolären Knochenstruktur und im parodontalen Ligament hervor, bei der die Osteoblasten und Osteoklasten entsprechend aktiv werden. Dieser Umbau ist Voraussetzung für die Verschiebung des Zahnes im Kieferknochen. Gleichzeitig werden kollagene Strukturen und extrazelluläre Matrixkomponenten umgebaut, um die veränderte Zahnposition zu stabilisieren [Feller et al., 2015].

Während der aktiven Behandlungsphase ist diese Gewebeantwort erwünscht; nach Abschluss der Bewegung besteht jedoch ein biologischer Drang zur Rückkehr in den Ausgangszustand. Dieser – als „Relapse“ bezeichnete – Prozess äußert sich optisch als Rezidiv und umfasst nicht nur die Reorganisation des Parodontalgewebes, sondern auch die fortlaufenden physiologischen Veränderungen im gesamten orofazialen System. Frühere Konzepte gingen davon aus, dass die Stabilisierung der periodontalen Strukturen (insbesondere der Kollagen- und der elastischen Fasern) mehrere Monate benötigt und danach weitgehend abgeschlossen ist. Neuere Untersuchungen zeigen jedoch, dass die Umbauprozesse komplexer sind und über deutlich längere Zeiträume persistieren können — was auch mit langanhaltenden postretentionellen Bewegungen erklärt wird [Inchingolo et al., 2023].

Tierexperimentelle Modelle bestätigen diese Dynamik: Untersuchungen an Kleinstnagetieren zeigten, dass nach der Entfernung der orthodontischen Apparaturen ein wesentlicher Teil der Zahnbewegung innerhalb weniger Wochen in Richtung der ursprünglichen Position zurückkehrt, wobei dies mit einer Umverteilung von Osteoklasten im Alveolarknochen und im parodontalen Ligament korreliert [Franzen et al., 2013]. Solche Befunde belegen die zentrale Rolle des Knochen- und Paro­dont-Remodelling für das posttherapeutische Bewegungsgeschehen.

Diese biologischen Mechanismen begrenzen die Stabilität selbst nach technisch perfekter Korrektur. Sie machen deutlich, dass die Retention keine Garantie für dauerhafte Stabilität ist, sondern dass sie die Zeit überbrücken soll, in der das Gewebe seine neue Organisation etabliert. Gleichzeitig zeigen sie, dass beim Erwachsenen weiterhin physiologische Kräfte wirken, die zu Zahnbewegungen führen können, selbst wenn keine aktive Therapie mehr stattfindet — etwa durch funktionelle Muskelbelastungen oder die physiologische Drift innerhalb des Zahnbogens [Inchingolo et al., 2023].

Zusammengefasst veranschaulichen diese biologischen Grundlagen, dass die Langzeitstabilität nicht allein durch mechanische Maßnahmen wie Retainer erreicht werden kann, sondern ein tief verwurzelter biologischer Umbauprozess besteht, der über Monate bis Jahre hinaus fortdauert und die Zahnposition beeinflusst. Dies erklärt zum Teil, warum selbst nach sorgfältig durchgeführter Retention posttherapeutische Zahnbewegungen beobachtet werden — unabhängig davon, ob ein Retentionsgerät eingesetzt wurde oder nicht.

Mehrere klinische Langzeitbeobachtungen zeigen, dass gerade die unteren Frontzähne eine ausgeprägte Rezidivneigung aufweisen. Diese wird nicht nur mit der Reorganisation der parodontalen Strukturen nach aktiver Zahnbewegung in Verbindung gebracht, sondern auch mit physiologischen Veränderungen des Zahnbogens im Erwachsenenalter.

Evidenz zur Langzeitstabilität

Die Frage nach der langfristigen Stabilität kieferorthopädischer Behandlungsergebnisse ist seit Jahrzehnten Gegenstand wissenschaftlicher Untersuchungen. Trotz zahlreicher Studien bleibt die Evidenzlage heterogen, was vor allem auf unterschiedliche Studiendesigns, variable Retentionsprotokolle und begrenzte Langzeitbeobachtungen zurückzuführen ist.

Systematische Übersichtsarbeiten zeigen übereinstimmend, dass posttherapeutische Zahnbewegungen ein häufiges Phänomen darstellen – unabhängig vom eingesetzten Retentionskonzept. Der aktuelle Cochrane-Review zur kieferorthopädischen Retention kommt zu dem Schluss, dass es aufgrund der begrenzten Qualität und der Heterogenität der verfügbaren Studien keine belastbaren Aussagen zur Überlegenheit eines bestimmten Retainers gibt [Littlewood et al., 2023]. Gleichzeitig wird betont, dass eine Retention grundsätzlich notwendig ist, um das Ausmaß von Rezidiven zu reduzieren.

Langzeitbeobachtungen verdeutlichen zudem, dass Zahnbewegungen auch Jahre nach Abschluss der aktiven Therapie auftreten können. Diese betreffen insbesondere die Frontzahnsegmente, wobei geringgradige Engstandrezidive und Rotationen am häufigsten beschrieben werden. Wichtig ist dabei die Erkenntnis, dass solche Veränderungen nicht ausschließlich als „Therapieversagen“ zu interpretieren sind, sondern teilweise Ausdruck physiologischer, altersabhängiger Veränderungen des Zahnbogens darstellen.

Retentionskonzepte im klinischen Alltag

Nach Abschluss der aktiven kieferorthopädischen Therapie stehen in der Praxis im Wesentlichen zwei große Kategorien von Retentionsmaßnahmen zur Verfügung: herausnehmbare Retainer und festsitzende (bonded) Retainer. Beide verfolgen dasselbe Ziel – die Stabilisierung des Behandlungsergebnisses –, unterscheiden sich jedoch deutlich in Konstruktion, Handhabung, Effektivität und den Anforderungen an den Patienten.

Herausnehmbare Retainer

Herausnehmbare Retainer werden nach Abschluss der aktiven Therapie häufig eingesetzt, weil sie dem Patienten eine gute Hygienemöglichkeit lassen und keine permanente Fremdkörperbelastung darstellen. Die gebräuchlichsten Varianten sind:

  • Thermoplastische Schienen (Vacuum-Formed Retainers, VFRs)

  • Hawley-Retainer mit Drahtklammer und Kunststoffbasis


Für herausnehmbare Retainer liegen mehrere randomisierte und nicht-randomisierte Studien vor, die eine zufriedenstellende kurzfristige Stabilität belegen – sofern die Geräte konsequent getragen werden. Über längere Beobachtungszeiträume nimmt die Stabilität jedoch häufig ab, was primär auf eine nachlassende Patientencompliance zurückgeführt wird.

In klinischen Vergleichsanalysen zwischen thermoplastischen und klassischen Hawley-Retainern wurden bei ausreichender Tragezeit keine signifikanten Unterschiede in der Aufrechterhaltung der Zahnstellung festgestellt. Die Evidenz deutet jedoch darauf hin, dass bereits geringe Abweichungen vom empfohlenen Trageprotokoll insbesondere in der Unterkieferfront zu messbaren Positionsveränderungen führen können. Schon bei Tragezeiten von weniger als etwa acht bis neun Stunden täglich nahm die Stabilität ab, vor allem in den ersten Monaten nach Abschluss der aktiven Therapie [Inchingolo et al., 2023].

Diese Abhängigkeit von der Mitarbeit stellt eine zentrale Limitation herausnehmbarer Retentionskonzepte dar. Ohne konsequentes Tragen reduzieren sich die erzielten Stabilitätseffekte deutlich. Herausnehmbare Gerätekonzepte haben aber den Vorteil, dass sie eine umfassendere palatinale Abdeckung des Zahnbogens bieten können, was theoretisch auch die Stabilität palatinaler Ausdehnungen unterstützen kann – ein Aspekt, der in einigen Metaanalysen bestätigt wurde [Hussain et al., 2024].

Festsitzende Retainer

Festsitzende Retainer bestehen typischerweise aus einem lingual angebrachten Draht, der mit Komposit auf den Zähnen befestigt wird. Sie werden am häufigsten im Unterkiefer von Eckzahn zu Eckzahn angewendet und dienen dazu, die frontalen Zahnsegmente dauerhaft zu stabilisieren. Bei einer Gefahr der Derotation der Eckzähne, ist eine Befestigung von vier bis vier indiziert.

Festsitzende Retainer wurden in mehreren klinischen Studien und systematischen Reviews mit einer höheren Stabilität der unteren Frontzähne in Verbindung gebracht. Insbesondere bei Beobachtungszeiträumen von fünf Jahren und mehr zeigen sich geringere Rezidivraten im Vergleich zu herausnehmbaren Retainern, sofern der Draht intakt bleibt und regelmäßig kontrolliert wird [Krämer et al., 2023]. In randomisierten Vergleichen und systematischen Reviews wurde festgestellt, dass festsitzende Retainer insbesondere die Lage der unteren Inzisiven langfristiger stabil halten können als VFRs [Bahije et al., 2018].

Allerdings ist auch hier die Datenlage nicht frei von Einschränkungen. Viele Studien weisen relativ kleine Fallzahlen auf und die Retentionsprotokolle sind nicht standardisiert. Zudem wird in mehreren Arbeiten darauf hingewiesen, dass selbst bei dauerhaft getragenen festsitzenden Retainern leichte Positionsveränderungen auftreten können – was erneut die Grenzen mechanischer Stabilisierung unterstreicht.

Zudem sind auch festsitzende Retainer nicht frei von Komplikationen. Sie können brechen oder sich von der Zahnoberfläche lösen, was eine kontrollierte Nachsorge erfordert. Studien berichten in manchen Fällen über nicht unerhebliche Failure-Raten (Debonding, Drahtfrakturen), die im Beobachtungszeitraum von mehreren Monaten bis zu mehreren Jahren auftreten können [Al-Moghrabi et al., 2016].

Vergleich der Retainer und klinische Einordnung

Vergleichende Studien zwischen festsitzenden und herausnehmbaren Retainern zeigen insgesamt ein inkonsistentes Bild. Während einige Arbeiten eine bessere Stabilität festsitzender Retainer insbesondere im Unterkiefer belegen, finden andere keinen signifikanten Unterschied oder verweisen auf die hohe Variabilität individueller Verläufe.

Ein zentrales Problem der aktuellen Evidenz ist die fehlende Standardisierung von Erfolgskriterien. Unterschiedliche Messmethoden, variable Definitionen von „Rezidiv“ sowie unterschiedliche Beobachtungszeiträume erschweren die Zusammenfassung der Ergebnisse. Hinzu kommt, dass viele Studien keine unbehandelte Kontrollgruppe berücksichtigen, sodass physiologische Zahnbewegungen nicht eindeutig von therapiebedingten Effekten getrennt werden können.

Die Mehrheit der verfügbaren Arbeiten zeigt dabei folgendes Gesamtbild:

  • Festsitzende Retainer sind insbesondere zur Stabilisierung der unteren Frontzähne langfristig wirksam und unabhängig von der Patientencompliance.

  • Herausnehmbare Retainer können ähnliche Ergebnisse in der Stabilität erzielen, erfordern jedoch eine konsequente Tragedisziplin.

  • Es gibt keine belastbaren Hinweise, dass ein spezifischer Retainer-Typ in allen Situationen überlegen wäre; oft hängt die Wahl von individuellen klinischen Faktoren ab.

  • Die Methodik in vielen Studien ist unterschiedlich, sodass klare Metaanalysen und hochqualitative RCTs weiterhin fehlen [Bahije et al., 2018]

  • Eine Retention kann das Ausmaß posttherapeutischer Zahnbewegungen reduzieren, eine vollständige Stabilität jedoch nicht garantieren.


In der Praxis bedeutet das: Eine individualisierte Entscheidung basierend auf dem Behandlungsziel, der Patientenmotivation, dem parodontalen Befund und der Risikoabwägung ist sinnvoller als ein genereller „Einheitsstandard“. Grundsätzlich gibt es keinen Hinweis auf Präferenzen im Material des Retainers, allerdings hat sich bisweilen ein Mehrfachdraht-verseilter, flexibler Retainerdraht in der KFO-Gemeinschaft durchgesetzt. Dem Problem der Derotation von Eckzähnen wird dabei vermehrt mit Retainern von vier bis vier begegnet. Ein zusätzlicher Vorteil dieses Drahttyps ist die Möglichkeit der digitalen Gestaltung und der damit möglichen robotergestützten Anfertigung mittels eines „Benders“.

Komplikationen und Risiken der Retention

Neben der Frage der Stabilität müssen Retentionskonzepte stets auch unter dem Aspekt möglicher Nebenwirkungen und Komplikationen betrachtet werden. Diese betreffen sowohl mechanische Probleme als auch Auswirkungen auf die Mundhygiene und die parodontale Gesundheit und sind für die klinische Entscheidungsfindung von zentraler Bedeutung.

Mechanische Komplikationen festsitzender Retainer

Festsitzende Retainer sind grundsätzlich als langlebige und effektive Retentionsgeräte konzipiert, jedoch nicht frei von technischen Problemen. In klinischen Studien werden regelmäßig Debondings, Drahtfrakturen oder partielle Ablösungen beschrieben. Die berichteten Ausfallraten variieren erheblich und liegen je nach Studiendesign und Beobachtungszeitraum zwischen etwa zehn Prozent und über 30 Prozent innerhalb mehrerer Jahre.

Zachrisson beschreibt in einer klinischen Langzeitübersicht, dass mechanische Defekte häufig schleichend auftreten und von den Patientinnen und Patienten nicht immer bemerkt werden, insbesondere wenn nur einzelne Klebepunkte betroffen sind [2014]. Dies kann dazu führen, dass unkontrollierte Zahnbewegungen stattfinden, obwohl formal noch ein Retainer vorhanden ist. Daraus ergibt sich die Notwendigkeit regelmäßiger klinischer Kontrollen, um Defekte frühzeitig zu erkennen und zu beheben.

Auch die Drahtkonfiguration spielt eine Rolle: Mehrdrähtig-verseilte, flexible Retainerdrähte zeigen zwar eine gute Anpassungsfähigkeit, werden aber in einzelnen Arbeiten mit einem höheren Risiko für unbemerkte Zahnbewegungen bei partiellem Debonding in Verbindung gebracht. Die Evidenz dazu ist jedoch uneinheitlich und erlaubt derzeit keine eindeutigen Empfehlungen zugunsten eines bestimmten Drahttyps.

Mundhygiene und Plaqueakkumulation

Ein häufig genannter Kritikpunkt an festsitzenden Retainern ist ihr potenzieller Einfluss auf die Mundhygiene. Mehrere Studien berichten über eine erhöhte Plaque- und Konkrementakkumulation im Bereich lingual befestigter Retainer, insbesondere im Unterkieferfrontsegment.

Systematische Reviews zeigen, dass bei Patientinnen und Patienten mit festsitzenden Retainern im Vergleich zu herausnehmbaren Retentionsgeräten höhere Plaqueindizes gemessen werden können [Arnold et al., 2016; Tynelius et al., 2013]. Diese Befunde werden jedoch nicht einheitlich mit einer klinisch relevanten Verschlechterung des parodontalen Status gleichgesetzt.

Parodontale Effekte – was ist belegt, was nicht?

Die Frage, ob festsitzende Retainer langfristig zu parodontalen Schäden führen, wird in der Literatur kontrovers diskutiert. Während einzelne Studien erhöhte Gingivitisraten oder lokalisierte Entzündungszeichen beschreiben, kommen systematische Übersichten überwiegend zu dem Schluss, dass keine eindeutigen Hinweise auf schwerwiegende parodontale Langzeitschäden vorliegen, sofern eine angemessene Mundhygiene eingehalten wird.

Ein systematisches Review von Arnold et al. fand zwar Hinweise auf erhöhte Plaque- und Gingivaindizes bei festsitzenden Retainern, jedoch keine konsistenten Belege für einen signifikanten Attachmentverlust [2016]. Ähnliche Ergebnisse berichten Tynelius et al., die betonen, dass parodontale Veränderungen stark von individuellen Hygienefaktoren und der regelmäßigen zahnärztlichen Betreuung abhängen [2013].

Damit ergibt sich ein differenziertes Bild: Festsitzende Retainer stellen keinen per se parodontalschädigenden Faktor dar, erhöhen jedoch die Anforderungen an die häusliche Mundhygiene und an die professionelle Nachsorge. Bei Patientinnen und Patienten mit eingeschränkter Mundhygienefähigkeit oder einer parodontalen Vorschädigung ist dieser Aspekt besonders sorgfältig zu berücksichtigen.

Komplikationen herausnehmbarer Retainer

Herausnehmbare Retainer sind mit deutlich geringeren Risiken für eine Plaqueakkumulation verbunden, weisen jedoch andere Limitationen auf. Neben dem Verlust, der Beschädigung oder der Verformung der Geräte stellt vor allem die abnehmende Tragedisziplin über die Zeit ein relevantes Problem dar. Studien zeigen, dass die tatsächliche Tragedauer häufig deutlich unter den empfohlenen Werten liegt, insbesondere mehrere Jahre nach Behandlungsabschluss. Diese Form der „funktionellen Komplikation“ kann klinisch ebenso relevant sein wie ein technischer Defekt, da sie zu unkontrollierten Zahnbewegungen führt, ohne dass dies unmittelbar bemerkt wird.

Klinische Relevanz und Risikoabwägung

Aus klinischer Sicht ist festzuhalten, dass kein Retentionskonzept frei von Risiken ist. Während festsitzende Retainer mit einem höheren Potenzial für eine Plaqueakkumulation und mechanische Defekte einhergehen, sind herausnehmbare Retainer primär durch ihre Abhängigkeit von der Patientencompliance limitiert. Für die Praxis ergibt sich daraus die Notwendigkeit einer individualisierten Risikoabwägung, die neben der gewünschten Stabilität auch parodontale Ausgangsbefunde, die Hygienefähigkeit und die Bereitschaft zur regelmäßigen Nachsorge berücksichtigt. Insbesondere bei ästhetisch sensiblen Frontzahnstellungen kann der Nutzen festsitzender Retainer die potenziellen Risiken überwiegen, sofern eine strukturierte Kontrolle gewährleistet ist.

Patientencompliance und klinische Relevanz

Die Wirksamkeit eines Retentionskonzepts hängt in der klinischen Realität nicht allein von seiner biomechanischen oder biologischen Eignung ab, sondern in erheblichem Maß von der Mitarbeit der Patientin beziehungsweise des Patienten. Insbesondere bei herausnehmbaren Retentionsgeräten stellt die Compliance einen der entscheidenden Einflussfaktoren auf die Langzeitstabilität dar.

Mehrere Übersichtsarbeiten weisen darauf hin, dass die tatsächliche Tragedauer herausnehmbarer Retainer im klinischen Alltag häufig deutlich unter den empfohlenen Werten liegt. Während in kontrollierten Studien definierte Tragezeiten eingehalten werden, zeigt sich in der Praxis ein kontinuierlicher Rückgang der Compliance mit zunehmendem zeitlichem Abstand zur aktiven Behandlung [Littlewood et al., 2016]. Dieser Effekt ist unabhängig vom Alter zu beobachten, er betrifft sowohl Jugendliche als auch Erwachsene. Aus klinischer Sicht ist dabei relevant, dass bereits geringfügige Unterschreitungen der Tragedauer zu messbaren Positionsveränderungen führen können, insbesondere im Bereich der Unterkieferfront. Diese Veränderungen werden von den Patientinnen und Patienten häufig erst spät wahrgenommen – wenn bereits ein sichtbarer ästhetischer Verlust eingetreten ist.

Unterschiedliche Anforderungen je nach Retainer-Typ

Festsitzende Retainer umgehen das Problem der aktiven Mitarbeit weitgehend, da sie eine kontinuierliche Stabilisierung unabhängig vom Patientenverhalten ermöglichen. Gerade im ästhetisch sensiblen Frontzahnbereich ist dies ein wesentlicher Vorteil. Die klinische Relevanz zeigt sich insbesondere bei Patientinnen und Patienten, die beruflich oder sozial stark eingebunden sind und eine langfristige tägliche Tragedisziplin realistischerweise nicht einhalten können. Diese Diskrepanz zwischen theoretischer Wirksamkeit und praktischer Umsetzung erklärt, warum herausnehmbare Retainer in Studien gute Ergebnisse erzielen können, im klinischen Alltag jedoch häufiger mit Rezidiven assoziiert sind.

Ein weiterer Aspekt der Compliance betrifft die subjektive Wahrnehmung der Retention. Für viele Patientinnen und Patienten endet die kieferorthopädische Behandlung mit dem Entfernen der Apparatur. Die Notwendigkeit einer langfristigen oder sogar lebenslangen Retention wird häufig unterschätzt oder als unangemessene Verlängerung der Therapie empfunden. Dies kann die Bereitschaft zur Mitarbeit negativ beeinflussen.

Studien zur Patientenzufriedenheit zeigen jedoch, dass eine stabile ästhetische Frontzahnstellung einen der wichtigsten Prädiktoren für die langfristige Zufriedenheit mit der Behandlung darstellt [Zachrisson, 2014]. Retentionsmaßnahmen, die dieses Ergebnis zuverlässig sichern, können daher indirekt auch die Akzeptanz erhöhen – insbesondere dann, wenn sie mit minimalem Aufwand für die Patientinnen und Patienten verbunden sind.

Klinische Konsequenzen für die Praxis

Für die zahnärztliche Praxis ergibt sich daraus eine klare Konsequenz: Retentionsentscheidungen sollten nicht ausschließlich auf theoretischer Evidenz beruhen, sondern die realistische Umsetzbarkeit im Alltag berücksichtigen. Bei Patientinnen und Patienten mit hohem ästhetischem Anspruch, eingeschränkter Tragedisziplin oder erhöhtem Rezidivrisiko kann der Einsatz festsitzender Retainer eine klinisch sinnvolle und pragmatische Lösung darstellen und ist alternativlos für die Stabilisierung des ästhetischen Frontzahnbereichs.

Gleichzeitig bleibt eine strukturierte Aufklärung essenziell. Die Patientinnen und Patienten sollten frühzeitig informiert werden, dass die Retention kein optionaler Zusatz, sondern ein integraler Bestandteil der kieferorthopädischen Therapie ist. Nur so lassen sich unrealistische Erwartungen vermeiden und langfristig stabile Ergebnisse erzielen.

Lebenslange Retention – Notwendigkeit oder Dogma?

Die Empfehlung einer lebenslangen Retention hat in den vergangenen Jahren zunehmend an Bedeutung gewonnen und wird in der klinischen Praxis immer häufiger ausgesprochen. Sie beruht auf der Beobachtung, dass Zahnpositionen selbst lange nach Abschluss der aktiven kieferorthopädischen Behandlung Veränderungen unterliegen können. Dabei ist diese Empfehlung wissenschaftlich umstritten, weil sie nur begrenzt durch hochwertige Langzeitstudien abgesichert ist.

Ein zentrales Argument für eine langfristige oder lebenslange Retention ist die Erkenntnis, dass Zähne keinem statischen Gleichgewicht unterliegen, sondern Teil eines sich lebenslang verändernden orofazialen Systems sind. Altersabhängige Veränderungen des Zahnbogens, physiologische Driftphänomene sowie funktionelle Einflüsse können auch ohne vorausgegangene kieferorthopädische Behandlung zu Zahnbewegungen führen. Klassische Langzeituntersuchungen zeigen, dass insbesondere die Unterkieferfront im Erwachsenenalter zu Engstand neigt, selbst bei unbehandelten Individuen [Proffit et al.,1998]. Vor diesem Hintergrund argumentieren Befürworter einer lebenslangen Retention, dass Retainer nicht primär der Sicherung eines „künstlich erzeugten“ Ergebnisses dienen, sondern der Stabilisierung einer Zahnstellung, die biologisch grundsätzlich veränderlich ist.

Demgegenüber steht die Tatsache, dass die Evidenz für eine zwingende lebenslange Retention begrenzt ist. Der aktuelle Cochrane-Review zur kieferorthopädischen Retention kommt zu dem Schluss, dass aufgrund der geringen Qualität und der Heterogenität der verfügbaren Studien keine klaren Empfehlungen zur optimalen Retentionsdauer gegeben werden können [Littlewood et al., 2023]. Insbesondere prospektive Langzeitstudien mit Beobachtungszeiträumen über mehrere Jahrzehnte fehlen.

Darüber hinaus ist zu berücksichtigen, dass die Retention selbst mit Risiken verbunden ist. Festsitzende Retainer können mechanische Defekte aufweisen und die Mundhygiene erschweren; herausnehmbare Retainer erfordern eine langfristige Mitarbeit der Patientinnen und Patienten. Eine pauschale Empfehlung zur lebenslangen Retention ohne individuelle Risikoabwägung kann daher zu einer Übertherapie führen.

Leitlinien, Expertenmeinungen und klinische Praxis

In internationalen Leitlinien zur kieferorthopädischen Retention werden die Empfehlungen überwiegend zurückhaltend formuliert. Anstelle einer generellen Vorgabe zur lebenslangen Retention wird häufig eine langfristige, individuell angepasste Retentionsstrategie empfohlen, die regelmäßig überprüft und bei Bedarf angepasst wird. Auch Expertenübersichten betonen, dass Retention kein statisches Konzept ist, sondern im Verlauf des Lebens neu bewertet werden sollte [Littlewood et al., 2016].

In der klinischen Praxis hat sich dennoch eine Tendenz zur langfristigen Retention etabliert, insbesondere im Unterkieferfrontbereich. Diese Entwicklung ist weniger als evidenzbasierte Vorgabe zu verstehen, sondern vielmehr als pragmatische Reaktion auf die bekannte Rezidivneigung und die hohe ästhetische Relevanz dieses Segments.

Differenzierte Bewertung

Zusammenfassend lässt sich festhalten, dass die lebenslange Retention evidenzbasiert weder eindeutig gefordert wird noch grundsätzlich abzulehnen ist. Vielmehr handelt es sich um eine klinische Strategie, die aus biologischen Überlegungen plausibel erscheint, deren Nutzen jedoch individuell unterschiedlich ausfallen kann. Entscheidend ist daher eine transparente Aufklärung der Patientinnen und Patienten über die potenziellen Vorteile, die bestehenden Unsicherheiten und die möglichen Risiken.

Eine differenzierte, patientenbezogene Empfehlung erscheint vor diesem Hintergrund sinnvoller als eine pauschale Vorgabe. Eine lebenslange Retention kann für bestimmte Patientengruppen – insbesondere bei hohem ästhetischem Anspruch und ausgeprägter Rezidivneigung – eine praktikable Lösung darstellen, sollte jedoch nicht als unumstößliches Dogma vermittelt werden.

Unabhängig von der kontroversen Diskussion um eine lebenslange Retention muss für den ästhetisch sensiblen Frontzahnbereich eine gesonderte klinische Bewertung vorgenommen werden. Zahlreiche Studien und Expertenübersichten zeigen übereinstimmend, dass gerade die Frontzahnstellung – insbesondere im Unterkiefer – eine ausgeprägte Rezidivneigung aufweist, selbst bei optimal durchgeführter aktiver Therapie. Diese Instabilität betrifft nicht nur rotations- oder engstandsbedingte Veränderungen, sondern auch geringfügige Achs- und Positionsabweichungen, die von den Patientinnen und Patienten ästhetisch deutlich wahrgenommen werden.

Vor diesem Hintergrund wird der Einsatz festsitzender Retainer von vielen Autoren nicht als optionale Maßnahme, sondern als klinisch notwendiges Instrument zur Sicherung des ästhetischen Behandlungsergebnisses angesehen. Zachrisson betont, dass insbesondere im Frontzahnbereich die alleinige Verwendung herausnehmbarer Retainer aufgrund der nachlassenden Compliance langfristig kein verlässliches Stabilitätskonzept darstellt [2014]. Auch Littlewood et al. weisen darauf hin, dass der dokumentierte Rückgang der Tragedisziplin herausnehmbarer Retainer eine wesentliche Ursache für späte Rezidive darstellt, selbst bei initial guten Ergebnissen [2016].

Die besondere Relevanz ergibt sich daraus, dass Frontzahnrezidive nicht nur funktionelle, sondern vor allem ästhetische Konsequenzen haben. Bereits geringe Veränderungen können das subjektive Behandlungsergebnis erheblich beeinträchtigen und führen häufig zu Unzufriedenheit, obwohl die ursprüngliche kieferorthopädische Korrektur fachlich korrekt durchgeführt wurde. In diesem Kontext erfüllen festsitzende Retainer eine zentrale Schutzfunktion: Sie sichern das erzielte ästhetische Ergebnis kontinuierlich, unabhängig vom Patientenverhalten, und tragen damit maßgeblich zur langfristigen Therapieakzeptanz und -zufriedenheit bei.

Insofern sind festsitzende Retainer im Frontzahnbereich weniger als Ausdruck eines therapeutischen Dogmas, sondern vielmehr als konsequente Antwort auf eine biologisch belegte Instabilität zu verstehen sind. Ihre Anwendung erscheint insbesondere dort klinisch zwingend, wo hohe ästhetische Anforderungen bestehen und schon geringfügige Zahnbewegungen als behandlungsrelevant einzustufen sind – was in der Erwachsenentherapie zumeist der Hauptgrund für den Patienten ist, die Therapie überhaupt anzustreben.

Kritische Gesamtdiskussion

Dieser Beitrag zeigt, dass die Retention nach kieferorthopädischer Behandlung ein komplexes, multifaktorielles Thema ist, das sich einer einfachen oder pauschalen Lösung entzieht. Zwar besteht Einigkeit darüber, dass ohne Retention ein erhebliches Rezidivrisiko besteht, insbesondere im Frontzahnbereich, doch bleiben zentrale Fragen zur optimalen Retentionsform, -dauer und -intensität weiterhin unzureichend beantwortet.

Diskrepanz zwischen biologischer Plausibilität und Evidenzlage

Aus biologischer Sicht sprechen zahlreiche Argumente für eine langfristige Stabilisierung: lebenslange Zahnbewegungen, altersabhängige Veränderungen der Zahnbögen, die mesiale Drift sowie funktionelle Einflüsse sind gut beschrieben. Diese Phänomene betreffen sowohl unbehandelte als auch kieferorthopädisch behandelte Patientinnen und Patienten und erklären die hohe Rezidivneigung insbesondere der Frontzähne.

Demgegenüber steht eine vergleichsweise schwache Evidenzbasis: Hochwertige randomisierte Langzeitstudien mit Beobachtungszeiträumen über mehrere Jahrzehnte fehlen nahezu vollständig. Systematische Reviews, einschließlich aktueller Cochrane-Analysen, kommen übereinstimmend zu dem Schluss, dass belastbare Aussagen zur optimalen Retentionsdauer nicht möglich sind. Diese Evidenzlücke führt dazu, dass viele klinische Empfehlungen stärker auf Expertenmeinungen und pragmatischen Erwägungen beruhen als auf harter Datenlage.

Festsitzende versus herausnehmbare Retainer

Die häufig polarisierte Gegenüberstellung von festsitzenden und herausnehmbaren Retainern greift zu kurz. Beide Retentionsformen weisen spezifische Vorteile und Limitationen auf. Herausnehmbare Retainer ermöglichen eine gute Mundhygiene und sind flexibel einsetzbar, sind jedoch in hohem Maße von der Compliance des einzelnen Patienten abhängig. Festsitzende Retainer bieten eine kontinuierliche, verlässliche Stabilisierung, erfordern jedoch regelmäßige Kontrollen und stellen erhöhte Anforderungen an die Mundhygiene.

Die Literatur legt nahe, dass die klinische Effektivität eines Retainers weniger von seinem theoretischen Wirkprinzip als von seiner praktischen Zuverlässigkeit im Alltag abhängt. In diesem Zusammenhang gewinnen festsitzende Retainer, insbesondere im ästhetisch relevanten Frontzahnbereich, eine besondere Bedeutung. Ihre breite Anwendung ist daher weniger als Ausdruck eines therapeutischen Dogmas zu verstehen, sondern als Reaktion auf reale Versorgungsbedingungen und auf den Wunsch des Patienten gerade die ästhetische Frontzahnstellung abzusichern.

Ästhetische Relevanz als entscheidender Faktor

Ein zentrales, in der wissenschaftlichen Diskussion teilweise unterrepräsentiertes Argument ist die hohe ästhetische Sensibilität des Frontzahnbereichs. Während geringe okklusale oder transversale Veränderungen funktionell oft tolerabel sind, werden bereits minimale Frontzahnverschiebungen als störend wahrgenommen. Die klinische Relevanz solcher Veränderungen liegt damit weniger in objektiven Messgrößen als in der subjektiven Wahrnehmung der Patientinnen und Patienten, diese ist in der Erwachsenentherapie oft der Hauptgrund für einen Therapiebeginn.

Diese Diskrepanz erklärt, warum Retentionsentscheidungen in der Praxis häufig konservativer ausfallen, als es die Evidenzlage allein nahelegen würde. Die Sicherung eines ästhetisch hoch bewerteten Ergebnisses ist ein legitimes Therapieziel und rechtfertigt unter bestimmten Voraussetzungen eine langfristige oder gar dauerhafte Retentionsstrategie.

Bedeutung der Aufklärung und Nachsorge

Angesichts der bestehenden Unsicherheiten kommt der Patientenaufklärung eine Schlüsselrolle zu. Retention sollte nicht als optionaler Zusatz, sondern als integraler Bestandteil der kieferorthopädischen Behandlung kommuniziert werden. Gleichzeitig ist es essenziell, die Grenzen der Vorhersagbarkeit offen zu benennen und individuelle Risiken transparent darzustellen.

Ebenso wichtig ist eine strukturierte Nachsorge. Unabhängig vom gewählten Retentionskonzept sind regelmäßige Kontrollen notwendig, um mechanische Defekte, Hygieneprobleme oder unerwünschte Zahnbewegungen frühzeitig zu erkennen. Retention ist damit kein statischer Zustand, sondern ein dynamischer Prozess, der im Verlauf des Lebens angepasst werden muss.

Insgesamt zeigt sich, dass die aktuelle Retentionspraxis das Ergebnis eines Spannungsfeldes zwischen biologischer Notwendigkeit, begrenzter Evidenz und klinischem Pragmatismus ist. Eine differenzierte, individualisierte Herangehensweise erscheint vor diesem Hintergrund wissenschaftlich redlich und klinisch sinnvoller als starre Konzepte oder pauschale Empfehlungen.

Fazit und Empfehlungen für die Praxis

  • Die Retention stellt keinen nachgeordneten Abschluss, sondern einen integralen Bestandteil der kieferorthopädischen Therapie dar. Die vorliegende Übersicht verdeutlicht, dass Zahnstellungen selbst nach formal erfolgreicher Behandlung biologisch instabil bleiben und lebenslangen Veränderungen unterliegen. Besonders betroffen ist der ästhetisch hoch relevante Frontzahnbereich, in dem bereits geringe Positionsänderungen klinisch und subjektiv bedeutsam sind.

  • Trotz einer insgesamt begrenzten Evidenzlage zur optimalen Retentionsdauer besteht breiter Konsens, dass ohne Retentionsmaßnahmen mit einem erhöhten Rezidivrisiko zu rechnen ist. Die Entscheidung für ein bestimmtes Retentionskonzept sollte daher nicht ausschließlich auf der verfügbaren Studienlage beruhen, sondern zusätzlich biologische, ästhetische und verhaltensbezogene Faktoren berücksichtigen.

  • Festsitzende Retainer haben sich insbesondere zur Stabilisierung der Frontzahnstellung als klinisch zuverlässiges Instrument etabliert. Ihr wesentlicher Vorteil liegt in der Compliance-unabhängigen Wirkung, die im Alltag häufig den Ausschlag für eine langfristige Stabilität gibt. Vor allem bei Patientinnen und Patienten mit hohem ästhetischem Anspruch oder bekannter Rezidivneigung erscheint ihr Einsatz sinnvoll und in vielen Fällen gerechtfertigt. Die damit verbundenen Risiken – insbesondere in Bezug auf die Mundhygiene und mechanische Defekte – sind bei regelmäßiger Kontrolle und adäquater Aufklärung beherrschbar. Mit den heutigen Materialien und bei handwerklich sorgfältiger Umsetzung können festsitzende Retainer als weitgehend wartungsarme, unauffällige Langzeitlösung betrachtet werden, die den Patienten im Alltag kaum beeinträchtigt.

  • Hinsichtlich der Mundhygiene zeigt die klinische Erfahrung, dass Probleme im Umgang mit festsitzenden Retainern überwiegend bei jenen Patientinnen und Patienten auftreten, bei denen bereits unabhängig von der Retention eine eingeschränkte Mundhygienefähigkeit besteht. Der Retainer selbst stellt dabei weniger die Ursache als vielmehr einen Indikator für bestehende Hygienedefizite dar.

  • Herausnehmbare Retainer stellen weiterhin eine valide Option dar, insbesondere in Kombination mit festsitzenden Systemen oder bei Patientinnen und Patienten mit hoher Tragedisziplin. Ihre klinische Effektivität ist jedoch maßgeblich von der langfristigen Mitarbeit abhängig, die erfahrungsgemäß mit zunehmenden zeitlichen Abstand zur aktiven Behandlung abnimmt.

  • Die häufig diskutierte Empfehlung einer lebenslangen Retention ist vor diesem Hintergrund weniger als evidenzbasiertes Dogma zu verstehen, sondern als pragmatische Strategie zur Sicherung eines ästhetisch relevanten Behandlungsergebnisses. Eine differenzierte, individuell angepasste Retentionsplanung – verbunden mit einer transparenten Patientenaufklärung und regelmäßiger Nachsorge – erscheint wissenschaftlich redlich und klinisch zielführend.


Eine erfolgreiche kieferorthopädische Therapie endet nicht mit dem Entfernen der Apparatur. Erst durch eine konsequent geplante und kontrollierte Retention kann das erzielte funktionelle und ästhetische Behandlungsergebnis langfristig gesichert werden.

Dr. med. dent. Alexander Schmidt

Praxis Dr. Schmidt Kieferorthopädie
Obere Str. 17, 07318 Saalfeld/Saale

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