„Wo gründlich geprüft wird, spricht die Evidenz eine eindeutige Sprache“
Herr Prof. Frankenberger, Fluorid ist in der Zahnmedizin seit Jahrzehnten etabliert. Warum wird das Thema derzeit öffentlich wieder so intensiv diskutiert?
Prof. Dr. Roland Frankenberger: Das lässt sich eindeutig auf die sozialen Medien zurückführen. Dort werden heute Reichweiten erzielt, die früher kaum vorstellbar waren. „Botschaften“ aller Art – insbesondere auf Plattformen wie Instagram oder TikTok – verbreiten sich rasant und erfahren eine enorme Multiplikation. Influencer verdienen mit beliebigen Produktempfehlungen viel Geld, während sich Desinformationen ebenso mühelos verbreiten lassen.
Fluorid ist längst nicht das einzige zahnmedizinische Thema, das auf diese Weise verzerrt dargestellt wird. Auch Ölziehen (oft positiv), Mundspüllösungen (häufig negativ), Wurzelkanalbehandlungen (immer wieder negativ) oder Keramikimplantate (positiv im Vergleich zu Titanimplantaten) werden öffentlich diskutiert – nicht selten auf der Grundlage von Meinungen mit äußerst geringer wissenschaftlicher Evidenz. Dennoch hat diese Entwicklung auch eine positive Seite: Grundsätzlich ist es erfreulich, dass zahnmedizinische Themen heute ein so großes öffentliches Interesse wecken.
Haben Sie den Eindruck, dass sich die Fluorid-Debatte in den letzten Monaten verändert hat – und wenn ja, wodurch?
Ich bin kein Meinungsforschungsinstitut – mein Blick auf dieses Thema kann daher keinen Anspruch auf Repräsentativität erheben. Ich kann lediglich meine subjektive Wahrnehmung wiedergeben, und die fällt eindeutig aus: Ja! Insbesondere nehme ich eine spürbare Zunahme an Kolleginnen und Kollegen wahr, die sich öffentlich fluoridkritisch äußern. Das verleiht diesen Positionen eine größere Glaubwürdigkeit, als wenn entsprechende Aussagen allein von fachfremden Personen stammen.
Warum ist ausgerechnet Fluorid immer wieder anfällig für öffentliche Verunsicherung und Kontroversen?
Ich vermute, dass dies zunächst auf eine seit jeher bestehende, begriffliche Verwechslung mit dem elementaren Fluor zurückzuführen ist. Dieses ist zweifellos hochreaktiv und toxisch; daraus jedoch eine Gefährdung durch Fluoridverbindungen abzuleiten, greift zu kurz. Ein vergleichbares Missverständnis ließe sich auch bei Natriumchlorid konstruieren, das unter anderem aus Chlor besteht, ohne deshalb als giftig zu gelten. Im Gegenteil: Die therapeutische Breite ist bei Kochsalz deutlich enger als bei Fluorid.
Welche Rolle spielen Medien und verkürzte Gesundheitsbotschaften bei der aktuellen Verunsicherung?
Wie bereits angedeutet, kommt den sozialen Medien in diesem Kontext meines Erachtens eine zentrale, wenn nicht gar die entscheidende Rolle zu. Ich kann mich des Eindrucks nicht erwehren, dass es uns offenbar noch immer zu gut geht, wenn wir uns überhaupt in dieser Intensität mit derartigen Fragestellungen befassen. Der eigentliche Kipppunkt ist für mich jedoch dort erreicht, wo sich zunehmend auch Kolleginnen und Kollegen öffentlich fluoridkritisch positionieren. Dies verleiht den entsprechenden Narrativen eine neue Qualität – insbesondere dann, wenn einzelne Akteure auf Plattformen wie Instagram über sechsstellige Followerzahlen verfügen und damit Reichweiten im Bereich von 20 bis 30 Millionen Aufrufen jährlich erzielen. Ein derartiger Multiplikatoreffekt bleibt naturgemäß nicht folgenlos, wenn dabei Inhalte zweifelhafter Evidenz verbreitet werden.
Die Konsequenzen zeigen sich inzwischen sogar im universitären Alltag: In meinen Vorlesungen werde ich von Studierenden regelmäßig auf Inhalte aus sozialen Medien angesprochen – etwa hinsichtlich des Stellenwerts etablierter curriculärer Lehrinhalte wie Wurzelkanalbehandlungen, Fluoridanwendungen, Mundspüllösungen oder der professionellen Zahnreinigung. All dies sind Themen, die öffentlich teils vehement infrage gestellt werden. Erschwerend kommt hinzu, dass sich auch zahlreiche Kolleginnen und Kollegen aus der Humanmedizin zu zahnmedizinischen Fragestellungen äußern. Problematisch wird dies insbesondere dann, wenn solche Einschätzungen von Kolleginnen und Kollegen kommen, die während ihres gesamten Medizinstudiums nie eine einzige Vorlesung über zahnmedizinische Inhalte gehört haben.
Spielen aus Ihrer Sicht auch wirtschaftliche Interessen einzelner Anbieter oder Hersteller alternativer Produkte eine Rolle in dieser Debatte?
Natürlich – der Spiegel hat das Thema ja jüngst aufgegriffen. Gleichwohl sollte man sich vergegenwärtigen, dass der zugrunde liegende Sachverhalt keineswegs neu ist: Derartige, kommerziell motivierte Kampagnen lassen sich bereits seit etwa einem Jahrzehnt beobachten. Man könnte nun pointiert sagen, ein langer Atem zahlt sich aus. Überzeugender erscheint mir jedoch die Einschätzung, dass die sozialen Medien mit ihrer Omnipräsenz und Dynamik heute eine deutlich größere Wirkmacht entfalten als klassische, primär angstbasierte Werbestrategien.
Was ist aus wissenschaftlicher Sicht zum Nutzen von Fluorid in der Kariesprävention heute gut belegt?
Lassen Sie mich ein aktuelles Beispiel anführen: In meiner Klinik hat sich im Januar 2026 Dr. Julia Winter MSc im Bereich der Kinderzahnmedizin habilitiert. Sie widmet sich seit nunmehr 15 Jahren der kariologischen Forschung, insbesondere vor dem soziodemografischen Hintergrund. Ihre Antrittsvorlesung trug den Titel „Karies und vulnerable Gruppen“. Das in unserem Landkreis von Prof. Helmut Schmidt (Erfinder von Duraphat) initiierte und von Prof. Klaus Pieper validierte „Marburger Modell“ verdeutlicht eindrucksvoll, welch fundamentale Bedeutung der Fluoridierung in der Kariesprophylaxe zukommt – insbesondere für vulnerable Bevölkerungsgruppen.
Dasselbe gilt für die immer weiter verbreitete Wurzelkaries, vor deren Hintergrund ich 2022 eine Professur für Kariologie des Alterns (Prof. Dr. C. Ganß) eingerichtet habe: Ohne Fluorid – und dies in hohen Dosen – werden wir bei Wurzelkaries komplett chancenlos sein. Daher initiiert die DGZMK seit jeher aufwendig erarbeitete Leitlinien, gewissermaßen als Destillat der verfügbaren Evidenz – selbstverständlich auch zu den positiven Effekten der häuslichen Mundhygiene unter Verwendung von Fluorid.
Beim Stichwort Evidenz ist Folgendes besonders interessant: Im Zuge der neuen Approbationsordnung wurde der Querschnittsbereich „wissenschaftliches Arbeiten“ etabliert. In diesem Zusammenhang betone ich stets: Nicht alle Zahnärztinnen und Zahnärzte müssen später selbst wissenschaftlich tätig sein – wohl aber sollten sie wissenschaftlich denken können. Das bedeutet konkret, Studien nicht nur zu lesen, sondern sie auch kompetent zu interpretieren und kritisch zu bewerten.
Man muss es so deutlich sagen: Wäre diese Kompetenz flächendeckend vorhanden, gäbe es kaum Beiträge über angeblich schädliche Effekte von Fluorid, etwa auf den IQ von Kindern. Eine methodisch saubere Analyse zeigt vielmehr, dass entsprechende Studien erhebliche Schwächen aufweisen und zudem nicht ohne Weiteres auf mitteleuropäische Verhältnisse übertragbar sind. Umso erfreulicher ist es, dass sich derzeit in den sozialen Medien eine überwältigende Mehrheit gut ausgebildeter Kolleginnen und Kollegen klar zur Fluoridanwendung als Rückgrat der präventiven Zahnmedizin bekennt.
Welche Punkte werden derzeit auf EU-Ebene regulatorisch diskutiert – und worum geht es dabei genau?
Der Blick auf die europäische Ebene zeigt, wie sorgfältig und verantwortungsvoll dieses Thema tatsächlich geprüft wird: Die französische Behörde ANSES – die Agence nationale de sécurité sanitaire de l’alimentation, de l’environnement et du travail – hat im vergangenen Jahr ein sogenanntes CLH-Dossier bei der Europäischen Chemikalienagentur, der ECHA, eingereicht. Darin wurde vorgeschlagen, Natriumfluorid als endokrinen Disruptor einzustufen und zusätzlich als reproduktionstoxisch der Kategorie 1B zuzuordnen. Als Begründung wurden mögliche Effekte auf die Neuroentwicklung, die Schilddrüsenfunktion sowie die Fertilität angeführt.
Was dann folgte, ist ein Lehrstück evidenzbasierter Bewertung: Das zuständige Risk Assessment Committee der EU hat diese Eingabe eingehend geprüft – kritisch, unabhängig und auf Grundlage der verfügbaren wissenschaftlichen Daten. Das Ergebnis ist ebenso klar wie beruhigend: Es ergeben sich keine negativen Konsequenzen für Natriumfluorid-haltige Zahnpasten. Diese Einschätzung steht im Einklang mit den Bewertungen führender internationaler Fachorganisationen. Sowohl die WHO als auch die IADR haben wiederholt bekräftigt, dass die Anwendung von Fluorid in der Kariesprävention wirksam und sicher ist. Mit anderen Worten: Wo gründlich geprüft wird, spricht die Evidenz eine eindeutige Sprache.
Was bedeutet eine regulatorische Neubewertung eines Stoffes überhaupt – und was bedeutet sie ausdrücklich nicht?
Die regulatorische Neubewertung eines Stoffes bedeutet im Kern, dass die zuständigen Behörden prüfen, ob ein chemischer Stoff auf der Grundlage aktueller wissenschafts-, gesundheits- und umweltbezogener Erkenntnisse weiterhin sicher verwendet werden kann oder ob die bestehenden Regelungen angepasst werden müssen. Im Mittelpunkt steht dabei nicht ein Verbot, sondern die evidenzbasierte Überprüfung und gegebenenfalls Weiterentwicklung der bestehenden Bewertung.
In der öffentlichen Debatte werden die Gefahr und das tatsächliche Anwendungsrisiko häufig vermischt. Warum ist diese Unterscheidung gerade beim Thema Fluorid so wichtig?
Gerade vor dem Hintergrund der therapeutischen Breite ist eine klare, begriffliche Trennung unerlässlich: „Gefahr“ bezeichnet die inhärente Eigenschaft eines Stoffes, potenziell Schaden zu verursachen – unabhängig von Dosis, Exposition oder Applikationsform. So ist Fluorid in sehr hohen Dosen unbestritten toxisch, etwa im Kontext von Fluorosen, möglichen Effekten auf die Fertilität oder bei Exposition gegenüber Flusssäure. In diesem Sinne ist Fluorid selbstverständlich ein potenziell schädlicher Stoff – allerdings nur unter extremen Bedingungen.
Demgegenüber beschreibt das Risiko die Wahrscheinlichkeit eines tatsächlichen Schadenseintritts unter konkreten Anwendungsbedingungen. Risiko ist untrennbar verknüpft mit Faktoren wie Konzentration, aufgenommener Menge, Dauer der Exposition und Applikationsart. Entscheidend ist also nicht allein, dass ein Stoff gefährlich sein kann, sondern unter welchen Bedingungen daraus ein reales Risiko entsteht.
Wie stark wird die aktuelle Debatte aus Ihrer Sicht durch internationale Entwicklungen beeinflusst – etwa durch die Neuroentwicklungsdiskussion in den USA oder regulatorische Prozesse in Europa?
Eher wenig, die Vorgänge im US-amerikanischen Wissenschaftssektor werden bei uns eher kritisch als enthusiastisch verfolgt. Und generell ist wie gesagt die Evidenz für die beschriebenen fluoridkritischen Ansichten einfach nicht vorhanden.
Erleben wir derzeit wirklich eine neue fachliche Unsicherheit beim Thema Fluorid – oder vor allem eine neue Form der öffentlichen Zuspitzung?
Ganz klar Letzteres.
Sehen Sie die Gefahr, dass die öffentliche Verunsicherung am Ende die Kariesprävention schwächt?
Ja, die sehe ich durchaus. Doch wir leben in einem freien Land – jeder hat das Recht, zu glauben und zu vertreten, was er für richtig hält. Unsere Aufgabe als wissenschaftlich fundierte Zahnmedizin ist jedoch eine andere: Wir müssen die Evidenz klar, konsequent und – wenn nötig – auch mit der sprichwörtlichen Beharrlichkeit immer wieder darlegen. Und vor allem dürfen wir uns dabei nicht einschüchtern lassen.
Wie sollten Zahnärztinnen und Zahnärzte auf verunsicherte Eltern oder Patientinnen und Patienten reagieren?
Es gibt in diesem Kontext eigentlich nur zwei Möglichkeiten – anbiedern oder Haltung zeigen. Aber hier komme ich immer wieder an den Punkt, wo ich sagen muss: Ich kann mir meine Patientinnen und Patienten aussuchen, ich kann nie und nimmer alle Patienten behandeln, die das möchten. Wenn einem Patienten meine Haltung (Fluorid explizit zu empfehlen) nicht gefällt – kein Problem, der nächste wartet bereits. Das hat rein gar nichts mit der Situation in der Zahnarztpraxis zu tun. Die Angst, in einem hochkompetitiven Umfeld durch eine als zu „starr“ wahrgenommene Haltung Patienten zu verlieren, ist ein valider Einwand gegen meine moralisierende Erzählung aus der Universität. Will heißen: Ich rede mich leicht.
Bemerkenswert erscheint mir jedoch, dass es inzwischen Praxen gibt, in deren Anamnesebögen ankreuzbare Wahloptionen wie „kein Fluorid“ oder „biologische Zahnreinigung (fluoridfrei)“ aufgeführt sind. Diese Entwicklung verdeutlicht, wie stark sich bestimmte Erwartungen und Haltungen bereits im Versorgungsalltag niederschlagen. Vor diesem Hintergrund halte ich eine differenzierte und evidenzbasierte Auseinandersetzung – wie hier in diesem Interview – für besonders wichtig.
Das Gespräch führte Dr. Nikola Lippe.




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