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50 Jahre Fortbildung der Bezirkszahnärztekammer Freiburg

Die dentale Familie trifft sich in Rust

Die erste Fortbildungsveranstaltung der südbadischen Zahnärztinnen und Zahnärzte fand 1957 in Freiburg statt, ab 1982 wurde Titisee über Jahrzehnte zum prägenden Tagungsort. Mit dem Wechsel nach Rust begann 2015 dann ein neues Kapitel. Das Credo „Die dentale Familie trifft sich in Rust“ ist Programm.

Titisee war mehr als ein Veranstaltungsort, es war Schwarzwald pur, ein bisschen Semestertreffen, voller Anekdoten und vertrauter Gesichter“, erinnerte sich Dr. Georg Bach, stellvertretender Vorsitzender der BZK Freiburg. Doch nachdem Titisee organisatorisch an Grenzen gestoßen war, bot Rust mehr Raum und bessere Voraussetzungen für eine gemeinsame Fortbildung unter einem Dach.

Dort kommen alle Disziplinen und Berufsgruppen der Zahnmedizin zusammen: Zahnärzte, Kieferorthopäden, Oralchirurgen, Zahnmedizinische Fachangestellte und Zahntechniker. Dass die Tagung trotz aller Veränderungen ihren Charakter bewahrt hat, führte Dr. Norbert Struß, Vorsitzender der BZK Freiburg, auf die personelle Kontinuität zurück: „In all den Jahren gab es nur fünf wissenschaftliche Leiter – sämtlich Ordinarien der Freiburger Universitätszahnmedizin.“

„Die Tagung ist Entwicklungen oft einen Schritt voraus“

Tagungsleiter Prof. Dr. Elmar Hellwig zeigte in seinem Rückblick, dass die Tagung fachlich stets am Puls der Zeit war. In Südbaden habe man frühzeitig Themen aufgegriffen, die die Zahnmedizin bis heute prägen. So stand etwa 1976 die Funktionsanalyse auf dem Programm – damals mit Patienten im Foyer des Kurhauses. Ein Jahr später – während vielerorts noch das Amalgam dominierte – ging es schon um die Füllungstherapie mit Säureätz-Composites. 1981 folgte die systematische Parodontitisbehandlung, 2003 dann „Implantologie – State of the Art“.

„Dies zeigt, dass diese Tagung Entwicklungen oft einen Schritt voraus war“, resümierte Hellwig. „Als ich 2009 die wissenschaftliche Leitung übernahm, lautete das Thema ‚Zahnmedizin der Zukunft‘. Diesem Leitgedanken bin ich treu geblieben und bis heute ist es mir ein Anliegen, Themen zu präsentieren, die in die Zukunft strahlen."

Das diesjährige wissenschaftliche Programm stand unter der Überschrift „Schmerzfälle, Notfälle und Unfälle – das Unvorhersehbare meistern“. Neben dem Hauptprogramm liefen ganztägig parallel zwei Spezialpodien zur Kieferorthopädie und zur Oralchirurgie. Hinzu kamen Seminare für junge Zahnmediziner, für zahnmedizinische Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter und themengebundene Seminare zu Hygiene, Notfällen und GOZ. Die Einführung ins Tagungsthema bot Hanns Ulrich Zeilhofer, Professor für Pharmakologie an der Universität Zürich und der ETH Zürich, mit einem Referat zum chronischen Schmerz.

Schmerz ist nicht gleich Schmerz

Zeilhofer unterscheidet zwischen akutem und chronischem Schmerz: Während akuter Schmerz als Alarmsignal eine Schutzfunktion erfüllt, gleicht chronischer Schmerz häufig einem Fehlalarm und kann auch ohne erkennbare Verletzung fortbestehen. Nach ihrer Ursache differenziert Zeilhofer zwischen nozizeptiven, entzündlichen und neuropathischen Schmerzen. Ihnen liegen demnach unterschiedliche Mechanismen zugrunde und erfordern daher auch unterschiedliche Behandlungsstrategien.

Nozizeptiver Schmerz entstehe durch die Aktivierung von Nozizeptoren und nozizeptiven Bahnen. Er entspreche dem klassischen Warnsignal bei akuter Gewebeschädigung. Therapeutisch stehen hier laut Zeilhofer vor allem Lokalanästhetika und – je nach Situation – Opioide im Vordergrund.

Komplexer sei dagegen der Entzündungsschmerz. Neben Vorgängen im entzündeten Gewebe komme es auch im Rückenmark zu einer Sensibilisierung der Schmerzverarbeitung. Hemmende Nervenzellen verlieren an Wirkung, während nachgeschaltete Zellen zunehmend empfindlicher werden. Dadurch könne ein Schmerzgedächtnis entstehen und eine Hyperalgesie begünstigt werden, so Zeilhofer. Behandelt werde diese Schmerzform vor allem mit nichtsteroidalen Antirheumatika (NSAR), Coxiben, Paracetamol und Metamizol. Zeilhofer verwies jedoch auch auf die Grenzen dieser Therapie: „NSAR sind mit einem gastrointestinalen Risiko verbunden, NSAR und Coxiben zudem mit kardiovaskulären Risiken."

Der neuropathische Schmerz unterscheide sich davon grundlegend, da er durch eine Läsion oder Erkrankung des somatosensorischen Nervensystems verursacht wird. Ursachen seien häufig Stoffwechselerkrankungen wie Diabetes mellitus, Virusinfektionen wie Zoster oder HIV, Verletzungen wie Nervenläsionen, komplexe regionale Schmerzsyndrome (CRPS) oder Tumoren, außerdem neurotoxische Medikamente sowie idiopathische Verläufe. Klassische Analgetika wie Acetylsalicylsäure, Ibuprofen oder Paracetamol seien hier fast immer unwirksam, sagte Zeilhofer. Stattdessen kämen Gabapentinoide wie Gabapentin und Pregabalin sowie Antidepressiva wie Duloxetin oder Amitriptylin zum Einsatz.

Die „Barfußmethode“ hat nur begrenzt Aussagekraft

„Die Schmerztherapie steht im Zentrum unseres zahnärztlichen Handelns“, leitete Dr. Ralf Schlichting, DDS, PhD, M.Sc. (Passau) seinen Vortrag über Schmerzpatienten in der Endodontie ein. Angelehnt an den 3D-Ansatz der American Association of Endodontists stellte er sein Konzept vor: Diagnose, Therapie, Medikation. Entscheidend sei die Reihenfolge: erst die Diagnose, dann die Behandlung.

Den Sensibilitätstest bezeichnete er als „Barfußmethode“ mit begrenzter Aussagekraft. Der Test prüfe nur die Reizleitung der Pulpa, nicht deren Durchblutung, und erfasse damit nicht deren tatsächliche Vitalität. Die Gefahr: Es kann irrtümlich eine noch durchblutete Pulpa eröffnet werden. Auch der Perkussionstest erlaube keine Aussage über die Vitalität. Eine positive Reaktion spreche für eine Entzündung des parodontalen Ligaments und sei bei unklarer Schmerzlokalisation oft ein wichtiger Hinweis.

Für die definitive Behandlung empfiehlt Schlichting, sich auf die Beseitigung der Noxe zu konzentrieren, da dies die Zahl der Behandlungsfehler senke. Die Behandlung sollte grundsätzlich unter Kofferdam erfolgen, da dies Studien zufolge den Erfolg deutlich verbessert. Bei der symptomatischen irreversiblen Pulpitis habe sich das Vorgehen in den vergangenen Jahren verändert. „Eine Pulpa hält viel mehr aus, als wir uns früher vorgestellt haben“, erläuterte er. Nach vollständiger Kariesexkavation und Pulpaexposition komme je nach Befund neben der Vitalexstirpation auch die partielle Pulpotomie infrage. Dabei werde irreversibel geschädigtes Pulpagewebe entfernt. Sistiert die Blutung nicht innerhalb von fünf Minuten, sei eine vollständige Pulpotomie mit Entfernung der gesamten Kronenpulpa angezeigt.

Schmerzfälle, Notfälle und Unfälle im Praxisalltag

Die weiteren Referate umfassten die gesamte Spannweite des Tagungsthemas. Prof. Dr. Roland Weiger (Basel) befasste sich mit den häufigsten Zahn-assoziierten Notfallsituationen – hier müssen oft schnell Entscheidungen getroffen werden, die für den Zahnerhalt wichtig sind. Prof. Dr. Dr. Eik Schiegnitz (Mainz und Wiesbaden) zeigte typische Risikosituationen in der Implantologie und präventive Strategien. Prof. Dr. Clemens Walter (Greifswald) präsentierte in seinem Vortrag „Retten Parodontologen Leben?“ Praxisfälle mit ungewöhnlichen Parodontitis-assoziierten Allgemeinerkrankungen. PD Dr. Julian Schmöckel, M.Sc. (Greifswald) sprach zum Zusammenhang von frühkindlicher Karies und Kindeswohlgefährdung. Was beim Umgang mit Risikopatienten zu beachten ist, darüber klärte Prof. Dr. Dr. Ralf Smeets (Hamburg) auf und Prof. Dr. Dr. h.c. Thomas Attin (Zürich) zeigte, wie sich Risiken für Schmerzen nach einer Füllungstherapie reduzieren lassen.

Gabriele Billischek

Informationszentrum Zahn- und Mundgesundheit Baden-Württemberg (IZZ)
Heßbrühlstr. 7, 70565 Stuttgart

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