„Abends steht man im Gästehaus und freut sich, dass man da ist, um zu helfen“
Doch wohin und mit wem? Eine Internetsuche geht schnell und man findet viele zahnärztliche Hilfsorganisationen. Darunter größere, die nach detaillierter Betrachtung verständlicherweise einen doch recht großen Verwaltungsapparat betreiben; andere, die vor Ort nur halbtags arbeiten, um möglichst attraktiv für Freiwillige zu sein (work-adventure-balance); und ein paar kleinere Organisationen.
Raus aus der Praxis, rein ins Abenteuer!
Um alle geplanten Projekte zu ermöglichen, benötigt Global Dental Relief ständig mehr freiwillige Zahnärztinnen und Zahnärzte vor Ort. Mehrere Kollegen aus Bremen haben mich bereits begleitet und sind zu Wiederholungstätern geworden. Mit diesem Beitrag erhoffe ich mir selbstverständlich, weitere Kolleginnen und Kollegen für einen Hilfseinsatz mobilisieren zu können. Ob Nepal, Kambodscha, Indien, Guatemala, Kenia oder Mexiko – einen Versuch ist es wert. Die Projektgebühr und der Flug sind steuerlich absetzbar, da es sich um eine anerkannte Non-Profit-Organisation handelt. Weitere Informationen und Termine gibt es auf globaldentalrelief.org.
Im Jahr 2018 fiel meine erste Entscheidung: Es sollte Nepal sein. So stieß ich auf „Global Dental Relief“, eine gemeinnützige Einrichtung mit hervorragendem Ruf in Denver, Colorado. Die kleine Organisation wurde 2001 gegründet und ist hauptsächlich in Nepal, aber auch in anderen Ländern aktiv. Ihre Gründerinnen nehmen bis heute persönlich an den Auslandsprojekten teil. Überzeugt hat mich, dass die Arbeit vor Ort ganztags stattfindet und touristische Unternehmungen nach der Arbeit optional sind. Ich wollte nicht bergsteigen, sondern die Menschen kennenlernen und ihnen helfen. Nach dem Ausfüllen des Bewerbungsformulars auf der Homepage gab es eine angenehme E-Mail-Korrespondenz, in der ich darüber aufgeklärt wurde, was mich erwarten würde. Dann buchte ich den Flug und los ging es.
In Kathmandu angekommen werde ich am Flughafen abgeholt und in ein kleines Hotel gebracht. Nachmittags erkunde ich die Gegend und schaue mir ein paar Tempel an. Abends trifft sich die gesamte Projektgruppe (in diesem Fall zwölf Personen) in der Lobby und geht zum Kennenlernen in ein Restaurant. Am nächsten Tag fahren wir mit einem Minibus aufs Land in ein buddhistisches Kloster, in dem die Behandlung stattfinden soll. Mit dabei sind vier Zahnärzte und acht Freiwillige, von denen die meisten noch nie Kontakt zur Zahnmedizin hatten – außer als Patient.
Ab und zu rutscht einem ein Mönch auf den Stuhl
Ein Schulzimmer in der Klosterschule ist schon geräumt, die kleinen Behandlungseinheiten sind installiert. Verschiedene Instrumente und fast alle Materialien sind vor Ort ausreichend vorhanden, in dieser Hinsicht gibt es keine Einschränkungen. Allerdings muss man sich damit abfinden, dass nur eine Turbine mit Wasserkühlung und ein Winkelstück ohne Wasserkühlung zur Verfügung stehen. Wer keine eigene Lupenbrille mit Licht hat, erhält eine recht gute Kopflampe.
Wir behandeln fast nur Kinder und Jugendliche im Alter zwischen 5 und 18 Jahren. Ab und zu rutscht einem ein Lehrer, ein Mönch oder ein Dorfbürgermeister auf den Stuhl, das gehört dazu. Vorrangig geht es um Füllungen, einfache Extraktionen und Zahnreinigungen. Mehr ist ohne erweiterte technische Ausstattung nicht möglich.
Warum vor allem Kinder? Das hat den nachhaltigsten Effekt und die Behandlungen dauern in der Regel nicht so lange wie bei Erwachsenen. Zunächst werden die Kinder, die teilweise noch nie einen Zahnarzt gesehen haben, von einem der berufsfremden Freiwilligen, der zuvor instruiert wurde, über Mundhygiene und Ernährung aufgeklärt. Danach erhält jedes Kind eine neue Handzahnbürste, bevor es auf einem der Behandlungsstühle Platz nimmt. Im Anschluss geht es zur Fluoridierung. Alle Kinder werden namentlich registriert und ihr Behandlungsbedarf wird festgehalten. Was dieses Mal nicht erledigt werden kann, wird beim nächsten Projekt weiterbehandelt.
Es ist eine Feldklinik, mit all ihren Umständen. Ab und zu fällt der Druck des Kompressors aus, die Sterilisation oder eher die Desinfektion der Extraktionsinstrumente wird in Druckkochtöpfen vorgenommen. Natürlich ist die Sterilität der kleinen Zahnstation auf einem anderen Stand als bei uns in Deutschland. Das scheint einem dort aber wie eine Art Wohlstandsverwahrlosung, denn es gibt keine nennenswerte Infektionsproblematik.
20 Minuten Zeit und ein Gedanke: „Wo fang ich an?“
Das erste Kind ist auf dem Stuhl lächelt mich an, macht den Mund auf und mein erster Gedanke ist: „Oha! Wo fang ich an?“ Man nimmt den Befund auf und konzentriert sich in der Regel auf einen Quadranten. Es gibt keine Vorgaben, nur die Richtlinie, dass die Behandlung eines Patienten im Regelfall nicht länger als 20 Minuten dauern sollte.
In Nepal ist Bildung das höchste Gut, so dass auch in den Waisenhäusern und Klosterschulen Englisch recht früh gelehrt wird. Wenn ich einmal sprachlich nicht weiterkomme, winke ich eine der Lehrerinnen oder Mönche herbei, die den Kindern erklären, was ich mit ihnen vorhabe – zum Beispiel im Falle einer Extraktion. Äußerst selten willigen die Kinder in eine Behandlung nicht ein. Im Gegenteil, oft machen sie einem recht schnell klar, welcher Zahn ihr größtes Problem ist. Tapfer sind die Kleinen, das hat mich wirklich beeindruckt!
Oft bekommt man ein „Thank you!“ nach der Behandlung, auch wenn sie unangenehm war. Ab und zu erhält man einen kleinen Dankesbrief oder man wird umarmt und gedrückt, wenn man einen schwarzen, abgebrochenen Frontzahn rekonstruiert hat. Dann steht man abends nach einem anstrengenden Arbeitstag im Gästehaus oder im Hotel und freut sich, dass man da ist, um zu helfen. Genauso freut man sich, wenn man wieder zu Hause ist, da man das gute Leben hier und die eigene Praxis wieder mehr zu schätzen weiß.








