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„Du stinkst ja aus dem Maul!“

Die Stimme des Choppers war mehrfach am Tag aus den Rohren, Lüftungsschächten, Steckdosen oder Spülbecken der Praxis zu hören. © yanukit
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Vor 45 Jahren nahm ein Phänomen seinen Lauf, das die Gemeinde Neutraubling bei Regensburg, kurz darauf ganz Deutschland und schließlich den Rest der Welt in Atem hielt: In der Zahnarztpraxis von Dr. Kurt Bachseitz spukte es. Über die legendäre Jagd nach Poltergeist Chopper.

Offenbar handelte es sich um einen Geist aus der Region, denn geflucht wurde in Mundart. „Du dei Oarsch weg, I seh ja nichts!“ mussten sich Patientinnen und Patienten anhören, wenn sie auf dem Behandlungsstuhl Platz nahmen. Oder: „Pfui Teufel, du stinkst ja aus dem Maul!“ Unangenehm.

Anfangs habe sich das Gespenst nur telefonisch gemeldet und dabei den Namen Chopper verwendet, würde der 62-jährige Praxisbetreiber Bachseitz später sagen. „Anfangs“ – das war im Mai 1981. Die Anrufe dienten alle demselben Zweck: Chopper schwor Bachseitz’ Zahnarzthelferin, der 16-jährigen Claudia Judenmann, fernmündlich seine Liebe und überschüttete sie mit Komplimenten. Einige Zeit später machte sich Chopper aber auch darüber hinaus bemerkbar: Seine Stimme war mehrfach am Tag aus den Rohren, Lüftungsschächten, Steckdosen oder Spülbecken der Praxis zu hören.

Nicht einmal auf der Praxis-Toilette war man vor dem Spuk sicher. So soll eine Patientin im Zuge der Spukerei schreiend aus der Toilette gestürmt sein. Chopper hatte sie via Abflussrohr gewarnt, ihm bloß nicht auf den Kopf zu sch... Generell wurden die Wortmeldungen der Geistererscheinung immer krasser. Als er im Herbst 1981 Vergewaltigungs- und Morddrohungen äußerte, erstattete Bachseitz schließlich Anzeige gegen Unbekannt.

Alle Spuren verlaufen im Sand

Die Beamten überprüften zunächst, ob Bachseitz und seine Helferin selbst hinter dem Spuk stecken. Unwahrscheinlich, lautete ihre erste Einschätzung. Warum sollte der Zahnarzt sich selbst schaden? Und eine so junge und zierliche Frau könne ihre Stimmer unmöglich derart verstellen. Außerdem hatte Chopper inzwischen damit begonnen, auch die Zahnarzthelferin zu beleidigen und zu bedrohen – so heftig, dass Judenmann Polizeischutz erhalten haben soll.

Diese Spur verfolgten die Ermittler nicht weiter und machten sich stattdessen auf die Suche nach Personen, die einen Groll gegen Bachseitz oder seine Ehefrau hegen. Über 50 Wohnungen wurden im Zuge dieser Nachforschungen in Neutraubling durchsucht – ohne Erfolg. Dem Spuk war kein Ende zu machen. Derweil spitzte sich die Situation immer mehr zu. Bis zu über 100-mal am Tag meldete sich Chopper zu Wort.

Schnell zeigte sich: Die Polizei kam allein nicht weiter und zog daher andere Experten hinzu. Fernmeldetechniker der Deutschen Bundespost sollten herausfinden, ob dem Hokuspokus ein technischer Trick zugrunde lag. Sie verlegten im gesamten Haus neue Leitungen und versuchten das Geheimnis um Chopper sogar mit einer Fangschaltung zu lüften. Auch hier: Fehlanzeige. Ihre Bemühungen wischte Chopper mit einem Satz vom Tisch: „Ich habe weiter eine gute Leitung!“

Selbst der Leiter des parapsychologischen Instituts der Universität Freiburg, Hans Bender, stattete der Praxis einen Besuch ab. Er galt in der damaligen Bundesrepublik als Geisterjäger Nummer eins und war bekannt für seine Feldforschung zu Poltergeistern. Nach einem Rundgang durch den Bungalow aus den 1960er-Jahren und einem Gespräch mit Praxischef Bachseitz kam Bender jedoch zu dem Schluss, dass Chopper höchstwahrscheinlich ein „irdisches“ Phänomen sei. Falls es sich doch um eine „paranormale“ Erscheinung handle, sei diese auf Basis seiner Erfahrungen jedenfalls „total atypisch“.

Die SOKO „Geist“ soll’s richten

Im Februar 1982 kommt es zur nächsten – und letzten – Eskalationsstufe der Geisterjagd: Die Kriminalpolizei Regensburg trat auf den Plan und gründete die SOKO „Geist“, unterstützt von Technikern des Landeskriminalamts München. Einen guten Job zu machen, fiel dem Einsatz-Team schwer, denn mittlerweile war um Chopper ein riesiger, geradezu hysterischer Hype entstanden: Neutraubling und die Praxis wurden von den Medien überrannt. Selbst aus dem Ausland, ja aus Neuseeland und den USA, rückten Journalisten in der Oberpfalz an. Insbesondere die junge Zahnarzthelferin avancierte kurzzeitig zum Star in den Boulevardmedien. Manche Berichte bezeichneten Judenmann sogar als Medium, das mit dem Jenseits ins Kontakt stand.

„Wir haben uns dumm gestellt und alles auf uns wirken lassen.“

Norbert Czerny, ermittelnder Kriminalkommissar


Der Spiegel-Redakteur Fritz Rumler ließ sich undercover von Bachseitz behandeln. Am 28. Februar schilderte er in einer Reportage, wie Chopper ihn aus dem Spuckbecken als „Preußenzipfel“ und „Arschloch“ beschimpft hatte. Er habe sich im Behandlungszimmer umgeschaut – aber: „Hinter meinem Rücken, am Waschbecken, steht nur die Helferin des Mediziners, Claudia, eine Zuckerpuppe von 16 Jahren. Als der Grunzer schweigt, spricht Claudia liebevoll ins Becken: ‚Sag doch noch was, Chopper.‘“ Der Geist ließ sich nicht zweimal bitten und blökte: „Der Rumler ist ein Dummler!“ Der Journalist verließ die Praxis, wie er schrieb, leicht gekränkt – aber zugleich überzeugt, dass es sich um ein abgekartetes Spiel handelte.

Am Rosenmontag war Schluss

Auch die SOKO um Hauptkommissar Norbert Czerny glaubte an eine „irdische“ Ursache. Das Team versuchte, trotz der chaotischen Zustände in der Praxis den Überblick zu gewinnen. „Wir haben uns dumm gestellt und alles auf uns wirken lassen“, erzählte Czerny viele Jahre später in einem Interview.

Genau das brachte den Durchbruch. Am 4. März 1982 fiel einem Beamten auf, dass Judenmann immer mit dem Rücken zum Raum stand, wenn Chopper sich bemerkbar machte. Der Polizist behielt sie daraufhin genau im Auge und beobachtete schließlich in einem Spiegel: Wenn Chopper sprach, bewegte die Zahnarzthelferin ihre Lippen. Damit hatte der Spuk ein Ende: Der Zahnarzt, seine Ehefrau und die Mitarbeiterin wurden zum Verhör auf die Polizeiwache gebracht – und gestanden alles.

Wie die Ermittlungen ergaben, hatte es am Anfang wirklich Telefonanrufe in der Praxis gegeben. Ob von Bachseitz’ Ehefrau aus Langeweile oder aus Eifersucht auf Judenmann getätigt oder von tatsächlichen Verehrern der Zahnarzthelferin, ist nicht geklärt. Sie brachten die 16-Jährige allerdings auf die Idee, Chopper zu erschaffen – wobei ihr Chef mitzog. Chopper ist also die Geschichte eines Pranks, der völlig außer Kontrolle geriet.

Für Judenmann endete das nachfolgende Gerichtsverfahren mit einer Geldstrafe von 1.500 Mark. Aufgrund des Rummels um ihre Person nahm sie eine andere Identität an. Bachseitz und seine Frau schlossen die Zahnarztpraxis und wurden zu einer Strafzahlung in Höhe von 35.000 Mark verurteilt. Kurze Zeit später begaben sie sich in eine psychiatrische Klinik.

Insgesamt 60.000 Mark und mehrere hundert Arbeitsstunden hatte die Jagd auf Chopper verschlungen. Es sei absolut erstaunlich, wie lange es gedauert habe, den Fall zu lösen, resümierte Czerny rückblickend. Einmal sei beispielsweise ein Beamter auf die Toilette gestürmt, wo Schreie von Chopper zu hören waren. „Als er die Tür aufriss, stand dort Claudia mit hochrotem Kopf und stammelte, der Geist habe sie dorthin befohlen“, so der Kommissar. Man glaubte ihr. Auch diesem Umstand maß damals keiner der Beamten größere Bedeutung zu: Chopper terrorisierte die Praxis jeden Tag, außer montags – wenn Claudia Judenmann Berufsschule hatte.

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