„Es gibt nur eine Zahnmedizin“
Die Präsidentin der Bundeszahnärztekammer (BZÄK), Dr. Romy Ermler, rief die Zahnärzteschaft in ihrer Eröffnungsrede zur Geschlossenheit auf. Der Berufsstand dürfe sich nicht spalten lassen, sondern müsse gemeinsam aktiv die Zukunft der Zahnmedizin gestalten. Ermler, die vor einem Jahr zur neuen BZÄK-Präsidentin gewählt wurde, ließ zunächst das vergangene Jahr Revue passieren. 2026 hätten drei Debatten geprägt: Im Februar hatte der Wirtschaftsrat der Union vorgeschlagen, die Zahnmedizin aus dem GKV-Leistungskatalog zu nehmen, wenige Wochen später habe mit den Vorschlägen der FinanzKommission Gesundheit die umfassende Approbation des Berufsstandes zur Diskussion gestanden, und im Herbst wurde das duale Krankenversicherungssystem öffentlich infrage gestellt.
Keine Jahre des Verwaltens, sondern des Kämpfens und Gestaltens
Den Versuch, Einsparungen durch Eingriffe in geltendes Berufsrecht zu erzielen, bezeichnete Ermler als „übergriffig“ und erteilte solchen Vorstößen eine Absage. Die KFO-Debatte habe gezeigt, wie schnell aus einer Kostendiskussion eine Grundsatzdebatte werden könne. Wenn Gesundheitspolitik beginne, approbierte Zahnärztinnen und Zahnärzte schrittweise aus einzelnen Bereichen herauszudrängen, dann gehe es irgendwann nicht mehr um KFO. Dann gehe es um die Frage, was die zahnärztliche Approbation zukünftig noch bedeute.
„Unsere Antwort ist klar: Es gibt nur eine Zahnmedizin. Und wir werden nicht zulassen, dass sie in immer kleinere Zuständigkeiten zerlegt wird“, stellte die BZÄK-Präsidentin klar und fügte hinzu, dass die kommenden Jahre keine Jahre des Verwaltens, sondern „Jahre des Kämpfens und Gestaltens“ würden.
Im Hinblick auf die aktuelle Gesundheitspolitik kritisierte Ermler, dass die Prävention zu kurz komme. Deutschland diskutiere so intensiv wie schon lange nicht mehr über die Zukunft des Gesundheitswesens. Finanzierung, Demografie, Fachkräftemangel und Regulierung erhöhten den Druck. Aber eine rein fiskalische Debatte, in der es vor allem um die Verteilung der Kosten von Krankheit gehe, greife zu kurz. Wichtiger sei es, sich die Frage zu stellen, wie Krankheit vermieden und die Gesundheit verbessert werden könne. Dafür brauche das Gesundheitssystem ein solides Fundament, forderte Ermler.
Bundesgesundheitsminister Carsten Linnemann (CDU) sei mit einem hohen Anspruch angetreten. Und zwar, die Versorgung effizienter, digitaler, präventiver und weniger bürokratisch zu machen. Das klinge nach einem Kurswechsel. Entscheidend sei jedoch, ob daraus konkrete Entscheidungen entstünden, die Versorgung stärkten, statt neue Belastungen zu schaffen. Ermler rief dazu auf, den Minister beim Wort zu nehmen und zu überprüfen, was er tatsächlich erreiche – etwa bei den Themen Erhalt des dualen Systems, Begrenzung der Sozialabgaben, Digitalisierung ohne zusätzliche Investitionsstaus, Bürokratieabbau und Wettbewerb statt Verstaatlichung.
Gelder aus Zuckersteuer dürfen nicht im Haushalt verschwinden!
Ermler ging auch auf die geplanten gesundheitsorientierten Konsumsteuern ein. Sie verwies darauf, dass die BZÄK bereits 2018 gefordert habe, auf stark zuckerhaltige Softdrinks Sonderabgaben vorzusehen und gesunde Ernährung auch durch steuerliche Anreize zu fördern. Bei den Steuern auf Tabak, Alkohol und zuckerhaltige Getränke gehe es nicht um Bevormundung, sondern darum, gesundheitsschädliche Anreize zu reduzieren und Prävention stärker zu fördern. „Wenn solche Abgaben erhoben werden, dürfen die Einnahmen nicht im allgemeinen Staatshaushalt verschwinden“, forderte Ermler. Sie plädierte für die Einrichtung einen Präventionsfonds, aus dem Präventionsprogramme, Gesundheitsförderung, Gesundheitskompetenz und Maßnahmen zur Verringerung chronischer Erkrankungen finanziert werden.
Ermler forderte, dass die Zahnmedizin auch im geplanten Primärversorgungssystem von Anfang an mitgedacht werden müsse. Denn die Mundgesundheit sei mit der allgemeinen Gesundheit eng verknüpft. Wer wissen wolle, warum Zahnmedizin in die Primärversorgung gehöre, müsse sich nur eine Parodontitispatientin mit Diabetes anschauen. Der Blutzucker frage nicht, ob ein Problem medizinisch oder zahnmedizinisch sei. Die Erkrankung betreffe den Menschen als Ganzes. „Deshalb müssen auch unsere Versorgungsstrukturen ganzheitlich gedacht werden“, sagte Ermler.
Die GOZ muss von der neuen GOÄ entkoppelt werden!
Auch beim Thema GOZ rief Ermler die Zahnärzteschaft auf, Verschlechterungen abzuwehren und die GOZ wirtschaftlich wieder auf ein neues Niveau zu bringen. „Der Antrag dieser Bundesversammlung trägt eine klare Botschaft: Die neue GOÄ darf nicht zur Blaupause der GOZ werden“, machte sie deutlich. Zwei eigenständige Heilberufe bräuchten zwei eigenständige Gebührenordnungen.
„Unser Ziel ist klar: Die GOZ muss von der neuen GOÄ entkoppelt werden“, forderte Ermler. Der praktikable Weg sei eine statische Anbindung an die bisherige GOÄ.
Berufsanerkennung: Schneller darf nicht schlechter bedeuten
BZÄK-Vizepräsident Dr. Ralf Hausweiler betonte in seiner Rede die Bedeutung der Freiberuflichkeit: „Wer die Strukturen freiberuflicher Praxen schwächt, anstatt zu stärken, verkennt die Bedeutung für die Behandlung der Patientinnen und Patienten, aber auch die Bedeutung für das elementare Grundversprechen dieser Gesellschaft an Menschen in medizinischer Not, dass sich ein Arzt, ein Zahnarzt und ein Apotheker um ihre Schmerzen, Erkrankungen, Sorgen kümmert und sie therapiert.“ Wer das Gesundheitssystem schwäche, schwäche die Gesellschaft und am Ende die Demokratie, erklärte Hausweiler.
Zum Problemfeld Anerkennung ausländischer Berufsqualifikationen sagte er: „Bei der Berufsanerkennung darf schneller eben nicht schlechter bedeuten!" Die Kenntnisprüfung sei dabei kein bürokratisches Hindernis, sondern gelebter Patientenschutz. Wer über die erforderlichen Kompetenzen verfüge, sollte möglichst schnell arbeiten dürfen. Patientinnen und Patienten müssten sich jedoch andererseits aber auch darauf verlassen können, dass alle approbierten Zahnärztinnen und Zahnärzte dieselben hohen fachlichen Standards erfüllen, unabhängig davon, wo sie auf dieser Welt ihre Ausbildung absolviert haben.
Kritisch bewertete er das „Fair Labour Mobility Package“, das die EU-Kommission einige Wochen zuvor als Richtlinienvorschlag für die Anerkennung von Qualifikationen aus Drittstaaten präsentiert hatte. Dies sei ein Eingriff in die nationalen Zuständigkeiten und Gestaltungsspielräume. Besonders schwierig sei die vorgesehene Prüfung der Unis durch private Prüfstellen.
Hausweiler berichtete vom enormen Aufwand der Landeszahnärztekammern bei den Fachsprachprüfungen. Er forderte deshalb die Politik auf, die daraus gewonnenen Erkenntnisse einzubeziehen: „Wir als Profession, als Selbstverwaltung sehen die Probleme im Praxisalltag, greifen die Unzulänglichkeiten auf und entwickeln Verbesserungsideen.“ Gleichzeitig forderte er ein zentrales bundesweites Melderegister, damit Doppelbeantragungen und erfolglose Prüfungsversuche zuverlässig erkannt würden. „Die BZÄK bietet sich als bundesweite Registerstelle hierzu an“, sagte Hausweiler.
Der Bachelor light in NRW wurde zum Glück gestrichen
Im weiteren Verlauf seiner Rede verwies der BZÄK-Vizepräsident auf die großen Aufwände, die betrieben werden müssten, um unsinnige und schädliche Gesetzesvorhaben und Regelungen zu stoppen. Als Beispiel führte er die in Nordrhein-Westfalen versuchte Einführung eines Bachelor-Abschlusses in der Zahnmedizin an. Durch gemeinsame Anstrengungen im Berufsstand habe man erreicht, dass der geplante Bachelor gestrichen wurde.
Hausweiler gab weitere Einblicke in die Arbeit der BZÄK des aktuellen Jahres und stellte die Erfolge der ZFA-Ausbildungskampagne vor. So habe es jährlich 7 Millionen Aufrufe der Social Media-Angebote, 2,5 Millionen Impressionen bei Eltern und 80.000 Reaktionen gegeben. Dabei setze man in der Kampagne immer mehr „auf wirkliche ZFAs, auf wirkliche Zahnärztinnen und Zahnärzte, die in Kurzvideos und Statements den Beruf der ZFA darstellen. Noch mehr Bewegtbild und Storytelling wird ab 2027 auch unser nächster Step sein. Um den Erfolg, den wir im Markt haben, auch gegenüber der seit 2023 von BÄK und KBV gestalteten Kampagne weiter auszubauen.“
Manche Regeln schaffen nur Verdruss
BZÄK-Vizepräsidentin Dr. Doris Seiz befasste sich in ihrer Rede zunächst mit dem Thema Bürokratieabbau. „Bürokratie ist längst nicht mehr nur lästig. Sie ist eine Frage der Rahmenbedingungen, unter denen wir unseren Beruf ausüben können, beziehungsweise nicht mehr“, betonte Seiz. Wenn Fachkräfte fehlen und immer mehr Arbeitszeit durch bürokratische Anforderungen gebunden würden, wo bleibe der Freiraum für die eigentliche zahnärztliche Tätigkeit. Deshalb habe sie sich im vergangenen Jahr besonders für konkreten Bürokratieabbau eingesetzt. Dabei sei immer klar gewesen: „Patientensicherheit und Mitarbeiterschutz stehen nicht zur Diskussion.“
Es gehe darum, den Entscheidungsträgern zu vermitteln, dass die Bürokratieabbauforderungen nicht bedeuteten, Standards zu senken. „Wir wollen weniger unnötige Dokumentation, aber höchste Qualität“, stellte sie klar. Deshalb sei immer die Frage wichtig: „Welche Regel hilft tatsächlich, Qualität zu sichern – und welche erzeugt einfach nur Verwaltungsaufwand, Kosten und Verdruss?“, fragte Seiz.
Im Kampf für eine bessere Zahnmedizin setze man außerdem auf die Zusammenarbeit mit Wissenschaft und Hochschulen. „Die Wissenschaft muss wissen, unter welchen Bedingungen Zahnärztinnen und Zahnärzte tatsächlich arbeiten. Und wir in der Praxis müssen offen sein für neue Erkenntnisse und wissenschaftliche Weiterentwicklung“, erläuterte die BZÄK-Vizepräsidentin. Dieser Zusammenhalt gelte auch für die Organisationen der zahnärztlichen Selbstverwaltung, der Fachverbände und der Hochschulen.
Zugleich hob sie die Bedeutung der politischen Arbeit der BZÄK auf internationaler Ebene hervor. „Die Bundeszahnärztekammer hat sich dort in den vergangenen Jahren ein Standing erarbeitet, auf das wir wirklich stolz sein können. Wir werden als verlässlicher Partner auf Augenhöhe wahrgenommen. Wir werden ernst genommen. Und wir gestalten mit.“ Ein besonders gutes Beispiel sei die diesjährige FDI-Generalversammlung in Prag gewesen.
Politik funktioniert nicht nur über Positionspapiere
Auf europäischer Ebene wolle man stärker „mit belastbaren Argumenten arbeiten und verifizierte Daten statt Behauptungen zur Verfügung haben, um diese Fakten in unsere politische Arbeit einfließen lassen zu können“. Aktuell laufe eine Umfrage zur Bürokratielast. Erste Ergebnisse zeigten bereits, dass man auf dem richtigen Weg sei. „Während zwar alle Länder über zunehmende Hürden ächzen, liegen wir in Deutschland an der Spitze der Regulation. Anfang des kommenden Jahres können wir mit diesen Fakten arbeiten und werden sie in unsere Gespräche mit der Politik einfließen lassen“, kündigte Seiz an.
Eine besondere Bedeutung komme bei der Arbeit der BZÄK den politischen Beziehungen zu. „Politik funktioniert nicht nur über Positionspapiere. Politik funktioniert über Vertrauen“, betonte Seiz. Deshalb habe man im vergangenen Jahr politische Kontakte intensiviert, etliche Parteitage besucht und neue Kontakte aufgebaut. Dabei stelle man nicht nur Forderungen, „sondern wir bieten der Politik ausgewogene Lösungen an, um so mitzugestalten und nicht gestaltet zu werden. Ewige Verweigerung ist definitiv der falsche Weg.“
Man spreche nicht nur dann mit der Politik, wenn man etwas fordere, „sondern wir bieten auch Hilfestellung zum Beispiel bei Präventionsthemen an und kümmern uns um Probleme die zukünftig zu massiven Kosten im Gesundheitswesen führen können".




