Parodontaltherapie-App verfehlt Erwartungen
Die moderne Parodontitistherapie betont die Mitwirkung des Patienten als einen Faktor für den Therapieerfolg. Deshalb konzentriert sich die erste Stufe des Behandlungskonzepts auf die Kontrolle der Risikofaktoren im häuslichen Umfeld. Dass Mundhygieneunterweisungen Prävention und Therapie wirksam unterstützen können, ist vielfach belegt. Verschiedene Studien haben jedoch auch gezeigt, dass mündlich vermittelte medizinische Informationen von den Patientinnen und Patienten häufig nur unzureichend rezipiert werden.
Die vorliegende Multicenterstudie ging daher der Frage nach, ob eine speziell entwickelte App dazu beitragen kann, Patientenaufklärung und Therapieerfolg zu verbessern. Die Studie war Teil des Forschungsprojekts „Paro-ComPas“ (Digitaler Patienten-Kompass für ParodontitisVersorgung), das vom Innovationsfonds des Gemeinsamen Bundesausschusses gefördert wurde. Ziel des Projekts war die Entwicklung und wissenschaftliche Erprobung einer mobilen Gesundheits-App für Patienten mit chronischer Parodontitis.
Das Projekt stand unter der Konsortialführung des Universitätsklinikums Heidelberg und wurde mit rund 891.000 Euro gefördert. Die App sollte als „digitaler Begleiter“ die Mitarbeit der Patienten an der Therapie fördern und damit die Versorgungsqualität verbessern. Die im Vorfeld zur Studie entwickelte App bot kurze Wissenssequenzen und verständliche Erklärvideos zu den Krankheitsursachen und zum Behandlungsablauf, eine Erinnerungsfunktion für die Behandlungsschritte und Kontrolltermine sowie Tipps für eine bessere Mundhygiene und Ernährung.
Die multizentrische RCT-Studie zur Überprüfung der Wirksamkeit der App wurde von sieben deutschen Universitätszahnkliniken durchgeführt. Erwachsene mit Parodontitis (n = 194) wurden der Standard-Parodontalbehandlung entweder mit oder ohne Begleitung durch die Paro-ComPas-App zugeteilt, 180 Teilnehmer begannen die Studie, 148 schlossen sie vollständig ab.
Keine signifikanten Unterschiede zwischen der Test- und der Kontrollgruppe
Primärer Endpunkt war der Gingivablutungsindex (GBI) zu Studienbeginn, bei der Nachuntersuchung und während der unterstützenden Parodontaltherapie. Zu den sekundären Endpunkten zählten Plaque und Blutung auf Sondierung.
Beide Gruppen zeigten in Folge der Parodontaltherapie deutliche klinische Verbesserungen – sowohl im Hinblick auf den primären Endpunkt (GBI) als auch auf die sekundären Endpunkte. Unadjustiert zeigte sich sogar ein Vorteil für die Kontrollgruppe (Differenz 7,70 Prozentpunkte). Nach Adjustierung fand sich kein signifikanter Unterschied mehr zwischen den Gruppen. Ein Effekt durch den Einsatz der App war nicht festzustellen.
Auffällig war, dass die Nutzung der App hinter den Erwartungen zurückblieb. „Von den 59 Artikeln in der Wissensbibliothek griffen die Patienten im Median auf fünf (IQR 2–10) Artikel zu, was 8,5 Prozent der verfügbaren Inhalte entspricht. Nur acht Patienten (9,4 Prozent) griffen auf mindestens 25 Prozent der Bibliothek zu, und keiner auf mindestens 75 Prozent.“
Die Artikelaufrufe konzentrierten sich auf einführende Inhalte, die die Diagnose und die Grundlagen der Parodontitis erklärten (61,6 Prozent; von 89,4 Prozent der Nutzer aufgerufen). Hinweise zur Mundhygiene wurden nur von 43,5 Prozent der Nutzer abgerufen, Inhalte zu systemischen Zusammenhängen bei Parodontitis von 7,1 Prozent. Auch Risikofaktor-spezifische Inhalte erreichten die Zielgruppe nur selten: Lediglich drei von zwölf Diabetikern und zwei von 17 Rauchern lasen die entsprechenden Artikel.
Fazit
„Diese Beobachtungen legen nahe, dass die phasenspezifische und risikoadaptierte Bereitstellung von Inhalten nicht wie gewünscht funktionierte“, schreiben die Studienautorinnen und -autoren.
Das Fehlen eines messbaren Interventionseffekts führen sie dabei auf mehrere Faktoren zurück. So verweisen sie unter anderem auf Probleme beim Handling der App, das in den einzelnen Zentren unterschiedlich gehandhabt wurde. Darüber hinaus könnten „niedrige Entzündungswerte zu Studienbeginn“, eine „unvollständige Durchführung der Intervention und Unterschiede zwischen den Untersuchern“ dazu beigetragen haben, dass mögliche kleine Effekte zugunsten der App nicht nachweisbar waren.
Einzelne explorative Analysen deuten zwar auf potenzielle Vorteile bei moderat engagierten App-Nutzerinnen und -Nutzern hin. Dennoch betonen die Autoren, „dass die Gesamtnutzung [der App] kein verlässlicher Indikator für effektives Engagement [des Patienten] ist“. Eine eindeutige Interpretation sei jedoch nicht möglich gewesen.
Folglich keine Empfehlung für die Übernahme in die GKV-Versorgung
Das Projekt „Paro-ComPas“ wurde inzwischen beendet. Der Innovationsausschuss des G-BA hat im Juli 2026 den Abschlussbericht geprüft und formal beschlossen, für diese spezifische App-Intervention keine Empfehlung für eine Überführung in die reguläre Versorgung der gesetzlichen Krankenkassen auszusprechen. Dennoch dürfte die Studie wertvolle wissenschaftliche Erkenntnisse für die künftige Entwicklung digitaler Gesundheitsanwendungen (DiGA) im Bereich der Zahnmedizin geliefert haben – insbesondere was die Erwartungshaltung an die Nutzung spezifischer Inhalte angeht.
Dannewitz, B., J. Deschner, C. Dörfer, et al. 2026. „Clinical Outcomes of a Digital Companion in Periodontal Care: A Randomised Controlled Trial.“ Journal of Clinical Periodontology 1–14. https://doi.org/10.1111/jcpe.70181



