„Die Digitalisierung ist für dänische Zahnärzte eine Innovation“
Sie kennen sowohl das dänische als auch das deutsche Gesundheitssystem. Was kann Deutschland bei der zahnärztlichen Versorgung von Dänemark lernen?
Dr. Freddie Sloth-Lisbjerg: Das dänische und das deutsche Gesundheitssystem sind sehr unterschiedlich. In Dänemark gibt es ein steuerfinanziertes duales System. Die gesamte Behandlung von Kindern und jungen Erwachsenen findet in öffentlichen Zahnarztpraxen und Kliniken in den 98 Gemeinden statt. Die angestellten Zahnärzte haben dort feste Arbeitszeiten. Früher war dieses System eine große Stärke. Vor 10 bis 25 Jahren gab es noch eine funktionierende Kinderzahnheilkunde in Dänemark. Kinder konnten in den öffentlichen Praxen kostenfrei die beste Behandlung bekommen. Das hat sich in den letzten zehn Jahren verändert: Inzwischen ist das System unterfinanziert. Die Kinder bekommen in den öffentlichen Praxen daher keine optimale Behandlung mehr. Mittlerweile hat Deutschland bei der Prävention und der Mundgesundheit von Kindern und Jugendlichen deutlich aufgeholt.
Positiv ist in Dänemark, dass Zahnärztinnen und Zahnärzte in privaten Praxen mehr Freiheiten genießen. Sie können zum Beispiel die Preise für Behandlungen selbst festlegen. Was das betrifft, sind wir stärker Freiberufler als deutsche Zahnärzte. Wir haben zwar viele Behörden, die alles überwachen, aber es gibt keine Krankenkassen und keine Kassenzahnärztlichen Vereinigungen. Die Zahnärztlichen Fachangestellten können zudem mehr Leistungen erbringen. Und auch bei der Digitalisierung im Gesundheitswesen ist Dänemark weiter als Deutschland. Zahnärzte in Dänemark sehen die Digitalisierung nicht als Bedrohung, sondern als Innovation; die Kosten dafür geben wir über die Preise an die Patienten weiter.
Und was ist die Kehrseite des dänischen Systems?
Geld spielt bei der zahnärztlichen Versorgung von Erwachsenen immer eine Rolle. Denn ab dem Alter von 21 Jahren müssen die Dänen von Ausnahmen abgesehen ihre Zahnarztrechnung selbst bezahlen, sie erhalten lediglich Zuschüsse für eine kleine Auswahl an Leistungen. Prothetik, zum Beispiel Kronen und Brücken, zahlen sie komplett selbst. Es ist normal, dass die Patienten bei einem Zahnarztbesuch eine Rechnung über 200 bis 300 Euro bekommen. Eine Krone kostet meist um die 1.000 Euro, eine Wurzelkanalbehandlung mit nachfolgender Kompositbehandlung nach Abzug des Zuschusses 800 Euro.
Welche Folgen hat das?
Die Folge ist, dass Zahnärzte nicht immer die richtige Behandlung anbieten können, sondern Kompromisse machen müssen. Es gibt Patienten, die sich beispielsweise eine Kompositbehandlung nicht leisten können, und bei denen ich dann einen Zahn ziehen muss. Es ist furchtbar, wenn man einen Zahn allein aus Kostengründen nicht retten kann. Das ist manchmal wirklich traurig.
Durch das System gibt es A- und B-Level-Patienten. Die A-Level-Patienten, das sind etwa zwei Drittel, gehen regelmäßig zum Zahnarzt. Die B-Level-Patienten, etwa ein Drittel, gehen zu wenig, oft nicht mal einmal im Jahr zur Vorsorge. Das solidarische Gesundheitssystem in Deutschland ist im Vergleich dazu ein großer Vorteil, es ist ein gut funktionierendes System.
Sieht man in Dänemark, Menschen am Gebiss, an, dass sie wenig Geld haben?
So weit würde ich nicht gehen. Dänemark ist ein reiches Land, der Gesundheitszustand der Bevölkerung ist entsprechend auf einem hohen Niveau. Bei manchen Menschen fehlt vielleicht ein Backenzahn, aber das sieht man nicht. Es gibt auch eine Härtefallregelung für sozial Schwache und Geringverdiener – sie können höhere Zuschüsse von bis zu 85 Prozent erhalten. Aber beispielsweise für die Kassiererin an der Supermarktkasse gilt das nicht; für sie können die Kosten für zahnärztliche Behandlungen ein Problem sein.
Wie könnte eine Lösung aussehen?
Höhere Zuschüsse für die zahnärztliche Versorgung würden sehr helfen. Vor 25 Jahren wurden für zahnärztliche Leistungen 40 Prozent der Kosten erstattet; jetzt nur noch 15 Prozent, obwohl zahnärztliche Behandlungen seitdem viel teurer geworden sind. Der dänische Zahnärzteverband fordert höhere Zuschüsse, aber es gibt politisch keinen Willen dazu. Die Folge ist, dass es bei jeder Behandlung Diskussionen wegen der Kosten gibt und wir den Patienten zum Teil Ratenzahlungen anbieten.
Mit welchen Herausforderungen und Problemen sind Zahnärzte in Dänemark noch konfrontiert?
Die Probleme sind genau die gleichen wie in anderen europäischen Ländern: zunehmende Bürokratie und Überwachung sowie hohe Investitionskosten in Praxen. Die Folge ist, dass sich immer weniger Zahnärzte niederlassen. Das liegt aber auch daran, dass die junge Generation viel Wert auf eine ausgewogene Work-Life-Balance legt, feste Arbeitszeiten bevorzugt und maximal 30 Stunden in der Woche arbeiten will. Die meisten wollen Teilzeit arbeiten. Mir war es früher egal, ob ich 40, 50 oder 60 Stunden pro Woche arbeite.
Welche Folgen hat das für die Versorgung?
In Dänemark fehlen aktuell etwa 20 Prozent Zahnärzte, der Mangel ist bereits Realität.
Welche Entwicklungen gibt es noch?
Früher waren die Zahnarztpraxen kleine, dezentrale Einheiten. Mittlerweile ist alles zentralisiert – auch, um Geld zu sparen. In der 60.000-Einwohnerstadt Kolding, in der ich meine Praxis betreibe, gab es früher mehr als 20 Zahnarztpraxen – jetzt drei große Investorenketten und eine Handvoll freie Praxen. Hintergrund für den Trend zur Zentralisierung ist auch, dass die jüngeren Zahnärztinnen und Zahnärzte keine Einzelkämpfer mehr sein möchten, sondern sich spezialisieren und im Team arbeiten wollen. Jetzt gibt es nur noch Gemeinschaftspraxen und große Ketten.
Wie sieht es auf dem Land aus?
Die Menschen und auch die Zahnärzte ziehen verstärkt in die größeren Städte. In kleinen Orten mit 2.000 bis 3.000 Einwohnern verschwinden die Zahnarztpraxen. Zahnärzte, die in den Ruhestand gehen wollen, finden keinen Nachfolger. Praxen können nicht einmal verschenkt werden. In der Folge gibt es in ländlichen Regionen wenige Praxen. Es fehlen auch Banken, Apotheken, Lebensmittelgeschäfte, Schulen, Infrastruktur. Die Versorgung ist allerdings nicht gefährdet; da Dänemark ein kleines Land ist, müssen die Patienten in der Regel lediglich etwa eine halbe Stunde zur nächsten Praxis oder ins Krankenhaus fahren. Wer nicht mobil ist, hat jedoch Probleme.
Wie ist die Zahnärzteschaft in Dänemark organisiert?
Da das Gesundheitswesen in Dänemark staatlich organisiert ist, gibt es keine Zahnärztekammern. Was es gibt, sind mehrere Verbände. Von 2011 bis 2018 war ich Präsident des Nationalen Dänischen Zahnärzteverbands – dort können Zahnärzte freiwillig Mitglied werden. Daneben gibt es eine eigene Vereinigung für Zahnärzte, die in öffentlichen Praxen arbeiten, einen Verband für privat praktizierende Zahnärzte und einen für die Eigentümer der Investorenketten. Durch die Vielzahl an Organisationen sprechen die Zahnärzte nicht mit einer Stimme, sondern machen sich zum Teil eher gegenseitig das Leben schwer.
Das Interview führte Anne Orth.




