Gesellschaft

Ärzte für misshandelte Kinder sensibilisieren

Blaue Flecken, ein gebrochener Arm: Kinderärzte sind oft die ersten, die bei ihren kleinen Patienten Hinweise auf Misshandlungen feststellen. Baden-Württemberg will sich genau das im Kampf gegen Gewalt in Familien zunutze machen.

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Das Land will Ärzte stärker dafür sensibilisieren, misshandelten Kindern zu helfen. Kindesmisshandlung finde meist im Verborgenen statt, sagte Wissenschaftsministerin Theresia Bauer (Grüne). Die Ärzte seien dann häufig die ersten, die bei Untersuchungen die Spuren von Misshandlung bemerkten.

Bauer hat deshalb ein "Kompetenzzentrum Kinderschutz in der Medizin" in Ulm eröffnet. Dort sollen Ärzte, Psychiater und Juristen nach Wegen suchen, wie Ärzte für das Thema Kindesmisshandlung sensibilisiert und geschult werden können. Es ist nach Angaben der Klinik das erste Zentrum dieser Art in Deutschland. 

Hohe Dunkelziffer

Die offizielle Polizeistatistik verzeichnete im vergangenen Jahr zwar lediglich 194 Fälle von Kindesmisshandlung in Baden-Württemberg. Doch Experten sind sicher, dass es eine extrem hohe Dunkelziffer gibt. "Wir gehen davon aus, dass zehn Prozent der Kinder, die mit Verletzungen zu uns kommen, misshandelt wurden", sagte Andreas Oberle, Ärztlicher Direktor am Olgahospital in Stuttgart.

Die erste Herausforderung für einen Arzt sei dann, eine Misshandlung von einem Unfall zu unterscheiden. Gerade für Ärzte, die nicht regelmäßig mit solchen Fällen zu tun hätten, seien dafür Schulungen nötig. 

Kinderschutz soll in die Ausbildung aufgenommen werden

An diesem Punkt soll das Zentrum in Ulm ansetzen. "Wir wollen das Thema Kinderschutz fest in der Aus-, Fort- und Weiterbildung und im gesamten medizinischen Bereich verankern", sagte Jörg Fegert, Ärztlicher Direktor und Sprecher des Zentrums. Allerdings sei ein Arzt, der bei einem kleinen Patienten den Verdacht auf eine Misshandlung habe, in einer schwierigen Lage, betonte Oberle.

Häufig bräuchten die Familien Ansprechpartner, bei denen sie Rat und Hilfe finden. "Eltern, die ihre Kinder misshandeln, sind keine verabscheuungswürdigen Kriminellen, sondern das sind ganz oft Familien, die einfach völlig überfordert sind." Wichtig sei deshalb, Netzwerke zu knüpfen, damit die Ärzte bei einem Verdachtsfall Ansprechpartner hätten, an die sie sich wenden und den Fall weitergeben könnten - etwa Kinderschutzteams in den Kliniken oder beim Jugendamt. Auch dazu soll das Zentrum beitragen. 

Gewaltsame Übergriffe in der Kindheit

In den vergangenen Jahren sei die Aufmerksamkeit für den Kinderschutz schon größer geworden, sagte Ministerin Bauer. Das sei sehr wichtig - vor allem, weil es bis vor ein paar Jahren noch kaum jemand es für möglich gehalten habe, wie häufig Kinder in Schulen, Heimen, Internaten, kirchlichen und sonstigen Einrichtungen Übergriffen ausgesetzt seien. "In der Kindheit werden die Weichen für Gesundheit und Lebensqualität gelegt", betonte Bauer.

Der Kinderschutzbund Baden-Württemberg begrüßte, dass die Ärzte das Thema künftig stärker in den Fokus nehmen. Während ihrer Ausbildung würden Mediziner bislang viel zu wenig darauf vorbereitet, wie sie mit einem Verdacht auf Kindesmisshandlung umgehen sollten, sagte der Leiter der Psychologischen Beratungsstelle des Kinderschutzbundes Ulm/Neu-Ulm, Lothar Steurer. Im konkreten Fall seien sie dann unsicher, wie sie handeln sollen.

Engmaschiges Netzwerk notwendig

Sozialministerin Katrin Altpeter (SPD) lobte die Bemühungen, ein engeres Netzwerk zwischen Jugendhilfe, Ärzten, Kliniken, Schulen und Kindergärten zu knüpfen. "Eine sachgerechte Hilfe für misshandelte Kinder ist nur möglich auf der Basis einer engen Kooperation aller Institutionen vor Ort", sagte sie.

Die FDP erneuerte ihre Forderung nach Kinderschutzambulanzen an den Kliniken im Südwesten. Dort könne mit einer ganz anderen Aufmerksamkeit an das Thema herangegangen werden, sagte der gesundheitspolitische Sprecher der FDP-Fraktion, Jochen Haußmann.